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Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment

Rezensiert von Dipl.-Kfm. Werner Thomas, 08.09.2022

Cover Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment ISBN 978-3-406-76953-5

Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 224 Seiten. ISBN 978-3-406-76953-5. 18,00 EUR.
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Thema

Nicht erst seit der Finanzkrise aus den Jahren 2008 und folgende wird die vorherrschende Wirtschaftsform des Kapitalismus hinterfragt. Jedoch seit dem Untergang der Lehman-Bank und seiner Folgen ist uns die Abhängigkeit unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft von einem Finanzsystem geworden, das ein Eigenlegen führt und sich von der Realwirtschaft weitgehend entkoppelt hat. Mit viel Steuergeld wurde es von den Staaten gestützt und vor dem Untergang bewahrt. Damit hat die Frage, in welchen systemischen Zusammenhängen die Menschen verstrickt sind und wie seine Steuerung funktioniert auf ein breites Interesse der Forschung aber auch der Menschen, die sich mit ökonomischen Fragen bisher wenig beschäftigt haben.

Autor

Josef Vogl (Jahrgang 1957) ist von Hause aus Literatur- Kultur- und Medienwissenschaftlicher und Philosoph. Er lehrt neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität in Berlin.

Entstehungshintergrund

Kapital und Ressentiment ist das dritte Buch in einer Reihe, in der sich der Autor in analytischer und theoriebildender Form mit den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit auseinandersetzt. In „Das Gespenst des Kapitals“ aus dem Jahr 2010 analysiert Vogl die Mechanismen der Finanzmärkte auf dem Hintergrund der damals ablaufenden Finanzkrise. Im Jahr 2015 widmet sich Vogl im Buch „Der Souveränitätseffekt“ der Frage, wie sich neue internationale Machtkonstellationen auf die Souveränität von Staaten und staatlichen Organen auswirken. Insofern führt er im aktuellen Buch seine Analyse fort und bezieht einen weiteren Sektor in seine Überlegungen mit ein.

Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert.

1. Kapitel: Monetative Gewalt

Joseph Vogel rollt die Entwicklung unseres Währungssystems in den letzten fünf Jahrzehnten auf. Dabei geht er der Frage nach, wie es möglich war, dass die Finanzökonomie so solitär und stark werden konnte, wie wir sie heute erleben. Als wesentliche Ursache dafür macht er den Untergang des Weltwährungssystems von Bretton Woods. Nach dem das System der festen Wechselkurse und der Bindung der Währungen und hier besonders des US-Dollars aufgegeben wurde, waren die Staaten immer weniger in der Lage regulierend im Finanzmarkt einzugreifen. Damit war ihm immer mehr Freiheit gegeben, um sich selbstständig zu entwickeln.

2. Kapitel: Informationsstand – zur Episteme der Finanzökonomie

In diesem Kapitel weitet Vogl den Blick, in dem er auf die Bedeutung der Informationen für die Finanzmärkte hinweist. Er legt dar, wie die Verbindung des Informationsmarktes mit den Finanzmärkten bereits mit Beginn der Neuzeit einsetzte. Diese Verbindung wirkt heute umso stärker, da Informationen selbst zur Ware wurden und ihre Verbreitung nicht nur ein informatorisches Phänomen ist, sondern sie haben realitätsveränderndes Potenzial gewonnen.

3. Kapitel: Plattformen

Auf dieser Grundlage entfaltet Vogl seinen Überlegungen zur Bedeutung der Plattformen für unser heutes gesellschaftliches und insbesondere wirtschaftliches Leben. Die großen Informationsplattformen von Google, Facebook u.a. haben die Information als wirtschaftliches Gut früh erkannt und in der Verbindung mit den Möglichkeiten ihrer Sammlung, ihres Austausches und Ihrer Vermarktung erkannt. Mit Hilfe der Finanzmärkte ist es ihnen gelungen weltumspannende Informationsnetzwerke zu erschaffen. Dies tun sie sowohl für die Privatanwender, für Unternehmen und auch für die Finanzökonomie. Sie haben eine derartige Finanzkraft gewonnen, dass sie dadurch selbst Teil der Finanzökonomie wurden.

4. Kapitel: Kontrollmacht

Für Vogl ist dies einen unheilvolle Symbiose, die es den Staaten und überstaatlichen Institutionen immer schwerer macht, wirksame Kontrolle und Steuerung zu übernehmen. Sie ist ihnen weitgehend aus der Hand genommen. Damit konstatiert er eine Machtverschiebung in den außerstaatlichen, privaten Bereich, die von wenigen Unternehmen wahrgenommen werden kann und wird. Er warnt dabei von dem Irrtum, dass diese Entwicklung dem Gedanken der Liberalität entspränge.

5. Kapitel: Spiele der Wahrheit

In einem weiteren Schritt widmet sich Vogl den Auswirkungen, die diese Allianz von Informationsplattformen und der Finanzökonomie auf das Wesen der Information im Hinblick auf ihren Wahrheitsgehalt hat. Detailreich schildet er die performative Macht der Information, die sich vom Anspruch der Überprüfbarkeit, der Verlässlichkeit und schließlich der Wahrheit entkoppelt hat. In Getriebe der Informationsökonomie kommt der Wahrheit eher eine dienliche Rolle zu, statt dass sie ein konstitutives Merkmal der Information ist. In einem anschließenden Exkurs skizziert er die Bedeutung des Fabulösen und Fiktiven auf die Konstruktion von Realität.

6. Kapitel: Die Liste der ressentimentalen Vernunft

Im abschließenden Kapitel steuert Vogl auf den Kern des Buches zu. Im Begriff der Ressentiments weist er auf die Verbindung von enthemmtem ökonomischem Streben mit den menschlichen Lastern wie Neid, Geiz und Gier hin. Er nennt es einen Seinsmangel. Dieser unheilvollen Verquickung attestiert er eine negative Kraft, die negative gesellschaftliche Strukturen hervorbringt. Er legt ausführlich dar, an welchen Wirksystemen sich das ablesen lässt. Am Schluss warnt er vor dem Übergang der Feindseligkeit, die alle gegen alle aufbringt, zu einer Vorkriegszeit, der dadurch der Boden bereitet wird.

Diskussion

Josef Vogls kleine Theorie der Gegenwart beleuchtet die aktuelle Situation unserer Welt in ihrer globalen Dynamik. Dabei lässt er sich von dem Phänomen der Machtverschiebung vom staatlichen in den privaten Bereich leiten. Die Konvergenz und sogar Verschmelzung der Informations- mit der Finanzökonomie führt zu unheilvollen Entwicklungen, die die Menschen zur dispositiven Masse in der ökonomischen Dynamik macht. Dabei lässt er allerdings außer Acht, welche Dynamik das Internet in den Demokratiebewegungen bewirkt hat. Fridays for Future wäre ohne eine Organisation der jungen Menschen über das Internet nicht denkbar. Die Aussichtslosigkeit, die Vogl in seiner Theorie beschwört, lässt wenig Raum für Hoffnung.

Erfährt die Leserin und der Leser neues durch Vogls Gedankengänge. Ja und Nein. Sicherlich findet man eine Reihe von Gedanken auch bei anderen Autoren und etliche werden in der politischen Diskussion und sogar in Talkshows ebenfalls behandelt. Der Gewinn des Buches ist sicherlich seine Detailreichtum und die verblüffende Logik der Gedankenführung.

Auf dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2022 gewinnt Vogls kleine Theorie der Gegenwart eine neue Bedeutung. Es wäre sicherlich lohnend die aktuellen politischen Entwicklungen auf dem Hintergrund Vogls Überlegungen zu bewerten und damit seinen Ausblick auf eine Vorkriegszeit, die durch die Verbindung von Kapital und Ressentiments entstehen kann, einem Realitätscheck zu unterziehen.

Fazit

Das Buch ist eine Empfehlung für all jene, die die politischen Entwicklungen einordnen möchten. Verbindungen werden deutlich und Entwicklungen verstehbar. Man muss in den Schreibstil Joseph Vogls einlesen und das eine oder andere Wort auch nachschlagen. Wer sich darauf einlassen möchte, für den ist dieses Buch ein Gewinn und eine Hilfe für seine eigene Theoriebildung der Wahrheit in unserer Zeit.

Rezension von
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
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Es gibt 14 Rezensionen von Werner Thomas.

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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 08.09.2022 zu: Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart. Verlag C.H. Beck (München) 2021. ISBN 978-3-406-76953-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28435.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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