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Jan Ilhan Kizilhan, Claudia Klett: Psychologie für die Arbeit mit Migrant*innen

Cover Jan Ilhan Kizilhan, Claudia Klett: Psychologie für die Arbeit mit Migrant*innen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 215 Seiten. ISBN 978-3-7799-6137-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Psychologie für Soziale Berufe - 1.
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Thema

Ziel des Buches ist die Verbesserung der sozialen Arbeit mit zugewanderten Menschen durch die Einbeziehung psychologischen Wissens über migrationsspezifische und transkulturelle Aspekte. Ausgewählte Themen werden dargestellt und durch Fallbeispiele und Handlungsempfehlungen veranschaulicht.

Autoren

Prof. Dr. Jan Kizilhan ist Professor für soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW).

Dipl.Päd. Claudia Klett ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung der DHBW.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung folgen 11 Kapitel, die in 3 Teilen geordnet sind:

  • I Grundlegende psychologische Perspektiven auf Migration
  • II Transkulturelle Perspektiven auf spezifische psychologische Themen
  • III Ansätze und Methoden für die transkulturelle Praxis

Außerdem gibt es ein Glossar und ein Literaturverzeichnis.

Die Themen Migration und Transkulturalität leiten den ersten Teil des Buches ein. Neben der Bedeutung von Kultur bei Migration werden Diskriminierung, Vorurteile und Stereotypisierung sowie transkulturelle Kompetenzen, Kulturfallen und der Umgang mit differierenden Wertesystemen behandelt (Kapitel 1). Es folgen psychologische Aspekte der Migration mit einer Darlegung von Migrationsmotiven und Migrationsverlauf, Gewalt und Trauma sowie praxisbezogene Aspekte wie migrationsspezifische Ressourcen und traumasensibles Arbeiten (Kapitel 2).

Die Bedeutung von Migration für die individuelle, soziale, kulturelle, ethische und religiöse Identität sowie die praktische Arbeit damit sind Gegenstand des 3. Kapitels.

Wenngleich, so die Autoren, (Flucht-)Migration für viele Familien ein Zugewinn an existentieller Sicherheit mit sich bringt, gibt es zugleich drastische Veränderungen im familiären und sozialen Umfeld, im sozialen Status und gewohnten Ordnungssystemen, Veränderungen in der Familienstruktur und -dynamik, Generationenkonflikte (Kapitel 4). Dazu gehört auch die Differenz zwischen kollektivistisch und individualistisch geprägten Gesellschaften.

Die Themen Gefühle und Emotionalität sowie Sexualität und Gewalt finden sich zu Beginn des zweiten Buchteiles (Kapitel 5 und 6). Krankheitsverständnis und Krankheitsverarbeitung sind zentrale Themen für die psychologische Arbeit mit Migrationserfahrungen (Kapitel 7); ausgewählte psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, psychosomatische Scherzstörungen sowie Suchtmittelerfahrungen und mögliche praktische Anwendungen werden behandelt.

Die Themen Migration und Alter schließen diesen zweiten Teil ab (Kapitel 8).

Der dritte Teil dieses Buches beginnt mit einer Darlegung der Bedeutung ausreichend guter sprachlicher Verständigung (nicht nur) für die Arbeit in sozialen Berufen: für das Verstehen zwischen zwei Gesprächsteilnehmern müssen diese nicht nur das gleiche Vokabular und die gleiche Grammatik beherrschen, „sondern sie müssen auch das gleiche kulturelle Hintergrundwissen haben und auf die gleichen soziokognitiven Interpretationsregeln zurückgreifen“ (Kap.9, S. 158). Falls dies nicht ausreichend gegeben ist, ist der Einsatz von Sprachvermittlern erforderlich; die Anforderungen an diese werden, insbesondere auch bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen, beschrieben. „Irritationsquellen“ in der Gesprächsführung können u.a. die Anwesenheit von Angehörigen, die kulturell differente Erzählstruktur sowie Rollenvorstellungen sein.

Wenngleich bei Migrations- und Fluchterfahrungen – so die Autoren – nicht automatisch von Traumatisierung ausgegangen werden sollte, ist die Bewältigung traumatischer Erlebnisse häufig ein Thema, für das nicht immer eigene Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Bewältigung traumatischer Erlebnisse – einschließlich der Arbeit mit ehemaligen Kindersoldaten – sind Gegenstand des 10. Kapitels.

Selbstfürsorge von Fachkräften in sozialen Berufen, insbesondere bei der Arbeit mit Migranten, ist ein wichtiges Thema. Kizilhan und Klett behandelt in diesem letzten Kapitel die Übertragung typischer Traumasymptome (sekundäre Traumatisierung) auf die Fachkräfte sowie die Herausforderungen trans- und interkulturellen Lernens.

Diskussion

Das Buch überzeugt durch eine straffe und zugleich hinreichend tiefgehende Behandlung psychologischer Themen mit Hinweisen für die Bedeutung in der praktischen Arbeit. Durch die Vielzahl der Perspektiven stellt die Lektüre durchaus Anforderungen an die Leser, aber es lohnt sich. Hilfreich sind die kurzen Zusammenfassungen in den einzelnen Abschnitten sowie die Anregungen zur (Selbst)Reflexion.

Fazit

Kizilhan und Klett legen ein Buch vor, welches sich durch seine Inhalte und Darstellung positiv von anderen Werken zur interkulturellen Problematik abhebt. Seine Lektüre ist allen zu empfehlen, die sich in sozialer Arbeit mit interkulturelle Problemstellungen auseinandersetzen.


Rezension von
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 29.06.2021 zu: Jan Ilhan Kizilhan, Claudia Klett: Psychologie für die Arbeit mit Migrant*innen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6137-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28491.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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