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Corina Ahlers, Natascha Vittorelli u.a. (Hrsg.): Die Anderen sind wir

Cover Corina Ahlers, Natascha Vittorelli, Gustav Glück, Aladin Nakshbandi (Hrsg.): Die Anderen sind wir. Eine Anleitung zum Umgang mit kultureller Uneindeutigkeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. 85 Seiten. ISBN 978-3-525-40745-5. D: 12,00 EUR, A: 13,00 EUR.

Reihe: Leben, Lieben, Arbeiten - systemisch beraten.
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Thema

Die Autor:innen berichten von ihren Erfahrungen und ihrem Lernen aus dem Projekt Kulturendialog in Wien, das aus Syrien und dem Irak Geflüchtete mit Studierenden und Praktizierenden der systemischen Psychotherapie zusammenbrachte. Das Buch will den postkolonialen Diskurs der akademischen Welt mit der Praxis des psychosozialen Feldes verbinden.

Herausgeber:innen

Die Herausgeber:innen sind Dr. Corina Ahlers (u.a. Psychologin, Dozentin und Lehrtherapeutin für Systemische Therapie in Wien und Gründerin des Kulturendialogs); Dr. Gustav Glück (u.a. Organisationsentwickler); Aladin Nakshbandi (MBA, Gründer des Vereins SMART Academy Wien, der zwischen arabischen Geflüchteten und österreichischen Institutionen vermittelt) und Dr. Natascha Vittorelli (Systemische Familientherapeutin in Wien). Alle Autor:innen des Bändchens sind systemische Psychotherapeut:innen, teilweise noch in Ausbildung.

Entstehungshintergrund

Das Projekt Kulturendialog entstand in der Zeit der Fluchtbewegung 2015 als Initiative der SMART Academy, der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien (ÖAS) und dem Kompetenzzentrum FAMILIENEU.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Teile (1. Der Kontext/2. Projektbeschreibung/3. Am Ende) eingeteilt. Es beginnt im ersten Teil mit Informationen zum Hintergrund und Begriffsklärungen. In der Einleitung problematisiert Corina Ahlers, dass durch „das Formulieren einer quasi erlernbaren interkulturellen Kompetenz“ maskiert wird, „dass sowohl Gäste wie auch >ihre< Gastgeber:innen permanent vom öffentlichen Diskurs und öffentlicher Gebarung mitbestimmt werden“ (21). Durch die Vernetzung der Psychotherapeut:innen mit arabischen Geflüchteten wurde Raum geschaffen für „transformative Selbsterfahrung – im besten Fall auf beiden Seiten“ (19). Im Zweiten Teil stellt Gustav Glück zunächst im vierten Kapitel den Ablauf des Kulturendialogs über anderthalb Jahre vor: Auf den Informationsabend folgten drei Workshops, in denen Alltagssituationen in Form von Rollenspielen nachgestellt wurden. Sie bestanden aus Arbeit in der Großgruppe und Arbeit in Kleingruppen. Hauptanliegen war dabei die Schulung der Wahrnehmung und das Wecken von Neugier und Aufmerksamkeit. Zwischen den Workshops wurden diese an Hand von Videoaufzeichnungen der Workshops nachbearbeitet. Am Ende stand eine Abschlussveranstaltung mit Filmvorführung und Zertifikat-Überreichung. Im fünften Kapitel berichten Teilnehmende davon, wie die Workshops ihre Perspektive auf Fremde verändert haben. Im dritten Teil werden Thesen formuliert, die „als Navigationssystem für Weltenbummler:innen“ (73) dienen sollen. Die Thesen rufen dazu auf, in der Begegnung mit „dem Fremden“ in erster Linie auf eigene Ängste und Hemmungen zu reflektieren. Den Abschluss des Buches bildet schließlich der Bericht einer Teilnehmerin auf Seite der Psychotherapeut:innen, die im Rahmen des Projekts ihre eigene Migrationserfahrung neu reflektierte und sich „zwischen den Stühlen“ (77) fühlte.

Diskussion

Die meisten Seiten des Buches füllt die Projektbeschreibung. Was laut den Herausgeber:innen daraus zu lernen ist, findet sich auf drei Seiten am Ende des Buches. Das Bändchen ist daher weniger eine Anleitung für interkulturelle Arbeit allgemein als vielleicht Ideengeber für ähnliche, größer angelegte Projekte interkultureller Begegnung. Da das Projekt klar in zwei Gruppen (Geflüchtete/österreichische (angehende) Psychotherapeut:innen) eingeteilt war, wird die Trennung in jedem Text durch die Rede vom Anderen/​Fremden unaufhörlich reproduziert. Teilweise werden dafür Anführungszeichen genutzt und wir/sie wird kursiv geschrieben, der klare Fokus auf das, was vom Fremden trennt, überrascht dennoch in seiner Eindeutigkeit. Das Versprechen des Untertitels, eine „Anleitung zum Umgang mit kultureller Uneindeutigkeit“ zu sein, löst das Buch daher nicht ein.

Fazit

Die Teilnehmer:innen des Kulturendialogs konnten in den Begegnungen mit Geflüchteten auf eigene Wahrnehmungen und Zuschreibungen reflektieren und beschreiben das im Buch als Bereicherung für ihre Arbeit und für ihre Perspektive auf die Welt. „In einem reflektierten Miteinander des „Miteinanderseins“ … und >Anderssein< … wird Empathie gefördert.“ (14). Die inneren Dialoge der teilnehmenden Psychotherapeut:innen motivieren, sich auf eigene Vorananahmen und Zuschreibungen zu prüfen. Ziel des Bändchens ist eine Anleitung für Psychotherapeut:innen für den Erhalt ihres „inneren Gleichgewichts in der Begegnung mit dem Fremden“ (72). Am Ende hat man das Gefühl, dass der beschriebenen selbst-reflexiven Wendung nach Innen eine anschließende Wendung nach Außen in der Praxis fehlt. Die Haltung gegenüber dem Fremden hat sich verändert, fremd bleibt es den Autor:innen vielleicht dennoch.


Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe in Berlin-Neukölln
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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 13.09.2021 zu: Corina Ahlers, Natascha Vittorelli, Gustav Glück, Aladin Nakshbandi (Hrsg.): Die Anderen sind wir. Eine Anleitung zum Umgang mit kultureller Uneindeutigkeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-525-40745-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28513.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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