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Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht

Rezensiert von Ronny Noak, 20.04.2022

Cover  Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht ISBN 978-3-930908-74-5

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944 ; Ausstellungskatalog. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. 749 Seiten. ISBN 978-3-930908-74-5. 30,00 EUR. CH: 53,00 sFr.
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Thema

Auch lange nach dem Ende des Nationalsozialismus hielt sich der Mythos von der sauberen Wehrmacht, die an den Kriegsverbrechen und Massentötungen im Ostfeldzug nicht beteiligt gewesen sei. Die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ trug wesentlich zur Aufklärung der Beteiligung der Wehrmacht im Zuge des Ostfeldzuges des Dritten Reiches bei. Der Ausstellungskatalog dokumentiert die neue Ausstellung und ihre (Vor-)Geschichte sowie Nachgeschichte.

Herausgeber

Herausgegeben wird der Ausstellungskatalog vom Hamburger Institut für Sozialforschung, das auch die Ausstellung konzipierte und realisierte. Seit seiner Gründung 1984 widmet sich das Institut gesellschaftspolitischen und historisch relevanten Themen, unter anderem mit dem Schwerpunkt Gewalt.

Entstehungshintergrund

Der Katalog entstand im Zuge der Neuausrichtung und Überarbeitung der Ausstellung von 1995. Seit 2001 wandert die Ausstellung erneut durch Deutschland.

Aufbau

Nach einer knappen Einleitung zum Inhalt und der historischen Bedeutung der Ausstellung widmet sich der Katalog – analog zur Ausstellung – sechs Themenfeldern. Vorangestellt wird diesen noch eine Einführung zum 1941–44 geltenden Kriegs- und Völkerrechtes, welches schließlich den Maßstab zur Bewertung der Wehrmachtsverbrechen vorgibt. Anschließend werden die Themen Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportationen und Zwangsarbeit sowie Partisanenkrieg und schließlich Repressalien und Geiselerschießungen untersucht.

Abgerundet wird der Band durch ein doppeltes Ende: zum einen werden zusätzlich zu den genannten Themenfeldern die Rolle der Wehrmacht in der Nachkriegszeit in beiden deutschen Staaten anhand des vorherrschenden Geschichtsbildes sowie der justiziellen Aufarbeitung betrachtet. Zum anderen erfolgt schließlich eine Dokumentation über die Geschichte der Ausstellung selbst, von ihrer Konzeption und den Reaktionen der Öffentlichkeit bis hin zum Kommissionsbericht über die erste Ausstellung.

Inhalt

Der Ausstellungkatalog berichtet über die Kriegsführung der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges im Osten. Auf 750 Seiten wird sich in den genannten Kapiteln auf zwei Arten dem Thema genähert. Zum einen werden zunächst institutionelle und organisatorische Voraussetzungen geschildert sowie beteiligte Akteure – häufig in kurzen Porträts – vorgestellt. Zum anderen wird die spezifische Praxis – häufig die konkrete Vernichtung menschlichen Lebens – vor Ort thematisiert. Damit ergibt sich ein umfassendes Bild der Vorgänge. Im Ergebnis können somit unterschiedliche Formen der Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungsfeldzug dargestellt, erörtert und kontextualisiert werden. Orientiert wird sich dabei – neben den Sachgebieten – an den lokalen Ausprägungen, die den Band wiederum gliedern. Hinzu kommen sogenannten „Bruchstücke“ (S. 10), die sich als schwer bewertbare Einzelfälle oder durch weniger vorhandenes Quellenmaterial nur schwerlich einordnen lassen. Ein umfassendes Ort- und Personenregister runden den Band ab und bieten die Möglichkeit zum raschen Einstieg.

Diskussion

Die Bedeutung der Wehrmachtsausstellung für das Bild der Deutschen von der Rolle der „sauberen“ Wehrmacht ist unumstritten. Die Ausstellung war ein entscheidender Punkt bei der Erforschung und Vermittlung der Verbrechen der Wehrmacht im Zuge des Krieges im Osten. Der Ausstellungsband zeichnet minutiös den Weg zur Ausstellung nach. Zudem gibt er nochmals einen Einblick in die Überarbeitung. Besonders von Interesse ist dabei die Einordnung der Berichtung über Verbrechen der Wehrmacht. Im Abschnitt zu Tarnopol beispielsweise wird ein Beleg für die vertiefte Recherche im Nachgang des Erscheinens der Ausstellung deutlich. In einer Kontextualisierung (S. 121) wird noch einmal berichtet, wie es zu einer ersten Fehlinterpretation von Bildmaterial kam und wie diese neu bewertet wurde und wie wichtig das historische Handwerk an dieser Stelle ist. Diese Akribie wird auch an anderen Stellen verfolgt.

Die dichte des weiteren Materials ist zudem besonders beeindruckend. Abgebildet werden Bilder (deren Authentizität untersucht und auch kritisch hinterfragt wird), Statistiken, eine Vielzahl an Kartenmaterial, original Dokumente wie Anordnungen und Ausweise, Zeitungsausschnitte, Tagebücher und Plakate. Dieses umfassende Sammelsurium gibt vertiefte Auskunft über Geschehnisse und Rezeption der Ereignisse. Dabei stehen diese Dokumente nie für sich, sondern werden stets eingeordnet was einen hohen Grad an Vermittlung ermöglicht. Dieser umfassenden Sammlung kann daher nur gedankt werden, denn Sie belegt die Gräueltaten teilweise „ganz normaler Männer“ (Christopher R. Browning) und zeigt, welche Kriegsverbrechen an Jüdinnen und Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen begangen wurden. Die ebenfalls publizierten Nachkriegsaussagen vermitteln ein eindringliches Bild über die Schrecklichkeit der Ereignisse und berichten aus persönlicher Perspektive und somit authentisch über die geschilderten Ereignisse.

Fazit

Der Band ist ein Meilenstein; und dies nicht nur aufgrund seines Umfangs. Minutiös belegt er die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und schildert so die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1945. Zudem ist die zweite Geschichte der Ausstellung, die Reflexion über die eigenen Erkenntnisse und die Überarbeitung ebenso detailliert geschildert, was den Wert des Bandes steigert. Wer sich demnach mit den Verbrechen der Wehrmacht befassen will, der kann sowohl als Einstieg als auch als vertiefte Lektüre diesen Katalog zur Hand nehmen. Er dient als schlagkräftiges Argument um revisionistische Ansichten über die Rolle der Wehrmacht widerlegen zu können.

Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 14 Rezensionen von Ronny Noak.

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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 20.04.2022 zu: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944 ; Ausstellungskatalog. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-930908-74-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28430.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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