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Stephan Maykus: Sozialpädagogik als Kooperation

Rezensiert von Prof. Dr. rer.soc. Ulrich Deinet, 21.06.2022

Cover Stephan Maykus: Sozialpädagogik als Kooperation ISBN 978-3-7799-6606-7

Stephan Maykus: Sozialpädagogik als Kooperation. Schule, Bildung, Netzwerke, Partizipation – Ein Weg zur pädagogischen Kommunalentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 282 Seiten. ISBN 978-3-7799-6606-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema, Hintergründe, Autor*innen

In Weiterführung seines Buches „Kommunale Sozialpädagogik“ aus dem Jahr 2017 und seiner umfassenden Auseinandersetzung mit der Kooperation von Jugendhilfe und Schule sowie den „Beziehungen“ von Schule und Sozialpädagogik geht es Maykus nun um eine „Rückgewinnung des Pädagogischen“ vor dem Hintergrund einer entstandenen Bezugslosigkeit innerhalb und zwischen Pädagogik und Organisation. Eine neue Perspektive kommunaler Kinder- und Jugendbildung soll durch Einblicke in „Wegeetappen“ der Kooperationsbeziehungen zwischen Jugendhilfe und Schule entwickelt werden, deren Grundlage eine „pädagogische Kommunalentwicklung“ ist.

Stephan Maykus ist Professor an der Hochschule Osnabrück für Methoden und Konzepte der Sozialen und lehrt und forscht sein vielen Jahren in den Bereichen Bildung und Sozialpädagogik (z.B. Ganztagsbildung, Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Bildungslandschaften usw.) und gehört auch durch seine umfangreichen Fachpublikationen zu den bundesweit ausgewiesenen Experten in diesen Themenbereichen.

Inhalt

Das Buch ist nach der Einführung in vier große Kapitel unterteilt gefolgt von einem Schlussteil, der Perspektiven aufzeigen soll.

  • Im ersten Kapitel geht es um das Thema „(Ganztags-)Schule als Kooperationsfeld für Sozialpädagogik“; der erste Teil dieses Kapitels beschreibt eine sozialpädagogische Sicht auf das Kooperationsfeld und „sozialintegrative Optionen“. Nach einem kurzen Rückblick auf Funktionen einer Sozialpädagogik in der modernen Gesellschaft und der Beschreibung von „Reflexivitätsdimensionen“ werden die Interventionsziele der Sozialpädagogik in der Kooperation mit Schule zwischen den Polen einer „Lebenslagengestaltend-strukturierenden Perspektive“ und einer „Problembearbeitend-integrativen Perspektive“ (S. 21 ff) formuliert. Bezugnehmend auf Ansätze von Lothar Böhnisch (Milieubildung, Bewältigungsansatz, Anomieproblem der Schule) wird eine grundsätzliche Position der Sozialpädagogik zwischen Sozialintegration und Lebensbewältigung beschreiben und auf dieser Grundlage Arbeitsprinzipien und Interventionsziele formuliert (S. 29 ff.). Der zweite Teil thematisiert die Machfrage zwischen Sozialpädagogik und Schule. Wieder greift Maykus hier auf eine theoretische Folie zurück: die figurationstheoretische Machttheorie von Norbert Elias (S. 38 ff.), und damit hier zeigt das Buch seinen – im positiven Sinn – heimlichen Lehrbuchcharakter, in dem der Autor in gekonnter Weise Theorien für seine Argumentationen nutzbar macht und damit auch dem Leser näher bringt. Mit dem Ansatz von Elias gelingt nicht nur ein sehr differenzierte Analyse der von Machtaspekten geleiteten Kooperationsbeziehungen zwischen LehrerInnen und Sozialpädagoginnen. Die Analyse der unterschiedlichen Machtquellen (S. 42 ff) mündet in eine umfassende Beschreibung und einem Schaubild, das beschreibt wie „regulierte und transparente Machtrelationen als Voraussetzung und Ergebnis einer effektiven Kooperationsstruktur und -kultur“ gestaltet werden können. Im dritten Teil des ersten Kapitels geht es das Thema „Kinder fördern“; eine Aufgabe von Schule und außerschulischen Partnern (S. 54 ff): Das Postulat der individuellen Förderung wird aus einer sozialpädagogischen Sicht entwickelt und daraus konzeptionelle Ziele für eine Ganztags-Grundschule entwickelt, die dann in fünf Positionen als „Entwicklungsfragen von Ganztagsschule auf dem Weg zur individuellen Förderung in Kooperation“ zusammengefasst werden (S. 61 ff.). Der vierte und letzte Teil des ersten Kapitels beschäftigt sich mit Problemfeldern der Ganztagsschulentwicklung, die in zehn Punkten verdichtet werden. Grundlage sind sozialpädagogische Maximen, die anstelle der Reduktion auf ein erweitertes Bildungsverständnisses – wieder mehr in den Mittelpunkt der Leistungen der Jugendhilfe in der Kooperation mit Schule gestellt werden sollten.
  • Im zweiten Kapitel des Buches stehen Netzwerke, Organisation und Planung der Kooperation von Jugendhilfe und Schule im Fokus. Dabei wird die Entwicklung von Bildungslandschaften ausführlich diskutiert und die Balance zwischen „Innovationspotenzialen und Integrationsdefiziten“ kommunaler Bildungsnetzwerke ausgelotet (S. 99 ff.) Der über die Kooperation von Jugendhilfe und Schule deutlich erweiterte Rahmen von Bildungslandschaften und Netzwerken wird deutlich, die sich aber in einem kommunalen Räumen dann stellenden Steuerungs- und Passungsfragen „verräumlichter und netzwerkorientierter Bildungsstrukturen“ werden systematisch erfasst, die Ansätze bleiben aber oft auf einem normativen Niveau und können nicht gelöst werden, z.B. in Bezug auf die Notwendigkeit einer „Kommunalisierung“ von Schule jenseits der nach wie vor vorhandenen Trennung zwischen inneren und äußeren Schulangelegenheiten. Die von Maykus geforderte Verbindung von Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung ist meiner Einschätzung nach noch nicht wirklich vorangekommen. Der letzte Teil befasst sich mit dem Spannungsverhältnis von „Subjektbezug, Organisationslogiken und kommunalem Raum“ in der Entwicklung solcher Netzwerke (S. 132 ff.).
  • Das dritte Kapitel „Jugend und Partizipation“ entfaltet eine genuin jugendpädagogische Position für die Kooperation besonders im 10. Beitrag „Ganztagsschule des Jugendalters“ (S. 173 ff.) und entwickelt daraus „Kernherausforderungen des Jugendalters als Anlässe für die Kooperation“ (S. 182 ff.). Auch aus dem Themenfeld der Kooperation von Jugendarbeit (S. 149 ff.) begründet Maykus eine stringend jugendpädagogische Perspektive für die Kooperation, die in vielen Fachbüchern fast gänzlich fehlt, besonders stark. Der Titel des 10. Beitrags in diesem Kapitel „Ganztagsschule des Jugendalters“ (S. 173 ff.) betont die jugendpädagogische Perspektive und bringt die Anforderungen und Themen einer jugendorientierten Ganztagsschule auf den Punkt. Mit der Formulierung von „Kernherausforderungen des Jugendalters als Anlässe für Kooperation“ (S. 182 ff.) endet das dritte Kapitel auch in einem hilfreichen Raster von Leitfragen, Anforderungen für die Kooperation und reflexiven Impulsen für die Akteure (S. 189) und nimmt dabei Bezug auf den 15. Kinder- und Jugendbericht und den jeweilign Abschnitten darin.
  • Das vierte Kapitel „Kommunale Perspektiven der Sozialpädagogik“ stellt auch eine Zusammenfassung und Weiterentwicklung des zentralen Werkes von Maykus: „Kommunale Sozialpädagogik“ aus dem Jahr 2017 dar. Auf der Grundlage der Klärung gesellschaftstheoretischer Zusammenhängen im ersten Teil entfaltet Maykus seine zivilgesellschaftlichen Optionen als Bewertungskriterien der Kommunalpädagogik. Auch hier stellt das (Lehr-) Buch wieder Theoriebezüge und begründet die Kommunalpädagogik vor allem auf Richter fußend vor dem Hintergrund der Theorie kommunikativen Handelns von Habermas als „Verhältnisbestimmung von Kommune und Pädagogik“ (S. 209). Vor allem Richters Ansatz der Kommunalpädagogik und seine Kritik an Bildungslandschaften als reine „Organisations- und Bildungsdienstleistungen“ (S. 211) ohne kommunale Erdung wird systematisch entfaltet und in einem integrativen Rahmen kommunaler Sozialpädagogik verdichtet (S. 220). Bezugnehmen auf die Arbeiten von Nassehi zur Theorie einer Gesellschaft der Gegenwarten (S. 228) und der „Anerkennungs-Theorie“ von Axel Honneth (S. 231) entfaltet der 13. Beitrag das Thema einer Vermittlungsfunktion kommunaler Öffentlichkeiten und speziell der Bedeutung von Vermittlungsräumen zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe (S. 233). Im letzten Beitrag ist Maykus wieder bei seiner Jugendperspektive, die er an den „Räumen“ von Großstadt-Jugendlichen beschreibt. Hier formuliert er – den Ausführungen des 15. Kinder- und Jugendberichts folgend – Aspekte einer Jugendorientierung als Kern einer „gemeinsamen Gestaltungsverantwortung“ (S. 243) nicht nur von Jugendhilfe und Schule. Das Beispiel „Forum junges Stadtteilleben“ (S. 245) bringt die Aspekte noch einmal sehr praxistauglich zusammen.
  • Am Schluss steht eine verdichtete Beschreibung jugendlicher Lebensräume auch unter den aktuellen Bedingungen der Corona-Pandemie und der Bedeutung digitaler Kommunikation und sein Plädoyer für die „Ermöglichung von Jugend“ (S. 253) auch in der weiteren Entwicklung von Bildungslandschaften und der Kooperation von Jugendhilfe und Schule.

Diskussion

Auch wenn der Autor diesen Aspekt nicht in den Vordergrund stellt, ist das vorliegende Werk auch ein Lehrbuch und verbindet in bestem Sinne Theorie und Praxis, in dem Theorien und theoretische Aspekte nicht nur zur Analyse der komplizierten Beziehungen zwischen Sozialpädagogik und Schule eingeführt sondern auch konstruktiv für die Entwicklung von praxistauglichen Vorschlägen und Gestaltungselementen genutzt werde.

Bei der Fülle der Bücher zum Thema der Kooperation zwischen Sozialer Arbeit und Schule kann man sicher fragen, ob es noch neue Aspekte gibt. Das Buch bietet keine neuen empirischen Befunde zum Thema, die Leistung des Autors besteht vielmehr darin, gleichzeitig einen Überblick über das weite (und weit über Schulsozialarbeit gehende) Feld der Kooperationsfelder zu geben und die Themen aus einer stringend sozialpädagogischen Perspektive zu beschreiben und damit auch bisher vernachlässigte Aspekte zu stärken und die bekannten Themen so neu zu denken.

Man muss beim Lesen einige Redundanzen im Buch überwinden weil Aspekte immer wieder neu und etwas anders formuliert werden. Dafür können die einzelnen Teile auch durchaus als in sich geschlossene Beiträge gelesen werden so wie sie wohl auch zum Teil entstanden sind. Der Titel „Sozialpädagogik als Kooperation“ spiegelt nicht wirklich den Ansatz und die Leistung des Werkes wieder und ist etwas verwirrend, obwohl es sicher immer wieder um die zentrale Frage der Kooperationen geht.

Der größte Wert dieses weiteren Buches in einer langen Reihe zu Veröffentlichungen zu den Themenbereichen der Kooperation von Jugendhilfe und Schule liegt in der dezidiert jugendpädagogischen Perspektive und der konsequenten Entwicklung einer kommunalen orientieren Sozialpädagogik in der Kooperation. Auch wenn beide Aspekte nicht wirklich neu sind und vom Autor schon dezidiert beschrieben wurden besteht der (Mehr-) Wert der aktuellen Publikation in einer sowohl theoretisch unterlegten als auch immer wieder auf die Praxis bezogenen stringenten jugendpädagogischen Perspektive in einer kommunalen Sozialpädagogik.

Fazit

Das Buch von Maykus stellt sowohl eine Einführung in das Thema der Kooperation von Jugendhilfe Schule in zahlrechen Feldern dar, und es ist auch ein Arbeitsbuch, das immer wieder Theoriebezüge und aktuelle Studien vorstellt und in einen größeren Zusammenhang stellt. Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über die Grundlagen und wichtigsten Handlungsansätze der Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Dazu werden Theorien, aktuelle Studien und konträren Positionen auf dem heutigen Stand der Diskussion dargestellt. Wer beruflich oder im Rahmen seines Studiums mit der Kooperation von Jugendhilfe und Schule befasst ist, findet in dem Band vielfältige Aspekte, die jeweils theoretisch eingeordnet und in ihrer praktischen Bedeutung erläutert werden.

Rezension von
Prof. Dr. rer.soc. Ulrich Deinet
Dr. rer. soc., Dipl.-Pädagoge, bis 2021 Professur für Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Co-Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und –Entwicklung FSPE; Mitherausgeber des Online-Journals „sozialraum.de“. Freiberuflicher Kindheits- und Jugendforscher, Seminarleiter, Berater und Referent, Themen: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Schulsozialarbeit, Ganztagsbildung, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung.
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Es gibt 8 Rezensionen von Ulrich Deinet.

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Zitiervorschlag
Ulrich Deinet. Rezension vom 21.06.2022 zu: Stephan Maykus: Sozialpädagogik als Kooperation. Schule, Bildung, Netzwerke, Partizipation – Ein Weg zur pädagogischen Kommunalentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6606-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28483.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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