socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Bescherer, Anne Burkardt u.a.: Urbane Konflikte und die Krise der Demokratie

Cover Peter Bescherer, Anne Burkardt, Robert Feustel, Gisela Mackenroth, Luzia Sievi: Urbane Konflikte und die Krise der Demokratie. Stadtentwicklung, Rechtsruck und Soziale Bewegungen. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2021. 240 Seiten. ISBN 978-3-89691-057-8. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Reihe: Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis - 36.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Sammelband befasst sich mit lokalen Konflikten in Leipzig und Stuttgart und untersucht populistische Lücken, die Anknüpfungspunkte für rechte Akteure, insbesondere die AFD, bieten können. Bei den aus dem Forschungsprojekt PODESTA beruhenden Aufsätzen handelt es sich um stadtsoziologische Beiträge, die sich mit verschiedenen Aspekten der Stadtentwicklung beschäftigen.

Autoren

Bei den Autoren handelt es sich vornehmlich um Soziologen/​Soziologinnen und Politikwissenschaftler/​-innen, die an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland tätig sind.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien im Verlag Westfälisches Dampfboot als Band 36 der im Jahre 2007 begründeten Reihe „Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis“. Zweck dieses empfehlenswerten Formats ist es, ein Forum für kritische Raumforschung im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie anzubieten (S. 2). Die nun vorliegenden Aufsätze sind Ausfluss aus dem zwischen 2017 und 2020 durchgeführten Forschungsprojekt PODESTA (Populismus Demokratie Stadt), gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Inhalt

An das Vorwort von Tilman Reitz von Regina Ammicht Quinn, auf das an dieser Stelle nicht näher einzugehen braucht, schließt die Einleitung von Peter Bescherer und Gisela Mackenroth an. Die Autoren begründen die Bedeutung der Stadt als Untersuchungsgegenstand für einen Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft (S. 10 ff).

Der erste Beitrag von Burkhardt/​Feustel widmet sich der Frage, „wie rechte Akteure Städte in ihre Weltsicht bzw. in die Muster ihrer Wirklichkeitsbeschreibungen eingliedern“ (S. 37). Methodisch basiert der Beitrag auf einer qualitativen Inhaltsanalyse rechter Publikationen sowie Dokumenten rechter Stadtpolitik, bei denen es sich vor allem um Dokumente aus der parlamentarischen bzw. kommunalpolitischen Arbeit der AFD handelt. Ziel der Datenanalyse ist es, die narrativen Strukturen aus dem untersuchten Diskurs herauszuarbeiten (S. 37). Als zentrale Narrative im rechten Stadtdiskurs dienen die Themen städtische Sicherheit, städtische Mobilität, Wohnraum sowie Architektur und Städtebau (S. 43 ff).

Der zweite, gut lesbare Beitrag von Peter Bescherer widmet sich am Beispiel der Stadt Leipzig der Frage nach der Vereinnahmung städtischer Probleme durch rechte Parteien und Bewegungen (S. 59 ff); im Vordergrund steht dabei die Wohnungsfrage. Der Aufsatz beruht auf Interviews von Expertinnen und Experten aus der Kommunalpolitik und -verwaltung, Verbänden, Vereinen sowie der Zivilgesellschaft (S. 60). Auf die kurzen methodischen Hinweise zur Bedeutung qualitativer Forschung folgt die Beschreibung wahrgenommener Probleme der Stadt Leipzig, die einen soliden Blick in das Innenverhältnis der Boomtown Hypezig – abseits der Feuilletons und Szenemagazine – ermöglicht.

Der dritte Beitrag, verfasst von Robert Feustel, befasst sich gleich wieder mit Leipzig (S. 78 ff). Datenbasis sind abermals Interviews mit Expertinnen und Experten. Inhaltlich geht es um die Gründe des rechten Aufschwunges. Die erste Erkenntnis lautet: die Dinge erweisen sich als komplizierter (S. 79). Die Befragten geben mitunter eine offene Ratlosigkeit zu Protokoll, die im Hinblick auf die befragten Kommunalpolitiker/​-innen eine gewisse Entfremdung von Teilen der Stadtbevölkerung signalisiert.

Der vierte Aufsatz von Bescherer/​Feustel basiert auf einer Fallanalyse, der ein Methodenmix zugrunde liegt. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Leipzig den empirischen Schwerpunkt dieses Buches bildet. Untersuchungsgegenstand ist ein Streit um einen Garagenhof in Leipzig.

Mit dem fünften Aufsatz von Burkhardt/​Sievi rückt die Stadt Stuttgart in den Blickpunkt. Am Beispiel der Konflikte um Fahrverbote in Stuttgart gilt das Forschungsinteresse der Frage, „warum der politische Konflikt um die Dieselfahrverbote ein für rechtspopulistische Narrative anschlussfähiges Thema ist“ (S. 123). Die Daten wurden durch teilnehmende Beobachtungen, leitfadengestützte Interviews und Dokumentenanalysen erhoben (S. 123).

Gisela Mackenroth befasst sich im sechsten Aufsatz mit dem migrantisch geprägten Stuttgarter Stadtteil Hallschlag und verwendet hierfür Daten aus Interviews, Stadtteilerkundungen und teilnehmenden Beobachtungen. Der Aufsatz beschreibt zum einen Aufwertungs- und damit auch Verdrängungsprozesse sowie Etablierten-Außenseiter-Beziehungen.

Der vorletzte Aufsatz ist zugleich der vierte Beitrag von Peter Bescherer, sodass die Szenerie wieder nach Leipzig wechselt. Der Autor beschreibt die Aufbauphase einer Mieter/​-inneninitiative im Leipziger Osten. Die Besonderheit liegt darin, dass Bescherer als Mitwirkender in dieser Initiative seinen Beitrag als Forscher und Aktivist (S. 175) verfasst. Die Mieter/​-innen, um die es in der Untersuchung geht, wohnen in einem Gebäude der Vonovia SE im Leipziger Ortsteil Schönefeld-Abtnaundorf. In dem letzten Aufsatz ziehen Feustel/​Sievi ein Fazit.

Ein gemeinsames Literaturverzeichnis sowie Hinweise über die Autorinnen und Autoren runden das Buch ab.

Diskussion

Der erste Beitrag von Burkhardt/​Feustel weist bereits selbst auf die populäre Verwendung der Narrative in der aktuellen Forschung hin (S. 40). Bei den der Untersuchung zugrunde gelegten zentralen Narrativen des rechten Stadtdiskurses (S. 43), kommt zu kurz, dass es sich bei den Themen Sicherheit, Verkehr und Wohnen im Wesentlichen auch um diejenigen handelt, die sich im Rahmen von Bürgerbefragungen regelmäßig als die größten städtischen Probleme aus Sicht der Befragten erweisen. Unklar bleibt, worauf sich die Autoren bei dem von ihnen beschriebenen und als bekannt deklarierten „Sicherheitsparadox“ (S. 46) beziehen: „Je mehr Sicherheitsarchitekturen (Sperren, Kameras etc.) und je mehr militarisiertes Personal im Stadtraum sichtbar ist, desto unsicherer fühlen sich viele Menschen“. Bereits losgelöst von der Frage, wer mit dem zunehmend militarisierten Personal gemeint ist, fehlt es bei dieser als Sicherheitsparadox beschriebenen Aussage an empirischen Nachweisen.

Bei dem zweiten Aufsatz von Peter Bescherer handelt es sich um einen fundierten stadtsoziologischen Blick auf die Stadt Leipzig, der bemerkenswerte Fundstücke beinhaltet. Anzutreffen ist eine Aussage aus dem Oberbürgermeisterbüro, wonach die Arbeit der AFD in der Leipziger Ratsversammlung „als sachlich nicht relevant beschrieben“ (S. 69) wird. Der Befragte gibt zu Protokoll: „Die haben nichts auf der Pfanne“ (S. 69). Auf der anderen Seite treffen wir auf selbstkritische Aussagen aus dem politischen Establishment, bei den randständischen und/oder benachteiligten Ortsteilen würde es sich um einen „blinden Fleck ihrer Arbeit“ (S. 73) handeln. Der Befragte der Partei DIE LINKE äußerte, dass „in den ‚Szenequartieren‘ Angebote zur Sozialberatung oder Mietrechtsberatung“ (S. 73) bestehen, im problematischen Leipziger Norden jedoch nicht. Man kann das wahlweise als politischen Skandal oder eine Bankrotterklärung bezeichnen, wenn der Fokus auf ein innerstädtisches, junges, studentisches Publikum gerichtet wird, das möglicherweise eine hohe Wahlbeteiligung verspricht. Alternativ ist von politischem Kalkül auszugehen. Die AFD als inkompetent darzustellen, folgt einem typischen Schema der Verharmlosung, das längstens seine Berechtigung verloren hat.

Robert Feustel ist es in dem von ihm analysierten Interviews im dritten Aufsatz gut gelungen, die geringe Alltagskompetenz in Grundfragen der Staatsfunktionalität, d.h. hinsichtlich der Zuständigkeiten von Kommunen, Bundesländern und Bund, herauszuarbeiten. Städtische und sozialräumliche Gründe konnten als Erklärungsansatz für den Aufschwung der Rechten nicht so recht gefunden werden. Auch an dieser Stelle verblüfft oftmals die Ratlosigkeit der befragten Politiker/​-innen. Ohnehin bietet auch diese Aufsatz gute Anhaltspunkte für eine Umkehrung der Forschungsfrage. Es ist nicht nur zu fragen, was die AFD unternimmt sondern auf der anderen Seite stellt sich die Frage, was die etablierten Parteien nicht (mehr) unternehmen. Die recht guten Ergebnisse aus den Interviews weisen sicherlich nicht auf eine Demokratiekrise hin, eher jedoch auf eine Krise (lokaler oder lokal orientierter) Parteipolitik. Hervorzuheben ist in der Methodenkritik die Infragestellung der Befragten als Expertinnen und Experten zur Beantwortung der Forschungsfrage (S. 93 f.). Bei der dabei vorgenommenen Bewertung kann allerdings der Aussage nicht zugestimmt werden, die Suche nach latenten Sinnstrukturen auf ethnografische Interviews zu reduzieren (S. 93) (vgl. Ritsert 1975; Kodron-Lundgreen/​Kodron 1976). Daneben ist nicht plausibel, weshalb eine Untersuchung auf Zusammenhänge zwischen der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und dem Sicherheitsempfinden einen Beitrag zum Forschungsgegenstand leisten kann (S. 96). Dass Zusammenhänge nicht bestehen (können), zählt zum Grundinventar der kriminologischen Forschung. Wenn der Autor schreibt, dass es „keinen nennenswerten Anstieg in Bezug auf Straftaten gegen das Leben“ in der PKS gibt, so ist zu berichtigen, dass es im Längsschnitt einen Rückgang gibt – das ist eine andere Aussage. In Leipzig liegen aufgrund etlicher, seit den 1990er Jahren durchgeführte Sicherheitsbefragungen, recht umfangreiche Daten und Untersuchungen über das Sicherheitsempfinden vor. Hieraus lässt sich ein recht stabiles personales Sicherheitsempfinden nachweisen (Standardindikator/​Wohngebiet). Selbst im Umfeld der medial als gefährlichste Straße Deutschlands inszenierten Eisenbahnstraße in Leipzig beschreibt Mühler in seiner Untersuchung ein im Mittel recht ausgeprägtes Sicherheitsempfinden (vgl. Mühler 2021: 46 ff). Zutreffend kommt Feustel zu dem Ergebnis, dass sich weitergehende Untersuchungen den Medien und der großen Politik widmen sollten. Auf dem Gebiet der (sozialen) Kriminalitätsfurcht liegen mit der Generalisierungshypothese bereits recht brauchbare Ergebnisse auf dem Gebiet der großen Politik vor.

Dass sich der vierte Aufsatz von Bescherer/​Feustel um einen Leipziger Garagenhof dreht, zeigt deren gutes Gespür für lokale Themen. Die hohe Bedeutung der Garagenhöfe für den Sozialraum ist eine ostdeutsche Besonderheit, sodass sich mit deren Abriss auch die Frage nach dem Umgang mit den Lebensentwürfen der in der DDR aufgewachsenen Leipziger/​-innen stellt. Hervorzuheben ist, dass sich die Autoren in einem Kapitel ausschließlich mit den Garagenhöfen in Ostdeutschland auseinandersetzen (S. 104 ff). Bereits diese wenigen Seiten erklären viel über die nach der sog. Wende entstandenen Enttäuschungen und Unzufriedenheiten. Nicht beantwortet bleibt die Frage, weshalb sich nur die AFD dem Anliegen der Garagenbesitzer widmete; die Rolle der übrigen Parteien bleibt demgegenüber verborgen. Natürlich mag das der AFD als Untersuchungsgegenstand geschuldet sein, doch steht das Politikangebot dieser Partei nicht isoliert im luftleeren Raum.

Im fünften Aufsatz von Burkhardt/​Sievi ist zu erfahren, dass es sich bei der Mobilisierung – neben den Themen Europa und Flucht – um ein zentrales Thema der AFD handelt. Die Bedeutung des Fahrverbots als stadtpolitischem Thema besteht in der Anschlussfähigkeit an die Bundes- und Europapolitik. Der AFD gelang es offenbar nicht, eine als überparteilich oder Gelbwestenbewegung bezeichnete Protestbewegung für ihre Belange zu vereinnahmen (S. 126). Auf der anderen Seite berichtet die Autorenschaft von einem geringen Bedürfnis von Demonstrierenden, sich von „rechten Argumentationen und Gruppierungen abzugrenzen“ (S. 128). Die Verfasserinnen laufen bei ihrer Analyse Gefahr, „die Demonstrierenden“ generalisierend als Rechts zu kategorisieren. Einen größeren Raum nimmt beispielsweise die Wissenschaftskritik der Demonstrierenden ein, an die sich rechte Akteure anschließen. Angesichts des historisch nicht immer sehr wissenschaftsaffinen Kurses der Partei Bündnis 90/Die Grünen, ist Experten-Bashing sicherlich keine rechte Domäne, wie sie hier präsentiert wird, auch wenn sie in den letzten Jahren an Deutlichkeit zugenommen hat. Unnötig in diesem Aufsatz ist das Arbeiten mit Stilmitteln des Framings: Ein AFD-Bundestagsabgeordneter, vormals als Maschinenbauingenieuer bei Daimler tätig, „inszeniert sich als besonders fachkundig“ (S. 135, Hervorheb. KL). Daran schließt das Zitat eines banalen Slogans an, der erst durch das Framing an Nachrichtenwert gewinnt. Dahingehend wäre mehr Distanz zum Untersuchungsgegenstand wünschenswert.

Der Beitrag von Gisela Mackenroth befasst sich nicht unwesentlich mit Etablierten-Außenseiter-Beziehungen. Die vielfältigen Ansatzpunkte aus dem deskriptiven Teil weisen auf ein geringes Maß an gemeinsamen Normen hin, die als fehlende Grundlage zur Heranbildung von lokalem Sozialkapital verstanden werden können. Spätestens der Hinweis auf die verloren gegangenen nachbarschaftlichen Räume (S. 169) verdeutlicht, dass es um die Suche nach öffentlichen Räumen geht, in denen ein gemeinsames Verständnis von Werten und Normen geschaffen werden kann. Am Ende des Aufsatzes nimmt die Autorin einen Rückgriff auf die Theorie radikaler Demokratie von Jacques Rancière vor. Die zu Beginn angekündigten „verschiedene[n] sozialwissenschaftliche[n] Erklärungsansätze“ kommen demgegenüber nicht deutlich zum Vorschein. Recht unklar ist, weshalb Mackenroth in ihrer Einleitung Bezug auf den Aufsatz über den Leipziger Garagenhof von Bescherer/​Feustel nimmt, um „die strategische Kooperation“ (S. 152) der dortigen Akteure mit der AFD zu erkennen glaubt. Sowohl im dem Aufsatz von Bescherer/​Feustel als auch im Schlusskapitel wird explizit darauf hingewiesen, dass eine Vereinnahmung nicht erfolgte.

Seinen letzten Beitrag verfasst Peter Bescherer in einer problematischen Rolle als „Aktivist und Forscher“ (S. 175), die er unter ethnografischen Aspekten reflektiert (S. 177). Der Aufsatz beinhaltet eine anschauliche Beschreibung der Schwierigkeiten, die mit dem Aufbau von Initiativen verbunden sind. Die Theorie-/​Praxis-Beschreibung führt mehrere Lücken zutage. Zunächst stehen die theoretischen Ausführungen zum Umgang mit Rassismus im Kontrast zur eigenen Hilflosigkeit in der alltäglichen Praxis („Wir suchen nach einem guten Mittelweg zwischen maximal möglicher Härte und mutlosem Weghören“, S. 188). Daneben ist es auch der Initiative nicht gelungen, im wünschenswerten Umfang Migrantinnen und Migranten zur Teilnahme zu aktivieren. Die offensive Herangehensweise der Aktivisten ggü. den Mieter/​-innen erweckt stellenweise den Eindruck einer Instrumentalisierung: „Das Ergebnis der Auseinandersetzung [mit den Mieter/​-innen, Anm. KL] war nicht zufriedenstellend. Die Mieter*innen haben den Offenen Brief schließlich gebilligt, ohne aktiv zuzustimmen und ohne ein Veto einzulegen“ (S. 202). Die sich als links verstehende Initiative hätte solche Beispiele, träten sie in anderen Kontexten auf, sicherlich skandalisiert.

Das Abschlusskapitel von Feustel/​Sievi beinhaltet eine eher mäßige Analyse, die zu oft mit dem Stilmittel der Generalisierung arbeitet und der an der einen oder anderen Stelle quantitative Daten gut getan hätten. Etwas anstrengend ist die überzogene Darstellung der Dieselproteste und der damit verknüpften Verkehrspolitik als „rechts“. Bis dato ist in den meisten Großstädten noch immer keine verkehrspolitische Wende zu erkennen und die (zurecht zu kritisierenden) Missstände sind im Kern Ergebnis einer Politik, für die die Verantwortung zwischen CDU, CSU und LINKE zu suchen ist. Bei dieser Skandalisierung der AFD-Verkehrspolitik wäre – durchaus als kleine Pikanterie – ein Vergleich recht interessant gewesen: Wie steht es um die politische Orientierung derjenigen Fahrer/​-innen, die sich mit einem benzin- oder dieselbetriebenen SUV zu ihren Wohnungen in bester innerstädtischer Lage bewegen? Das proklamierte mangelnde Vertrauen in staatliche Institutionen (S. 211) als populistische Lücke mag aus den qualitativen Untersuchungen abzuleiten sein; es steht allerdings im Widerspruch zu etlichen Befragungen, auf die hinzuweisen förderlich gewesen wäre. Selbst in der o.a. Leipziger Eisenbahnstraße genießt die Polizei ein solides Vertrauen bei der migrantischen Bevölkerung (vgl. Mühler 2021). Das beschönigende Fazit über die gemeinsame Arbeit in der Mieter/​-inneninitiative lässt sich aus dem ursprünglichen Aufsatz von Bescherer in dieser Form nicht erkennen. Bei Bescherer berichtet an etlichen Stellen vielmehr sehr offen über die Hürden der Kooperationsbemühungen. Die von Feustel/​Sievi beschriebene mangelnde Sichtbarkeit der AFD vor Ort – so haben wir es auch in diesem Sammelband erfahren – trifft ebenso auf die etablierten Parteien zu; nicht nur an dieser Stelle wäre ein etwas ausgewogeneres Bild wünschenswert gewesen, das sich auch dann zeichnen lässt, wenn man sich auf die AFD als Untersuchungsgegenstand konzentriert.

Aufsatzübergreifend hätte sich auf der Grundlage der Untersuchungsstädte Leipzig und Stuttgart ein Ost-West-Vergleich angeboten. Auch dreißig Jahre nach der sog. Wiedervereinigung haben solche Vergleiche ihre Berechtigung nicht verloren. An verschiedenen Stellen wird auf eine eher passive kommunalpolitische Rolle der AFD hingewiesen; hier kann man auf der Grundlage von Daten aus den digitalen Ratsinformationssystemen auch zu einer gegenläufiger Bewertung kommen.

Generell verwenden verschiedene Beiträge den inzwischen recht diffusen Begriff des Arbeiters bzw. der Arbeiterin. Für analytische Zwecke überzeugt dieser Begriff nicht mehr. Ebenfalls fällt auf, dass denjenigen Aufsätze, die eine Gentrifizierung beschreiben, regelmäßig Daten schuldig bleiben. Ob und in welchem Umfang die Mieten in Schönefeld-Abtnaundorf gestiegen sind, erfährt die Leserschaft nicht.

Die Verfasser/-in des Vorworts wecken mit ihrem Hinweis auf eine „vorbildliche Forschungs- und Theoriearbeit“ eine hohe Erwartungshaltung. In verschiedenen Aufsätzen fällt der theoretische Diskurs eher knapp aus. An etlichen Stellen hätte der Rekurs aus klassische stadtsoziologische Texte dem (theoretischen) Verständnis gut getan. Angesichts der vielfältigen und vitalen sozialen Bewegungen bleibt auch am Ende des Buches unklar, weshalb sich sein Titel auf „die Krise der Demokratie“ bezieht.

Über das Forschungsprojekt PODESTA, auf das sich die Aufsätze beziehen, erfahren die Leser/​-innen recht wenig. Deshalb sei an dieser Stelle auf folgende Internetseiten verwiesen:

http://podesta-projekt.de/projektbeschreibung/

https://www.soziologie.uni-jena.de/arbeitsbereiche/​wissenssoziologie+und+gesellschaftstheorie/​forschung/​podesta

Abschließend noch zum Inhaltsverzeichnis. Vor allem bei den auf die AFD Bezug nehmenden Quellen handelt es sich um Internetveröffentlichungen. Wissenschaftlich korrekt sind hier die URL als Fundstellen genannt, teilweise jedoch mit dem letzten Abrufdatum aus dem Jahr 2019. Eine generelle Empfehlung wäre, solche Quellen verlagsseitig auf der Internetseite einzustellen, auf der das Buch vorgestellt wird. Erstens dürften viele URL bereits nicht mehr aktiv sein, zweitens gelingt es nicht immer, die teils mehrzeiligen URL mit etlichen Sonderzeichen auf Anhieb richtig abzutippen (zur Ergänzung: das Buch erscheint ausschließlich in einer gedruckten Version).

Die Rückseite des Buchumschlages beinhaltet irrtümlich eine Kurzbeschreibung eines anderen Buches aus dem Verlag (Moritz Altenried, Julia Dück, Mira Wallis: Plattformkapitalismus und die Krise der sozialen Reproduktion). Bemerkenswert, dass auch die abgedruckte ISBN-Nummer und der Barcode irrtümlich auf diesen Sammelband verweisen.

Das Buch ist auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt und weist ein gutes, handliches Format sowie eine hinreichend lesbare Schriftgröße auf. Das typische Layout für diese Reihe trägt zum Wiedererkennungswert bei.

Fazit

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um stadtsoziologische Aufsätze aus dem Forschungsprogramm PODESTA. Die Autoren zeigen vielenorts ein gutes Gespür für urbane Konflikte, die abseits einer großen medialen Verwertung in den Stadtteilen von Leipzig und Stuttgart verortet sind. Vor allem in Bezug auf die Leipziger Szenerie erweisen sich die Autoren als profunde Kenner/​-innen der bis in die DDR zurückreichenden Stadtentwicklung. Die Einleitung zeigt sich mit ihrem methodischen Rekurs immerhin diskursfreudig, während das Schlusskapitel etwas übersteuert daherkommt – aber auch hier bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte für eine Fortsetzung des Diskurses. In der Gesamtbetrachtung weisen die übrigen Beiträge eine recht ausgewogene Qualität auf, sodass der Sammelband in sich recht konsistent ist. Auch für diejenigen, die weniger Begeisterung für qualitative Untersuchungen aufbringen, bieten die Aufsätze sehr solide stadtsoziologische Betrachtungen.

Verwendete Literatur

Kodron-Lundgreen, Christa.; Kodron, Christoph (1976): 20000000 unterm Regenbogen. Zur Inhaltsanalyse der Regenbogenpresse, München, Wien.

Mühler, Kurt (2021): Ergebnisbericht zur Evaluierung der Waffenverbotszone, Eisenbahnstraße in Leipzig. Untersuchung der Universität Leipzig, Institut für Soziologie, im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums des Innern.

Ritsert, Jürgen (1975): Inhaltsanalyse und Ideologiekritik. Ein Versuch über kritische Sozialforschung, Frankfurt am Main.


Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
Homepage www.researchgate.net/profile/Karsten_Lauber
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Karsten Lauber anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 10.09.2021 zu: Peter Bescherer, Anne Burkardt, Robert Feustel, Gisela Mackenroth, Luzia Sievi: Urbane Konflikte und die Krise der Demokratie. Stadtentwicklung, Rechtsruck und Soziale Bewegungen. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2021. ISBN 978-3-89691-057-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28529.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht