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Stefan Tepper: Nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein…

Cover Stefan Tepper: Nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein…. Zur Entwicklung von Motiven der Abwendung von rechtsextrem orientierten Szene- und Haltungszusammenhängen. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2020. 480 Seiten. ISBN 978-3-86676-596-2. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.
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Autor

Dr. Stefan Tepper ist im Landespräventionsrat Niedersachsen tätig.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist eine Dissertation, die an der Universität Bielefeld angenommen wurde. Der Textteil des Buches umfasst knapp 400 Seiten, hinzu kommen etwa 70 Seiten Anhang (Unterlagen zur Forschung).

Das Buch beginnt mit einer Einleitung, die sofort den thematischen Bogen aufzeigt, indem diverse Aussteigerprogramme für rechtsextrem orientierte Menschen aufgezeigt werden. Das Interesse des Autors ist, welche Bedingungsfaktoren es gibt, die dazu führen, dass sich Menschen aus rechtsextremen Kreisen lösen bzw. abwenden. Die bestehenden und projekthaft durchgeführten institutionellen Programme haben zwar ihre Berechtigung, können aber im Hinblick auf die Motivation zum Ausstieg keine Auskunft geben.

Im 1. Kapitel geht es um den Begriff Rechtsextremismus, der zwar überall geläufig ist, aber -wie der Autor aufzeigt- je nach Fokus und Akzentuierung unterschiedlich semantisch besetzt ist. So kann der Begriff politisch verstanden werden (gerichtet gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung), aber auch strafrechtlich (Polizei, Verfassungsschutz) wie auch gesellschaftlich (Gesinnung bzw. Haltung). Das betrifft aber nicht nur den im Alltag (unterschiedlich) genutzten Begriff, sondern auch in der Wissenschaft gibt es keinen Konsens: „In der Summe existieren viele verschiedene Rechtsextremismusdefinitionen mit zum Teil großen inhaltlichen und begrifflichen Überschneidungen, aber auch immer wieder mit individuellen Akzentuierungen, die sich aus den jeweiligen Perspektiven der Forschenden auf den Forschungsgegenstand Rechtsextremismus ergeben“ (S. 29). Neben dem Verständnis des Begriffes Rechtsextremismus geht es außerdem um den Begriff der ‚rechtsextrem orientierten Szene‘, der natürlich noch sehr viel heterogener und weitläufiger ist, insbesondere unter Einbezug spezifischer Merkmale wie Musik. Auch ist Ausstieg kein klarer Begriff, sondern umfasst sowohl Brüche als auch die Überwindung von rechtsextrem orientierten Haltungszusammenhängen wie auch in der Forschung identifizierte Charakteristika von gelungenen Ausstiegen (vgl. S. 47). Der Autor schlägt vor, zukünftig den Begriff ‚Abwendung‘ zu nutzen, da er eine breite Skalierung von Haltungen zulässt und sich einerseits als Minimalanforderung beschreiben lässt und andererseits auch Maximalanforderungen abbildet.

Der Stand der Forschung zu Abwendungen von rechtsextrem orientierten Szene- und Haltungszusammenhängen ist Inhalt von Kapitel 2. Dabei stellt der Autor fest, „dass es veröffentlichte Evaluationen von behördlichen Abwendungsangeboten […] nur sehr wenige [gibt]“ (S. 69). Der Autor geht auf abwendungsfördernde Bedingungsfaktoren ein und zeigt die Verlaufsstrukturen auf. Auch Gender spielt dabei eine Rolle. Daran anknüpfend erfolgt die Überleitung zur Forschungsfrage dieser Arbeit. Es ist das Ansinnen, „im Sinne einer ergebnisoffenen Exploration zu schauen, was überhaupt im Kontext der Genese von Motiven der Abwendung von rechtsextrem orientierten Szene- und Haltungszusammenhängen passiert und dieses zu beschreiben – und dies erst im Nachgang theoretisch zu deuten“ (S. 87 f.). Dazu greift der Autor verschiedene (theoretische) Blickwinkel aus anderen Untersuchungen auf:

  • Der individualisierungstheoretische Ansatz
  • Die identitätstheoretische Perspektive
  • Übertragungspotenziale aus der Forschung zu Abwendungen von anderen Phänomenbereichen.

Das Forschungsvorhaben wird in Kapitel 3 beschrieben. Der Autor wählt ein qualitatives Vorgehen und will Kontakt zu Expert:en in ausgewählten Aussteigerprogrammen aufnehmen wie auch zwei Proband:en je Aussteigerprogramm befragen. Entsprechend dem qualitativen Vorgehen wird eine qualitative Inhaltsanalyse im Auswertungsprozess eingesetzt.

Das sehr umfangreiche Kapitel 4 (200 Seiten insgesamt) stellt die Probanden vor (es konnten nur männliche Personen befragt werden) und beschreibt die Aussteigerprogramme. Der Fokus der Auswertung liegt auf den Faktoren, die Abwendungen fördern und unterstützen bzw. sie auch verhindern. Dabei geht es sowohl um individuell fördernde Faktoren der Abwendung wie auch außerszenische Beziehungsangebote. Auch die Frage der gesellschaftlichen (Wieder-) Anschlussfähigkeit nach einer Abwendung und mögliche gesellschaftliche Reaktionen greift der Autor auf. Dabei spielen auch mögliche Gefährdungen eine Rolle. Auch fragte der Autor nach, wie das Vorhaben der Abwendung in den Prozess des Abwendens schließlich einmündet. Dabei werden aus den qualitativen Interviews immer wieder Auszüge als Beleg bzw. zur Erläuterung angeführt.

Kapitel 5 zeigt auf dem Hintergrund der theoretischen Erkenntnisse und der Forschungsergebnisse dann Schlussfolgerungen auf und formuliert Schlussfolgerungen. Diese beziehen sich zum einen auf die Förderung von Abwendungen von rechtsextrem orientierten Szene- und Haltungszusammenhängen und zum anderen auf zukünftige Forschungen. Auch wenn der Autor (zu Recht) für sich in Anspruch nimmt, nicht genuin einer Profession die primäre Zuständigkeit in diesem Kontext zu geben, so laufen die Erkenntnisse doch auf eine eher sozialpädagogische Vorgehensweise hinaus:

  • Beziehungsangebote spielen nach wie vor eine große Rolle, insbesondere im Prozess des Abwendens, wobei es nicht Mitarbeitende als primäre Bezugspunkte sein müssen, aber beratend und unterstützend ist das hilfreich
  • Ein nicht stigmatisierendes Vorgehen erleichtert Zugänge und bietet Möglichkeiten, Abwendungsmotive in Abwendungsprozesse zu leiten.

Im Hinblick auf weitere Forschungen gibt es eine Reihe von Aspekten, die zu vertiefen wären oder ergänzend einer Untersuchung bedürfen. Im Hinblick auf die Frage, wie eine rechtsextrem orientierte Zuwendung entsteht und wie diese möglicherweise präventiv vermieden werden könne, bedarf es weiterer grundlegender Forschungen. „Leitend im Kontext von Szenehinwendungen sind im Untersuchungszusammenhang häufig Komplementär- und kompensatorische Motive in Wechselwirkung. Offen bleibt die Frage, warum sich Personen, die sich schlussendlich zum Zeitpunkt des Szenebeitritts keine rechtsextrem orientierten Haltungszusammenhänge aufweisen, der rechtsextrem orientierten Szene zuwenden; ob diese zum Zeitpunkt der Hinwendung keine Alternative sehen oder aber – für den Fall, dass eine andere Alternative vorliegt: was den Ausschlag gibt, sich der rechtsextrem orientierten Szene zuzuwenden?“ (S. 406). Das ist nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung der Szene von Relevanz, sondern birgt natürlich auch Erkenntnisse für Prävention.

Diskussion

Ein komplexes Buch, weil es sehr viel Literatur verwendet – vermutlich so ziemlich jede Publikation zu diesem Thema, die seit 2000 dazu verfügbar ist (so umfasst das Literaturverzeichnis rund 50 Seiten!). Damit wird ein sehr guter Überblick über den Stand der Forschung und der Diskussion gegeben, aber gleichzeitig hat das auch eine gewisse Unübersichtlichkeit (insbesondere in den beiden ersten Kapiteln), denn die Menge ist zu viel. Der Autor führt ausgewogene, gut nachvollziehbare Diskussionen (z.B. zu Begriffen, Wahl des Forschungsdesigns etc.), sodass man ihm immer gut folgen kann. Die gewonnenen Erkenntnisse bestätigen einerseits Bekanntes (Bindungsangebote sind von großer Relevanz), andererseits werden die Motivationen zu Abwendungsprozessen gut herausgestellt, was bisher so noch nicht im Blick der Forschung war und damit eine wichtige Ergänzung darstellt.

Das Buch ist im Verlag für Polizeiwissenschaft erschienen und daher ist zu vermuten, dass es nicht nur eine Lektüre für Sozialpädagog:en und Soziolog:en ist, sondern auch Menschen ansprechen soll, die im Kontext von Kriminalität und Justiz tätig sind. Der Autor weist schon zu Beginn des Buches auf die Komplexität der Lektüre hin und rät, entweder (für Praktiker) die Schlussfolgerungen zu lesen oder wer mehr Zusammenhänge erfahren möchte, die jeweiligen Fazits am Ende der Kapitel noch einzubeziehen. Hier wäre es wünschenswert, wenn der Verlag ein wenig das Layout ansprechender gestaltet hätte, indem Hervorhebungen gemacht werden oder Schlagwörter bzw. Stichworte herausgestellt würden oder überhaupt mal Leerzeilen eingefügt worden wären. Im Hinblick auf Lesefreundlichkeit ist das Buch kein gutes Beispiel. Daher wäre zu überlegen, ob es aus diesem Buch auch eine kürzere Fassung geben könnte, die gerade Menschen, die keinen sozialwissenschaftlichen Hintergrund haben (Polizisten, Juristen etc.) einen leichteren Zugang ermöglichen, damit die gewonnen Erkenntnisse auch in diesen Kreisen Berücksichtigung finden.

Fazit

Ein komplexes Buch mit interessanten Forschungsergebnissen, die sicherlich die Diskussion um Motivation und Abwendung zu Rechtsextremismus erweitern und vertiefen werden – sowohl auf der Ebene der Praktiker als auch auf der Ebene der Forschenden. Wer einen Überblick über Forschungen zu Rechtsextremismus sucht, der wird hier fündig, allerdings um den Preis eines anstrengenden Layouts. Allerdings liefert das Buch keinen Überblick über Szenen und Gruppierungen, aber das war auch nicht beabsichtigt. Wer mit rechtsextrem orientierten Personen zu tun hat, dem bietet das Buch viele Aspekte zu Prävention wie auch zu Abwendung (Ausstieg).


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.Euro-FH.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 12.08.2021 zu: Stefan Tepper: Nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein…. Zur Entwicklung von Motiven der Abwendung von rechtsextrem orientierten Szene- und Haltungszusammenhängen. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-86676-596-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28459.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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