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Johanna M. Hefel, Irene Hiebinger (Hrsg.): Einblicke in die Praxis der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Farina Eggert, 18.01.2023

Cover Johanna M. Hefel, Irene Hiebinger (Hrsg.): Einblicke in die Praxis der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7799-6398-1

Johanna M. Hefel, Irene Hiebinger (Hrsg.): Einblicke in die Praxis der Sozialen Arbeit. Erfahrungsberichte aus der Fallarbeit von Sozialarbeiter*innen in Österreich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 269 Seiten. ISBN 978-3-7799-6398-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Im vorliegenden Titel gewähren Sozialarbeiter*innen über vier Themenfelder Einblick in die zum Teil sehr unterschiedliche Fallarbeit mit Klienten in Österreich. Bei den exemplarischen Berichten der Sozialarbeiter*innen richtet sich der Fokus vor allem auf die Thematisierung von Verhalten und Verhältnissen, persönlichen Herausforderungen und die damit häufig verbundene subjektive Haltung und auf die methodischen Gestaltungsprozesse einzelner Fallbeispiele. Im Ergebnis soll dieser Sammelband im Kontext sozialpolitischer und struktureller Rahmenbedingungen in Österreich das Spannungsfeld professioneller sozialer Arbeit verdeutlichen.

Herausgeberinnen

Mag.a Dr.in Johanna M. Hefel (geb. 1964) ist Professorin an der Fachhochschule Vorarlberg und forscht sowie lehrt in den Bachelor- und Masterstudiengänge in Sozialer Arbeit.

Mag.a Dr.in Irene Hiebinger (geb. 1955) ist ehem. Professorin an der FH OÖ (2004-2020) und arbeitete mehrere Jahre als Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe, als Psychotherapeutin/​Psychologin/​Mediatorin im Institut für Familien- und Jugendberatung sowie als Supervisorin und Psychotherapeutin in freier Praxis.

Entstehungshintergrund

Die Idee zum vorliegenden Titel entwickelte sich aus der Frage, wie Sozialarbeiter*innen ihre Kompetenzen im praktischen Handeln – hier in der Fallarbeit – zusammenfügen. Die Herausgeber*innen machten es sich dabei zur Aufgabe, die Expertise der Sozialarbeiter*innen der Praxis für das Fachpublikum sichtbar zu machen. Dabei steht neben dem „Was“ Sozialarbeiter*innen in der Praxis machen vor allem auch das „Wie“ im Vordergrund. Sie betrachten die Sozialarbeiter*innen der Praxis daher auch als Expert*innen für Fallarbeit. Gefunden haben sie alle Beteiligten durch einen Aufruf. Einige Autor*innen kannten die Herausgeber*innen bereits persönlich, andere haben sie erst durch die Zusammenarbeit kennengelernt.

Aufbau

Damit das Buch eine Vielfalt unterschiedlicher Arbeitsfelder abbildet, sollten möglichst unterschiedliche Beispiele vorgestellt werden. Dabei clusterten sie die Beiträge in Kapitel, welche den sogenannten Handlungsfeldern zugeordnet sind. „Diese Kategorien sind eine von mehreren Möglichkeiten der Differenzierung, sie spiegeln eine jahrzehntelange Tradition in Österreich wider und finden sich nach wie vor in den Dokumenten der OBDS (Österreichischer Berufsverband der Sozialen Arbeit)“ (S. 8). Gegliedert wurde das Buch demnach in folgende Kategorien:

  • Flucht und Migration
  • Gesundheit
  • Kinder, Jugendliche und Familie
  • Zwangskontext

Den einzelnen Bereichen sind jeweils 3 bis 4 Kapitel/​Beiträge aus der Praxis zugeführt. Abgeschlossen wird der Titel mit einem kritischen und zusammenfassenden Gedankenaustausch der Herausgeberinnen zum Theorie-Praxis-Transfer.

Inhalt

Da es sich hierbei um einen Sammelband handelt, werden nachfolgend zwei Kapitel mit jeweils einem Beitrag exemplarisch vorgestellt.

Die Beiträge in dem Kapitel „Flucht und Migration“ geben einen Einblick in die Fallarbeit mit Personen, die mit unterschiedlichen Formen von Macht und Herausforderungen konfrontiert sind. Angesprochen werden in dem Kapitel nicht nur Etikettierungen aufgrund der Herkunft der Klienten, sondern auch unter anderem aufgrund von Sprachbarrieren oder dem sozialen Status innerhalb der Gesellschaft.

Zu Beginn stellt Matthew Randall in seinem Beitrag „Diskriminierung, Differenzen und Komplexität: Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen“ die sozialarbeiterische Tätigkeit in einer psychosozialen Beratungsstelle für Flüchtlinge vor und zeigt das Spannungsgefüge der institutionellen Rahmenbedingungen auf, in dem sich Sozialarbeiter*innen in der Flüchtlingshilfe in Österreich bewegen. Die dadurch bedingten Einschränkungen hinsichtlich der Arbeit mit Geflohenen werden an einem Beispiel eines jungen Mannes aus Afghanistan geschildert. Dabei verfolgt Randall die Darstellung des Falls anhand des kasuistischen Prinzips „Fall von“, „Fall für“ und „Fall mit“ nach Müller (2017) und konzentriert sich dabei auf die Abwertungs-, Exklusions- und Diskriminierungserfahrungen sowie auf strukturelle Diskriminierungsprozesse auf mehreren Ebenen.

Für die Bearbeitung des vorgestellten Falles verwendet Randall für die Vorstellung des Falls das kasuistische Prinzip nach Müller, das Case-Management als klärendes Werkzeug, das Kompetenzmodell nach Heiner für die Fallarbeit sowie die PCS-Analyse nach Thompson zur Aufdeckung verschiedener Diskriminierungsebenen.

Zusammengefasst zeigt dieser Beitrag eine methodologische Perspektive auf die Flüchtlingssozialarbeit in Österreich, bei denen vier verschiedene Ansätze genutzt wurden. Obwohl es sich bei dem vorgestellten Fall nur um ein exemplarisches Beispiel handelte, betont Randall, dass die Komplexität des Falls durchaus auf weitere Fälle übertragbar ist und auch die Intensität der professionellen Kommunikation in „einer reflexiven, differenzsensiblen Sozialen Arbeit“ mit Flüchtlingen verdeutlicht.

Die Beiträge im Kapitel „Kinder, Jugendliche und Familie“ stellen anhand unterschiedlicher Schwerpunkte die Grenzen und Möglichkeiten Sozialer Arbeit mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien vor.

Philipp Rümmele zeigt in seinem Beitrag „Fallarbeit in der offenen Jugendarbeit – Jugendsozialarbeit im Jugendhaus“ wie situativ und hochflexibel sich Fallarbeit gestalten kann. Vorgestellt wird dies beispielhaft anhand einer Begleitung eines jungen Mannes, der seit 15 Jahren bereits die offene Jugendarbeit genutzt hat. Dabei handelt es sich um eine außergewöhnlich lange Zeit, die jedoch genau das Ziel der Jugendarbeit widerspiegelt: die Förderung und Vermittlung unterschiedlicher Kompetenzen für eine nachhaltige sowie gesunde gesellschaftliche Integration.

Während des Kapitels begleitet der/die Leser*in den Autor beim laufenden Betrieb in der Jugendarbeit, wovon Jugendberatung bzw. Fallarbeit einen großen Anteil ausmacht. Hier wird auch deutlich, wodurch sich diese Form der Beratung auszeichnet: Flexibilität, Offenheit und vor allem Spontaneität. Sowohl bei der Reflexion als auch in der praktischen Arbeit orientiert sich Rümmele an den lebensweltlichen Beratungsansätzen nach Thiersch und den offenen Beratungsansätzen nach Knab. Immer wieder zeigt er dabei die Widersprüche seiner Tätigkeit auf, die in der Sozialen Arbeit durch das Doppelmandat sowie das Triplemandat geprägt sind.

Abgeschlossen wird das Kapitel mit den Herausforderungen und möglichen Problemstellungen bei der Fallarbeit in der offenen Jugendarbeit, die Rümmele vor allem in der spezifischen Handlungsfähigkeit der Mitarbeiter*innen der offenen Fallarbeit im Umgang und Kontakt mit Adressat*innen sieht. Er hebt die Relevanz von kommunikativen Fähigkeiten, Rollenflexibilität sowie „situationsangemessene Spontaneität sowie empathische und Biografie orientierte Wahrnehmungs-, Verstehens- und Beratungskompetenzen“ hervor und betont die Wichtigkeit von Reflexionsformen (z.B. Supervision) zur Erhaltung der sozialarbeiterischen Professionalität (S. 197).

Diskussion

Die Beiträge in dem vorliegenden Buch ermöglichen einen Einblick in die sozialarbeiterische Praxis in unterschiedlichen Betätigungsfeldern. Dabei wurden Sozialarbeiter*innen aus der Praxis darum gebeten, aus ihrem Berufsalltag zu berichten. Heraus kam eine Zusammenstellung unterschiedlicher Perspektiven, Erfahrungen und Herausforderungen, die vor allem zeigen, dass es sich bei der sozialen Arbeit um eine facettenreiche, vielseitige und herausfordernde Profession handelt.

Hefel und Hiebinger legen bereits in der Einleitung offen, dass die exemplarischen Falldarstellungen eine „weitgehend gelungene Intervention“ belegen würden. Inwiefern hier etwas „weitgehend“ ist, bleibt dem Urteil des Lesers selbst überlassen. Was jedoch alle Fälle deutlich machen, ist das theoretisch sowie methodisch begründete Handeln und Verstehen in der Praxis Sozialer Arbeit. Sichtbar wird zudem die kritische Reflexion eigener Praxis sowie Haltung und die damit verbundenen Herausforderungen für Sozialarbeitende, ihre Tätigkeit als Profession zu vertreten.

Zusammenfassend stellen auch die Herausgeber*innen in einem abschließenden Kapitel mit dem Titel „Gedankenaustausch der Herausgeber*innen zum Theorie-Praxis-Transfer“ heraus, dass es einen unverzichtbaren Zusammenhang beruflicher Anforderungen sozialer Arbeit mit erforderlichem Wissen sowie notwendigen Kompetenzen gibt.

Die Kontextualisierung sozialer Arbeit in gesellschaftliche, politische sowie soziale Rahmenbedingungen zeigt nicht nur, dass sie von diesen gleichermaßen auch beeinflusst wird, sondern auch, dass die Zukunftsentwicklung sozialer Arbeit ungewiss ist. So ist es nicht verwunderlich, dass gesellschaftspolitische Diskurse sich auch in den Institutionen sozialer Arbeit widerspiegeln sowie in ihren Rahmenbedingungen und der Haltung gegenüber sozialer Arbeit als Profession.

Hier wird auch deutlich, wie abhängig die Zukunft sozialer Arbeit von gesellschaftlichen Entwicklungen ist, was ebenso einen maßgeblichen Einfluss auf das professionelle Handeln der Sozialarbeitenden in ihrem Alltag hat, denn andersherum erfordert „gute Praxis“ neben passenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen auch Professionalität von Sozialarbeitenden, was wiederum neben einem entsprechenden Studium durch passende Rahmenbedingungen geprägt wird.

Die Frage nach einem gelingenden Transfer zwischen Theorie und Praxis schwebt dabei unausgesprochen über alle Beiträge des vorliegenden Titels. Dabei wird deutlich, dass ein einfacher Transfer zwischen wissenschaftlichem Wissen zu praktischem Handeln nicht der Komplexität des sozialarbeiterischen Handelns gerecht werden kann.

Die Beiträge verdeutlichen eher das, was auch in gängigen Professionsdiskursen Sozialer Arbeit bereits mehrfach thematisiert wurde. Die Entscheidungen der Sozialarbeitenden in der Praxis werden autonom, selektiv und fallbezogen getroffen. Maßgeblich beeinflusst werden die Sozialarbeitenden dabei u.a. durch ihre Werte, ihre Biografie, ihre Berufserfahrungen sowie auch durch den (gelebten) Auftrag der Institution (vgl. Rüegger/​Becker-Lenz/​Gautschi 2019, S. 56).

Hefel und Hiebinger heben in dieser Darstellung zudem die von den Sozialarbeitenden geforderte Reflexionsfähigkeit hervor, die für das professionelle Handeln entscheidend sei (S. 251). Daraus leiten beide auch die damit verbundene Komplexität von Wissen, Kompetenz und Handlungsfähigkeit für das Studium sozialer Arbeit ab und erkennen damit auch an, dass „die Herausbildung einer professionellen Haltung (…) nicht über Literatur gelernt werden“ kann (S. 253). Vielmehr gehe es gemäß Müller (2012) darum, wie Persönlichkeitsentwicklung und Professionalität praktisch zusammenwachsen und sich gegenseitig (unter-)stützen kann (S. 253).

Diese Idee erfüllt der Band insofern, dass sich die Sozialarbeitenden mit ihren Falldarstellungen und ihren methodischen sowie theoretischen Begründungen auf mehreren Reflexionsebenen bereitwillig „über die Schulter schauen“ lassen. Die Komplexität, die eigene berufliche Praxis anhand eines Falls darzustellen, sie dabei auf mehreren Ebenen kritisch zu reflektieren und alltägliche „unwichtige“ Handlungen von dieser Schilderung auszuschließen, zeugt von einer bewussten Reflexion und verdient eine besondere Anerkennung.

Die einzelnen Autor*innen bieten mit diesen Beiträgen Studierenden, Praktiker*innen sowie auch Interessierten nicht nur einen Einblick in die komplexe Praxis, sondern verdeutlichen dadurch auch, dass sie sich bereits ausführlich mit ihrem eigenen professionellen Handeln auseinandergesetzt haben und dies öffentlich verfügbar machen.

Besonders beeindruckend zeigt sich in den Beiträgen zudem das hohe Maß an wertschätzender Selbstkritik im beruflichen Handeln. Damit leisten Autor*innen des Bandes einen wichtigen Beitrag für all jene Fragen, Konstrukte, Modelle und Ideen, die sich mit der professionellen Identität Sozialarbeitender auseinandersetzen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der vorliegende Titel mit all seinen Beiträgen eine Bereicherung für Studierende, Sozialarbeitende, Lehrende als auch Interessierte sozialer Arbeit darstellt und vor allem im Studium als auch bei der Reflexion professionellen Handelns eine hilfreiche Unterstützung bieten kann.

Fazit

Die Beiträge des vorliegenden Buches geben einen Einblick in die professionelle sozialarbeiterische Fallarbeit sowie in theoriebasiertes und methodisch begründetes Handeln. Sie bieten damit einen wichtigen Beitrag für einen kritischen, vielseitigen und widersprüchlichen Theorie-Praxis-Diskurs und können zur Reflexion eigener Praxis und Haltung anregen und inspirieren. Der Band eignet sich daher gleichermaßen für Studierende, Lehrende, Sozialarbeiter*innen und Interessierte sozialer Arbeit.

Literatur

Heiner, Maja (2010). Kompetent handeln in der Sozialen Arbeit. München und Basel.

Müller, Burkhard (2012). Professionelles helfen. Was ist das und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren.

Rüegger, Cornelia/​Becker-Lenz, Roland/​Gautschi, Joel (2019). Zur Nutzung verschiedener Wissensformen in der Praxis Sozialer Arbeit. In: Hollenstein, Lea/Kunz, Regula (Hrsg.): Kasuistik in der Sozialen Arbeit. Opladen, Berlin und Toronto. S. 35-52.

Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), Systemische Beraterin (DGSF), Promovendin an der FSU Jena
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Es gibt 5 Rezensionen von Farina Eggert.

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Zitiervorschlag
Farina Eggert. Rezension vom 18.01.2023 zu: Johanna M. Hefel, Irene Hiebinger (Hrsg.): Einblicke in die Praxis der Sozialen Arbeit. Erfahrungsberichte aus der Fallarbeit von Sozialarbeiter*innen in Österreich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6398-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28493.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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