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Eben Louw, Katja Schwabe: Rassismussensible Beratung und Therapie von geflüchteten Menschen

Cover Eben Louw, Katja Schwabe: Rassismussensible Beratung und Therapie von geflüchteten Menschen. Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 110 Seiten. ISBN 978-3-525-45023-9. D: 15,00 EUR, A: 16,00 EUR.

Reihe: FLUCHTaspekte.
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Thema

Das Buch will die Wichtigkeit einer rassismussensiblen Grundhaltung in der beraterischen und therapeutischen Praxis mit Geflüchteten und anderen von Rassismus Betroffenen nachweisen. Vor allem weiße Berater*innen und Therapeut*innen werden aufgefordert, sich mit der rassistischen Strukturiertheit der Gesellschaft auseinanderzusetzen sowie einen Reflexionsprozess in Hinblick auf eigene Vorurteile und Zuschreibungen zu beginnen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Eben Louw ist u.a. als Psychotherapeut in der Opferberatung tätig und leitete mehr als zehn Jahre eine spezialisierte Beratungsstelle für Opfer rassistischer Gewalt. Katja Schwabe ist u.a. Psychologin und arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung u.a. mit jungen geflüchteten Menschen.

Aufbau

Der Hinweis auf das Menschenrecht, vor Rassismus geschützt zu werden, bildet den Startpunkt der Argumentation. Danach wird dargelegt, was genau mit Rassismus gemeint ist und in welchen Formen er in unserer Gesellschaft auftritt. Anschließend widmet sich ein Kapitel den Reaktionen von Betroffenen auf rassistische Diskriminierungen, bevor die Herausforderungen, die sich dadurch für Beratung und Therapie ergeben, dargestellt werden. Im weiteren Verlauf werden Handlungsmöglichkeiten dargestellt, bevor Forderungen an das Versorgungsystem formuliert werden.

Inhalt

Bereits in den Vorbemerkungen betonen die Autor*innen ihren Hauptpunkt: Ohne die Kenntnis von Rassismus als gesellschaftliche Struktur besteht die Gefahr, dass die weiße Beraterin/​Therapeutin Rassismuserfahrungen von Adressat*innen isoliert betrachtet oder bagatellisiert; dies kann eine sekundäre Viktimisierung zur Folge haben (14). Neben dem Lernen über Rassismus ist die Reflexion auf die eigene Position, eigene Privilegien und eigene Vorurteile entscheidend: „Es ist an der Zeit, wohlwollend und nachsichtig auf sich selbst zu zeigen, sich Fehler einzugestehen und es dann besser zu machen“ (12). Rassismuserfahrungen wirken sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit aus, die psychosoziale Versorgung muss dahingehend Konzepte entwickeln, „Rassismus ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Faktoren für die Lebensqualität vieler Geflüchteten und Migrant*innen“ (17). Rassismus wird definiert als ein soziales Ausgrenzungssystem, das seinen Ursprung im Kolonialismus hat und bis heute weiße Dominanz rechtfertigt. Er zeigt sich im Alltag der Betroffenen weniger als offen aggressives Verhalten denn als subtiler Ausschluss, teilweise gut gemeinte Ignoranz und: auf institutioneller Ebene. Durch Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, im Bildungssystem und die Beschränkung von Zugängen belastet Rassismus den Alltag von Geflüchteten stark. Dazu gibt es eine seit den neunziger Jahren ungebrochene Serie von Gewalt gegen Geflüchtete und ihre Unterkünfte. All das führt zu Stressbelastungen – rassistische Diskriminierungen stellen wesentliche Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Störungen dar. Gleichzeitig stehen Geflüchtete unter einem starken Anpassungsdruck, der dazu führt, dass viele Betroffene nicht über ihre Erfahrungen sprechen. Bekommen Klient*innen of Color den Eindruck, dass die Beraterin/​Therapeutin ihre von Rassismus geprägte Lebensrealität nicht versteht, ist die Beziehungsgestaltung besonders schwierig (60). Entscheidend ist, beim Berichten über Rassismuserfahrungen diese als solche ernst zu nehmen und sich solidarisch zu zeigen: „Klient*innen brauchen ebenso die Anerkennung, dass die Beweggründe rassistisch waren und somit einzuordnen sind. Sie benötigen die Anerkennung, dass Rassismuserfahrungen kein Zufälle, sondern Teil ihrer allgemeinen Lebenserfahrung sind“ (74). Im Anschluss zeigen die Autor*innen die besondere Wichtigkeit dieser Haltung in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten auf – diese sind ohne famiiäre Unterstützung in Deutschland und u.a. deswegen besonders vulnerabel. Im letzten Kapitel fassen die Autor*innen ihre Forderungen an das Versorgungssystem für geflüchtete Menschen zusammen: Das Zwei-Klassen-System muss abgeschafft, Diversität in der Personalzusammensetzung erreicht und die eigene Verstrickung in rassistische Strukturen reflektiert werden.

Diskussion

Das Buch will ein Wegweiser für rassismussensible Praxis sein, dies gelingt durch gute theoretische Fundierung und viele praxisnahe Beispiele. Die Autor*innen bringen viel Kompetenz aus der praktischen Arbeit mit, die umfassend reflektiert und in gesellschaftliche Zusammenhänge eingeordnet wird.

Fazit

Das Buch ist wichtig und empfehlenswert. Es argumentiert kompakt, dabei recht umfassend und überzeugend für die fundamentale Wichtigkeit von Rassismuskritik und den entsprechenden Kenntnissen in Beratungs- und Therapiekontexten. Hierbei ist entscheidend, dass Rassismuserfahrungen nicht isoliert, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnis gefasst werden. Beratung und Therapie können nur gelingen, wenn die Ratsuchenden keine sekundäre Diskriminierung fürchten müssen. Das Bändchen erklärt Rassismus als historisch gewachsene Struktur und mit welchen Konsequenzen er von Geflüchteten und anderen nicht-weißen Mitgliedern der Gesellschaft erfahren wird. Es werden konkrete Handlungsmöglichkeiten vorgeschlagen, die von Fachkräften direkt umgesetzt werden können.


Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe in Berlin-Neukölln
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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 09.08.2021 zu: Eben Louw, Katja Schwabe: Rassismussensible Beratung und Therapie von geflüchteten Menschen. Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-45023-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28512.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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