socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Falko Müller, Chantal Munsch (Hrsg.): Jenseits der Intention - ethnografische Einblicke in Praktiken der Partizipation

Cover Falko Müller, Chantal Munsch (Hrsg.): Jenseits der Intention - ethnografische Einblicke in Praktiken der Partizipation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 238 Seiten. ISBN 978-3-7799-6199-4.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das anhaltende Trendthema ‚Partizipation‘ hat zu einer vielfältigen begrifflichen Rahmung dessen geführt, was unter Partizipation zu verstehen ist. Partizipation ist ein Sammelbegriff, der unterschiedliche Lesarten darüber vereint, was unter Partizipation zu verstehen ist. Die Herausgeber*innen des Bandes ordnen den Partizipationsdiskurs, indem sie zwischen einem Verständnis von ‚Partizipation als Programm‘, im Sinne einer formalen Beteiligung an einem repräsentativen Modell von Demokratie und einem erweiterten Partizipationsverständnis unterscheiden, demzufolge auch unkonventionelle oder ‚deviante‘ Praxen in den Blick geraten. An diese konstruktivistische Perspektive eines ‚Doing Partizipation‘ knüpft der Band an und versammelt dazu fünfzehn ethnografische Arbeiten aus der (sozial-)pädagogischen Praxis.

Entstehungshintergrund

Die fünfzehn ethnografischen Arbeiten wurden aus unterschiedlichen Forschungskontexten zusammengetragen. Auf einem Workshop an der Universität Siegen wurden für den Band alle Beobachtungsprotokolle gemeinsam interpretiert.

Aufbau und Inhalt

Teil I Einleitung des Bandes beginnt mit zwei eröffnenden Beiträgen der Herausgeber*innen Chantal Munsch und Falko Müller. Im ersten Beitrag werden die Unterschiede eines engen und eines von den Autor*innen vertretenen erweiterten Partizipationsverständnisses herausgearbeitet. Ein enges Partizipationsverständnis folgt einem bestimmten Zweck, wie etwa Belange und Interessen zu ‚berücksichtigen‘ oder Partizipation zu erlernen. Dieser instrumentelle Einsatz von Partizipation soll durch Qualitätsstandards stetig optimiert werden. Demgegenüber folgen die Autor*innen einem Verständnis von Partizipation, demzufolge „Menschen aktiv und in Kooperation mit anderen versuchen, den Alltag mit seinen verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf eine Weise zu gestalten, dass sie weitestgehend nach ihren eigenen Vorstellungen leben können und darin möglichst wenig beschnitten werden und Beschädigungen ihres Lebens möglichst abwenden“ (S. 12).

Der zweite, eröffnende Beitrag führt in die ethnografische Forschungsweise ein. Die Ethnografie richtet ihren Blick auf den Verlauf von Interaktionsprozessen und arbeitet heraus, wie Partizipation situativ hergestellt wird. Ferner zeichnet sich ethnografische Forschung durch die Einnahme eines befremdenden Blicks auf alltägliche Routinen aus, der es ermöglicht, im sozialen Geschehen ‚Partizipation‘ zu entdecken. Dazu werden mögliche (ethnografische) Fragestellungen von den Autor*innen vorgestellt. Entlang der Fragestellungen nach Intentionen, Strategien von Akteur*innen an Situationen zu partizipieren, den Artikulationsformen, der Bearbeitung und Entwicklung von Interessen und Motiven im Prozess, dem Einfluss von Kontexten, den Voraussetzungen und Hürden sowie den nicht intendierten Folgen von Partizipation werden die Beiträge des Bandes kurz vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einer Einladung zur forschenden Weiterarbeit.

Kapitel II Veranstaltete Partizipation

Alexandra Flügel beobachtet die Interaktion zwischen Schüler*innen in einem Klassenrat, dessen Ziel es ist, demokratische Aushandlungsprozesse zu erlernen. Sie arbeitet heraus, dass im Klassenrat nicht die debattierten Inhalte im Vordergrund des Lernprozesses stehen (was wird ausgehandelt), sondern insbesondere die zwischenmenschliche Peerdimension (Beliebtheit der Schüler*innen) eine bedeutende Rolle spielt (wie wird ausgehandelt).

Stephanie Pigorsch untersucht ein Forum, zu dem der städtische Beauftragte für Menschen mit Behinderung einlädt. Ziel ist der moderierte Austausch über Belange und Mitsprachemöglichkeiten mit Menschen mit Beeinträchtigungen. In den Blick geraten die Praktiken der ‚Verschlagwortung‘ durch die Moderation: gemeint ist das Reduzieren von Erzähltem auf Schlagworte durch die Moderation. Dadurch wird das Erzählte in bearbeitbare Aufgaben ‚übersetzt‘, die städtischen Verwaltungsstrukturen zugeordnet werden können. Die Moderation vermittelt zwischen lebensweltlichen Erfahrungen und Verwaltungshandeln und hat so eine einflussreiche Rolle inne.

Jonas Ringler analysiert die ‚konsensuale‘ Erarbeitung einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft auf einem Elternabend. Sowohl die Lehrkräfte, deren Auftrag es ist, einen ‚Konsens‘ mit den Eltern zu erarbeiten, als auch die Eltern selbst tragen durch ihre Praktiken (sich melden, es ‚richtig‘ machen wollen, etc.) dazu bei, ein Schüler-Lehrer-Verhältnis herzustellen. Damit zeigt der Autor, wie stark der Partizipationsprozess, der schließlich zum Ergebnis einer formulierten Erziehungs- und Bildungspartnerschaft führt, von der institutionellen Logik der Schule geprägt ist.

Magdalene Schmid zeigt am Beispiel einer Kinderkonferenz einer Abenteuerfarm, eines Angebots der offenen Kinder- und Jugendarbeit, wie der Wunsch eines Mädchens, geschlechtergetrennt Fußball zu spielen, zurückgewiesen wird. An der Kinderkonferenz nehmen zwanzig Kinder (6-11 Jahre) sowie fünf Erwachsene, darunter zwei Pädagog*innen) teil. Sie arbeitet heraus, dass intergenerationale Machtverhältnisse nicht einfach durch ein ‚partizipatives‘ Setting aufgelöst werden, sondern wie anspruchsvoll es ist, Vorschläge und Wünsche der Kinder ernst zu nehmen und gemeinsam zu bearbeiten

Kapitel III Partizipation ohne Einladung

Sandra Küchler beschäftigt sich mit der Frage, wie der Anspruch von Partizipation als gesellschaftliche Teilhabe aufrechterhalten wird. Ihr empirisches Fallbeispiel basiert auf der Beobachtung der Interaktion zwischen Eltern und ihrer Tochter mit Behinderung. Sie beschreibt, wie sehr sie als Forscherin von der achtsamen und feinfühligen Eltern-Kind-Beziehung berührt wird.

Tobias Leßner erkundet in seinem Beitrag, den Stellenwert von Regeln in einer ‚Demokratischen Schule‘, über die in der Schulversammlung partizipativ entschieden wird. Er beschreibt den Prozess, wie aus implizitem, regelhaftem Handeln auf der Schulversammlung gemeinsam beschlossene, formale Regeln werden und zeigt, wie die Orientierung an Regeln auch jenseits der formalisierten Strukturen den schulischen Alltag bestimmen.

Falko Müller fragt in seinem Beitrag nach den Einflussmöglichkeiten für Patient*innen in Abhängigkeitsverhältnissen. Im geschilderten Fall ist die Beschwerde des Patienten gegenüber eines Palliativdienstes, seine einzige Möglichkeit zu partizipieren. Die Beschwerde ermöglicht es ihm, zumindest partiell seiner ‚Verdinglichung‘ entgegenzuwirken.

Michael Wrentschur stellt den Versuch dar, im Rahmen eines partizipativen Theaterprojekts mit wohnungslosen Menschen Macht- und Statusunterschiede abzubauen, um gemeinsam Lösungen für die Situation wohnungsloser Menschen zu finden. Der Versuch wird durch das regelüberschreitende Agieren einer zuständigen politischen Entscheidungsträgerin durchbrochen, die dadurch die Macht- und Statusunterschiede wiederherstellt.

Kapitel IV Partizipation in institutionellen Kontexten

Oliver Käch und Heinz Messmer nehmen die Aushandlung eines Wochenplans zur Kinderbetreuung im Rahmen einer sozialpädagogischen Familienhilfe in den Blick. Obwohl der Betreuungsplan von Mutter und Großmutter selbstständig erstellt werden soll, nimmt die Fachkraft starken Einfluss auf den Plan, indem sie durch direktive und suggestive Fragen ihre Vorstellung familiärer Ordnungsstrukturen einbringt.

Erna Lemke zerlegt mit autoethnografischen Beobachtungen die situative Herstellung von Umarmungen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe in mehrere aufeinanderfolgenden Schritte. Sie zeigt damit, wie die Umarmung als soziale Praxis abläuft, ohne dass Einwilligung oder Verneinung der Kinder verbalisiert werden.

Andreas Matzner erläutert in seinen ethnografischen Betrachtungen, wie Jugendamtsmitarbeiter durch ganz gezieltes Nachfragen, allein jene Informationen aus den Gesprächen mit den Klient*innen rausfiltert, die für das Schreiben einer gerichtlichen Stellungnahme zielführend sind. Dadurch werden Partizipationssubjekte zu Informationslieferanten herabgesetzt.

Imke Niediek erkundet die Verständigung zwischen Menschen, die auf einen ‚Talker‘ angewiesen sind und von Kommunikationsassist*innen unterstützt werden. Letztere wirken jedoch über ihre Aufgabe, die Beeinträchtigungen der Kommunikation einer Person lediglich zu kompensieren hinaus, indem sie sich aktiv durch Ergänzungen der Aussagen in das Gespräch einbringen.

Kapitel V Hürden der Partizipation

Chantal Munsch bespricht eine partizipative Herausforderung im hochschulischen Kontext. Eine Dozentin, die sich von einem autoritären Stil lossagen möchte, blendet die vorherrschenden institutionellen Herrschaftsverhältnisse aus und übersieht damit, dass ihr freundliches Angebot, über den Ausfall einer Seminarstunde partizipativ abzustimmen, aus Perspektive der Studierenden nicht angenommen werden kann.

Sarah Schirmer arbeitetheraus, dass es trotz der Inanspruchnahme einer Sozialberatung als Vorbereitung auf einen Anhörungstermin beim Jobcenter unmöglich für eine Ratsuchende ist, Einfluss auf die Entscheidung zu nehmen, ob aufgrund eines verpassten Termins Sanktionen verhängt werden oder hinreichend gute Gründe von ihr für den verpassten Termin angeführt werden können. Der Ermessensspielraum, der es Mitarbeitenden des Jobcenters ermöglicht gesetzliche Regeln auszulegen, produziert Unwägbarkeiten, sodass eine genaue Kenntnis des Rechtsstandes nicht ausreicht und die Chance untergraben wird, in der Anhörung auf Augenhöhe partizipieren zu können.

Moritz Schumacher erforscht, wie Teilhabe bei Spielen und Gesprächen im Raum der Offenen Kinder- und Jugendarbeit möglich wird. Die räumliche Situation im Jugendhaus verlangt danach, Kontakt und Zugang herzustellen, da man sonst trotz Aufenthalt im offenen Bereich des Hauses ‚draußen‘ bleibt. Dazu braucht es zum einen implizites Wissen darüber, wie man sich am besten verhält, um von einer miteinander spielenden Gruppe Jugendlicher wahrgenommen zu werden. Zum anderen ist der Suchende davon abhängig, dass ein Mitglied der Gruppe ihn einbezieht. 

Diskussion

Der Sammelband eröffnet mit seinem erweiterten Verständnis die Möglichkeit für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen, ihre Perspektiven auf Partizipation zu hinterfragen. Dies gelingt durch die hervorragenden ethnografischen Beobachtungen, die auf eindrückliche Weise blinde Flecken aufzeigen, die jenseits der Intention von Partizipation handlungswirksam werden. Insgesamt ist es ein sehr gelungener, erfrischender, zur forschenden Weiterarbeit und auch zur seminaristischen Arbeit anregender Band, der ausgehend von empirischen Beobachtungen den/die Leser*in zum tiefergehenden Nachdenken über Partizipation einlädt und auffordert.

Fazit

Der Sammelband untersucht alltägliche Praktiken der Partizipation. Die ethnografischen Beobachtungen aus der (sozial-)pädagogischen Praxis zeigen anschaulich, wie in der praktischen Umsetzung von Partizipation ein blinder Fleck entsteht. Dieser blinde Fleck zeigt sich im Widerspruch zwischen der gutgemeinten Intention, Partizipation zu ermöglichen und den im praktischen Vollzug wirkenden Machtverhältnissen, die Partizipation letztlich unterwandern oder nicht-intendierte Folgen der Partizipation hervorrufen. Das Buch ist für Praktiker*innen, Wissenschaftler*innen und für Studierende in den Sozialwissenschaften gleichermaßen eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die empirisch aufzeigt, wie sich selbstkritischer Umgang mit ‚Partizipation‘ theoretisch wie auch praktisch ausgestaltet.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Christian Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 10.06.2021 zu: Falko Müller, Chantal Munsch (Hrsg.): Jenseits der Intention - ethnografische Einblicke in Praktiken der Partizipation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6199-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28500.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht