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Iris Därmann: Widerstände

Cover Iris Därmann: Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi. Matthes & Seitz (Berlin) 2021. ISBN 978-3-7518-0510-0. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 16,50 sFr.
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Thema

Thema des vorliegenden Bandes ist der Widerstand unter den Bedingungen von extremer Gewalt.

Autorin

Iris Därmann, geb. 1963, ist Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Humboldt-Universität/Berlin.

Entstehungshintergrund

Anstelle von Erzählungen über bewaffneten Widerstand und siegreicher Revolution liegt hier der Fokus auf Widerstand in Form von Flucht, Freitod, Rückzug, Passivität und Phantasien/Träumen, mit denen sich das Ich-Selbst gegen die Gewalt wehrte, selbst wenn der Erfolg ungewiss oder sogar ausgeschlossen war.

Aufbau

Nach einer Vorbemerkung geht es in den folgenden sechs Kapiteln um Traditionsstränge dieser speziellen Form von ‚Widerständen‘ – anstelle von Ohnmacht – gegen Gewalt und Machtansprüche.

In Unterkapiteln geht es um den fugitiven Widerstand, Widerstand und Gewaltforschung ‚avant la lettre‘ und ‚Aisthetischen Widerstand‘.

Das Buch schließt mit einem Nachwort und umfangreiche Anmerkungen.

Vorbemerkung

Därmann beschäftig sich ausführlich mit Emmanuel Lévinas und seiner Ethik als einer Art Leitfaden für eine »undisziplinierte« Form von Widerstandsforschung in Gestalt von Praktiken, Passivierungen Aisthetiken, Geschichten und Theorien. Obgleich es beinahe unmöglich schien, war dieser Widerstand in seiner Vielstimmigkeit und Multiperspektivität bei unsicheren Grenzverläufen zu beobachten und ist ein Zeugnis einer irreduziblen humanen Resistenz angesichts von Sklaverei, Demütigung, Rechtlosigkeit, Folter und Vernichtung.

I. Traditionsstränge

Im westlichen Denken finden sich drei traditionsstränge von Widerstand:

  1. ein erkenntnistheoretischer (Fichte, Maine de Biran, Dilthey, Scheler, Hartmann und Heidegger). Wenn uns etwas Fremd-Selbstständiges entgegentritt machen wir eine Grenz- und Widerstandserfahrung (s.a. S. Freud und Bertha Pappenheim).
  2. wird Widerstand sowohl anziehend als bedrohlich wahrgenommen (Hobbes ‚Leviathan‘). Es gibt gerechte und ungerechte Herrschaftsformen, letztere erlauben Despotenmord und ein Widerstandsrecht sobald Grundrechte auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit verletzt werden. Die haitianische Revolution 1791 war ein ‚Leuchtfeuer für Selbstbefreiung‘ und Hegel, Marx und Engels bekannt. Thoreau begründete 1849 die Praxis des ‚zivilen Ungehorsams‘. Die Legitimität des Widerstandsrechts und deszivilen Ungehorsams leiden unter gesellschaftlichen Exklusionen (z.B. häusliche, sexualisierte und rassistische Gewalt in nichtöffentlichen Räumen).
  3. Der autonome Status von Kunst gründete seit dem 18. Jahrhundert in der Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Das aufsteigende Bürgertum bezog jedoch seine Sucht- und Aufputschmittel aus der Sklaverei und Ausbeutung. Der aufgeklärte Humanismus, z.B. von Kant und Schiller war unter ästhetischem Gesichtspunkt ein ‚halbiertes und koloniales Projekt‘.

Im Gegensatz zu Marx und Engels wiesen Jacques Rancière und Patrick Eiden-Offe auf die »Poesie der (Arbeiter)Klasse« in Arbeiterjournalen und randständigen Texten hin und deren schöpferischen und sozialitätsstiftenden Charakter. Nach Orlando Patterson wussten Sklaven, dass Freiheit (Flucht aus der Sklaverei, auch des Denkens) das Wichtigste überhaupt ist.

II. Fugitiver Widerstand

Auch Flucht kann Widerstand sein (Beispiel ‚Marronage‘, Flucht aus der Sklaverei), ein risikoreicher Bruch mit dem alten Leben. Maroon societies zielten auf Reterritorialisierung. Fluchthelfer sorgten mit ‚Quilt-Codes‘ für geheimes Wissen, für Nahrung und Kleidung und fungierten als Lotsen in der neuen Freiheit. Die Flucht wurde mit Waffengewalt erbittert bekämpft. Die Marronage stellte Sklaverei grundsätzlich infrage.

Das galt auch für die Söldnerheere, z.B. auch in Preußen: Im Siebenjährigen Krieg desertierte die Hälfte der ursprünglichen Truppenstärke zu Beginn des Krieges. Flucht stellt Gewalt- und Gefängnisräume infrage (zahlreiche Fluchtlinien werden mitgeteilt).

III. »Wo Macht ist, ist auch Widerstand«

Politische Philosophie war lange Zeit auf der Seite der Herrschaft und Macht und nicht auf der der Ohnmacht und des Leidens. Misst man den Widerstand nicht am Erfolg, sondern an den verstreuten und niederschwelligen, auch gescheiterten Formen des Widerstandes (auch ‚Passivität‘ als Widerstand), so erweitert sich der Blick für eine ‚Phänomenologie der Gewalt‘ (körperlich und sinnlich für Schmerz und Leiden). Nach Sofsky liegt bereits im Gewaltverzicht Freiheit.

In der Dynamik der Gewalt spielen Institutionen, Medien, Zuschauer und Mitwirkende neutralisierend, verschärfend, legitimierend eine wichtige Rolle. Gegengewalt erschüttert in jedem Fall das Bewusstsein von absoluter Gewalt.

IV. Widerstands- und Gewaltforschung avant la lettre

Widerstand zeigt sich auch in den ‚doppelbödigen Künsten des Handelns‘ (so tun als ob: Auspeitschen ohne dem Opfer ein Haar zu krümmen). Alice und Raymond Bauer untersuchten 1940 Selbstzeugnisse von Sklaven, sich aktiv und passiv der Gewalt zu entziehen (Krankfeiern, Inkompetenz Vortäuschen z.B.) Der Diasporanationalismus bildete das Fundament für das YIVO (Jidischer Wisnschaftlecher Institut in Wilna, Warschau, Berlin), das vielfältiges Material (u.a. Dokumente, Kinderspiele, Fotografien) sammelte. Als Wilna 1939 besetzt wurde, wurde das Institut Teil der Wissenschaftlichen Akademie der Sowjetisch-Sozialistischen Republik Litauen; bei der Zerstörung 1942 gelang es Bücher und Dokumente in das Ghetto zu schmuggeln.

Das Schreiben wurde zu einer Dokumentation der Verbrechen. Eine umfassende Chronik des Wilnaer Ghettos in jiddischer Sprache gab Hermann Kruk heraus.

Simon Dubnow verfasste 1932 eine Lehrbuch ‚Idische geschichte far Kinder‘. Nach der Befreiung durch die Rote Armee gründeten Überlebende 1944 in Lublin eine Historische Kommission nach dem Vorbild des YIVO. Der Widerstands- und Überlebenswille insbesondere der Kinder wurde dokumentiert. Alltagsgegenstände und die soziale Organisation im Ghetto wurden zu Zeugen der Vernichtungspolitik. Einen Überblick über die die Widerstands- und Holocaustforschung gab Elisabeth Gallas. Außer Häftlingsaufständen gab es vielfältige Foren des Widerstandes u.a auch durch Dokumentation und Zeitzeugenberichte über religiöse, soziale, kulturelle und politische Widerstandspraktiken. Auch war bereits das Überleben war eine Form des Widerstands, der sich auch in Phantasien/Träumen zeigte.

V. Aisthetischer Widerstand

Persönliche Räume, Reservate des Selbst, haben nach Goffman in totalen Institutionen kein Gültigkeit, was auf eine Entmenschlichung des Selbst zielt. Deshalb sind Träume oft ein Rückzugsort für ‚Wunsch-Revolten‘ (Hinweis auf Träume von S. Freud). Die Träume von Primo Levi und Jean Cayrol wurden in Konzentrationslager konzipiert und später literarisch bearbeitet.

In der komatösen Nachtwelt des KZ (Schweiß, Ängste, Gerüche) entstanden nach Levi vier Traummodalitäten: Hungerträume, Alpträume mit Tagesresten, Zeugen- und Überlebensträume und riskante Hoffnungsträume. Auch Selbstmord konnte eine Form des Protestes sein.

Stabile Kleingruppenbeziehungen waren überlebenswichtig und konnte auch eine jüdische Identität schützen (Kaddisch, Feiertage). Es gab zahllose Formen von aktivem und passivem Widerstand, dauernde, aber auch leider leicht verwischbare Spuren.

Nachwort

Der Mnemosyneatlas von Thomas Blatt beschreibt den spirituellen, fugitiven, konfrontativen, suizidalen, gescheiterten und bezeugten Widerstand gegen die totale eliminatorische Gewalt. Wenn auch mit historischer Verspätung muss dieser Widerstand ernstgenommen werden. Es gibt Verbindungen zwischen kolonial-rassistischen und antisemitisch-eliminatorischen Gewaltgeschichten. Aimé Césaire fand in den NS-Verbrechen gegen ‚weiße Menschen‘ ein Anwendung kolonialer Praktiken auf Europa. Jean Améry bezog sich auch auf Frantz Fanons antikoloniales Konzept revolutionärer Gegengewalt. Im Gegensatz zu kolonialer Gewalt war jedoch in Auschwitz die Tötung Gewissheit.

Die jüdische Holocaustforschung verknüpft soziologisch die ‚Waffen der Schwachen‘ mit den ‚schwachen Waffen‘ i.S. eines niedrigchwelligen Widerstandes, der nicht am Erfolg, sondern am Unmöglichen orientiert ist. Problematisch ist im Hinblick auf Extremsituationen die Betonung von Sichtbarkeit und Öffentlichkeit unter Ausschluss der passiven Widerstandsformen. Widerstand kann nur daran gemessen werden, dass er sich ereignet und eine Spur hinterlassen hat, dazu gehören auch Selbstaneignung Selbstentaneignung (um sich der Gewalt zu entziehen) und jede Form des Weiterlebens als Überlebenswiderstand. Eine kontextsensible Widerstandsforschung muss mit Gewaltforschung kooperieren, um Überzeichnungen und Effizienzüberschätzungen zu vermeiden.

Diskussion

Ein sehr komprimiertes und wichtiges Buch, das bereits frühere Veröffentlichungen vorstellt, dennoch im Aufbau und der gedanklichen Durcharbeitung das Thema der vielfältigen Formen von ‚Widerständen‘ bearbeitet und zudem in dem umfangreichen Anmerkungen Anregungen und Hinweise zu einer vertieften Beschäftigung mit dem Thema bietet. Die zahlreichen alltäglichen passiven und aktiven Formen des Widerstandes sind sowohl Angriffe auf die Gewalt und die Gewaltinhaber als auch eine Selbstverteidigung gegen totalitäre Ansprüche, die nicht nur den Körper sondern auch die Seele und das Selbstwertgefühl zerstören sollen.

Solche Beispiele von ‚Widerständen‘ gehören in den Literatur- und Sozialkundeunterricht, da Gewalt auch außerhalb totaler Institutionen alltäglich praktiziert und erlebt wird.

Zudem wird der Mythos von ‚wie die Schafe zur Schlachtbank‘ angesichts der Opfer des Holocaust grundsätzlich infrage gestellt, eine notwendige, wenn auch späte Korrektur. Da wo man Widerstand leisten konnte, wo man also auch die ‚Macht‘ oder das Vermögen dazu hatte, wurde aktiv und passiv Widerstand geleistet und das Unmögliche versucht. Das war meist nicht verknüpft mit äußerem Erfolg, aber doch mit einem inneren, was das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl anbetraf.

Ein angesichts der beschriebenen Gewaltexzesse nach wie vor erschreckendes und gleichzeitig angesichts der ‚Widerstände‘ hoffnungsvolles Buch.

Fazit

Unbedingt lesenswert und insbesondere geeignet für Gespräche mi Jugendlichen und Heranwachsenden, um ein kreatives Nachdenken über Widerständigkeit angesichts von Gewalt anzuregen.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 06.07.2021 zu: Iris Därmann: Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi. Matthes & Seitz (Berlin) 2021. ISBN 978-3-7518-0510-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28465.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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