socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans Kahlau, Teresa A.K. Kaya: Praxisbuch Lebendige Biografiearbeit mit Märchen

Cover Hans Kahlau, Teresa A.K. Kaya: Praxisbuch Lebendige Biografiearbeit mit Märchen. Mit Online-Materialien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 110 Seiten. ISBN 978-3-7799-6445-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Wer als Autor zwischen rund 300.000 Titeln zur Biografiearbeit einen Platz finden will, steht unter dem Druck, etwas Neues, Originelles und möglichst Praktisches zu bieten. Das ist hier gelungen.

Das Schlüsselwort „Märchen“ weckt zweifellos überall Erinnerungen an Kindertage mit Gruseln, Gänsehaut und Angstlust, wohl aber auch an Träume von Unbesiegbarkeit, Lohn für Treue, Erhöhung nach Erniedrigung und von später Gerechtigkeit. Märchen kennt jeder, diese Geschichten mit ihren wunderbaren Begebenheiten aus jenem „Land, das lange zögert, eh es untergeht“ (Rilke); daher dürften dem Buch von Teresa A.K. Kaya und Hans Kahlau viele Leser gewiss sein. Ausdrücklich angesprochen werden Übungsleiter und -leiterinnen in der Erwachsenenbildung. Empfohlen wird es ebenso zur Programmplanung in Bildungsstätten und für die Arbeit in Altenpflegeheimen. Als Praxisbuch mit ausführlicher Anleitung und konkreten Aufgabenstellungen eignet es sich allerdings auch für die individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie.

Die Autoren und ihr Ansatz

Mit dem Schatz reicher Erfahrung als Erwachsenenbildner und Trainer für Biografiearbeit haben Kaya und Kahlau ein Praxisbuch geschrieben, das seinen Namen verdient. Erinnerungen an Märchen gehören als Einstiegserzählung zum methodischen Standard biografischer Gruppenarbeit; die Vorgabe einer bestimmten Märchenerzählung lenkt dabei das Augenmerk aller auf dasselbe Thema. Diesen Weg haben die Autoren gewählt und dazu ein sorgfältig ausgearbeitetes Modell für lebendige Biografiearbeit entwickelt.

Da wohl jeder in Kindertagen Spannung, Rührung und Erschütterung durch Märchen erlebt hat, sichert die Erinnerung daran einen persönlichen und verbindenden emotionalen Zugang zur eigenen Biografie.

Inhalt

Neun Kapitel, thematisch verschieden, im Aufbau gleich

Neun Märchen haben die Autoren für ihre Arbeit ausgewählt und jeweils mit einer kurzen Charakterisierung angekündigt. Es geht ihnen bei der Auswahl um ein breites Themenspektrum, das auf die Lebenswirklichkeit von heutigen Menschen anwendbar ist. Stichworte zeigen an, um welche Themen es jeweils geht:

  1. Aschenputtel: Von Trauer und Mobbing – von Mut und authentischem Leben.
  2. Die Bremer Stadtmusikanten: Von wegen „ausgedient“ – aktiv neue Pfade betreten.
  3. Vom Fischer und seiner Frau: Von Maßlosigkeit und ausgeglichenen Beziehungen.
  4. Die wilden Schwäne: Von Glaube, Liebe und Hoffnung, starkem Familienzusammenhalt und der Kraft des Sehens und Suchens.
  5. Die Prinzessin auf der Erbse: Von Feingefühl und weiblicher Intuition – vom äußeren Schein und inneren Werten.
  6. Der Hase und der Igel: Von Hochmut und gekränktem Selbstwert – von Wettbewerb und Bevormundung.
  7. Der Eisenhans: Vom Jungen zum Mann, von der Kraft des Wilden und davon, wie hilfreich Mentoren sein können.
  8. Hans im Glück: Vom Auf und Ab des Lebens.
  9. Hänsel und Gretel: Von Wahrhaftigkeit, Zuversicht und Selbstwirksamkeit.

Lese- und Arbeitsanregungen

Die Märchen werden nicht im Original, sondern in komprimierter Fassung vorgestellt. Zur Begründung dienen Verlags- und Urheberrechte. Die Autoren empfehlen, unbedingt in die Originalfassung zu schauen, um die typische Märchensprache mit ihren eingängigen Bildern und Redewendungen deutlich werden zu lassen.

Zu jedem Märchen gibt es nach gleichem Muster Lese- und Arbeitsanregungen wie folgt:

  • Auf einen Blick: Hier wird ein Überblick über die behandelten Themenschwerpunkte und Praxisimpulse geboten.
  • Das Märchen: Darstellung des Märchens in komprimierter Fassung mit Worten der Verfasser.
  • Verborgene Motive – Worum geht's?: Blick auf die Geschichte „hinter“ der Geschichte. Anbieten erster Deutungsmuster aus psychologischer und biografischer Perspektive. Deutungen der Teilnehmer sind willkommen.

Aspekte für die Biografiearbeit – Lebensthemen und Lebensfragen: (zitiert mit den Worten der Verfasser):

  • „Jeder kann etwas“: Wo liegen meine Talente? Was kann ich besonders gut? Welche Kompetenzen habe ich mir angeeignet?
  • „Unverhofft das Glück finden“: Wann sah es schon nach einem Ende aus – und da wurde daraus ein Neubeginn? Wann wurden meine Hoffnungen auf Verbesserung meiner Lebensqualität noch übertroffen? Was macht mich zurzeit besonders neugierig und motiviert mich, Neues zu wagen?
  • „Gemeinsam sind wir stark“: Welche Freundschaften haben sich bei mir besonders wertvoll erwiesen und warum? Welche Weggefährten begleiten mich? Seit wann? Und was bedeuten sie mir? Welche Weggemeinschaften haben sich in meinem Leben als tragend erwiesen?

Impulse und kreative Ideen für die Biografiearbeit mit Gruppen: Methodische Anleitungen zur vertieften Weiterarbeit am Märchenthema. Beispielthema „Talente“.

Fazit – Wozu uns das Märchen einlädt: An dieser Stelle werden die vorherigen Abschnitte kurz und prägnant zusammengefasst. Für die Arbeit mit dem Praxisbuch vertrauen die Verfasser auf die Erfahrung ihrer Leser und Leserinnen mit Konzepten der Erwachsenenbildung. Dennoch skizzieren sie kurz ein Vier-Phasen-Modell für die Arbeit:

  • Phase 1: Kennenlernen und Miteinander-Warmwerden
  • Phase 2: Annäherung an das konkrete Thema
  • Phase 3: Themenvertiefung
  • Phase 4: Ausklangphase

Ein Beispiel für die Arbeit mit dem Buch

  •  Am Beispiel vom Märchen der Bremer Stadtmusikanten soll die Arbeitsweise der Autoren anschaulich werden:

Auf einen Blick

  • Themenschwerpunkte: Jeder kann etwas/​unverhofft das Glück finden/​gemeinsam sind wir stark
  • Praxisimpulse: „Tierische MusikantInnen im Profil“, „Spurensuche der Talente“, „Zeitstrahl“, „Kofferpacken“, „Lebenstüte“, „Tagebucheintrag in zehn Jahren“

Verborgene Motive – Worum geht's?

Die Tiere – obwohl zum alten Eisen gezählt – entdecken, dass jeder auch im fortgeschrittenen Alter etwas Besonderes beitragen kann, vor allem zusammen mit anderen

Aspekte für die Biografiearbeit: Lebensthemen und Lebensfragen

(Aus den zahlreichen vorgegebenen Fragen zur Anregung wird hier eine beispielhaft angeführt)

  • „Jeder kann etwas“: Mindestens ein Talent hat jeder, wo liegen meine Talente, welche Kompetenzen habe ich mir in meinem Leben aneignen können?
  • „Unverhofft das Glück finden“: Wann sah es bei mir nach einem Ende aus – und schließlich wurde daraus ein Neubeginn?
  • „Gemeinsam sind wir stark“: Welche Freundschaften haben sich bei mir als besonders wertvoll erwiesen?

Impulse und kreative Ideen für die Biografiearbeit

  • Thema: „Talente“
  • Austausch in vier Kleingruppen: Esel, Hund, Katze, Hahn. Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Jede Gruppe erhält spezielle Arbeitsaufträge. Ergebnisse sammeln auf Flipchart, Vorstellung im Plenum.
  • Vertiefende Methode: Geh-Spräch „Spurensuche der Talente“: Im Zweierteam bei einem Spaziergang Spurensuche der eigenen Talente: Was kann ich und konnte ich rückblickend besonders gut? Nach der Rückkehr Aufschreiben der Talente an Stellwänden.

Methode zum Ausklang in Gruppenarbeit: „Talentkiste“

Kiste mit verschiedenen Gegenständen (Werkzeuge, Handarbeitsutensilien, Farben … u.a.). Jedes Teil steht für etwas, was jemand besonders gut kann. Jede(r) sucht sich etwas aus, zeigt es den anderen im Plenum. Erläutert, was bei ihm/ihr anders ist, was gemeinsam.

Thema Älterwerden

Dazu werden verschiedene Übungen angeboten:

  • „Kofferpacken“: Dinge oder Personen einpacken, die jede(r) mitnehmen möchte.
  • „Lebenstüte“: Auf die Vorderseite einer Tragetüte Satzergänzung schreiben zu „In meine Lebenstüte packe ich folgende Erfahrungen…“ Auf der Rückseite beginnen die Sätze mit „Dies kommt mir im Alter nicht mehr in die Tüte…“
  • „Tagebucheintrag in zehn Jahren“: Wie und wo leben Sie in zehn Jahren, welche Personen sind bei Ihnen, welche Themen sind Ihnen wichtig?
  • “Zukunftsstuhl“: Beamen Sie sich in die Zukunft, erzählen Sie so als ob es heute wäre, wie es Ihnen in zehn Jahren gerade geht. Zum Beispiel: „Ich erinnere mich an die Gruppe von damals, was ich erlebt und gewonnen habe, wie es mich weitergebracht hat …“
  • „Weggefährten, Begleitung“: Wer war wichtiger Weggefährte auf meinem Lebensweg? Welchen Teilnehmer hier würde ich gerne wohin begleiten?

Das didaktische Ziel der Autoren:

Die Teilnehmer sollen durch das Märchen Ermutigung zur Sinnsuche nach der eigenen Identität erfahren, ohne den Anspruch auf Perfektionismus und Leistungswahn. Immer wieder und in jedem Lebensalter sich auf die eigenen Fähigkeiten besinnen und sie auch zu verändern wagen. Erfahren, mit anderen zusammen stärker zu sein als allein.

Ein nützlicher Anhang

Ein umfangreicher Anhang bietet Hilfen und Anregungen – auch Online – für die eigene Arbeit. Erfahrene Gruppenleiter können zweifellos geradewegs diese Vorschläge nutzen, für weniger Bewanderte und Laien sind sie im wahrsten Sinne aufschlussreich und förderlich für eine intensive Auseinandersetzung bis hin zur Aneignung. Hier ein paar Einzelheiten in Kurzform:

Ein Stichwortverzeichnis verweist auf fast fünfzig Themen, zu denen es Anregungen und Hilfen gibt. Es reicht von „A“ wie Abhängigkeit (Vom Fischer und seiner Frau) über „K“ wie Krisen (Hans im Glück) bis hin zu „Z“ wie Zuversicht (Hänsel und Gretel). So erleichtert es auf Anhieb die Planung thematischer Arbeit.

Weitere Hilfen zu eigenem Gestalten finden sich unter Stichworten, die Gruppenleitern vertraut sein dürften:

  • Austausch
  • Blitzlichtrunden 
  • Brainstorming
  • Geh-Spräche (Gespräche im Gehen)
  • Körperübungen
  • Kreativübungen
  • Metaplanwand
  • Mindmap
  • Outdoorübungen
  • Reflexionen
  • Schreibübungen
  • Speed-Dating
  • Spiele
  • Textarbeiten
  • Traumreisen.

Diskussion

Die naheliegende Frage „Wozu ein weiteres Praxisbuch?“ findet eine doppelte Antwort: Einmal sind die Verfasser didaktisch erfahrene Moderatoren, und es liegt auf der Hand, dass sie den Teilnehmern ihrer eigenen Kurse passendes Arbeitsmaterial anbieten. Zum zweiten ist das Buch so gestaltet, dass ein größerer Kreis von Planern und Anwendern daran interessiert sein könnte: Übungsleiter in der Erwachsenenbildung, Planer und Referenten in Tagungsstätten und Bildungshäusern, aber ebenso Trainer, Lebensberater, Therapeuten, Coaches. Nicht zuletzt werden auch Laien angesprochen, die interessiert und geübt sind, in Eigenarbeit Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen.

Was macht das Buch empfehlenswert? Zunächst die durchgehend klare Sprache sowie die leitende Idee der thematischen Zusammenstellung: In einer ausführlichen Einleitung wird erläutert, warum, für wen und wie das Buch zur Arbeit geeignet ist: Märchen seien deshalb so wertvoll, weil in ihnen eine große Bandbreite von Lebensbezügen dargestellt werde. Zum Beispiel: „Abhängigkeit“ (Vom Fischer und seiner Frau), „Angst“ (Hänsel und Gretel), „Trauer und Mobbing“ (Aschenputtel). Da insgesamt neun Märchen vorgestellt werden, ergibt sich reichlich Material für eine passgenaue Anwendung in verschiedensten Gruppen. Hervorzuheben sind auch die Lese- und Arbeitsanregungen (s.o.), die zu jedem Thema ein weites Feld an Möglichkeiten zur Durchdringung und Aneignung bieten. Nicht gering zu schätzen ist ebenfalls der Anhang: Er bietet zahlreiche konkrete Anregungen für kreative Biografiearbeit.

Gibt es auch Schwachpunkte? Leider ja. Obwohl mit dem Hinweis auf Urheberrechte begründet, schmerzt die Trivialisierung der Märchentexte durch zum Teil platte Alltagssprache. Es heißt zum Beispiel „Das Mädchen besuchte täglich das Grab seiner Mutter und weinte schrecklich über ihren Tod“ (S. 18). Bei Grimm: „Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grab der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut“. Oder: „Ein König hatte elf Söhne und eine Tochter namens Elisa. Es mangelte den Königskindern an nichts“ (S. 44). Bei Andersen: „Weit von hier, wo die Schwalben hinfliegen, wenn wir Winter haben, wohnte ein König, der elf Söhne und eine Tochter, Elisa, hatte“. So könnte man sich für die Eigenformulierung eine Anlehnung an den Duktus der Märchensprache vorstellen, etwa an markanten Stellen auch durch wörtliche Zitate. „Es war einmal …“ (kommt immerhin einmal vor); „Und wenn sie nicht gestorben sind …“.

Fazit

Ein Buch, in dem zwei erfahrene Gruppenleiter ein Programm vorstellen, das auf der Grundlage von neun bekannten Märchen Möglichkeiten einer lebendigen Biografiearbeit in der Erwachsenenbildung bietet. Dazu werden zahlreiche Arbeitsimpulse und -methoden nebst Online-Material vorgestellt. Alles in allem weckt es den Wunsch: So möchte ich gerne arbeiten.


Rezension von
Prof. Dr. Gisbert Roloff
E-Mail Mailformular


Alle 20 Rezensionen von Gisbert Roloff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 21.09.2021 zu: Hans Kahlau, Teresa A.K. Kaya: Praxisbuch Lebendige Biografiearbeit mit Märchen. Mit Online-Materialien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6445-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28450.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht