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Luise Reddemann: Die Welt als unsicherer Ort

Cover Luise Reddemann: Die Welt als unsicherer Ort. Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-89277-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Corona-Praxisbuch.
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Autorin und Entstehungshintergrund

Luise Reddemann hat in ihrer Zeit als Direktorin der Klinik für psychotherapeutische und psychosomatische Medizin des Evangelisches Krankenhaus in Bielefeld das Konzept der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie entwickelt und sich damit einen Namen in Forschung und Therapie von Traumafolgestörungen gemacht. Zu dem Thema hat sie viele Publikationen verfasst, die auch für die praktisch psychotherapeutische Arbeit eine sehr positive Resonanz gefunden haben. In ihrem neuen Buch befasst sie sich mit den pandemiebedingten Herausforderungen für die Gesellschaft insgesamt und die Psychotherapie im Besonderen. Grundlage ihrer Überlegungen sind dabei Grundannahmen der existentiellen Psychotherapie. Die Autorin selbst formuliert ihr Anliegen wie folgt: „Ich will mit diesem Buch existentielle Themen mit meinem wichtigsten therapeutischen Handwerkszeug, der 'Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie' verknüpfen, und ich will es wagen, eine mir und meinen Patienten gemäße Sprache zu finden.“

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 4 Kapitel, die wie folgt überschrieben sind:

  1. Soziologische und historische Blicke auf die Krise
  2. Psychotherapie in Zeiten von Corona und anderen kollektiven Krisensituationen
  3. Die existentielle Dimension der Pandemie-Erfahrung
  4. Mitgefühl in Zeiten der Corona-Pandemie

Im ersten Kapitel, das sich mit soziologischen und historischen Aspekten der Pandemie befasst, zitiert die Autorin eine Reihe namhafter Soziologen und Historiker. Dargestellt wird u.a. ein von Foucault entwickeltes Modell zum Umgang mit früheren pandemischen Krisen. Bei der Lepra seien die Kranken radikal von den Gesunden getrennt worden, bei der Pest habe man ein System lückenloser Kontrolle aller Grenzen versucht. Im Zeitalter der Pocken sei ein solch totalitärer Umgang mit einer Pandemie nicht mehr möglich gewesen. Die Gesellschaft habe lernen müssen, mit dem Erreger zu leben und habe versucht, kalkulierte medizinische Maßnahmen zu etablieren. Die Autorin betont, dass pandemische Krisenzeiten auch die Gefahr eines Rückfalls in autoritär-totalitäre Verhaltensmuster bergen. Sehr persönlich führt die Autorin aus, dass es in ihrem eigenen Leben noch nie eine so grundlegende Infragestellung des Sicherheitsempfindens gegeben habe wie durch die Corona-Pandemie.

Im zweiten Kapitel befasst sich die Autorin mit psychotherapeutischen Aspekten in Pandemie-Zeiten. Sie betont dabei, dass es aus ihrer Sicht notwendig sei, einen schulenübergreifenden Ansatz zu wählen und auch klinische Evidenz zu beachten. In dem Kapitel werden auch kurze Beispiele aus der eigenen Praxis vorgestellt mit konkreten Vorschlägen verbaler Interventionen oder praktischer Übungen. Die Autorin betont dabei auch, dass Menschen, die erfolgreich eine Traumatherapie absolviert haben, durch die aktuelle Pandemiesituation unter Umständen stärker verunsichert und hilfebedürftig sein können, insbesondere, wenn aktuelle Ängste durch frühere traumatische Erfahrungen geprägt sind. Das Kapitel enthält auch einen Vorschlag für eine überwiegend ressourcen-orientierte Krisenintervention im Rahmen von 5–10 Sitzungen nach dem Konzept der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT) mit ganz konkreten Vorschlägen zur Gestaltung der einzelnen Sitzungen.

Im dritten Kapitel befasst sich die Autorin mit den existentiellen Aspekten der Pandemie. Tod und Sterblichkeit, Einsamkeit, Fragen nach dem Sinn im Kontext der Corona-Pandemie sowie nach persönlicher Verantwortung werden ventiliert, auch in Hinblick auf die Bedeutung dieser Aspekte für die psychotherapeutische Arbeit mit belasteten Menschen.

Im letzten, kurz gehaltenen Kapitel finden sich Ausführungen zum Thema Empathie und Verbundenheit. TherapeutInnen gibt die Autorin den Rat, dass Grundlage jeder Empathie die Selbsterfahrung des Therapeuten ist. Dazu finden sich zwei praktische Übungen. Luise Reddemann schließt mit einem sehr persönlichen Statement. Sie berichtet, dass jeder Therapeut sich darüber im Klaren sein sollte, welche Dinge einen zutiefst tragen und bedeutsam sind. Für Reddemann sei dies die Kantate von Bach „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Diesem Größeren vertraue sie sich an, „wissend dass ich da sein darf, aber niemals alles bestimmen (kann)“.

Diskussion

Luise Reddemann befasst sich in dem Buch mit den besonderen Anforderungen, die die Pandemie-Situation für die psychotherapeutische Arbeit mit vulnerablen Menschen mit sich bringt. Für die psychotherapeutische Arbeit werden ganz praktische Tipps gegeben, bis hin zu konkreten Vorschlägen für verbale Interventionen oder Übungen. Das Werk beschränkt sich aber nicht auf die Praxis der Psychotherapie, sondern enthält viele kluge Überlegungen zur Pandemie z.B. in Hinblick auf soziologische, historische oder existentialphilosophische Aspekte und deren Bedeutung für die Psychotherapie. Obwohl es keine wissenschaftliche Publikation im engeren Sinne ist, ist die Zitation durchgängig korrekt und der interessierte Leser kann auch in den Originalpublikationen nachlesen. Durchgängig findet sich ein authentisches Einbringen sehr persönlicher Haltungen und Erfahrungen der Autorin. Dies dürfte der Schlüssel für den großen Erfolg von Luise Reddemann als Autorin und als herausragende Psychotherapeutin sein.

Fazit

Das Buch kann uneingeschränkt jedem psychotherapeutisch Tätigen für die praktische Arbeit empfohlen werden. Es ist aber auch für jeden Menschen, der mit offenen Augen durch die Welt gehen möchte als sehr bereichernde Lektüre zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Dreßing
Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie - Sozialmedizin / Rehabilitationswesen - Schwerpunkt Forensische Psychiatrie (DGPPN-Zertifikat)
Leiter des Bereichs für Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
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Zitiervorschlag
Harald Dreßing. Rezension vom 14.07.2021 zu: Luise Reddemann: Die Welt als unsicherer Ort. Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-608-89277-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28527.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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