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Klaus-Peter Hufer, Laura Schudoma: Die Neue Rechte und die rote Linie

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Frindte, 04.05.2022

Cover Klaus-Peter Hufer, Laura Schudoma: Die Neue Rechte und die rote Linie ISBN 978-3-7799-6407-0

Klaus-Peter Hufer, Laura Schudoma: Die Neue Rechte und die rote Linie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 151 Seiten. ISBN 978-3-7799-6407-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Hintergrund

„Wir wollen mehr Demokratie wagen…“, so Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag in Bonn am 28. Oktober 1969. Eingeleitet wird diese, mittlerweile legendäre Aussage durch die folgenden zwei Sätze: „Unser Volk braucht wie jedes andere seine innere Ordnung. In den 70er Jahren werden wir aber in diesem Lande nur so viel Ordnung haben, wie wir an Mitverantwortung ermutigen. Solche demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen“ (Brandt 1969, S. 20). Man könnte meinen, hier spräche jemand vom Deutschland im Jahre 2022 und es äußere sich ein Politiker, der nicht nur eine Vision formuliert, sondern eine Aufforderung ausspricht, dass und wie die deutsche Gesellschaft ihre Zukunft gestalten und sich den Angriffen auf die Demokratie erwehren kann: Durch mehr Demokratie, Freiheit und Mitbestimmung.

Rechtsextreme, Rechtspopulisten und neue Rechte greifen die Demokratie und ihre Grundwerte an. Das ist keine akademische These, sondern praktische Realität. Nicht nur in Deutschland und nicht nur in Europa. Es handelt sich um Angriffe auf die Menschenwürde, die Freiheit, die Mitmenschlichkeit, die Vernunft, die Solidarität, die Gleichberechtigung, eben das, was man getrost als humanistische Errungenschaften bezeichnen kann. Wer sind die Angreifer? Welch Geisteskind sind sie? Wie kann man sich ihrer erwehren?

Darum geht es im vorliegenden Buch.

Autor und Autorin

Prof. Dr. phil. habil. Klaus-Peter Hufer ist Experte für politische Erwachsenenbildung, bundesweit bekannt durch sein Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus und seit 2011 außerplanmäßiger Professor an der Fakultät der Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.

Laura Schudoma, M.A., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Erwachsenenbildung, Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.

Andreas Steinert, der einen Abschnitt über „Natur als rechte Norm“ verfasst hat, ist Erziehungs- und Politikwissenschaftler sowie Yoga-Lehrer.

Inhalt

Der schmale Band enthält sechs Kapitel:

Im Kapitel 1 (Worum geht es: Die Herausgeforderte Demokratie) entfalten die Autor*innen den Rahmen, innerhalb dessen sie deutlich zu machen versuchen, dass und warum die Protagonisten und Anhänger der rechten Bewegungen die „rote Linie zur Mitte der Gesellschaft überschritten“ (S. 7) haben, wie das passieren konnte und wie ein weiteres Vordringen der rechten Bewegungen gestoppt werden kann:

  • Der erste Abschnitt des Kapitels (Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Neue Rechte) ist der Begriffsarbeit gewidmet: Bekanntlich prägen sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftlich sowie psychologische Diskussionen und Auseinandersetzungen um den Rechtsextremismus-Begriff seit Jahrzehnten die einschlägigen wissenschaftlichen Debatten. Klaus-Peter Hufer und Laura Schudoma beziehen sich auf die bekannten Arbeiten von Pfahl-Traughber, Heitmeyer, Grumke und Salzborn sowie auf die Geschichte rechtsextremer Parteien in der Bundesrepublik. Für Hufer und Schudoma wollen die Rechtsextremist*innen die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation rückgängig machen und scheuen dabei auch vor personeller und struktureller Gewalt nicht zurück (S. 12). Im Rechtspopulismus sehen die Autor*innen eine weitere Bewegung und einen neueren Begriff in die Diskussionen gekommen. Rechtspopulismus sei zwar nicht mit Rechtsextremismus identisch, fließende Übergänge gebe es dennoch. Das lasse sich auch an der Programmatik der AfD belegen. Mit den „Neuen Rechten“ komme eine weitere Gruppierung hinzu, um die o.g. rote Linie kennzeichnen zu können. „Bei Differenzen im Einzelnen haben Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Neue Rechte eines gemeinsam: Ihre Ziele und Handlungen stehen im Widerspruch zu einer offenen, pluralen demokratischen Gesellschaft. Hier verläuft die rote Linie“ (S. 15).
  • Im zweiten Abschnitt des Kapitels (Rechtes Weltbild – der ideologische Kern) analysieren die Autor*innen drei Schlüsselbegriffe, die für Rechtsextremist*innen, Rechtspopulist*innen und Neue Rechte gleichermaßen von zentraler Bedeutung sind: die Gemeinschaft, das Volk, die Elite. Belege für die Zentralität dieser Begriffe finden Hufer und Schudoma u.a. in den Verlautbarungen bekannter AfD-Funktionäre, in den Publikationen aus dem rechten „Institut für Staatspolitik“ oder in rechtspopulistischen Zeitschriften, wie „Sezession“ und „Compact“.
  • Die rote Linie verläuft zwischen dem Rechtsextremismus, dem Rechtspopulismus und den Neuen Rechten auf der einen Seite und der pluralen Demokratie auf der anderen. Das ist die Quintessenz, auf die die Autor*innen noch einmal dezidiert im dritten Abschnitt des ersten Kapitels aufmerksam machen. Empirische Befunde, wie z.B. jene aus der Leipziger-Autoritarismus-Studie (Decker & Brähler 2020), zeigen das ebenfalls eindrucksvoll (S. 23 f.).

Im Kapitel 2 (Megatrends verändern Politik und Gesellschaft) diskutieren die Autor*innen einen ersten, quasi makrosozialen Ansatz, mit dem die zunehmende Verbreitung rechtsextremer, rechtspopulistischer und neurechter Ideologien erklärt werden können:

  • Zu den Megatrends, ein, wie die Autor*innen eingestehen, etwas inflationär gebrauchter, der Rezensent würde sogar behaupten, abgedroschener, Begriff, dürfte die zunehmende Auflösung traditioneller sozialer Bindungen und die damit verbundenen individuellen und gruppenspezifischen Unsicherheiten in den nachmodernen Gesellschaften sein (Abschnitt 2.1: „Individualisierung und Verlust an Sicherheiten“). Derartige Diagnosen hat bekanntlich schon im letzten Jahrhundert Ulrich Beck (1986) formuliert, der von den Autor*innen ebenso aufgerufen wird wie der vielfach gelobte Andreas Reckwitz (2018). Die auf der Grundlage der Beck’schen Diagnosen von Wilhelm Heitmeyer (Heitmeyer et al. 1992) entwickelte Sozialisations- und Desintegrationstheorie, mit der zumindest ein Teil der Rechtsextremismusforscher*innen ihre Arbeit grundieren, ist dabei ebenfalls erwähnenswert (S. 29 f.).
  • Ein zweiter, nicht minder gravierender Trend dürfte die Globalisierung sein (Abschnitt 2.2: „Globalisierung und die Maximierung des Gewinns“). Globalisierung bedeutet zuvörderst ökonomische Verwertbarkeit, Internationalisierung des Kapitals und Profitmaximierung (S. 35). Die negativen Folgen sind bekannt: Der Hunger in der Dritten Welt, der zunehmende ökologische Kollaps in den Regionen des Regenwaldes und anderswo, das Patchwork der permanenten Kriege und Bürgerkriege, neue oder wiederbelebte alte Fundamentalismen, aber auch die beginnende wirtschaftliche Expansion einiger ehemaliger Dritte-Welt-Länder belehrten uns eines Besseren und sind Gründe für die weltweiten Migrations- und Widerstandsbewegungen. Rechtsextreme, rechtspopulistische und neurechte Bewegungen und Protagonist*innen haben diese negativen Folgen aufgegriffen, um „Ressentiments, Vorurteilsbildung und -stabilisierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ (S. 36) zu schüren. Rechtsextreme und neurechte Gruppen und Bewegungen, wie die Identitäre Bewegung oder Pegida, greifen zum Beispiel auf die Idee vom „großen Austausch“ oder der „Umvolkung“ zurück, um an fremdenfeindliche Vorurteile in der Bevölkerung anzuknüpfen und rassistische Verschwörungsmythen zu verbreiten. Der Begriff des „großen Austauschs“ wurde vom Franzosen Renaud Camus geprägt und von den Neurechten in den politischen Auseinandersetzungen über Migration, Flucht und Vertreibung zum Kampfbegriff stilisiert (S. 36 f.). Hinter der Umvolkung, so die Argumentation der Neurechten, stünde eine systematische, im Geheimen geplante Verschwörung europäischer Eliten, die sich das Ziel gesetzt haben, Migrantinnen und Migranten massenhaft in Europa anzusiedeln, um den nationalen Zusammenhalt in den jeweiligen Ländern aufzubrechen. „In ‚Corona-Zeiten‘ wurden weitere Legenden erfunden, zig-tausendfach gläubig aufgenommen und mit entsprechenden Parolen auf den sogenannten Querdenker-Demonstrationen skandiert“ (S. 38).

Die gesellschaftlichen Folgen derartiger Entwicklungen stehen im Mittelpunkt von Kapitel 3. Stichworte: Die Ressource Solidarität ist erschöpft (Abschnitt 3.1: „Solidarität – Widerentdeckung eines Lernziels“), die Gesellschaft ist gespalten (Abschnitt 3.2), die Demokratie ist in der Krise (Abschnitt 3.3):

  • Sozialwissenschaftliche Umfragen, so die von den Autor*innen mehrfach zitierten Befunde der Leipziger-Autoritarismus-Studie, sind diesbezüglich nicht sehr ermunternd (siehe auch S. 60 f.). Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwischen und 11,0 und 28,90 Prozent (je nach Item) der Ostdeutschen befürworten eine rechtsautoritäre Diktatur, in Westdeutschland sind es zwischen 3,3 bis 14,1 Prozent (Decker & Brähler 2020, S. 37).
  • Was ist nun zu tun? Im Abschnitt 3.4 ziehen die Autor*innen ein Zwischenfazit. Nicht zuletzt unter Berufung auf den nationalsozialistisch angehauchten Staatsrechtler Carl Schmitt vertreten die Rechtsextremen, Rechtspopulisten und Neuen Rechten eine „anti-liberale, nicht-plurale (identitäre) und antiparlamentarische (direkte, akklamatorische) Demokratie“ (S. 62). Dagegen berufen sich die Autor*innen u.a. auf den Verfassungspatriotismus im Sinne von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas, zitieren Matthias Quent, für den die Demokratie kein Selbstläufer ist und schlussfolgern: „Demokratie muss mit Leben gefüllt und im Alltag erfahrbar sein. Dann wächst auch die Zustimmung zu ihr“ (S. 64).

Dass eine lebenspralle, plurale Demokratie gar nicht so einfach herzustellen und zu vermitteln ist, dürfte allgemein bekannt sein. Im Kapitel 4 und im Kapitel 5 machen die Autor*innen deutlich, mit welchen Instrumenten die Rechtsextremen, Rechtspopulisten und neuen Rechten die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen.

Zunächst zum Kapitel 4 (Wie sie Bewusstsein verändern wollen: Kulturrevolution von rechts):

  • Im Abschnitt 4.1 widmen sich die Autor*innen einem der einflussreichsten Ideengeber der Rechtsgesinnten. Es geht um Alain de Benoist und dessen Buch „Kulturrevolution von rechts“. Für Benoist ist die „alte Rechte“ tot und müsse von einer „Neuen Rechten“ (Nouvelle Droite) abgelöst werden. Diese müsse anti-egalitär, anti-liberal, anti-kapitalistisch und anti-westlich orientiert sein (S. 66). Dass Benoist, nebenbei bemerkt, die US-amerikanische Militärpolitik im Nahen und Mittleren Osten kritisiert hat und hin und wieder ökologische Ideen äußert, ändert nichts an seinen neu-rechten Auffassungen, in denen das „Vaterland“ beschworen, der Liberalismus als Hauptfeind angesehen und das Individuum weniger geschätzt wird als die Völker (S. 67 f.).
  • „Metapolitik statt Politik“, so ist Abschnitt 4.2 überschrieben. Metapolitik bedeutet aus der Sicht der Rechtspopulisten und Neuen Rechten, Politik nicht in den Parlamenten, sondern in und durch Kulturbetriebe, öffentliche Debatten, in den Medien und auf der Straße zu betreiben. Dass sich die Neuen Rechten dabei auf Antonio Gramsci (1891-1937, den italienischen Philosophen und ersten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Italiens und sein Konzept der „kulturellen Hegemonie“ berufen, ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Gramsci würde sich angesichts der neu-rechten Instrumentalisierungen wohl in seinem Grabe rumdrehen.
  • Dass Sprache nicht nur dichtet und denkt, um an Friedrich Schiller zu erinnern, sondern auch ein Machtmittel ist, haben die Rechtsextremen, Rechtspopulisten und Neuen Rechten gut erkannt (Abschnitt 4.3). Sie betreiben Sprachpolitik, okkupieren die Alltagssprache, beanspruchen die Meinungshoheit und führen einen selbsternannten „Infokrieg“ gegen die liberale Öffentlichkeit (Abschnitt 4.4).

Zum Kapitel 5 (Themen der Rechten): „Die metapolitische Strategie der Umdeutung bzw. Besetzung zentraler, allgemein mit hoher Wertigkeit verbundenen Begriffe findet eine Umsetzung in Themen der Neuen Rechten bzw. Rechtspopulisten“ (S. 97).

  • Es geht um Umdeutung, Revision und Relativierung der Geschichte (Abschnitt 5.1).
  • Thema Nummer 1 der Rechtsextremist*innen und Rechtspopulist*innen ist die Einwanderung nach Deutschland, das von ihnen verbreitete Feindbild vom Islam (Abschnitt 5.2) und der mit dem Feindbild proklamierte Rassismus (Abschnitt 5.3).
  • Rechtspopulistische und neurechte Tendenzen finden sich auch in esoterischen Zirkeln und Bewegungen (Abschnitt 5.4: Andreas Steinert „Natur als rechte Norm. Rechte Strömungen in Naturheilkunde, Esoterik- und Yoga-Szene“). Die Anhänger*innen der esoterischen Bewegungen konnte man, falls sich Leserinnen und Leser noch erinnern, auf „Hygiene-Demos“ beobachten, wo sie ihre „Corona-Wut“ äußerten; sich als „Ärzte für Aufklärung“ organisierten, um gegen die Maskenpflicht zu protestieren; mit Verschwörungsmystikern sympatisierten und behaupteten, die Welt werde von einer mächtigen satanistischen Elite beherrscht.

Noch einmal, was tun? Darüber machen sich die Autor*innen im Kapitel 6 Gedanken (Aktiv werden: die ‚rote Linie‘ erkennen). Es habe sich eine Brandmauer, eine rote Linie entwickelt und Rechtsextremist*innen, Rechtspopulist*innen und Neue Rechte arbeiten daran, sie weiter in die Mitte der Gesellschaft zu verschieben. Um das zu verhindern, seien Gegenmittel und Gegenmaßnahmen erforderlich (S. 118). Die Vorschläge, die die Autor*innen dazu machen, sind, wie sie selbst schreiben, keine Rezepte oder fertige Lösungen, sondern Ideen zum Weiterdenken und Aktivwerden:

  • Zivilcourage zeigen (Abschnitt 6.1). Was zeichnet zivilcouragierte Menschen aus? Moralische Grundhaltungen, Mitempfinden, Mitgefühl, Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, Sinn für Gerechtigkeit, soziale Grundhaltungen, Fähigkeit zur Solidarität, Gemeinsinn, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Selbstvertrauen, Verantwortungsgefühl und manches mehr (S. 121).
  • Mut zum Widerspruch (Abschnitt 6.2). Diesen Mut, sich auch gegen Stammtischparolen argumentative zu Wehr zu setzen, kann man lernen, in Volkshochschulen, Bildungseinrichtungen, Wohlfahrtsverbänden, NGOs.
  • Demokratie aushalten und politische Bildung stärken (Abschnitt 6.3). Bekanntlich ist Demokratiepädagogik ein starkes Gegenmittel zum Rechtsextremismus (S. 130).
  • Sich an einer neuen Öffentlichkeit mitbeteiligen (Abschnitt 6.4). Dabei geht es nicht vordergründig um die Öffentlichkeiten in den sozialen Medien. Die Autor*innen haben eher analoge Orte im Auge, Begegnungen in der Stadt, im Dorf, im Viertel, der Nachbarschaft, Räume, in denen neue Formen des freiwilligen, zivilgesellschaftlichen Engagements ausprobiert und entwickelt werden können, um an einer offenen, pluralen und demokratische Gesellschaft teilzuhaben (S. 138 f.).

Kapitel 7 („Rechtsextremismus erkennen und sich ihm widersetzen – eine thesenartige Zusammenfassung) ist kurz und knapp. Auf zwei Seiten fassen die Autor*innen die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrem Buch zusammen. Der Rezensent enthält sich weiterer inhaltlicher Äußerungen und empfiehlt stattdessen, die Lektüre des vorliegenden Buches mit dieser Zusammenfassung zu beginnen.

Diskussion

Seit der Wende 1989 nehmen rechtsextreme Angriffe in Deutschland erschreckende Ausmaße an: 1990 berichtete der Verfassungsschutz von 1.848 rechtsextremen und sonstigen Straftaten aus dem Bereich „politisch motivierte Kriminalität – rechts“; im Jahre 1993 waren es 10.561 und für das Jahre 2000 wurden 15.951 angegeben; 22.357 rechtsextremistische Straftaten sollen es 2020 gewesen sein (Bundesamt für Verfassungsschutz 1990-2020). Für 2021 liegen noch keine offiziellen Zahlen vor.

Nicht immer sind die Angriffe auf die Demokratie auch als solche zu erkennen: Im Wahlkampf zu den Landtagswahlen in Brandenburg im Jahre 2019 warb die Alternative für Deutschland (AfD) mit einem Plakat, auf dem ein Foto von Willy Brand und sein legendärer Satz abgebildet waren: „Mehr Demokratie wagen“ (Zeit-Online 2019). In der AfD sind Personen aktiv, die man ungestraft, weil durch Gerichtsurteile gedeckt, Faschisten, Neonazi oder Rechtsextreme nennen darf. Die AfD ist aber – und das ist bekannt – nur die öffentlich wahrgenommene Spitze eines antidemokratischen „Eisberges“, der die Fundamente des demokratischen Verfassungsstaates bedroht. Bedroht wird der demokratische Verfassungsstaat auch von den „Autonomen Nationalisten“, den Parteien „Die Rechte“ oder „Der III. Weg“, der „Identitären Bewegung“, den „Reichsbürgern“. Rechtsextreme Strömungen in der Black-Metal-Subkultur oder in der Kampfsportszene, das verbotene Netzwerk „Blood and Honour“ oder die „Hooligans gegen Salafismus“ sind gleichfalls noch aktiv. Ideologische und motivationale Unterstützung bekommen derartige Bewegungen von neurechten Journalen und „Think Tanks“ oder von rechtsextremen Influencerinnen und Influencern in den sozialen Medien. Klaus-Peter Hufer und Laura Schudoma machen an verschiedenen Stellen ihres Buches auf diese Bedrohungen aufmerksam.

Zu den gewalttätigsten Formen, die sich aus diesen Bewegungen entwickelt haben, gehören rechtsextreme Terroristen und Terroristinnen, wie die Mitglieder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), der Mörder des Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübke, der Rechtsextremist, der an Jom Kippur 2019 einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübte und zwei Menschen erschoss, oder der Täter, der am 19. Februar 2020 in Hanau zehn Menschen ermordete.

Die Corona-Krise verdeutlicht noch einen anderen Zusammenhang: Der Rechtsextremismus ist nicht nur kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern floriert in der Mitte der Gesellschaft. Kurz: Der Firnis des demokratischen Rechtsstaats ist dünn.

Das belegen Klaus-Peter Hufer und Laura Schudoma mit ihrem Buch ebenfalls quellen- und faktenreich.

Gewiss, die Publikationen zum Rechtsextremismus, zum Rechtspopulismus, zu den Neuen Rechten, zur Begrifflichkeit, den Phänomenen, Ursachen und Folgen sind mittlerweile zahlreich und kaum noch zu überschauen. Google Scholar findet im Zeitraum von 1990 bis 2022 mehr als 16.000 Einträge (ohne die Zitate mitzuzählen) mit dem Suchwort „Rechtsextremismus“. Darunter sind Überblicksarbeiten, Erhebungsstudien über rechtsextreme Dynamiken, Untersuchungen zur virtuellen Vernetzung rechtsextremer Szenen, zu rechtsextremen Tendenzen in der Schule und Familie, zum Nationalsozialistischen Untergrund oder zu psychologischen Hintergründen rechtsextremer Tendenzen usw. Auch die Diskussionen um den Rechtsextremismus-Begriff prägen seit Jahrzehnten die wissenschaftlichen Debatten.

Insofern lässt sich darüber streiten, ob der kurze Überblick über den Rechtsextremismus-Begriff (Kapitel 1) hinreichend ist. Es gibt ja nicht nur zahlreiche Definitionsversuche, auch generelle Kritik am Rechtsextremismus-Begriff wird ebenfalls fleißig geübt. Manche halten den Begriff für verzichtbar. Andere machen sich für den Rassismus-Begriff stark oder präferieren eher den Begriff Rechtsradikalismus. Streiten lässt sich ebenso über die von den Autor*innen dargestellten Prozesse der Entsolidarisierung (Kapitel 3), über deren allgemeine oder eher situativen Erscheinungen. Gegen derartige streitbaren Auseinandersetzungen würden sich die Autor*innen sicher nicht wehren, sind sie doch selbst engagierte Vertreter*innen einer demokratischen Streitkultur.

Der Wert des vorliegenden Buches liegt indes nicht in Leerstellen, die sich finden lassen, wenn man danach sucht, sondern in dem Plädoyer, den „Rechten“ noch viel stärker und engagierter die Vorteile einer demokratischen Gesellschaft vor Augen führen.

Um ein Beispiel zu bringen: In einer Befragungsstudie mit etwas mehr als 2.000 Jugendlichen u.a. aus Hamburg, Thüringen und Nordrhein-Westfalen zeigte sich zunächst, dass junge Leute mit rechtsextremen Einstellungen und autoritären Überzeugungen keinen ausgeprägten Bock darauf haben, sich im Unterricht, in der Schule und der Gesellschaft an demokratisch-politischen Angelegenheiten zu beteiligen (ausführlich: Frindte 2021). Ebenfalls nicht überraschend und dennoch bedenkenswert ist ein zweiter Befund: Eine positiv gestaltete Familiendemokratie und demokratiepraktizierende Unterrichtsbedingungen können wichtige Faktoren sein, um den besagten negativen Einfluss autoritärer Überzeugungen bzw. rechtsextremer Einstellungen auf die Bereitschaft, sich politisch im Unterricht und in der Schule (z.B. als Klassensprecherin oder in Nichtregierungsorganisationen, wie Greenpeace oder Amnesty International) zu engagieren, reduzieren.

Nicht nur diese, keinesfalls repräsentativen, Befunde belegen, dass es nötig ist, Strategien zu entwickeln, um Jugendlichen und (!) Erwachsenen eine positive Einstellung zur Demokratie und zur politischen Partizipation zu vermitteln und sie noch mehr als bisher für ein eigenes politisches Engagement im Sinne demokratischer Prinzipien und Werte zu begeistern.

Kurz gesagt: Mehr Demokratie wagen, ganz praktisch und nicht nur in der Theorie. Es geht schlicht und ergreifend darum, wie sich die Menschen der Angriffe auf die Demokratie erwehren und eine humane Gesellschaft gestalten können: Durch Standhaftigkeit, Wagemut, durch den Glauben an die Macht der Menschen, Probleme durch Phantasie, Zusammenarbeit, Mitmenschlichkeit und Vernunft zu lösen (vgl. auch: Frindte 2022).

Fazit

Um die „rote Linie“ im Sinne einer pluralen Demokratie verschieben zu können, müssen sich die Demokratinnen und Demokraten dorthin bewegen, wo die „Rechten“ tatsächlich gestoppt werden können. Dabei müssen Demokratinnen und Demokraten sich mit denen verbünden, die denken, fühlen und leben wollen wie sie „Arsch huh, Zäng ussenander“ sang die Kölner Band BAP in diesem Sinne vor einigen Jahren, um die Massen gegen rechte Gewalt zu mobilisieren. Das ist die Botschaft, die Klaus-Peter Hufer und Laura Schudoma mit ihrem Buch den Leserinnen und Leser vermitteln. Es handelt es sich um eine lesenswerte, kurze und bündige Handreichung für all jene Menschen, die ihr politisches Engagement theoretisch begründen und aktiv ausüben möchten.

Literatur

Beck, U. (1986). Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne XE “Moderne“. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Brandt, W. (1969). Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Deutschen Bundestag in Bonn am 28. Oktober 1969. www.willy-brandt-biografie.de/wp-content/​uploads/2017/08/Regierungserklaerung_Willy_Brandt_1969.pdf. Zugegriffen: 10. April 2022.

Bundesamt für Verfassungsschutz (1990-2020). Verfassungsschutzberichte. Bonn/Berlin: Bundesministerium des Innern.

Decker, O. & Brähler, E. (Hrsg.) (2020). Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Frindte, W. (2021). „Mehr Demokratie wagen “: Rechtsextreme Einstellungen von deutschen Jugendlichen und das Potenzial von demokratischer Praxis in Elternhaus und Schule. ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, 1(1), 108-130.

Frindte, W. (2022). Quo Vadis, Humanismus? Wiesbaden: Springer VS.

Heitmeyer, W. et al. (1992). Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher. Weinheim und München: Juventa.

Reckwitz, A. (2018). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Zeit-Online (2019). SPD sieht AfD-Wahlplakate als Missbrauch von Willy Brandts Erbe. https://www.zeit.de/politik/​deutschland/​2019-08/​wahlwerbung-afd-willy-brandt-rechtspopulismus-missbrauch-kritik. Zugegriffen: 10. April 2022.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
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Es gibt 71 Rezensionen von Wolfgang Frindte.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 04.05.2022 zu: Klaus-Peter Hufer, Laura Schudoma: Die Neue Rechte und die rote Linie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6407-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28487.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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