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Andreas Seidel, Sonja Schneider u.a.: Praxishandbuch Autismus

Cover Andreas Seidel, Sonja Schneider, Petra Anna Steinborn: Praxishandbuch Autismus. ICF-orientierte Bedarfsermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 180 Seiten. ISBN 978-3-7799-6602-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Menschen aus dem Autismus-Spektrum benötigen zur Teilhabe oft Unterstützung im Alltag. Eine Bedarfsermittlung und Bedarfsprüfung nach § 118 SGB IX ist notwendig, um Fördermaßnahmen, die über die Eingliederungshilfe angeboten werden, zu erhalten. Diese Ermittlung orientiert sich am bio-psycho-sozialen Modell der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit). Die ICF stellt eine gemeinsame Sprache für die Beschreibung des Gesundheitszustands eines Menschen zur Verfügung, um die Kommunikation zwischen Betroffenen, Fachleuten im Sozial- und Gesundheitswesen, Forscher:innen, Politiker:innen und der Öffentlichkeit zu verbessern. Ein Grundwissen zur ICF ist nicht nur nützlich, sondern notwendig für alle, die sich mit dem Thema Autismus-Spektrum befassen.

Autor*innen

Andreas Seidel arbeitet an der Hochschule Nordhausen in den Studiengängen der Sozialen Arbeit, Heilpädagogik sowie Transdisziplinäre Frühförderung mit den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten Sozialpädiatrie, chronische Gesundheitsstörungen und Behinderung sowie der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF).

Sonja Schneider arbeitet als Sozialarbeiterin (Beratung, Vernetzung) sowie als freie Dozentin und Lehrbeauftrage ebenso an der Hochschule Nordhausen. Ihre Arbeitsschwerpunkte als Dozentin sind die Themenbereiche psychische Störungen und Traumapädagogik sowie das Bundesteilhabegesetz (BTHG), die ICF-orientierte Bedarfsermittlung und die Teilhabeberatung.

Petra Anna Steinborn ist Dipl.-Pädagogin mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik und Musiktherapie. Sie arbeitet in der Autismusförderung mit Klient*Innen unterschiedlicher Altersbereiche (Kinder, Jugendliche, Erwachsene). In ihrer beruflichen Praxis beschäftigt sie sich mit dem ICF-orientierten Arbeiten in der Beratung, Hilfeplanung und Dokumentation (Förderplanung, Förderberichterstellung) unter besonderer Berücksichtigung von Personenzentrierung und Partizipation.

Entstehungshintergrund

Andreas Seidel und Sonja Schneider haben 2021 ein weiteres Buch mit dem Titel „Praxishandbuch ICF-orientierte Bedarfsermittlung, Beratung, Diagnostik und Hilfeplanung in sozialen Berufen“ im Beltz Verlag herausgegeben.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von 203 Seiten, die sich in drei Teile und zwölf Kapitel untergliedern. Textboxen und Tabellen ergänzen die Ausführungen und wirken auflockernd. 

  • Teil I: Allgemeines (Kap. 1-6)
  • Teil II: Spezielles (Kap. 7-12)
  • Teil III: Praxisbeispiele (10 Beispiele im Alter von 3-63 Jahren)

Der erste Teil „Allgemeines“ stellt die Basis dar und erläutert die ICF und das bio-psycho-soziale Modell, von der Diagnose zum Gesundheitszustand. Daran schließen sich die neun Lebensbereiche (S. 26) unter Berücksichtigung der Komponenten Aktivitäten und Partizipation an und es wird erläutert, wie mit der ICF kodiert und dokumentiert wird. Sinn und Zweck der ICF ist das Finden einer gemeinsamen Sprache, eine Chance für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Schwerpunkt bilden die Personenzentrierung und Partizipation, im Besonderen die Selbst- und Mitbestimmung sowie die Teilhabe. Das erste Kapitel schließt mit Erklärungen ab, wie es von der UN-Behindertenrechtskonvention zum Bundesteilhabegesetz kam.

Teil II Spezielles führt aus, wie es gelingt, von der ICF zur Bedarfsermittlung zu kommen. Unterstützend steht die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) zur Verfügung. Wichtige Elemente sind auch die Partizipationsorientierung und „smarte“ Zielformulierungen. Auf dieser Basis gelingt es von der ICF-orientierten Bedarfsermittlung zu Hilfe-, Förder­ und Therapieplänen zu kommen, was im Gesamt- und Teilhabeplanung mündet. Thematisiert werden abschließend auch die Herausforderungen und Chancen beim Arbeiten mit der ICF.

Der Teil III enthält 10 Praxisbeispiele in der Altersspanne von 3 bis 63 Jahren. Das Buch schließt mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis ab.

Diskussion

Der Aufbau des Buches ist ansprechend. Der erste Teil „Allgemeines“ umfasst sechs Kapitel, in denen die Grundlagen erklärt werden. Der Teil II „Spezielles“ im Umfang von fünf Kapiteln gibt einen Überblick über die rechtliche Einordnung, mit einem besonderen Fokus auf Personenzentrierung und der aktiven Teilhabe der Menschen mit Beeinträchtigungen am Bedarfsermittlungsverfahren. Die Wünsche der leistungsberechtigten Person zu Ziel und Art der Leistung rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung und werden anhand von acht Kriterien dokumentiert: transparent, trägerübergreifend, interdisziplinär, konsensorientiert, individuell, lebensbezogen, sozialraumorientiert und zielorientiert und in Bezug zu neun Lebensbereichen gesetzt.

Kritisch ist, dass jedes Bundesland autonom handeln kann, sodass nun deutschlandweit verschiedene Bedarfsermittlungsverfahren gelten und es kein einheitliches Verfahren in Form und Herangehensweise gibt (S. 76).

Diagnosen auf der Grundlage der ICD beschreiben typische Befunde und Symptome von Krankheiten oder Störungen. Betrachtet man alleine nur Diagnosen so sagen diese nichts darüber aus, ob und inwiefern ein Mensch im Alltag relevante Beeinträchtigungen erlebt oder nicht. Mit der ICF gelingt es nun, zu beschreiben, wie gut es einem Menschen im Alltag geht, indem die sogenannte Funktionsfähigkeit mit der ICF beschrieben wird und ob ein Mensch im Alltag „behindert ist“, also Beeinträchtigungen von Aktivitäten und Teilhabe erlebt. Beide Klassifikationen ICD und ICF können gemeinsam genutzt werden, wenn über Gesundheitsstörungen gesprochen wird.

Die Ausführungen werden im dritten Teil anhand von zehn Praxisbeispielen konkretisiert. Sie beziehen sich auf leistungsberechtigte Personen im Alter von 3-63 Jahren. Wurde bei der bisherigen Unterstützungsplanung der Fokus auf das gelegt, was der Mensch nicht konnte und darauf, wie dieses Defizit ausgeglichen werden könnte, so geht es nach dem ICF basierten Verfahren darum, herauszufinden, was einem Menschen zur vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe -unter Einbeziehung vorhandener Ressourcen- fehlt. Ein Schaubild auf der Seite 78 zeigt den Gesundheitszustand von Sabrina und die Wechselwirkungen (vertiefende Erläuterungen S. 144).

Als Einstieg in die Fallvignetten werden Informationen zur Person gegeben (Fließtext) und daran anschließend gebrauchte Verfahren visualisiert. Neben der Abbildung einer ICF-Strukturierung und der Netzwerkkarte wird a) eine personenbezogene Betrachtung und b) eine interdisziplinäre Betrachtung abgebildet, daran schließen sich Ausführungen zu möglichen Wechselwirkungen an, den Abschluss bildet eine Tabelle mit Veränderungswünschen und Maßnahmenplänen, die nach SMART-Kriterien erarbeitet wurden und neben den konkreten Zielen dokumentieren, wer verantwortlich ist, was zu tun ist und bis wann es zu tun ist. Die unterschiedlichen Fallvignetten zeigen auf, wie unterschiedlich die Bedarfe sind.

Die ICF beschreibt den Gesundheitszustand, ist aber kein Bedarfsermittlungsverfahren, solch ein Instrument kann auf der Grundlage des ICFs entwickelt werden wie z.B. beim ITP oder der BEN-Plan.

Die Rolle und Beteiligung der antragsstellenden Person werden in der Eingliederungshilfe durch Regelungen zum Gesamtplanverfahren immens gestärkt.

Das Einhalten der Grundsätze der Personenzentrierung und Teilhabe erfordern eine klare Haltung der Fachkräfte und eine Bereitschaft für kreative Lösungen. Es gibt ein Bewusstsein für die ICF Philosophie und ein Wissen über die Gefahr, zu viel zu kodieren.

Fazit

Menschen aus dem Autismus-Spektrum benötigen zur Teilhabe oft Unterstützung im Alltag. Eine Bedarfsermittlung und Bedarfsprüfung nach § 118 SGB IX ist notwendig, um Fördermaßnahmen, die über die Eingliederungshilfe angeboten werden, zu erhalten. Diese Ermittlung orientiert sich am bio-psycho-sozialen Modell der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit). Die ICF stellt eine gemeinsame Sprache für die Beschreibung des Gesundheitszustands eines Menschen zur Verfügung, um die Kommunikation zwischen Betroffenen, Fachleuten im Sozial- und Gesundheitswesen, Forscher:innen, Politiker:innen und der Öffentlichkeit zu verbessern.

Ein Grundwissen zur ICF ist nicht nur nützlich, sondern notwendig für alle, die sich mit dem Thema Autismus-Spektrum befassen. Partizipationsorientierung bedeutet, dass selbstbestimmte Mitwirken am Entscheidungsprozess und das Ausrichten der Ziele auf neun Lebensbereiche, konkret auf die Aktivität und Partizipation, also auf das Tun und das Machen. Es eröffnen sich Chancen in Bezug auf die Personenzentrierung, einer interdisziplinären und abgestimmten Arbeitsweise sowie einer ganzheitlichen Sichtweise auf und gemeinsam mit dem Menschen, um den es geht.

Mit diesem Praxishandbuch wurde ein Lehr- und Lernbuch vorgelegt, sodass eine praxisnahe und verständliche Anleitung für die ICF-orientierte Bedarfsermittlung im Alltag gelingt. Die bisherige Grundlage beruhte auf der ICD, die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, also die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Sie stellt in der deutschen Gesundheitsversorgung die wesentliche Grundlage für Abrechnungen/​Kostenerstattungen in ambulanten und stationären Angeboten sowie in therapeutischen Praxen dar.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 15.12.2021 zu: Andreas Seidel, Sonja Schneider, Petra Anna Steinborn: Praxishandbuch Autismus. ICF-orientierte Bedarfsermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6602-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28489.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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