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Günther Schlott, Dieter Mank: Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase

Cover Günther Schlott, Dieter Mank: Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase. Praxis-Handbuch: erfolgreiche BVP-Implementierung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2020. 2., bearbeitete Auflage. 318 Seiten. ISBN 978-3-8426-0819-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 56,90 sFr.

Reihe: Pflege Management.
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Thema

Zur „Gesundheitlichen Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase“ gehört die Beratung über medizinisch-pflegerische, psychosoziale und seelsorgerische Versorgung sowie über rechtliche Vorsorgemöglichkeiten wie beispielsweise zur Patientenverfügung. Das Praxishandbuch von Günther Schlott und Dieter Mank beschreibt in sehr anschaulicher Form, wie diese Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase, die inzwischen im SGB V, in § 132g Abs. 1 auch rechtlich abgesichert ist, in der Praxis der Altenpflege rechtzeitig und bedarfsgerecht umgesetzt werden kann. Weiter zeigt es konkrete Wege auf und liefert Anregungen und Vorlagen dafür, wie dieser Anspruch der Beratung und Versorgungsplanung in der letzten Phase des Lebens, der aus dem Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung (HPG) abgeleitet wurde, im Projekt „beizeiten begleiten“ modelhaft umgesetzt und in die Praxis implementiert worden ist.

Autoren

Günther Schlott hat nach dem Studium der Psychologie und Philosophie noch zusätzlich eine Ausbildung zum Hotelkaufmann gemacht, bevor er nacheinander die Leitung verschiedener Altenpflegeeinrichtungen übernahm. Er hat in diesem Kontext auch eine Ausbildung als Qualitätsmanagement-Fachingenieur vorzuweisen.

Dr. phil. Dieter Mank ist Schriftsteller und bearbeitet als Autor auch verschiedene Wissenschaftsthemen. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie hat er ein Volontariat bei einer deutschen Tageszeitung absolviert und ist auch als freiberuflicher Journalist tätig.

Entstehungshintergrund

Ein immer höheres Lebensalter beim Einzug in eine Einrichtung der stationären Langzeitpflege und auch die Zunahme chronisch fortschreitender Erkrankungen machen eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen zu pflegerischen Maßnahmen, medizinischen Behandlungen und zu psychosozialer Unterstützung in Vorbereitung auf die letzte Lebensphase immer stärker erforderlich.

Vor diesem Hintergrund können zugelassene Pflegeeinrichtungen im Sinne des § 43 SGB XI und Einrichtungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen, seit dem 01.01.2018, nach § 75 Abs. 1 Satz 1 SGB XII diese Leistung gemäß § 132g Abs. 1 SGB V anbieten und auch abrechnen, zuletzt geändert durch Art. 2a G v. 28.5.2021.

Diese Publikation stellt im Kern das Wesen und Anliegen der Versorgungsplanung vor. Diese erfolgt auf der Basis des Konzepts Advance Care Planning (ACP), ins Deutsche übersetzt als „Behandlung im Voraus Planen (BVP)“, und hat das Ziel, dass Patient*innen auch dann nach ihren individuell festgelegten Wünschen und Vorstellungen behandelt werden, wenn sie das nicht mehr selbst äußern können. Insofern versteht sich diese Veröffentlichung als konkretes Praxis-Handbuch für die Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase, das eine erfolgreiche BVP-Implementierung unterstützen und ermöglichen will.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei größere Teile und insgesamt 18 Kapitel, die im Umfang stark variieren und das Thema der Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase sehr umfassend und praxisnah aufzeigen.

Im Vorwort zur 2. Auflage weisen die beiden Autoren darauf hin, dass sie auch die umfangreichen Rückmeldungen zur 1. Auflage berücksichtigt und gewisse Unschärfen bereinigt haben. Insofern wurden die Inhalte der weiteren Entwicklung, auch im rechtlichen Bereich, entsprechend angepasst und aktualisiert.

Im ersten Teil des Buches wird in Kapitel 1 das Konzept „Behandlung im Voraus Planen (BVP)“ am Beispiel des BMBF-geförderten Forschungsprojekts „beizeiten begleiten“ dargestellt (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2009–2011). In diesem Kontext konnte in einer kontrollierten Studie die Wirksamkeit des im Projekt entwickelten BVP-Programmes nachgewiesen werden, indem die Anzahl und Qualität von Patientenverfügungen, vor allem im Hinblick auf Aussagekraft und Validität, im Projektzeitraum signifikant gesteigert werden konnte. Mit diesem Ansatz verbunden ist ein zielgerichteter Kommunikationsprozess zwischen Bewohner*innen, ihren behandelnden und betreuenden Personen sowie ggfs. auch den gesetzlichen Vertreter*innen.

Es folgt in Kapitel 2 ein kurzer Abriss über die Entwicklung und Geschichte des Konzepts Advance Care Planning, dem in Kapitel 3 die entsprechende inhaltliche Zielperspektive folgt, verbunden mit der Darlegung der dringenden Notwendigkeit eines Umdenkens in der Altenpflege.

Der erste Teil schließt im Kapitel 4 ab mit Überlegungen aus medizinethischer Sicht aus dem Blickwinkel von Autonomie und Selbstbestimmung und illustriert mit Statements betroffener Patient*innen und Bewohner*innen.

Der zweite Teil des Buches widmet sich ausführlich der Implementierung des Konzepts BVP. Dabei werden in Kapitel 5 vor allem die handlungsleitenden Gedanken im Hinblick auf die Verankerung einer Palliativ-Kultur dargelegt und es wird erläutert, welche einführenden und flankierenden Maßnahmen diesen veränderten Umgang mit dem Lebensende und dem Sterben ermöglichen und unterstützen können.

In Kapitel 6 werden die organisationalen Rahmenbedingungen skizziert, die bereits vor Beginn des Einführungsprozesses als notwendige Voraussetzungen zu schaffen und zu klären sind. Dabei geht es neben den ökonomischen Bedingungen auch um personale Kompetenzen und um die Ermöglichung von barrierefreier Kommunikation und leichter Sprache.

Die schrittweise Vorgehensweise und die gemeinsame Erarbeitung von notwendigen Arbeitsabläufen bei der Implementierung von BVP stehen im Fokus von Kapitel 7, während sich Kapitel 8 mit der Dynamik, den Modellen und den Erfolgsfaktoren von Netzwerkarbeit beschäftigt, die für eine erfolgreiche Implementierung notwendig sind. In diesem Kontext werden auch sehr konkrete Ansätze und Tools aus dem Pflegemanagement eingeführt, wie das Kommunikationsmodell des „Business Discourse“ und die „Balanced Scorecard“.

Dies leitet über zu Kapitel 9, in dem Inhalt und Struktur des Projektmanagement-Leitfadens im Detail erläutert und qualitative sowie quantitative Kriterien für die erfolgreiche Durchführung eines modellhaften Vorgehens dargestellt werden.

Die Gesprächsführung sowie Ablauf und Prozess bei der gemeinsamen Erarbeitung einer Patientenverfügung stehen im Fokus von Kapitel 10. Dabei werden sehr hilfreiche Hinweise gegeben, wie dieser Prozess geplant und strukturiert und was in den einzelnen Schritten nach Möglichkeit beachtet oder vermieden werden sollte.

Der dritte Teil des Buches geht auf die verschiedenen Formen ein, die zu einer guten Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase gehören und betrachtet den Ertrag des Modells BVP aus verschiedenen Perspektiven, vor allem hinsichtlich seiner Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit und der damit verbundenen ökonomischen Aspekte.

Dieser abschließende Teil startet in Kapitel 11 mit Ausführungen und rechtlichen Implikationen zu Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung und leitet dann über zu Detailfragen, die bei der Abfassung einer aussagekräftigen Patientenverfügung hoch relevant sind. Um diese verschiedenen wertebasierten und medizinischen Aspekte geht es dann im Detail bei den Ausführungen in Kapitel 12.

Unter der Überschrift „Was mir am Herzen liegt…“ wird in Kapitel 13, die Bedeutung eines ganz persönlichen Statements zum Abschluss einer reflektierten Patientenverfügung erörtert.

Dem wichtigen Thema der Vertreterdokumentation widmet sich das Kapitel 14. Dabei geht es um eine stellvertretende schriftliche Darlegung des mutmaßlichen Behandlungswillens einer betroffenen Person für zukünftige hypothetische Entscheidungssituationen und was dabei zu beachten ist.

In Kapitel 15 wird die Sinnfrage zum Vorgehen nach dem Modell BVP ins Zentrum gerückt und es geht um mögliche innere Konflikte der gesprächsbegleitenden Person im Prozess der gemeinsamen Erarbeitung der relevanten Dokumente im Rahmen der Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase.

Mit zentralen Fragen nach Sinn, Motivation und Nachhaltigkeit eines Vorgehens nach dem Modell BVP angesichts der Unausweichlichkeit unseres Todes beschäftigt sich Kapitel 16, während in Kapitel 17 die in diesem Kontext ebenfalls relevanten ökonomischen Fragen beleuchtet werden. Es geht dabei also die Betrachtung aus pflege- und gesundheitsökonomischer Perspektive.

Mit Blick in die Zukunft wird in Kapitel 18 skizziert, wie es mit dem im Buch dargestellten Ansatz und Modell BVP in der Fachpraxis weitergehen kann und was dafür die nächsten Schritte sein müssen.

Zielgruppen der Publikation

Das Buch richtet sich an alle Berufsgruppen, die sich in Einrichtungen der stationären Altenpflege und Eingliederungshilfe mit Fragen der Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase beschäftigen. Es ist aber auch ein Gewinn und es weitet den Blick für alle Auszubildenden und Studierenden in der Pflege, in der Sozialen Arbeit, den pflegerelevanten Studiengängen und in den Gesundheitsfachberufen

Diskussion

Diese Publikation macht deutlich, dass sich Einrichtungen der stationären Langzeitpflege und der Eingliederungshilfe zunehmend als lebende und lernende Systeme verstehen und mit wachsender Dringlichkeit immer wieder neu mit Fragen der Gestaltung der letzten Lebensphase in Würde und Autonomie beschäftigen müssen. Es geht dabei um die Verständigung über gesetzlich und ethisch fundierte Wege und Maßnahmen, die auch das Ende des Lebens in Selbstbestimmung und – wenn notwendig – auch in stellvertretender Entscheidung ermöglichen.

Im Zentrum des Handelns aller Beteiligten muss dabei der erklärte Wille von betroffenen Bewohner*innen oder Patient*innen stehen. Wichtig in diesem Kontext ist vor allem auch eine gelingende Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Akteuren in den Versorgungssettings am Lebensende. Das hier rezensierte Buch zeigt auch dafür einen erprobten Weg auf, der aber individuell ausgestaltet werden muss. Die inzwischen entstandene „Deutsche interprofessionelle Vereinigung – Behandlung im Voraus Planen (DiV-BVP)“ trägt dazu bei, das beschriebene Modell noch stärker in der deutschen Fachpraxis zu verankern und damit der Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase eine gute Basis zu verschaffen.

Fazit

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, das – im Sinne der detaillierten Beschreibung eines innovativen Projekts – den Blick auf die Notwendigkeit einer neuen Werte-Kultur in der stationären Langzeitpflege lenkt. Mit Blick in die Zukunft erhält es eine wachsende Aktualität. Es ist also im besten Sinne eine Publikation aus der Praxis für die Praxis.


Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg,
emr. Prorektorin für Forschung und Weiterbildung, Professorin für Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen;
Leitung des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung;
Sprecherin des Forschungsschwerpunkts „Versorgungsforschung in Gerontologie, Pflege und Gesundheitswesen“
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 25.08.2021 zu: Günther Schlott, Dieter Mank: Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase. Praxis-Handbuch: erfolgreiche BVP-Implementierung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2020. 2., bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-8426-0819-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28510.php, Datum des Zugriffs 08.12.2021.


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