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Viola Harnach: Auftrag Teilhabe

Cover Viola Harnach: Auftrag Teilhabe. Die Hilfen des Jugendamtes für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-6428-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Viele Kinder, Jugendliche und junge Volljährige können infolge einer psychischen Krankheit nicht in vollem Umfang am Leben in der Gesellschaft teilhaben. Die Fachkräfte der Träger der öffentlichen Jugendhilfe und der Leistungserbringer*innen benötigen bei der Unterstützung dieser Menschen umfassende psychologische und rechtliche Kenntnisse der Voraussetzungen und des Inhalts der Hilfe nach § 35a SGB VIII und des bei der Erbringung dieser Hilfe zu beachtenden Verfahrens. Diese Kenntnisse will die Autorin mit dem hier zu besprechenden Buch vermitteln.

Autorin

Viola Harnach war an der Hochschule Mannheim Professorin für Psychologie mit den Schwerpunkten Kinder- und Jugendpsychologie, Psychosoziale Diagnostik, Erziehungsberatung und Klinische Psychologie. Sie lehrte und forschte dort zu diesen Themen.

Inhalt und Diskussion

In Abschnitt 1 „Eine Familie sucht Hilfe“ (S. 14-15) von Kapitel I „Das Jugendamt als Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung“ (S. 13-55) stellt die Autorin einen Beispielsfall voran und erleichtert damit den Leser*innen den Zugang zu der Thematik. Sie weist auf die Gefahr der Stigmatisierung der Betroffenen hin, wenn bei ihnen eine Behinderung diagnostiziert wird. Hier wäre es hilfreich gewesen, wenn die Autorin aufgezeigt hätte, welche alternative Möglichkeiten sie sieht.

In Abschnitt 2 „Was heißt 'Behinderung'?“ (S. 16-18) geht die Autorin vor allem auf das allgemeine Begriffsverständnis der Behinderung ein. Sie vertritt die umstrittene These, dass auch im Rahmen von § 35a SGB VIII das Begriffsverständnis von § 2 SGB IX zu berücksichtigen sei. Dies hätte nach Auffassung des Rezensenten angesichts der Tatsache, dass der Gesetzgeber in § 35a Abs. 1 S. 1 SGB VIII bewusst am alten Begriffsverständnis festgehalten hat, näherer Erläuterung bedurft.

In Abschnitt 3 (S. 19-30) wird komprimiert, aber sehr informativ die Entwicklung des Rechts der Rehabilitation und Teilhabe seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts referiert.

Zu Abschnitt 4 „Rechtliche Vorgaben für die Leistungsbewilligung“ (S. 31-55) sei dem Rezensenten eine Vorbemerkung erlaubt, selbst wenn es für Nichtjurist*innen oberschulmeisterlich klingen mag. Die Überschrift in Unterabschnitt 4.1 verwundert sehr, zumal die Autorin an anderen Stellen des Buches präzise Terminologie einfordert. Selbst wenn dem Begriff „Kinder- und Jugendhilfegesetz“ verschämt der Klammerzusatz „(SGB VIII)“ angefügt wird, ändert dies nichts daran, dass diese Bezeichnung nach der Systematik des SGB formal nicht korrekt ist. Vielmehr wird der unzutreffende Eindruck erweckt, dass beide Begriffe synoym verwendet werden können. Entsprechendes gilt an anderer Stelle des Buches für die Begriffe Bundesteilhabegesetz und SGB IX. Diese terminologischen Unrichtigkeiten trüben den ansonsten überzeugenden Eindruck der weiteren Ausführungen des Abschnitts. Im Übrigen sind die Ausführungen in Abschnitt 4 sehr gelungen. Es werden umfassend die Voraussetzungen, der Inhalt und das Verfahren der Bewilligung der Leistung nach § 35a SGB VIII erläutert. Hervorzuheben ist insbesondere, dass der Blick auf entwicklungspsychologische Aspekte gerichtet wird, der oft in den juristischen Darstellungen von § 35a SGB VIII zu kurz kommt. Anlass zu Kritik gibt Abschnitt 4 kaum. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn bei den Ausführungen zum Antrag (S. 36 ff.) auf § 36a Abs. 1 und 2 SGB VIII hingewiesen worden wäre.

In Kapitel II „Psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen“ (S. 57-153) wird zunächst in Abschnitt 1 „Grundlagen“ (S. 58-65) auf den Begriff „Psychische Störungen“ einschließlich der mit ihm verbundenen Probleme, auf die Klassifikation der psychischen Störungen, ihre Entstehungsbedingungen und die Epidemiologie eingegangen. Es folgen in Abschnitt 2 (S. 66-153) sehr informative Ausführungen zu den einzelnen Störungsgruppen nach der ICD-10.

Kapitel III (S. 155-177) erläutert „Die Hilfeplanung im Jugendamt“. Dabei wird insbesondere auf die Querbezüge zum SGB IX eingegangen. Zunächst betont die Autorin die Notwendigkeit umfassender Beratung der betroffenen Menschen. Es folgen Ausführungen zu auch bei der Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII zu beachtenden Fristen dem nach den SGB IX. Hieran schließen sich Ausführungen zur Ermittlung des individuellen Bedarfs, die Entscheidung über die Leistung und Funktion, Inhalt und Aufbau des Hilfeplans sowie gegebenenfalls zu beachtende Besonderheiten des Teilhabeplans an. Mit Kapitel III stellt die Autorin den Leser*innen eine wichtige Hilfe zur Verfügung, das für juristische Laien nicht leicht zu durchschauende Zusammenspiel von SGB VIII und SGB IX zu verstehen und bei der praktischen Fallbearbeitung rechtssicher zu handeln.

In Kapitel IV (S. 179-217) „Die Gestaltung der Leistung“ werden die Ziele, die Hilfeformen und Leistungsarten (Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Leistungen zur Teilhabe an Bildung und Leistungen zur Sozialen Teilhabe) sowie die bei der Auswahl im Einzelfall zu beachtenden Anforderungen (Geeignetheit und Notwendigkeit) beschrieben. Bei den Leistungsarten legt die Autorin zu Recht den Fokus auf die für junge Menschen mit psychischer Krankheit besonders bedeutsame Leistungen: die Früherkennung und Frühförderung und die Leistungen zur Teilhabe an Bildung sowie die Assistenzleistungen und die heilpädagogischen Leistungen. Diese Leistungen sind für die Arbeit in der Praxis von überragender Bedeutung. Hervorzuheben sind insbesondere die Ausführungen zur Teilhabe an Bildung.

Kapitel V (S. 219-238) „Weitere Vorschriften“ geht schließlich auf rechtliche Aspekte ein, die zuvor in dem Buch noch nicht angesprochen wurden: Kostenerstattung für selbstbeschaffte Leistungen, Kombination von Eingliederungshilfe und Hilfe zur Erziehung, Leistungen zum Unterhalt des Kindes oder Jugendlichen, Krankenhilfe, Kostenbeteiligung der Leistungsberechtigten, Datenschutz und Qualitätsentwicklung und -sicherung. Mit diesen Ausführungen erhalten die Leser*innen eine gute Grundversorgung zu den aufgezählten Thematiken.

Fazit

Der Autorin ist es gelungen, die psychologischen und rechtlichen Aspekte der Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit (drohender) seelischer Behinderung auf überschaubarem Raum detailliert darzustellen. Es ist für alle, die sich in der Praxis mit Fragen der Teilhabe dieser Kinder und Jugendlichen befassen, eine wichtige Hilfestellung und eine verlässliche Informationsquelle. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen. Ihm ist zu wünschen, dass der Markt es wohlwollend aufnimmt.


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Winkler
Professor für Sozialrecht Katholische Fachhochschule Freiburg
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Jürgen Winkler. Rezension vom 22.11.2021 zu: Viola Harnach: Auftrag Teilhabe. Die Hilfen des Jugendamtes für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6428-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28475.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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