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Angela Eberding: Neue Autorität in multikulturellen Erziehungskontexten

Cover Angela Eberding: Neue Autorität in multikulturellen Erziehungskontexten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. 87 Seiten. ISBN 978-3-525-40849-0. D: 12,00 EUR, A: 13,00 EUR.

Reihe: Leben, Lieben, Arbeiten - systemisch beraten.
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Thema

Thema des Buches ist systemische Praxis in interkulturellen Beratungskontexten. Die Autorin stellt das Konzept der Neuen Autorität von Haim Omer als besonders hilfreich vor, da es sich zwischen kollektivistischer und individualistischer Weltorientierung bewegt.

AutorIn oder HerausgeberIn

Dr Angela Eberding ist u.a. Diplom-Pädagogin, systemische Familientherapeutin und Supervisorin. Sie hat langjährige Erfahrung in der Beratung von Familien mit und ohne Migrationsgeschichte im Kontext ihrer Tätigkeit in Kinderkliniken und ist heute als Supervisorin und Dozentin im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs.

Entstehungshintergrund

Das Bändchen erscheint in der Reihe Leben.Lieben.Arbeiten/​Systemisch beraten, die von Jochen Schweitzer und Artist von Schlippe herausgegeben wird. Die Reihe will anschaulich und kompakt systemische Praxis in unterschiedlichen Kontexten näher bringen.

Aufbau

Angela Eberding klärt zunächst im ersten Teil des Buches den Kontext und grundsätzliche Begriffe (Kultur/​Stereotype/​Sprachbarrieren/​Haltung). Im zweiten Teil führt sie in die Systemische Beratung entlang der multikulturellen Perspektive des Buches ein.

Inhalt

Angela Eberding definiert zunächst Kultur als sich laufend wandelnder, gemeinsamen Blick einer Gruppe auf das Leben und betont, dass sie für je individuelle Menschen als je mehr oder wenger bindend, keinesfalls jedoch determinierend verstanden werden sollte. Eine Beratung kann nur gelingen, wenn die Beratende einerseits in Betracht zieht, dass sich Kultur stetig ändert und andererseits die Existenz von Stereotypen auf allen Seiten anerkennt und reflektiert. Sie führt die wichtige Unterscheidung zwischen individualistischen und relationalen Selbstkonzepten ein: Im letzteren sind weniger die individuellen Bedürfnisse und vielmehr die Rolle in der Gruppe und die „Harmonie des Netzwerkes“ (19) handlungsleitend.

Nachdem die Autorin die Wichtigkeit einer professionellen Sprachmittlung in Beratungssituationen ohne gemeinsame Sprache begründet hat, betont sie, dass noch wichtiger als die Verständigung und Verständlichmachung die Haltung der Beratenden ist: Ob wir die Beratung in multikulturellen Kontexten „als lästige oder unlösbare Aufgabe ansehen, als Herausforderung oder Bereicherung, hängt von unserer Haltung ab“ (29). Haltung ist die zentrale Kategorie des Buches: Die systemische Haltung – stets nach neuen Möglichkeiten suchend – wird durch die Neue Autorität, da sie in sich relationale und individuelle Orientierungen vereint, und eine multikulturelle Haltung (wesentliche Voraussetzungen: respektvolle Neugier, kulturelle Empathie, Perspektivwechsel, Reflexion von Stereotypen) ergänzt. Neue Autorität wirkt durch Beziehung, leistet gewaltlosen Widerstand; Eltern lernen zwischen ihrem Kind und seinem gewalttätigen Verhalten zu unterscheiden.

Im zweiten Teil des Buches wird die systemische Beratung im Hinblick auf multikulturelle Kontexte mit konkreten praktischen Beispielen vorgestellt. Für das Joining als Aufbau der Arbeitsbeziehung schlägt Eberding bspw. vor, sich die Aussprache der Vornamen genau erklären zu lassen und weist auf mögliche Fettnäpfchen hin. Die Methoden Genogramm, Auftragsklärung, Zirkuläres Fragen werden ebenso vorgestellt wie einige Methoden, die ohne viel Sprache auskommen und daher sehr nützlich sein können, wenn es keine große gemeinsame sprachliche Basis gibt.

Diskussion

Die Autorin macht deutlich: In der Arbeit in multikulturellen Kontexten der Einwanderungsgesellschaft kann es nicht um möglichst viel Information über „andere“ Kulturen gehen – die Anhäufung von bloßem Wissen kann Stereotype begünstigen und den Blick auf die Einzigartigkeit der Menschen verstellen. Eberding zeigt überzeugend und anschaulich, wie produktiv das Konzept der Neuen Autorität hier sein kann: da es individualistische und relationale Werteorientierungen in sich vereint, dient es als Brückenbauer. Gerade für Kinder und Jugendliche, die in beiden Werteorientierungen zurechtkommen müssen, lassen sich auf der Basis von Neuer Autorität, neue Möglichkeiten erarbeiten, die alle Mitglieder des Netzwerkes einbeziehen. Angela Eberding zeigt dies in angemessener Ausführlichkeit in vielen Fall-Beispielen und bietet somit eine sehr gute Orientierung für die beraterische Praxis.

Fazit

Angela Eberding gelingt äußerst überzeugend ihren Ansatz einer gelingenden Beratung in multikulturellen Kontexten verständlich und kompakt darzulegen. Aus ihrem fruchtbaren und geradezu zukunftsweisenden Zusammenbringen von Systemischer Beratung, Neuer Autorität und multikultureller Haltung lassen sich leicht Handlungsschritte ableiten, wo sie nicht selbst bereits konkrete Vorschläge für die Praxis macht. Soziale Arbeit im Einwanderungsland Deutschland ist immer auch Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, daher ist das Buch für sehr viele Arbeitsbereiche relevant und sehr zu empfehlen.


Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe in Berlin-Neukölln
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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 29.06.2021 zu: Angela Eberding: Neue Autorität in multikulturellen Erziehungskontexten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-525-40849-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28501.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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