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Sibylle Janert, André Zirnsak: Autismus beziehungs­orientiert behandeln

Cover Sibylle Janert, André Zirnsak: Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 270 Seiten. ISBN 978-3-497-03065-1. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.
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Thema

Wie kann man Kinder mit autistischen oder autistisch-­ähnlichen Verhaltensweisen in ihrer Entwicklung fördern? Der Antwort auf diese Frage hat sich der sog. DIRFloortime-Ansatz verschrieben, eine Spieltherapie, die mit positiver Emotionalität und einfachen interaktiven Spieleinheiten arbeitet.

Das Buch führt in die Entwicklungskonzepte des Ansatzes und Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit ein. Für die praktische und passgenaue Umsetzung werden viele Spielideen und Kniffe für jegliche Entwicklungskapazitäten des Kindes vorgestellt (vgl. Klappentext).

Autor*innen

Sibylle Janert, Ruhpolding, Psychologin mit Fortbildung an der Tavistock Clinic, London und als DIRFloortime-Expert Trainerin, ist in eigener Praxis als Coach mit autistischen Kindern und ihren Familien tätig sowie in der Fortbildung im deutsch- und englischsprachigen Raum.

André Zirnsak, Dipl.-Heilpäd. (FH), ist in eigener Praxis in Berlin als Spieltherapeut, Supervisor und Coach mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit autistischen Kindern und ihren Familien sowie in der Fortbildung tätig.

Ilaria Acerbi, Heilpädagogin M.A., Berlin, arbeitet mit Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum

Stephanie Hohndorf, Dipl.-Psych., Systemische (Kinder- und Jugendlichen-)Therapeutin (SG), ist am Autismus Institut Lübeck tätig.

Entstehungshintergrund

Die Autor*innen stellen mit dem aus den USA „importierten“ DIRFloortime-Modell einem breiten Publikum von Fachleuten, Eltern und allen „die das individuell Menschliche vor Diagnosen stellen wollen“ (S. 9) eine Methode vor, „um Autismus, autistisch-ähnliche und herausfordernde Verhaltensweisen sowie eine Vielzahl von Entwicklungsverzögerungen beziehungsorientiert verstehen, behandeln und fördern zu können“ (S. 9). Sie wenden sich dabei gegen verhaltensorientierte Ansätze wie Verhaltenstherapie und Applied Behavior Analysis (ABA).

Aufbau und Inhalt

Entlang von Individuellen Entwicklungswegen führt Ahnert an die Thematik des Buches heran, macht dabei deutlich, dass die Zuschreibung „autistisch“ oder die Diagnose „Autismus“ nicht immer so einfach anzunehmen ist und schlägt vielmehr eine beziehungsorientierte Sicht auf „autistisch-ähnliche und autistische Verhaltensweisen“ vor.

Zirnsak widmet sich im 2.Kapitel dem Thema Spiel, geht ein auf die Bedeutung des Spiels für die kindliche Entwicklung und zeigt auf, wie vor allem Eltern eine „spielerische Haltung“ vermittelt werden kann.

Im 3. Kapitel geht Zirnsak auf das D in DIR ein, also auf die funktionalen emotionalen Entwicklungsebenen in der Entwicklung des Kindes. Er präsentiert „eine Schatzkarte zur Entdeckung vielfältiger Entwicklungsaspekte“, wobei er dabei zurückgreift auf das Modell der „Funktionalen Entwicklungskapazitäten“ von Greenspan und Wieder. Hier wird – zum Nutzen einer Entwicklungsbeobachtung bis zum 9. Lebensjahr und darüber hinaus – in 9 Abschnitten beschrieben, welche Kapazitäten die Kinder in der jeweiligen Entwicklungsphase zeigen sollten – im Sinne von Entwicklungsaufgaben.

Acerbi beschäftigt sich im 4. Kapitel mit dem „I“ in DIR, wobei es darum geht, ein „individuelles sensomotorisches Profil“ zu erstellen. Der Schwerpunkt liegt darauf, „wie man die individuellen Unterschiede des Kindes und seines Umfeldes ‚detektivisch‘ aufspürt, um darauf aufbauende einen guten Kontakt herzustellen und hilfreiche Interaktionen und Kommunikationen zu entwickeln“ (S. 97). Dazu werden auf das Kind zugeschnittene Interaktionen gestaltet mit dem Ziel, die Bedürfnisse des Kindes zu verstehen und die individuellen Unterschiede und Emotionen zu erklären. Mit Blick auf die Sinnessysteme und die fein- sowie grobmotorischen Fertigkeiten wird (anhand eines Beobachtungsbogens) ein sensomotorisches Profil erstellt, als eine Grundlage für die Förderplanung.

Im 5.Kapitel beschäftigt sich Jahnert mit dem R in DIR, also mit den emotionalen Beziehungen – in unterschiedlichen Facetten. Sie geht ein auf die Bedeutung emotionaler Beziehungen für die Entwicklung des Kindes, die schon vorgeburtlich angebahnt wird. Sie zeigt auf, dass das Kind aktiv auf die materiale und soziale Umwelt zugehen muss und unterstreicht dabei die Bedeutung der Bewegung, denn „Bewegung und Beziehungen gehören zum Lebendigsein“ (S. 143). Einige Seiten widmet die Autorin der Gefährdung für eine gesunde Entwicklung durch elektronische und digitale Medien.

Im 6.Kapitel geht Zirnsak noch einmal auf das Kinderspiel als Grundlage für gesunde Entwicklung ein.

Im 7.Kapitel nimmt Hohndorf die Entwicklung des Kindes unter die Lupe nehmen. Der dazu entwickelte Beobachtungsbogen orientiert sich an dem Entwicklungsprofil nach dem DIRFloortime-Ansatz. Sie zeigt an einem praktischen Beispiel, wie der Beobachtungsbogen eingesetzt werden kann und ordnet ihn mit seinem Potenzial ein im Rahmen der allgemeinen Diagnostikstandards.

Im ausführlichen Kapitel 8 wird es praktisch. Zirnsak zeigt – orientiert an den oben dargestellten Entwicklungsphasen – wie „Pfiffig gedacht, griffig gemacht“ werden kann, wie man also von der DIR-Theorie zur Floortime-Praxis kommt.

Im 9. Kapitel präsentiert Janert Ergebnisse aus der Forschung:

  • wie verändert Spielen unser Verhalten, Denken und Gehirn?
  • wie effektiv sind therapeutische und pädagogische Ansätze zu Autismus und die von Eltern implementierte Methoden
  • wie aussagekräftig sind Autismus-Diagnose und der ADOS-Test

Das Buch schließt ab mit Angaben zur Literatur und Internetquellen/​Videos sowie einem Sachregister.

Diskussion

Mit diesem Handbuch wird eine gute theoretische und praktische Einführung in die DIRFloortime-Methode vorgelegt, „eine Spieltherapie, die mit positiver Emotionalität und einfachen interaktiven Spieleinheiten arbeitet. Im Spiel folgt die erwachsene Person den natürlichen emotionalen Interessen des Kindes und fordert es dabei heraus, mit ihr in Beziehung zu treten. Dabei lernt das Kind, zunehmend seine sozialen, emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten zu nutzen und sich vom sensomotorischen hin zum symbolischen Denken zu entwickeln“ (Klappentext).

Der Name ist schon Programm: Das D Development/​Entwicklung steht für einen entwicklungsorientierten Ansatz, wobei die Therapeutin nicht bei der üblichen Entwicklungsstufe des entsprechenden Alters ansetzt, sondern bei der aktuellen Stufe des Kindes. Dies führt über zum I, das für individuell steht. Im Blick stehen die individuellen Besonderheiten und Interessen des Kindes. Das R schließlich steht für Relations, also Beziehungen und gibt ein beziehungsorientiertes Handeln vor.

DIRFloortime geht von verschiedenen Stufen in der emotionalen Entwicklung aus, die aufeinander aufbauen. Über gezielte Beziehungsangebote auf dem Niveau der entsprechenden Entwicklungsstufe des Kindes wird Kontakt aufgebaut. Gelingt dies, versucht die Therapeutin bzw. versuchen die Eltern das Geschaffte zu festigen und mit dem Kind die nächsthöhere Stufe zu erreichen.

Mit diesen grundlegenden Aussagen setzt sich diese Methode von verhaltenstherapeutischen Maßnahmen ab. „Statt dem Fokus auf der Norm entsprechendem Verhalten des Kindes ohne Berücksichtigung seiner inneren Gefühlswelt und individuellen Besonderheiten, wie in traditionellen Verhaltensansätzen und ABA (Applied Behaviour Analysis) lesen wir als DIRFloortimer das Verhalten des Kindes als eine Kommunikationsäußerung über emotionale und sensorische Vorgänge, die im Inneren des Kindes stattfinden“ (S. 177). Diese massive Kritik an den VT-Ansätzen zieht sich durch das gesamte Buch, bis hin zu der Anführung von Studien, welche die Wirksamkeit von DIRFloortime und die Unwirksamkeit von VT-Ansätzen belegen – Aussagen, die sicher genauso zu hinterfragen sind, wie die reduzierte Darstellung der VT-Ansätze.

Bedenkenswert ist auch der Umgang mit dem Begriff Autismus. Der Titel des Buches verspricht eine Methode „Autismus beziehungsorientiert (zu) behandeln“. Die Darstellung des Ansatzes im Buch in Theorie und Praxis zeigt aber nur wenig autismusspezifische Angebote. Vielleicht liegt das daran, weil die Autor*innen die Diagnose Autismus nicht wirklich anerkennen?

„In diesem Buch benutzen wir das Wort ‚autistisch‘ nicht als pathologisierende oder diagnostische Bezeichnung, sondern als nichtwertendes beschreibendes Adjektiv, das nur eine von vielen Eigenschaften, Besonderheiten, Aspekten, Eigenarten und individuellen Unterschieden beschreibt, aber nicht das Kind in seinem Menschsein darstellt. Beschreibungen sind keine Definitionen oder Diagnosen“ (S. 11f). Die Autor*innen grenzen sich ab von der „Lehrmeinung in der Medizin“, die davon überzeugt ist, „dass Autismus eine physiologische Störung ist, eine Art struktureller organischer Defekt im Körper und/oder Gehirn des Kindes, der sich kaum beeinflussen ließe und im Grunde lebenslang bedeute“ (S. 17). Die Autor*innen weisen hingegen darauf hin, „dass Gehirn, Gene und Chromosomen nie für sich alleine existieren, sondern immer in einem Körper und in Beziehung mit ihrem Umfeld. Zu diesem Umfeld gehören vor allem auch Beziehungen, die sich in Form von Eltern und anderen Bezugspersonen freudig und pro-aktiv um die bestmögliche Förderung des jeweiligen Kindes kümmern können“ (S. 18).

Darauf basiert die Förderung auf der DIRFloortime-Methode, deren Ziel es ist, „die Schwierigkeiten vom Kind mit Entwicklungsherausforderungen zu kompensieren und es dann zu ermutigen, zunächst mit dem Erwachsenen und später dann auch mit anderen Kindern in einem kontinuierlichen Austausch sein zu wollen, damit es seine Entwicklungsaufgaben bewältigen kann“ (62). Das klingt ermutigend, scheint manchmal auch ganz einfach zu sein. Man muss nur die „zentralen Kniffe und Griffe“ für das jeweilige Entwicklungsalter kennen um schwierige Situationen „in den Griff zu bekommen (…) wenn gelegentlich der Wurm drin ist“ (S. 207). Da reicht ein kleiner Hinweis und schon scheint das Problem gelöst zu sein – wie auch dieses Beispiel zeigt: „Mit Eltern, die sich wegen autistischähnlicher oder autistischer Verhaltensweisen an mich wendeten, erlebe ich solche Veränderungen regelmäßig und immer in der gleichen Reihenfolge: erst verändern die Erwachsenen ihre Kommunikationsweise, weil sie das Kind und seine Entwicklungsebene besser einzuordnen und zu verstehen lernen und beginnen mit dem Kind auf eine emotional einfühlsame Art und Weise zu sprechen. (…) Der Wendepunkt ist hier immer weg von einem verhaltensorientierten Fokus auf das Befolgen von Anweisungen beziehungsweise einer vermeintlichen Gehorsamsverweigerung und hin zu einer beziehungsorientierten Sichtweise, die das Kind als einen fühlenden empfindsamen Menschen wahrnehmen kann“ (S. 19).

Kommt hier durch die Hintertür wieder die „Kühlschrankmutter“, deren Schwierigkeiten mit dem Kind in Kontakt zu kommen ursächlich ist für das „autistische Verhalten“ des Kindes ist?

Fazit

Gut, dass mit diesem Buch die DIRFloortime-Methode für die deutschsprachliche Leserschaft ausführlich dargestellt wurde. Dies gibt die Möglichkeit, sich damit fundiert auseinanderzusetzen und Argumente dafür oder dagegen zu finden, sich evtl. für eine Ausbildung zu diesem Ansatz zu entscheiden. Gut vorstellbar ist auch, dass diese Methode für Kinder geeignet ist, welche im Spektrum eher auf der Seite „Asperger“ wiederzufinden sind.

Sehr problematisch scheint mir die grundlegende Abwehr der gängigen Lehrmeinung zu sein, die im Autismus eine biologisch verursachte Behinderung sieht, welche aktuell nicht heilbar ist. Danach können den Betroffenen Hilfestellungen zur besseren Bewältigung ihres Alltags und zur Teilhabe gegeben werden, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Mehr zu versprechen, wie dies in diesem Buch angedeutet wird, ist unfair dem Kind und den Eltern gegenüber, so wie hier: „Da es sich bei Autismus, autistischen und autistisch-ähnlichen Verhaltensweisen um eine Störung in Beziehung und Kommunikation handelt, besteht immer ein großes Entwicklungspotenzial“ (S. 18).


Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 19.11.2021 zu: Sibylle Janert, André Zirnsak: Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03065-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28521.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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