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Martin Schuster: Menschliches Verhalten im Wandel der Zeit

Cover Martin Schuster: Menschliches Verhalten im Wandel der Zeit. Konstanz und Veränderung der menschlichen Psyche. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. 267 Seiten. ISBN 978-3-662-60697-1. D: 22,99 EUR, A: 23,63 EUR, CH: 25,50 sFr.
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Thema

Historische Sachverhalte werden aus psychologischer Sicht betrachtet. Damit wird der Kultur vergleichenden eine Zeiten vergleichende Psychologie an die Seite gestellt. 

Autor

Prof. Dr. Martin Schuster ist Psychologe, er war Akademischer Rat am Institut für Psychologie der Universität in Köln. 

Inhalt

Das Buch setzt sich aus neun Kapiteln mit jeweils einem Literaturverzeichnis zusammen. 

Das Kapitel 1 ist eine Einführung. Der Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausstattung an sich verändernde Bedingungen anpassen. Die verwendeten Quellen, um diese Frage zu beantworten, sind historische Berichte und Funde, Romane, Kunststile, Bilder und Mode. Motor von Verhaltensänderungen ist die Nachahmung der Oberschicht, die keinen Restriktionen unterworfen ist, sowie die Begegnung mit anderen Kulturen.

Das Kapitel 2 ist überschrieben mit „Wir erklären uns die Welt“. Das Spektrum reicht von der Hippokratischen Lehre von den vier Körpersäften, der Deutung und dem Umgang mit körperlichen und seelischen Krankheiten, der Sexfreudigkeit der alten Welt und die Sexfeindlichkeit des Christentums. Ausführlich wird das Sexualverhalten und die Sexualmoral früherer Zeiten samt der Frage, was als natürlich galt, sowie Geschlechterrollen und das Geschlechterverhältnis im Wandel geschildert.

Schönheit wurde in der jüdischen Welt als Gottesgeschenk angesehen, in der christlichen Welt galt Schönheit als gefährlich, weil sie körperliche Begierden weckt. Kurz angeschnitten werden Fragen, wie viel Andersartigkeit toleriert wird und wie viel Individualität möglich ist, sowie die Rolle und Funktion von Rangordnungen.

Im Kapitel 3 werden die Religionen in den Fokus gerückt, die Schuster als die zentralen Mythologien in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Als Ursprünge der Religion führt er die Erfahrung totaler Abhängigkeit, das Erleben der Natur und die Angst vor Katastrophen an. In monotheistischen Religionen ist der Gott im Prinzip wohl gesinnt, wenn dennoch Unheil über die Menschen herein bricht, liegt das daran, dass sie gesündigt haben. Durch Postulierung der Erbsünde wird verständlich, warum es keiner besonderen Sünde bedarf, um Gott zu erzürnen. Mit Opfergaben sollte er besänftigt werden. Strafanlässe waren böse Taten, aber auch die Reduzierung einer zu großen Zahl von Menschen, wie aus dem Gilgamesch- Epos zu entnehmen ist. Annahmen zur Entstehung von Religionen wie visionäre Erscheinungen, die Frage nach einem Leben im Jenseits und einer Wiedergeburt werden skizziert.

Kapitel 4 beginnt mit der Feststellung, dass sich die Wahrnehmung von Bildern aus Gesehenem und Gewusstem zusammensetzt. Verbreitete Bildmotive wie der Heiligenschein und die Justitia führen vor Augen, wie Bilder Traditionen bewahren. „Der Heiligenschein setzte seinen Zug über Zeiten und Religionen ungehindert fort“ (S. 103). In Bildern, Texten und Redensarten sowie Ritualen wird historisches Material über Jahrtausende bewahrt. 

In Kapitel 5 geht es um Gefühle, die kulturell überformt und interpretiert werden. Romane und Theaterstücke sind hier von Bedeutung. Die Rede ist von der Liebe in Form der Kinderliebe, Partnerliebe und Besitzliebe sowie von Mitgefühl. Durch die Erfindung der Anti-Baby-Pille hat sich sowohl das Sexualleben als auch das Verhältnis der Geschlechter verändert.

Im Kapitel 6 geht es ebenfalls um Gefühle, nun jedoch um deren Kontrolle. Verschiedene Strategien der Gefühlsbeeinflussung werden vorgestellt. So sind Scham- und Ehrgefühl „Gefühle der sozialen Kontrolle“. Was erwünscht ist und was nicht, ist kulturell unterschiedlich. So musste im Mittelalter die Jungfräulichkeit des Mädchen gewahrt bleiben. Der Zweikampf war üblich, um herauszufinden, was richtig und gerecht war. Das Duell war zur Wahrung der Ehre einmal üblich gewesen. Die Aggressionskontrolle ist wichtig, weil sie das Funktionieren menschlichen Zusammenlebens gewährleistet. Spontane Gefühlsausdrücke wie das öffentliche Weinen insbesondere von Männern ist heute nicht mehr üblich. Dann wirft der Autor die interessante Frage auf, wie eigentlich Humor funktioniert und verweist dabei auf Sigmund Freud: Man lacht, wenn die Kontrolle aggressiver sowie sexueller Impulse gelockert wird. Aggressives Lachen richtet sich auf bestimmte Gruppen, die zur Zielscheibe des Spottes werden. Mit zunehmender Empathie werden spottende Witze moderater.

Im Kapitel 7 befasst sich der Autor mit Fähigkeiten und Fertigkeiten wie z.B. dem leisen Lesen oder dem Halten einer freien Rede. Er schildert, wie sich die Bewertung von Kreativität im Wandel der Zeit geändert hat. War sie in der Antike noch eine geschätzte Fähigkeit, kam sie im Mittelalter in den Verdacht, ein Teufelswerk zu sein. Reaktionen auf Epidemien und auf Seuchen sowie auf Notsituationen schlagen sich im Verhalten nieder wie z.B. der Fremdenfeindlichkeit und der Maxime in Notzeiten, dass man keine Lebensmittel wegwirft.

Im Kapitel 8 widmet sich der Autor den Theorien, die etwas über den Wandel aussagen. Es sind die Lernpsychologie – hier insbesondere das Modell-Lernen –, die Psychoanalyse und die Entwicklungspsychologie sowie verschiedenen Vermutungen, die man nicht unbedingt als „Theorien“ bezeichnen würde. Ausführlich geht der Autor auf die psychohistorischen Überlegungen von de Mause ein, der das Erziehungsverhalten in Stammesgesellschaften, in der Antike, im frühen und späten Christentum, in der Renaissance, in der Moderne und Postmoderne analysiert hat. 

In Kapitel 9 stellt Schuster fest, dass in der heutigen Psychologie bestimmte Erlebens- und Verhaltensbereiche wie Ehre, Stolz, Schande und Scham sowie Gier – die Ursache alles Bösen – nicht vorkommen. Die dunklen Seiten der menschlichen Psyche würden so ausgeblendet, wie der Autor meint. Einige Seiten weiter geht er jedoch auf diese dunklen Seiten ein, als er nämlich konstatiert, dass der Blick auf Menschen, die Macht haben und bei denen man kein Mitgefühl findet, durchaus lehrreich ist. Das Interesse der Herrschenden ist der Machterhalt. Sie bedienen sich dabei unterschiedlicher Mittel wie der Religion, dem Handel und der Setzung sozialer Normen und Moralvorschriften, an die sie sich selbst nicht halten, wie Schuster bemerkt. Der Autor plädiert für eine Zeiten vergleichende Psychologie analog zur Kultur vergleichenden Psychologie, um die Ursprünge unseres heutigen Verhaltens ans Licht zu bringen. Er schlägt eine vergleichende Methode vor, um zwischen gelernten und genetisch determinierten Verhaltensweisen zu unterscheiden.

Diskussion

Das Buch führt mit zahlreichen Beispielen und den epochalen Vergleichen die Weltoffenheit des Menschen vor Augen, der durch seine genetische Ausstattung in seinem Verhalten nur zum Teil festgelegt ist. Dementsprechend gibt es eine erhebliche Variation der Verhaltensmuster zwischen verschiedenen Kulturen und Epochen. Inwieweit diese zeitlichen Vergleiche indessen das heutige Verhalten des Menschen erklären können, bleibt letztlich offen, denn Verhaltensmuster werden in jeder Generation immer wieder aufs Neue gelernt. 

Auffallend ist eine sehr kleinteilige Untergliederung, wobei manche Abschnitte sehr kurz sind und ein Thema nur anreißen und nicht vertiefen, z.B. die Bedeutung von Rangordnungen. Dies mag an der Fülle der ethnologischen, soziologischen, anthropologischen und historischen Quellen, auf die sich der Autor stützt, liegen. So endet auch das Schlusskapitel ziemlich abrupt mit den Themen „Die Handy-Generation“ und „die Liebe in den Zeiten der Werbung“, die nur skizziert werden. Eine zusammenfassende Schlussfolgerung, wie sie die Überschrift des letzten Kapitels verspricht, gibt es nicht. 

Das Buch liefert eine informative kulturgeschichtliche Abhandlung, die sich auf gesellschaftliche Phänomene richtet, doch es fällt schwer, es als Psychologie-Buch einzuordnen, denn dazu bedarf es der Individualebene. Mikrobiografien im Rahmen einer Zeit vergleichenden Psychologie sind indessen, wie Schuster feststellt (S. 256), gar nicht machbar. Es ist deshalb weniger ein Psychologie- als ein Kulturgeschichte-Buch.

Der Autor definiert Kosmologie als Grundüberzeugungen, die von den Menschen einer Epoche als wahr angesehen werden. Die übliche Definition ist die Kosmologie „die Lehre von der Welt“, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung und der grundlegenden Struktur des Universum befasst und das Universum mittels physikalischer Gesetzmäßigkeiten beschreibt. Abgesehen von der andersartigen Verwendung des Kosmologie Begriffs stellt sich die Frage, von welchen gesellschaftlichen Gruppen diese Grundüberzeugungen überhaupt als wahr angesehen wurden.

Fazit

Das Buch bietet eine Fülle an Informationen über das menschliche Verhalten in verschiedenen Epochen und führt damit die Weltoffenheit des Menschen vor Augen, dessen genetische Ausstattung noch viel Spielraum für gesellschaftliche Einflüsse lässt. Ein ganzer Kosmos von Themen, darunter Gesundheit und Ernährung, Sexualität, Geschlechterrollen, Gefühle und Affektkontrolle usw., werden angesprochen und mit zahlreichen Beispielen veranschaulicht. Das Buch liefert weniger eine Zeit vergleichende Psychologie als vielmehr eine weitgefächerte kulturgeschichtliche Abhandlung.

Summary

The book offers a wealth of information about human behavior in different epochs and thus demonstrates the indeterminacy of man, whose genetic makeup still leaves much room for social influence. A whole cosmos of topics, including health and nutrition, sexuality, gender roles, emotions and affect control, etc., are addressed and illustrated with numerous examples. The book provides not so much a time comparative psychology as a wide-ranging cultural history treatise.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 22.06.2021 zu: Martin Schuster: Menschliches Verhalten im Wandel der Zeit. Konstanz und Veränderung der menschlichen Psyche. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-662-60697-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28451.php, Datum des Zugriffs 23.07.2021.


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