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Beate Aschenbrenner-Wellmann, Lea Geldner: Diversität in der Sozialen Arbeit

Cover Beate Aschenbrenner-Wellmann, Lea Geldner: Diversität in der Sozialen Arbeit. Theorien, Konzepte, Praxismodelle. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 301 Seiten. ISBN 978-3-17-033068-9. 32,00 EUR.
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Thema

Die Autorinnen dieses Buches untersuchen in dieser Publikation das Phänomen der „Diversität“ im Kontext der Soziale Arbeit unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte und Dimensionen mit dem Ziel, das Verständnis von Diversität zu präzisieren und zu konkretisieren. Dabei werden Theoriediskurse, Praxismodelle und Forschungsergebnisse aufgezeigt, miteinander verknüpft und diskutiert.

Autorinnen

Frau Prof’in Dr’in Beate Aschenbrenner-Wellmann ist Dozent’in an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und Leiterin des Instituts für Antidiskriminierungs- und Diversityfragen, Lea Geldner ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der EH Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Die hier besprochene Veröffentlichung versteht sich „als Beitrag zur Förderung eines professionellen, weltoffenen und respektvollen Umgangs mit Vielfalt“ und beinhaltet theoretische Überlegungen, Praxisvorschläge und Forschungsergebnisse der Autor*innen.

Aufbau

Das Werk gliedert sich in drei Teile bzw. Hauptkapitel, die mit jeweiligem Zwischenfazit und Literaturverzeichnis ausgestattet sind.

Inhalt

Im ersten Hauptkapitel des Buches mit dem Titel „Von den klassischen Differenzkategorien zur Bedeutungsdimension und Ebenen der Diversität – die Entwicklung eines analytisch-reflexiven Modells“ werden die Rahmenbedingungen von Diversität, deren verschiedenartigen Lesarten und Bedeutungsdimensionen aufgezeigt. Das Verständnis von Diversität wird analysiert und differenziert Strategien und Praktiken im Umgang mit Vielfalt aufgeführt. Auch wird eine Begriffsdiskussion vorgenommen, die die Konnotationen des Terminus „Diversity“ im angloamerikanischen und den deutschsprachigen Raum aufgreift und hinterfragt. Die „Reichweite“ für das Selbstverständnis und die Bedeutung des Begriffes für die Soziale Arbeit wird erläutert und im Kontext von Individuen, Gruppen, Organisationen, Sozialraum und der gesellschaftlichen Ebene betrachtet. Widersprüchlichkeiten, Herausforderungen und mögliche Grenzen der Vielfalt werden ebenso beleuchtet. Das Kapitel wird ergänzt durch Lernfragen und -aufgaben, die an studentische Leser*innen gerichtet sind.

Das anschliessende zweite Kapitel richtet den Blick auf das Praxisfeld der Gemeinwesenarbeit und den Ansätzen eines diversitätsorientierten Lernens mit heterogenen Gruppen und beschreibt den Entwicklungsprozess des Diversitätsansatzes ausgehend vom Ansatz des Interkulturellen Lernens. Hier werden ausgewählte Konzepte, Entwicklungen und Handlungsansätze reflektiert, die Einfluss auf das heutige Verständnis von Diversität haben. Am Beispiel der Gemeinwesenarbeit erarbeiten die Autor*innen, welche Herausforderungen eine diversitätsorientierte Praxis hervorruft und wie anspruchsvoll es ist, geeignete Gestaltungsansätze zu kreieren und zu adaptieren. Exemplarisch werden am Ende des Kapitels Beispiele für interkulturelle Lerneinheiten aufgeführt, die als Anregung für eine gelungene Praxisgestaltung dienen können.

Im abschliessenden dritten Hauptkapitel wird eine Fokussierung auf den Aspekt der „Diversität in Organisationen – Ein Change-Prozess von der Monokultur zur Inklusiven Diversität“ vorgenommen. Im ersten Schritt werden dabei theoretische Überlegungen zu zentralen Indikatoren von Diversität in Organisation vorgenommen und Vorschläge hinsichtlich einer Organisationsentwicklung im Sinne eines Change-Prozesses formuliert. Empirische Forschungsergebnisse der Autor*innen, die die Konzeptualisierung eines Diversitätsansatz und dessen Implementierung in Rahmen von Non-Profit-Organisationen beschreiben, fliessen hier ein.

Diskussion

Das vorliegende Werk unternimmt den Versuch, die vielschichtigen Aspekte, Lesarten und Dimensionen von Diversität nachzuzeichnen. „Diversität“ hier verstanden als Begriff, der aus Sicht der Autor*innen häufig als „Schlagwort“ verwendet wird, der eine Präzisierung verlangt und in Hinsicht auf eine zu verändernde Praxis auch im Kontext der Sozialen Arbeit hinterfragt werden muss. Es gelingt den Verfasser*innen gut, die Grundanliegen und die damit verbundenen notwendigen Umdenkungsprozesse aufzuzeigen und zu vertiefen. Eine „Diversitykompetenz“ von Sozialarbeitenden wird als zentrales Element des professionellen Handelns aufgezeigt und begründet. Das ist keine neue Erkenntnis, in den Ausführungen des Buches wird aber erneut deutlich, wie unzufriedenstellend die Gestaltung des Diversitätsansatzes mancherorts im Alltag von Organisationen zu bewerten ist. Ein vorgeschlagenes Phasenmodell skizziert idealtypisch die mögliche Entwicklung eines gelebten Diversityansatzes von einer „Monokultur“ zur „Transkultur“ einer „inklusiven Diversität“ und veranschaulicht dabei die zu bewältigenden Herausforderungen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Betrachtung von organisationalen Widersprüchlichkeiten, die auf einer monokulturellen (hier: konfessionell geprägten) Ausrichtung von Organisationen basieren und Diversität somit unmöglich machen bzw. einschränken bzw. wie daraus eine Abwertung des „Anderen“ resultiert. Dem Beispiel zufolge besteht noch ‚viel Luft nach oben‘ in Verbänden und Institutionen der Sozialen Arbeit monokulturellen Charakters, wenn es um die Realisierung von Diversity-Konzepten im Alltag geht.

Im Versuch, die Mehrdimensionalität und Komplexität der Thematik vielseitig zu berücksichtigen, wird die Argumentation in den Ausführungen des Buches teilweise sehr verkürzt und zusammenfassend geführt. Dies ist deshalb zu erwähnen, da es aus Sicht des Rezensenten zur Lektüre des Werkes ein Vorwissen über zentrale und grundlegende Theorieansätze und Modelle der Sozialen Arbeit bedarf, um die Diversitätsdimensionen im Rahmen der Profession umfassend nachvollziehen zu können. (Als Beispiel sei hier auf die im Text äusserst verkürzte Darstellung des Doppel- bzw. Tripelmandates der Sozialen Arbeit verwiesen.)

Fazit

Das vorliegende Werk liefert Betrachtungen zur Genese eines Diversitätsverständnisses und dessen Praxistransformation. Dabei werden konträre Positionen und Widersprüchlichkeiten aufgezeigt, die wiederum zu weiterführenden Diskussionen und zur Reflexion der eigenen Praxis einladen. Der Paradigmenwechsel hin zu einer Diversitätsorientierung wird ausführlich begründet und die Forderung, „Vielfältigkeit zunehmend als Selbstverständlichkeit, als ‚Normalfall‘ der Organisation anzusehen sowie Chancengleichheit auszubauen und gegen Diskriminierung vorzugehen“ (S. 279) wird als Grundannahme einer menschenrechtsbasierten Sozialen Arbeit aufgezeigt. Die hier besprochene Publikation veranschaulicht deutlich, dass es zur Gestaltung einer „weltoffene Gesellschaft“ noch viel zu tun gibt und zeigt auf, welchen Beitrag die Sozialen Arbeit und ihre Akteur*innen dazu leisten können.


Rezension von
Prof. Dr. Diplom Pädagoge Andreas Schauder
Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten und Muttenz
Homepage www.fhnw.ch/de/personen/andreas-schauder
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Zitiervorschlag
Andreas Schauder. Rezension vom 25.10.2021 zu: Beate Aschenbrenner-Wellmann, Lea Geldner: Diversität in der Sozialen Arbeit. Theorien, Konzepte, Praxismodelle. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-17-033068-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28432.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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