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Eva Georg: Haltung zeigen

Rezensiert von Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer, 04.03.2022

Cover Eva Georg: Haltung zeigen ISBN 978-3-7344-1237-0

Eva Georg: Haltung zeigen. Reagieren auf Diskriminierung, Rechtspopulismus und Rassismus in der Schule. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 135 Seiten. ISBN 978-3-7344-1237-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Thema

In diesem Buch werden Ergebnisse einer explorativen Forschung zum Thema Rechtspopulismus und Diskriminierung an Schulen und in der Jugendarbeit vorgestellt und mit theoretischen Überlegungen zum Thema „Haltung“ und „Handlung“ verknüpft. Ergänzend werden Anregungen zum Umgang mit problematischen Situationen in diesem spezifischen Kontext gegeben. Der Fokus liegt dabei auf Rassismus, Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit.

Autorin

Eva Georg, Dr. phil., Dipl. Soz., Systemische Beraterin und Supervisorin. Sie ist Beraterin im beratungsNetzwerk hessen – gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus mit Schwerpunkt Soziale Arbeit und Schule und arbeitet an der Universität Marburg u.a. zu den Themen Bildungs- und Beratungsarbeit sowie Diskriminierung und Diversität.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer Studie, die das Demokratiezentrum Hessen an der Philipps-Universität Marburg 2019 - 2020 durchgeführt hat. Im Zentrum der Praxisforschung standen zwei Fragen:

  1. „Welche [rechtspopulistischen, rassistischen] Vorkommnisse sind im Klassenraum und Jugendclub zu beobachten?“
  2. „Mit welcher Haltung reagieren pädagogische Fachkräfte auf solche Vorkommnisse? Was meinen sie, wenn sie von Haltung sprechen? Und: Warum ist das mit der Haltung gar nicht so einfach?“ (Georg 2021, S. 7).

Aufbau

Das Buch ist klar strukturiert und hat den Fokus auf der Darstellung der Forschungsergebnisse, die entlang der Forschungsfragen dargestellt werden. Dazwischen gibt es mehrere Einschübe mit theoretischen Reflexionen und einzelnen Fallbeispielen sowie methodischen Anregungen. Das Ende bildet ein Fazit, indem das Thema „Haltung“ mit dem Thema der „Handlung“ zusammengeführt wird. Die Autorin plädiert für einen Perspektivenwechsel weg von der Person, die problematische Äußerungen tätigt hin zu allen Beteiligten. Weiter wird betont, dass der Erwerb der dafür notwendigen Kompetenzen notwendiger Bestandteil der Ausbildung von Lehrpersonen sein sollte.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird beschrieben, wo es zu „Vorkommnissen“ mit Bezug zu „Menschenverachtung, Diskriminierung und Rassismus in Klassenzimmern und Jugendräumen“ (Georg 2021, S. 12) kommt. Hier werden Rassismus insbesondere gegenüber Geflüchteten, „Antisemitismus und Holocaustleugnung“, Homosexuellen- und Wissenschaftsfeindlichkeit genannt. Schüler*innen wünschen aber auch Unterstützung bei Rassismus, den sie selbst erleben oder Information über angemessene Sprechweisen und auch „Positionierung“ der Fachkräfte (ebd., S. 16). Auf der Seite der Fachpersonen wird angesprochen, dass das allgemeine gesellschaftliche Klima, indem die Grenzen des Sagbaren sich verschoben haben, auch in die Schulen hineinwirkt und diskriminierungskritische Projekte angefeindet werden. Eine zentrale Rolle spielen dabei Auseinandersetzungen um die Themen „Neutralität“ und „Meinungsfreiheit“ (ebd., S. 26). Es folgt das Schlaglicht I, in dem die wesentlichen Dokumente und Begriffe zu diesen Themen, wie z.B. der „Beutelsbacher Konsens“ (ebd., S. 29) erläutert und daraus folgende Handlungsaufträge abgeleitet werden.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den „Unsicherheiten und Herausforderungen“ (ebd., S. 35) der Fachkräfte. Dies betrifft die bereits genannten Grenzen der Meinungsfreiheit, aber auch Probleme, die sich aus den jeweiligen Systemen ergeben, wie z.B. die Unklarheit über die Positionierung der Schule, des Trägers, der Kolleg*innen. Speziell in der Schule kann es dazu kommen, dass engagierte Personen ausgegrenzt werden, weil sie unangenehme Themen ansprechen. In der Schule steht aber auch immer die Verpflichtung zur Wissensvermittlung in Konkurrenz zum sozialen Lernen. Es stellt sich also die Frage, ob und wann (innerhalb oder außerhalb des Unterrichts) ein Vorfall thematisiert werden soll (vgl., S. 43). Deutlich wird auch, dass der Fokus meist auf die Schüler*innen, die problematische Äußerungen/​Handlungen tätigen, liegt. An dieser Stelle folgt Schlaglicht II, indem das aus der Holocaust-Forschung stammende „Täter-Opfer-Zuschauer“-Modell in adaptierter Form vorgestellt wird (ebd., S. 48). Georg unterscheidet „Akteure“, „Betroffene“ und „Beteiligte“, ergänzt um eine „Hinterbühne“ (ebd., S. 49) und analysiert die Wirkungsketten. Sie leitet daraus ab, dass bei einem Vorkommnis immer interveniert werden sollte, da alle Personen in diesem System aus einer Situation etwas „lernen“ und sei es, dass diskriminierende Äußerungen einfach hingenommen werden (vgl. ebd., S. 57).

Im dritten Kapitel werden die „Umgangsweisen“ der Professionellen dargestellt, die von sofortiger Intervention über Einzelgespräche bis zur Bereitstellung von vertiefender Information reichen (ebd., S. 59–65). Es folgt Schlaglicht III, das einzelne Interventionsformen systematisiert und verdeutlicht, dass Strategien unterschiedliche Ziele bei den jeweiligen Zielgruppen verfolgen können. In Schlaglicht IV wird das Thema Haltung mit Bezug auf philosophische Reflexionen diskutiert. Die Autorin geht auch der Frage nach, ob Haltung als pädagogische Kompetenz erlernbar ist (ebd., S. 111–120). Im Anschluss daran werden Handlungsmöglichkeiten auf Mesoebene mit Fallbeispielen vorgestellt (ebd., S. 77–89), wobei betont wird, dass die Vermittlung der entsprechenden Handlungskompetenzen bereits in der Ausbildung stattfinden sollte.

Das vierte Kapitel hat den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Haltung und Haltung, insbesondere geht es um die Frage, ob eine Haltungs- oder eine Handlungsunsicherheit vorliegt bzw. wie eine spezifische Haltung durch Handlungen sichtbar werden kann (ebd., S. 90–110). Hier wird hervorgehoben, dass Haltung mit einer spezifischen „Wahrnehmungsweise“ (ebd., S. 95) verbunden wird, auf deren Basis dann „Wertschätzung“ (ebd., 100) bei gleichzeitiger „Positionierung“ (ebd., S. 104) sichtbar wird. Diese Positionierungen können wiederum Jugendliche in der Entwicklung der eigenen Haltung stärken. In Schlaglicht IV wird das Thema Haltung mit Bezug auf philosophische Reflexionen, aber auch auf Erlernbarkeit als Kompetenz für pädagogische Fachkräfte theoretisch diskutiert (ebd., S. 111–120).

Im abschließenden Abschnitt wird das Thema „Haltung“ mit dem Thema der „Handlung“ wieder aufgenommen. Die Autorin plädiert hier für einen Perspektivenwechsel weg von der Person, die problematische Äußerungen tätigt hin zu allen Beteiligten. Der Umgang der Fachkraft mit dem Vorfall hat eine Wirkung auf alle, auf diejenigen, die von der Äußerung direkt oder indirekt betroffen sind, auf diejenigen, die „nur“ beobachten und auf diejenigen, die die Äußerung getätigt haben, aber auch auf das gesamte System der Institution. Dies kann sich z.B. so auswirken, dass Schüler*innen über ausreichendes Vertrauen verfügen, einen diskriminierenden Vorfall zu melden oder auch nicht. Weiter wird betont, dass der Erwerb der dafür notwendigen Kompetenzen notwendiger Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von pädagogischem Fachpersonal sein sollte.

Diskussion

In dem Buch wird versucht, einen Spagat zwischen der Darstellung von Forschungsergebnissen und Ratgeberliteratur herzustellen, dies gelingt nur bedingt. Die Ergebnisse der Forschung nehmen viel Raum ein, wobei festzuhalten ist, dass die Größe des Samples eher klein ist (es wurden insgesamt zehn Personen interviewt, vor allem Lehrpersonen, Sozialarbeiter*innen sowie eine Schülerin). Damit liegt eine explorative Studie vor. Trotzdem ist es verdienstvoll, dass mit diesem Buch der Fokus auf das System Schule gelegt wird und damit auch auf die spezifischen Bedingungen, die engagiertes Handeln gegen Diskriminierung in diesem Kontext rahmen.

Der Ratgeberteil ist demgegenüber eher kurz ausgefallen, hier dürften die Ausführungen zum Neutralitätsgebot oder auch der Einblick in die Arbeitsweise von Beratungsstellen zum Thema besonders hilfreich sein. Leider wird die bereits vorhandene umfangreiche Literatur zum Thema „Umgang mit Stammtischparolen“ (Hufer 2019, Gundlach 2020) nicht berücksichtigt, dadurch wird der Eindruck erzeugt, neue Strategien vorzuschlagen, die aber schon längst in der Diskussion angekommen sind. Damit fehlen auch wichtige Impulse wie z.B. die Arbeit mit dem Wertequadrat in demokratiepolitischen Diskussionen (Boeser-Schnebel et al. 2016).

Ein weiteres Problem ist die Perspektive, die dieses Buch durchzieht. Da die Gewinnung des Samples nicht beschrieben wird, kann nur vermutet werden, dass vor allem Personen befragt wurden, die sich „auf der richtigen Seite“ wähnen, die sich als engagiert begreifen oder zumindest über ein Problembewusstsein verfügen, auch wenn sie nicht immer wissen, wie sie in konkreten Situationen handeln sollen. Die eigenen Vorurteile, eigenes diskriminierendes Handeln wird nie zum Thema, es geht vor allem um Schüler*innen, die diskriminierende oder populistische Äußerungen tätigen bzw. Handlungen setzen. Dies ist eine problematische Engführung. Auffallend ist auch, dass Phänomene wie Sexismus oder Ableismus nicht erwähnt werden, die gerade im schulischen Kontext relevant sind, der Fokus liegt auf Rassismus, Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit.

Störend ist, dass die Literatur, die in den „Schlaglichtern“ verwendet wird, nur in den Fußnoten zitiert wird, nicht aber in das allgemeine Literaturverzeichnis aufgenommen wurde, manche Titel fehlen im Literaturverzeichnis.

Fazit

Das Buch bietet einen Einblick in die Herausforderungen, mit denen Fachkräfte im Zusammenhang mit populistischen und diskriminierenden Vorkommnissen durch Jugendliche in den Systemen Schule und Jugendarbeit konfrontiert sind. Dabei können insbesondere die Informationen zum Spannungsfeld Neutralität versus Meinungsfreiheit hilfreich sein. Aufgrund der Begrenztheit des Samples, der daraus folgenden eingeschränkten Forschungsergebnisse sowie der kurz gehaltenen theoretischen und methodischen Einschübe sollte weitere Literatur ergänzend herangezogen werden, um handlungsfähig zu werden. Diese kann einen Einblick in die sozialpsychologischen Entstehungsmechanismen geben, die populistischen Parolen zugrunde liegen (Hufer 2019), gezielt auf spezifische Thematiken eingehen, wie z.B. Demokratiefeindlichlichkeit (Boeser-Schnebel et al 2016) oder einzelne Fallsituationen intensiv analysieren und Handlungsmöglichkeiten anbieten (Gundlach 2020).

Weiterführende Literatur

Boeser-Schnebel, Christian; Hufer, Klaus-Peter; Schnebel, Karin; Wenzel, Florian; Drewelow, Heike (2016): Politik wagen. Ein Argumentationstraining. Schwalbach: Wochenschau Verlag.

Gundlach, Helga B. (2020): Rechte Parolen kompetent kontern. Ein Wegweiser für die psychosoziale und pädagogische Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Hufer, Klaus-Peter (2019): Argumente am Stammtisch. Erfolgreich gegen Parolen, Palaver und Populismus. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Frankfurt: Wochenschau Verlag (Politisches Fachbuch).

Rezension von
Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
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Es gibt 9 Rezensionen von Eva Fleischer.

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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 04.03.2022 zu: Eva Georg: Haltung zeigen. Reagieren auf Diskriminierung, Rechtspopulismus und Rassismus in der Schule. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1237-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28523.php, Datum des Zugriffs 29.09.2022.


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