socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dennis Sawatzki, Andreas Hoffmann u.a.: 50 Coachingkarten Online-Coaching

Dennis Sawatzki, Andreas Hoffmann, Benjamin Lambeck, Lukas Mundelsee: 50 Coachingkarten Online-Coaching. Das Methodenset für digital gestützte Beratung. Mit 16-seitigem Booklet. Inklusive digitaler Version. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 50 Seiten.

EAN: 401-917230026-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB


Thema

Spätestens die mit der Corona-Pandemie verbundene Notwendigkeit, auch Beratungsprozesse in den digitalen Raum zu verlegen, hat das Thema Online-Coaching auf die Tagesordnung fast aller Berater*innen gesetzt und die Frage nach Umsetzungsmöglichkeiten aufgeworfen.

Die „50 Coachingkarten Online-Coaching“ stellen Methoden für die digital gestützte Beratung vor. Dafür werden im analogen Setting bewährte Coaching-Methoden aufgenommen und aufgezeigt, wie diese im Online-Setting genutzt werden können. Zielgruppe sind Coaches und andere Beratende, die ihre Arbeit (zumindest zum Teil und zeitweise) in den digitalen Raum überführen wollen bzw. müssen. Dabei ist vor allem die videogestützte Online-Beratung im Blick.

Autoren

Die „50 Coachingkarten Online-Coaching“ sind ein Gemeinschaftswerk von Dennis Sawatzki, Benjamin Lambeck, Andreas Hoffmann und Lukas Mundelsee. Alle vier sind als Supervisor, Coach und/oder Berater tätig. Lambeck, Mundelsee und Sawatzki arbeiten auch im Rahmen der Plattform für Online-Qualifizierung www.qualifire.online sowie dem Qualifizierungsportal für Online-Supervision und Online-Coaching https://super.vision. Sie verantworten eine DGSv-zertifizierte Fortbildung Online-Supervision/​Coaching. Außerdem gehören Sie zum Team der Plattform für Online-Beratung www.coachingspace.net.

Entstehungshintergrund

Die Autoren haben nach eigenen Angaben schon seit vielen Jahren Erfahrungen mit Online-Beratung und hybriden Formen des Coachings gesammelt. Trotzdem hätten sie die durch die Corona-Pandemie bedingte Alternativlosigkeit der Durchführung von Beratungsprozessen ausschließlich in digitaler Form als große Herausforderung erlebt. Diese habe v.a. darin bestanden, „auch Klientinnen und Klienten für Online-Coaching zu erwärmen, die dem Format skeptisch bis ablehnen gegenüberstanden“ (Booklet S. 2).

Für ein als gelungen empfundenes Online-Coaching sei neben dem Medium (Telefon, E-Mail, Chat oder Video) vor allem auch die im Coaching verwendete Methodik entscheidend. Um in dieser Hinsicht den Handlungsspielraum der Berater*innen zu erweitern, habe man das Kartenset entwickelt.

Aufbau

Das Werk besteht aus einem 16seitigem Booklet mit einführenden Bemerkungen zu Besonderheiten im Online-Coaching und der Nutzung des Kartensets sowie 50 beidseitig bedruckten Karten. Die ersten vier Karten geben Hinweise zur Gestaltung von Einstiegs- und Abschlussgesprächen. Die folgenden 46 Karten stellen Methoden dar, die für die Anwendung im Online-Coaching aufbereitet wurden.

Auf einer speziellen Website wird eine zusätzliche Übersicht über die Karteikarten zur Verfügung gestellt mit der Möglichkeit, die Karten nach bestimmten Kriterien zu filtern (z.B. nach bestimmten Phasen im Coaching-Prozess).

Die Methodenkarten ihrerseits sind folgendermaßen aufgebaut:

Vorderseite:

  1. Titel der Methode.
  2. Anliegen: In Form eines Balkendiagramms wird dargestellt, für welche mögliche Anliegen der Klient*innen die jeweilige Methode eingesetzt werden kann.
  3. Ablauf: Ziel und Ablauf der Methode werden in Form eines Fließtextes dargestellt.
  4. Hinweise: Zusätzlich Tipps zur Umsetzung der Methode werden gegeben.
  5. Setting: In Form eines Icons wird angegeben, ob die Methode für ein Einzel- und/oder Gruppensetting geeignet ist.
  6. Ebene: Ebenfalls in Form eines Icons erfolgt die Angabe, ob die Methode vorrangig eine kognitive, emotionale oder haptisch/​motorische Ebene anspricht.
  7. Zeitaufwand: Ein Uhrensymbol liefert einen Hinweis, wie viel Zeit für die jeweilige Methode eingeplant werden sollte.
  8. Phase: Die Autoren unterscheiden sieben Phasen im Verlauf eines Coaching-Prozesses und geben hier an, für welche Phasen die jeweilige Methode geeignet ist.
  9. Technik: Angabe, welche Hardware, Software oder welches zusätzliche Material für die Durchführung der Methode notwendig sind.

Rückseite

  1. Anwendungsbeispiele: In exemplarischer Form wir die Anwendung der jeweiligen Methode dargestellt.
  2. Vorteile: Die Vorteile der Anwendung der jeweiligen Methode im Online-Setting gegenüber der Durchführung im analogen Setting werden beschrieben.
  3. Varianten: Hier werden Ideen skizziert, wie die jeweilige Methode variiert und an unterschiedliche Beratungskontexte angepasst werden kann.

Inhalt

Methoden bringen nach Überzeugung der Autoren durch ihre räumliche, haptische und kinästhetische Dimensionen eine eigene Qualität in den Coaching-Prozess. Im Online-Setting könne eine Methode nicht nur den Zugang zu einer verborgenen Emotion, einem verdeckten Problem oder einer Neubewertung der Situation ermöglichen, sondern „darüber hinaus zuweilen sogar (…) kompensieren (…), was aufgrund des Settings sonst limitiert bliebe: Wohlfühlatmosphäre, Vertrauensaufbau und Beziehungsqualität“ (Booklet S. 3).

Vor diesem Hintergrund sollen die ausgewählten Methoden, den Berater*innen Möglichkeiten eröffnen, Coaching-Prozesse im virtuellen Raum wirksam zu gestalten.

Im Folgenden wird der Inhalt von drei Methoden-Karten exemplarisch dargestellt.

Karte 14: Das Wunder vor Ort

Grundlage dieser Methode ist die von Steve des Shazer und Insoo Kim Berg entwickelte „Wunderfrage“. Die Frage soll im Online-Coaching „genau so, wie sie auch im analogen Setting“ (Karte 14) gefragt würde, gestellt werden. Die von den Autoren vorgeschlagene Übertragung in das Online-Setting zeichnet sich dadurch aus, dass die Frage von dem/der Coach als Sprachnachricht aufgezeichnet, der/dem Klient*in zugesendet und von diesem an einem von ihm/ihr gewählten Ort zu einem Zeitpunkt zwischen den Coachingsitzungen abgehört und ggf. per Sprachnachricht beantwortet wird.

Im Rahmen des dargestellten „Anwendungsbeispiels“ stellen die Autoren dar, wie diese Methode in einer Coachingsitzung angekündigt und eingeführt werden kann.

Die Durchführung der „Wunderfrage“ in dieser Form bietet aus Sicht der Autoren den Vorteil der „Unabhängigkeit von Zeit und Raum“ sowie dass das „bewusste Bewegen in einen nicht alltäglichen Kontext (…) zu neuen Lösungsideen führen“ (ebd.) kann.

Karte 21: E-Mail in die Zukunft

Das Grundprinzip dieser Methode besteht darin, dass die/der Klient*in eine E-Mail an sich selbst verfasst, die an einem festgelegten zukünftigen Zeitpunkt von einem externen Server (z.B. zukunftsmail.com) zugestellt wird. An diesem Datum (1 Woche, drei Monate, halbes Jahr…später) erhält der/die Klient*in dann diese E-Mail von sich selbst.

Das Thema der Mail ergibt sich aus dem Coachingprozess. Durch diese Methode können Reflexionsprozesse angestoßen, die innere Verbindlichkeit von Vorhaben erhöht und Entwicklungen deutlich gemacht werden.

Karte 37: Licht und Schatten

„Licht und Schatten“ ist eine Methode für Gruppen und Teams. Sie zielt darauf, Unstimmigkeiten und verdeckte Konflikte aufzudecken. Über ein Onlinetool (vorgeschlagen wird flinga.fi) bekommen die Teilnehmenden die Möglichkeit anonym ihre Meinung über die Teamsituation zum Ausdruck zu bringen: Die Teammitglieder entscheiden sich für eine von vier Optionen („Im Team ist alles in Ordnung“ oder „Es gibt ein Problem, das noch nicht geklärt wurde“ oder „Ich bin verletzt, habe es aber noch nicht thematisiert“ oder „Ich bin mir unsicher, was ich auswählen soll“). Das Ergebnis dieser Teamabstimmung wird anonymisiert zur Verfügung gestellt und bietet die Grundlage für die weitere Arbeit mit dem Coach.

Die Verwendung des Online-Tools erleichtert die Abfrage in anonymisierter Form gegenüber dem Einsatz dieser Methode im analogen Setting.

Diskussion

Jede*r Berater*in, der/die im analogen Setting mit vielfältigen Methoden arbeitet, ist im Online-Setting schnell mit der Frage konfrontiert, ob und wie sich diese bewährte Arbeitsweise in den digitalen Raum übertragen lässt.

Das Kartenset kann sehr dabei helfen, diese Frage für sich zu beantworten. Die Methodenkarten zeigen auf, wie eine Übertragung möglich ist, weisen auf hilfreiche Apps bzw. Online-Tools hin und regen dazu an, selbst kreativ zu werden.

Die Darstellung der Methoden ist übersichtlich und aus meiner Sicht auf das Wesentliche konzentriert. Diese verknappte Darstellung setzt allerdings nach meinem Eindruck voraus, dass der/die Anwender*in einige Erfahrung mit Beratungen und dem Einsatz von Methoden im analogen Setting hat, sodass er/sie die jeweiligen Hinweise einordnen und die Methode wirksam einsetzen kann.

Die Karten sind m.E. schön gestaltet und liegen auch gut in der Hand. Worin allerdings der wirkliche Vorteil besteht, die Methoden auf Karten zu drucken und nicht in Buchform herauszugeben, erschließt sich mir nicht ganz. Zumal diese Druckform vermutlich zu einem Preis führt, der gemessen am Inhalt aus meiner Sicht nicht gerade günstig ist.

Die online zur Verfügung stehende Funktion, die Methoden nach bestimmten Kriterien zu filtern ist hilfreich. Allerdings wäre es wünschenswert, dass ein Inhaltsverzeichnis über die zur Verfügung stehenden Methoden auch in gedruckter Form vorliegt, um einen schnellen Überblick zu erleichtern.

Ein wirkliches Problem sehe ich darin, dass ein Teil der vorgestellten Tools unter Datenschutzgesichtspunkten bedenklich ist. Die Absicht der Autoren, „möglichst einfache, kostenfreie und datenschutzkonforme Tools“ (Booklet S. 4) zu verwenden, ist im Hinblick auf letztes nicht immer gelungen. Wer durchgehend DSGVO-konform arbeiten will, muss zum Teil auf die Suche nach einer alternativen Anwendung gehen.

Trotz dieser Einschränkung kann das Kartenset einen sehr wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung im Online-Coaching leisten, indem es explizit die methodische Ebene in den Blick nimmt, kreative Möglichkeiten vorstellt und zum Weiterdenken anregt.

Fazit

Die 50 Coachingkarten können dabei helfen, Beratungsprozesse im Online-Setting methodisch variabel und zielorientiert zu gestalten. Oftmals sind es einfache und leicht umzusetzende Ideen, die eine Übertragung der im analogen Raum bekannten Tools ermöglichen. Allerdings ist zumeist die vorherige Kenntnis der jeweiligen Methode im analogen Setting ebenso Voraussetzung wie die datenschutzrechtliche Prüfung und Aneignung der genannten Apps bzw. Programme, um sie wirksam einsetzen zu können.


Rezension von
Oliver Teufel
Pfarrer, Coach und Supervisor
Homepage www.coaching-supervision-kassel.de
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Oliver Teufel anzeigen.


Zitiervorschlag
Oliver Teufel. Rezension vom 18.08.2021 zu: Dennis Sawatzki, Andreas Hoffmann, Benjamin Lambeck, Lukas Mundelsee: 50 Coachingkarten Online-Coaching. Das Methodenset für digital gestützte Beratung. Mit 16-seitigem Booklet. Inklusive digitaler Version. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28449.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht