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Michael Rautenberg: Zen in der Kunst des Coachings

Cover Michael Rautenberg: Zen in der Kunst des Coachings. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 200 Seiten. ISBN 978-3-8497-0354-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Beratung, Coaching, Supervision.
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Thema

Coaching findet als populärer „Modebegriff“ eine vielfältige Anwendung. Sein alltagssprachlicher Gebrauch hat sich besonders im Sport, beim Verhaltenstraining (z.B. Lerncoaching, Elterncoaching) etabliert. Die darüberhinausgehende Begriffsanwendung betrifft diverse Angebote im Bereich des Life-Coachings.

Die meist eher praxeologische Ausrichtung im Coaching und die Marktorientierung vieler Anbieter lässt das konzeptionelle Profil des Coachings eher unscharf erscheinen. Eklektizismus – die Zusammenstellung vielfältiger Tools je nach Anwendungsfeld – ist weit verbreitet. Insofern lohnt es die Grundlagen im Coaching zu reflektieren, um das Beratungsformat fachlich zu fundieren und gegenüber den Angeboten des „Aller-Welt-Coachings“ (Koch-, Hunde- Pferdecoaching u.a.)abzugrenzen. Hierfür sind neben der theoretischen Fundierung Fragen zur Grundhaltung, zur Beziehungs- und Prozessgestaltung und den Methoden zu thematisieren.

Das Buch von Michael Rautenberg fokussiert auf die Grundhaltung im Coaching, die Beziehungs- und Prozessgestaltung. Er stellt eine Beziehung zwischen der Systemtheorie und der Zen-Philosophie als zwei Zugänge zur Herleitung und Präzisierung der Grundhaltung im kommunikativen Handeln im Coaching her. Wolfgang Loos schreibt in seinem Vorwort dazu: …“ es werden spielerisch und im schnellen Wechsel verschiedene Ebenen beraterischen Vorgehens angesprochen, der Verfasser jongliert gekonnt mit diversen konzeptionellen Zugängen und methodischen Mustern.“ Seien Sie also gespannt auf interessante Metaperspektiven und Reflexionen von theoretischen Bezügen und Praxisfragen im Coaching.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Beratung, Coaching, Supervision“ im Carl Auer Verlag. Michael Rautenberg basiert sein Buch auf seiner langjährigen Managementerfahrung in Großbetrieben, in der Unternehmensberatung und im Coaching. Seine fachlichen Schwerpunktthemen sind die Führungs- und Unternehmenskultur, organisationaler Wandel und Kommunikation. Der Autor erfüllt sich mit dem Buch einen lang gehegten Herzenswunsch, indem er die konstruktivistische Systemtheorie als Grundlage im Coaching mit der Zen-Philosophie in ihren Annahmen, Begründungen und Handlungsempfehlungen vergleicht und damit die Perspektiven auf den Dialog in der Coaching-Praxis konstruktiv zu erweitern sucht. Er leitet aus dieser Integration und der gegenseitigen Befruchtung beider Denk-/​Theoriesysteme eine neue Haltung bzw. einen neuen Ansatz des sich Einlassens im Coaching-Dialog mit den Klient*innen ab.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. In der Einführung (Kapitel 1) beginnt Michael Rautenberg mit einer Fallschilderung, die ihm neue Ebenen des Zugangs im Coaching offengelegt hat, beschreibt seinen Weg zum Zen-Buddhismus in den 1990er Jahren, seine damit verbundenen Schritte der persönlichen Erkenntnis und des Wachstums, der über die Schriften von Paul Watzlawick, Fritz B. Simon und Niklas Luhmann erfolgten Zugänge zur Systemtheorie und als dritten Strömung der existenzphilosophischen Arbeiten von Martin Buber zum dialogischen Prinzip. Hieraus begründet er seine Liebe zum offenen Dialog und zur Demut im Coaching.

Das zweite Kapitel behandelt den Zusammenhang zwischen Zen und Systemtheorie. Die Leser*innen werden über das Verständnis des Zen jenseits des Buddhismus als Handlungslehre zur Stärkung der Dialogfähigkeit im Coaching informiert. Dies vermittelt der Autor in einer ausführlichen Reflexion eines Coachings, nimmt Bezug zur aktuellen Arbeitswelt mit seinen Unsicherheiten und Dynamiken und geht kritisch auf die statischen Elemente in Konzepten zur Ich-Identität ein. Seine Analyse befasst sich im Folgenden mit dem Begriff der Authentizität und mit der Rolle von Managern als Entscheider. Letzteres ist konstitutiv für Organisationen, aber mit besonderen Herausforderungen und Begrenzungen verbunden. Hier wird von Michael Rautenberg der Rückbezug auf das Verhalten der Berater*in im Coaching und den inspirierenden Beitrag, den Grundgedanken des Zen liefern können, genommen.

Die zentralen Ebenen der Gestaltung von Dialog und Beziehung vertieft der Autor im dritten Kapitel. Dies wird für die Polaritäten Nähe – Distanz, Augenblick – Dauer, Verschiedenheit – Gleichheit, Befriedigung – Versagen und Stimulierung – Stabilität gemacht. Michael Rauenberg konkretisiert abschließend sein Verständnis des dialogischen Prinzips im systemisch-konstruktivistischen Ansatz.

Das vierte Kapitel liefert ein Zwischenfazit bevor das fünfte Kapitel ausführlich auf die Schlussfolgerungen seiner bisherigen Ausführungen für die helfende Beziehung im Coaching eingeht. Dabei spielt die „Selbstkultivierung“ der Klient*innen (S. 139 ff.) eine besondere Rolle. Michale Rautenberg integriert sein Erfahrungswissen auf der Basis von Systemtheorie und Zen für die Coaching-Praxis. Daraus leitet der Autor seinem Entwurf einer Schrittfolge im „Zen-Coaching“ (S. 177 ff.) ab. Dies sind 7 Prozessschritte von der persönlichen Vorbereitung, über den Tiefenkontakt, die intensive Sinneswahrnehmung, die Erarbeitung einer Lösungsidee bis zum Ausstieg bzw. Abschied. Illustriert werden die Schritte anhand von Fallbeispielen.

Das Fazit bildet ein Abschnitt mit der Überschrift „Jetzt ist Schluss!“ und ist keinesfalls als programmatische Aussage des Autors zu verstehen. Es bietet vielmehr einen erweiteren Blick auf die menschliche Begrenztheit, die für den Autoren wichtigen sinnstiftenden Bezüge und damit auch über das Coaching hinausweisende individuelle und gesellschaftliche Lebenszusammenhänge.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an Fachleute im Bereich des Coachings, die sich in sich in ihrer beruflichen Praxis weiterentwickeln und das eigene Tun auf Basis von theoretischen Entwürfen reflektieren wollen. Insbesondere die Beziehungsgestaltung und die Grundhaltung des Coaches werden anhand von Theoriebnezügen und Praxisbeispielen reflektiert.

Informativ ist das Buch auch für Studierende in Master-Studiengängen, die im Kontext von Beratung, Supervision und Coaching am Theorie-Praxis-Transfer und an Einblicken in die Coachings-Praxis interessiert sind.

Diskussion

Das Buch spannt einen breiten Rahmen theoretischer Konzepte zwischen Systemtheorie, Zen, existenzphilosophischen Positionen und dialogischem Prinzip in der Berater*in-Klient*nnen-Beziehung auf. Hier stellt Michael Rautenberg den Leser*innen seine umfangreiche Praxiserfahrung zur Verfügung und wirbt in einer Welt, die nach Berechenbarkeit und Wirksamkeit ruft, für die Intuition, den spontanen Dialog und die offene Begleitung der Coaching-Klient*innen im Prozess der Selbstsuche. Illustriert wird die vertretene Position durch Fallberichte aus der Praxis des Autoren. Dies erleichtert das Verständnis der Gedankenführung und der abgeleiteten Schlussfolgerungen bzw. Erkenntnisse.

Fazit

Michael Rautenberg thematisiert in seinem Buch die Grundhaltung im Coaching, die Beziehungs- und Prozessgestaltung, wobei seine Praxisbeispiele, die theoretischen Verweise und Exkurse zum tieferen Verständnis eines wahrnehmungsoffenen und intuitiven Handeln im Coaching beitragen. Für die abschließende Schrittfolge im „Zen-Coaching“ (S. 177 ff.) wünschte ich mir eine differenziertere Beschreibung des Coaching-Handelns und eine breitere Illustration des Prozessverlaufs angereichert.


Rezension von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 01.11.2021 zu: Michael Rautenberg: Zen in der Kunst des Coachings. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0354-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28455.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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