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Nkechi Madubuko: Praxishandbuch Empowerment

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 17.06.2022

Cover Nkechi Madubuko: Praxishandbuch Empowerment ISBN 978-3-7799-6478-0

Nkechi Madubuko: Praxishandbuch Empowerment. Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen begegnen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 120 Seiten. ISBN 978-3-7799-6478-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Stellen Sie sich folgenden Fall vor: Im Kindergarten dürfen sich alle Kinder nach einem erfolgreichen Spiel etwas aus der Süßigkeitentüte nehmen. Als jedoch auch ein afrodeutscher Junge etwas nehmen will, wollen das die anderen Kinder nicht. Sie haben Angst vor „einer Krankheit aus Afrika“. Die Kindergärtnerin klärt die Situation nicht. Vielleicht erscheint das Beispiel (vgl. 46) im ersten Moment überzogen. Es verdeutlicht aber grundlegend die vorverurteilende Ablehnung eines Einzelnen von Seiten seiner Gruppe und die Unbeholfenheit im Handeln der Fachkraft. Diese Phänomene sind keineswegs überzogen und sicherlich vielen Fachkolleg:innen bekannt. Erfahrungen von Ablehnung oder gar des Hasses aufgrund von nicht beeinflussbaren bzw. nicht korrigierbaren Merkmalen wie Herkunft, Hautfarbe oder Religion sind alltäglich. Sie treten mehr oder minder offensichtlich auf und sie verlangen nach Antwort der pädagogischen Professionen und der Sozialen Arbeit: Wie kann ich Rassismus erkennen und wie ist diesem zu begegnen?

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Nkechi Madubuko ist Soziologin, Diversity-Trainerin und ausgebildete Fernsehjournalistin (ZDF). Sie war viele Jahre als freiberufliche Moderatorin tätig. Zudem unterrichtet sie an den Universitäten Koblenz und Kassel und veröffentlichte zahlreiche Fachpublikationen, u.a. „Akkulturationsstresse von Migranten“ (2010) und „Empowerment als Erziehungsaufgabe“ (2016). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Empowerment, Verarbeitung von Rassismuserfahrungen und rassismuskritische Bildung. In diesem Kontext steht auch das vorliegende Buch, in dem Empowerment-Trainer_innen erstmals ihre Methoden in geschützten Räumen (Safer Spaces) vorstellen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch richtet sich an Personen, die ihrer sozialen Arbeit diversitäts-sensibler und empowerment-orientiert vorgehen wollen. Es gliedert sich in folgende sechs Kapitel samt einer Abschlussreflexion.

  1. Es werden Wissensbestände für empowerment-orientiertes Arbeiten vorgestellt: Migrationsgesellschaft und Grundlagen zu Diversität; Ausgrenzungsmechanismen wahrnehmen; Rassismus erkennen; Wissen über soziale Gruppen und deren Wichtigkeit; diversitätssensibler Umgang mit Unterschieden; eigene Zuschreibungsprozesse entlarven und rassismuskritisch denken. Empowerment-orientiertes Arbeiten verlangt für Madubuko folgenden Blick: „Rassismus ist kein rein individuelles Problem, also kein Problem einer Einzelperson gegenüber einem Auslöser. Es ist viel mehr ein System, in dem alle Menschen eingebunden sind, ein soziales Phänomen, welches regelhaft in der Gesellschaft stattfindet. Es zu verändern bedeutet einerseits eine Abkehr von jeglichem rassistischen Verhalten, Denken und Strukturen, sowie wertschätzendes Verhandeln von Vielfalt und andererseits auf der Seite der Betroffenen, sich gegen die Internalisierung, das ‚Annehmen‘ dieses unsinnigen, gewaltvollen Unterscheidungssystems zu wehren und Widerstand zu leisten“ (15).
  2. Die Autorin zeigt hier Wirkungen von Rassismuserfahrungen, wie Bedrohung des Selbstwertgefühls, emotionale Belastungen (u.a. Angst, Schuld, Trauma) und damit mögliche Schwierigkeiten der Betroffenen, über diese Erfahrungen zu sprechen. Zugleich gibt sie erste Hinweise für das Handeln von Fachkräften, die in den nachfolgenden Teilen des Buches weiter ausgeführt werden.
  3. In diesem Kapitel steht im Blick, wie Agierende Diskriminierung begegnen können. Mit dem Modell „Verursacher-Betroffenen-Zuschauer“ (V-B-Z) bietet Madubuko eine Blickrichtung, in der das systemische Setting in den Blick genommen wird. Sie zeigt hierbei an Fallbeispielen, dass und wie „der Effekt einer Reaktion vielschichtig und wichtig ist für verschiedene beteiligte Gruppen“ (97).
  4. Wie lässt sich eine wertschätzende Haltung zu Vielfalt entwickeln? Hier wird der rechtliche Aspekt in den Vordergrund gestellt, die der Fachkraft eine Verantwortung abverlangt, Kindern und Jugendlichen Diskriminierungsschutz zu gewährleisten: „Es gehört zu Ihrem Bildungsauftrag Kindern ihr Recht auf Diskriminierungsschutz in der Einrichtung zu gewährleisten. Rassistische Diskriminierungen haben weitreichende Folgen, die mit den pädagogischen Zielen und denen der Sozialen Arbeit nicht vereinbar sind. Diversitätssensible Haltung ist etwas, was durch Wissen untermauert wird“ (123).
  5. Im Teil Empowerment und empowerment-orientiertes professionelles Handeln werden zunächst sozialpolitische Dimensionen skizziert. Dabei zeigt sich Empowerment als ein wichtiger und notwendiger „Teil einer gesellschaftlichen Antwort auf Diskriminierungserfahrungen, in dem die Betroffenen die Aktiven sind“ (125). Diese und weitere Erläuterungen zur Gefühlsebene als Ausgangspunkt von Empowerment-Prozessen führen zum Modell des „Empowerment-Hauses“. Das besteht aus drei Ebenen: Haltungs- und Wissenskompetenz (Fundament), der Verhaltenskompetenz (Basis-Ebene) und Safer Spaces (Spitze).
  6. Die Spitze des Empowerment-Hauses, die Safer Spaces „Empowerment-Schutzräume“, sind Gegenstand des abschließenden Kapitels. Erfahrene Trainer:innen of Color, also von Rassismus ebenso betroffenen Personen, wurden von der Autorin nach ihren Berufspraxis-Erfahrungen und ihren professionellen Sichtweisen befragt. In den Interviews stellen diese Fachkräfte ihre Methoden und Reflexionen und damit ihr jahrelanges Erfahrungswissen gebündelt dar.

In ihren abschließenden Gedanken formuliert die Autorin den eingängigen Appelle: „Jeder kann etwas zur Veränderung beitragen“ (207). Mit ihrem Buch versucht sie insgesamt dafür Sorge zu tragen, dass kein Kind aufgrund von rassistischen Erfahrungen den Weg in die Selbstablehnung geht.

Diskussion

Das Buch ist leicht verständlich geschrieben und formal gut strukturiert. Jedes Kapitel hat eine Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte. Es gibt zudem Verweise auf zusätzliche Literatur und Links für themarelevante Ausbildungsgänge. Mitunter irritieren jedoch Wiederholungen den Lesefluss, so an den Stellen, wo Madubuko am Ende eines Kapitels vorab die nächsten Themen aufgreift und dann noch einmal erläutert (vgl. 19), was dann jedoch nicht konsequent in den nächsten Teilen fortgeführt wird.

Das schmälert die inhaltliche Relevanz des Buches nicht. Die Autorin schreibt in einem sehr engagierten Stil aus der Sicht einer Betroffenen. Rassismus ist für sie nicht bloße Theorie, sondern Lebens- und Praxiserfahrung. Diese thematisiert sie als emotionale Gewalterfahrung, als Gefühl von Ablehnung bis Hass. Dass Betroffene nicht in den weiterführenden Prozess der Selbstablehnung geraten, ist ihr ein wesentliches Anliegen. Spürbar will sie ihre Leser:innen motivieren, gegen Rassismus anzugehen. Mit ihren Worten formuliert: Sie will „eine Brücke schlagen zu all denen, die sich auch auf diesen Weg begeben wollen mit Empowerment und Empowerment-Orientierung“ (15). Das gelingt nicht nur durch die inhaltlichen Ergänzungen ihrer Kolleg:innen, sondern didaktisch auch durch die Einbindung der beiden oben genannten Modelle. Die interviewten Empomerment-Trainer:innen ergänzen hier die inhaltlichen Aspekte und bestätigen so innovativ die Aussagen von Madubuko und ihre Methodik.

Fazit

Das Buch kann als Lern- und auch als Lehrbuch gesehen werden und ist somit für Studierende und Dozierende gleichermaßen relevant. Es ist zudem empfehlenswert für pädagogische Fachkräfte allgemein und konkret für in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tätige Personen. Sie erfahren in dem Buch, welches Wissen und welche Haltung es braucht, um Rassismus in seinen Facetten zu erkennen und Empowerment praktisch mitzudenken.

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 21 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 17.06.2022 zu: Nkechi Madubuko: Praxishandbuch Empowerment. Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen begegnen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6478-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28474.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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