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Klaus Holz, Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel

Cover Klaus Holz, Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel. Hamburger Edition (Hamburg) 2021. 450 Seiten. ISBN 978-3-86854-355-1. D: 35,00 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Wie ist die ‚pandemische Präsenz‘ des Antisemitismus gegen Israel zu verstehen?

Autoren

  • Klaus Holz ist Generalsekretär der evangelischen Akademien in Deutschland und in der Hamburger Edition mit den Veröffentlichungen ‚Nationaler Antisemitismus‘ und ‚Die Gegenwart des Antisemitismus‘ vertreten.
  • Thomas Haury ist in verschiedenen Bildungseinrichtungen tätig, u.a. zum Thema Antisemitismus; in der Hamburger Edition erschien ‚Antisemitismus von Links‘.

Entstehungshintergrund

Ist die pandemische antisemitische Wendung gegen den Zionismus und den Staat Israel und deren Zusammenhang mit der ganzen Breite der Judenfeindschaft vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart: pränazistisch, nazistisch, postnazistisch.

Aufbau

Nach der Einleitung folgt ein Kapitel ‚Blick in die Geschichte: Die zionistische Bewegung, ihre Gegner und Feinde‘, dann weitere über ‚Postnazistischen Antisemitismus‘ – ‚Antisemitismus von links‘ – ‚Islamistischen Antisemitismus‘ – ‚Identitätspolitik: Antisemitismus oder Rassismus?‘ – ‚Christen für und wider Israel‘ – ‚Neue Rechte: Zurück zur Weltanschauung‘ – ‚Schluss: Bedingter Universalismus‘.

Inhalt

Einleitung

An der Diskussion über Antisemitismus gegen Israel haben sich Publizisten und Wissenschaftler seit 1960 beteiligt. Es handelt sich um identitätspolitische Debatten, in denen mit Blick auf das Feindbild Jude im Kern das eigene Selbstverständnis verhandelt wird. Den Autoren geht es nicht einfach um Vorurteile, sondern um eine ‚hermeneutische, d.h. sinnverstehende Analyse‘, eine Arbeit nicht an einzelnen Äußerungen, sondern an den Texten, denen sie entnommen sind. Sie beziehen sich dabei auf 1. die Dämonisierung Israels, 2. die doppelten Standards bei der Beurteilung und 3. die Delegitimierung Israels. Die Muster antisemitischer Semantik ergeben zwar keine umfassende Theorie des Antisemitismus, beschreiben aber eine hermeneutische Dimension kultureller Muster. Antisemitismus ist eine moderne Ideologie mit einer antimodernen Stoßrichtung; Verschwörungsfantasien sind nur die zugespitzte Form einer Personalisierung: Der Jude wird im modernen Antisemitismus als ‚mächtig‘ und gleichzeitig ‚unterlegen‘, als fremd, als anti-identitär vorgestellt (Personalisierung, Ethnisierung und Ontologisierung).

Ein Blick in die Geschichte: Die zionistische Bewegung, ihre Gegner und Feinde

Die Autoren gehen auf die Entstehung der international heterogenen zionistischen Bewegung, ihre Gegner und Feinde ein und erwähnen auch die jüdischen Kritiker und Gegner (gegen eine Nationaljudentum), die sozialdemokratische Kritik des Zionismus (bürgerlicher Nationalismus) und schließlich den Antisemitismus gegen den Zionismus (Organisationszentrale für das internationale Judentum) bis zur Gründung Israels 1948.

Postnazistischer Antisemitismus

Die Autoren beschreiben das Legitimationsproblem des Antisemitismus nach Auschwitz, die Bagatellisierung (Schlussstrichforderung) und Täter-Opfer-Umkehr (sekundärer Antisemitismus unter Berufung auf Widerstand und eigenes Leid), die Kommunikationslatenz (das Selbstbild als ‚geläuterte Demokratie‘ und Tabuisierung des NS-Antisemitismus), die Paradoxie der Normalisierung (der Historikerstreit und Entlastungsversuche) und – aus Mangel an Legitimation – die ‚Umwegkommunikation‘ (Antisemitismus gegen Israel).

Antisemitismus von links

Themen sind der spätstalinistische ‚Antizionismus‘ (internationale Verschwörung, Kalter Krieg: gegen Zionisten bzw. Juden als Zionisten, Kapitalismus und USA), der antiimperialistische ‚Antizionismus‘ der DDR (Palästinakonflikt instrumentalisiert als kolonialistisch bezeichnet und selbst zur Kritik legitimiert durch Berufung auf ‚Antifaschismus‘ in der DDR) und in der neuen Linken Westdeutschlands (begründet mit anti-imperialistischen, -militaristischen, -rassistischen, -materialistischen, -zionistischen Argumenten), auch personalisiert z.B. gegen Golda Meir.

Islamistischer Antisemitismus

Dieser Antisemitismus steht einerseits in einem realen Machtkonflikt zwischen Israel, den Palästinensern und einem Teil der Nachbarstaaten und einem antimuslimischen Rassismus. In wesentlichen Aspekten ein Import aus Europa (19./20. Jhdt), hat dieser Antisemitismus aber auch eine antimoderne Stoßrichtung; hinzukommt ein traditionell religiös begründeter. Nach der Niederschlagung des palästinensischen Aufstandes 1936–39 durch die britische Mandatsmacht kam es zu einer Kooperation zwischen arabischen Nationalisten und den Nazis und sogar zur Aufstellung von Freiwilligenarmeen im 2. Weltkrieg. Dennoch gibt es keine nazistisch-arabisch-muslimische Kontinuität, denn rassistische Aspekte haben kaum Bedeutung, stattdessen eher antikolonialistische und antiwestliche (Khomeini). Die größte Bedrohung für Israel sind der Iran und die Hisbollah.

Der Islamismus ist ohnehin sehr vielgestaltig: Islamisten verstehen sich zum Teil als eine revolutionäre Bewegung und Rückbesinnung auf die Wurzeln. Neurechter Antisemitismus und Islamismus haben viel gemeinsam (Macht- und Verschwörungsfantasien). Religiöse und säkulare Aspekte bestimmen das Selbstbild in großer Bandbreite. Fundamentale Unterschiede zum europäischen Antisemitismus bestehen in Spuren eines antikolonialen Selbstverständnisses. Indem man die Shoah in Zweifel zieht, bestreitet man auch das Existenzrecht Israels.

Die heterogene Gruppe der Immigranten zeigt in Bezug auf Antisemitismus wenig Unterschiede; auch sie benutzen ihn oft zur Konstruktion eines gemeinschaftsstiftenden Selbstbildes.

Identitätspolitik: Antisemitismus oder Rassismus?

Gibt es einen antirassistischen Antisemitismus? Nach Butler wird der Antisemitismusvorwurf mitunter politisch instrumentalisiert. Am Beispiel der BDS-Bewegung (Boykott, Divestment, Sanctions) entzündet sich die politische Auseinandersetzung, wenn die palästinensische Politik und die terroristischen Aktionen gegen Israel nicht erwähnt (Selbstwiderspruch) und die fundamentalen Konflikte und Widersprüche ausgeblendet werden. Es kommt zu Vereinseitigungen und Verhärtungen, wenn Israel abgesprochen wird, ein normales ‚Volk/Staat/​Nation‘ zu sein und auf alte antisemitische Stereotype zurückgegriffen wird. Kann die Berufung auf Menschenrechte zu einem angemessenen Urteil über den israelisch-palästinensischen Konflikt dienen? Anti-Rassismus und AntiAntisemitismus sollte nicht identitätspolitisch verabsolutiert werden, sondern eine Anerkennung der Differenz anstelle eines Totalitätsanspruchs mit zwingenden, und damit auch falschen, Gruppenidentitäten unterstützt werden.

Christen für und wider Israel

Viele Christen, vor allem Protestanten, haben den Nationalsozialismus unterstützt. Der Kern christlicher Identität ist ‚Nicht-Identität‘, d.h. weil aus dem Judentum hervorgegangen musste diese gleichzeitig entjudet werden. Mit dem Vorwurf des Gottesmordes wurde die eigene Ambivalenz aufgespalten. Religiöse und säkulare antijudaistische Sinndeutungen sind zwar unterscheidbar, aber doch miteinander verschränkt. Ist Christentum ohne Antijudaismus ein Widerspruch in sich selbst? Die Anerkennung als ‚Volk Gottes‘ beinhaltet auch einen christlichen Zionismus. Religiöses und Säkulares gibt es auch in zeitgenössischen Rekombinationen: Lernfortschritte und gleichzeitig andauernden Antisemitismus, indem z.B. das Ritual der Beschneidung als Kastration (archaisch, gewaltsam, partikularistisch) gedeutet oder an der Ritualmord-Legende festgehalten wird. Zudem kleidet sich Antijudaismus mitunter in Palästina-Solidarität i.S. einer Verneinung des Anspruchs auf das Land Israel und einer Täter-Opfer-Umkehr (Juden als Täter gegenüber palästinensischen Opfer). Im antijudaistischen Zionismus können fundamentale Christen auch pro-israelische Schlussfolgerungenziehen. Ambivalenzen werden durch die Projektionen zu identitätsstiftenden Selbst- und Feindbildern und ermöglichen damit auch eine Allianz mit der AfD.

Neue Rechte: Zurück zur Weltanschauung

Geht es den Rechten nur um die Rückgewinnung eines nationalen Selbstbewusstseins und eines klassischen Antisemitismus, evtl. auch durch Täter-Opfer-Umkehr? Das Selbstbewusstsein soll gestärkt werden, indem die NS-Verbrechen kleingeredet oder verschleiert bzw. entsorgt werden, Anerkennung und Abkapselung zugleich. Ein Riss gehe durch die Gesellschaft, verursacht durch die Politiker, die Eliten und die Presse (AfD). Antijüdische Stereotype werden in projüdische, philosemitische und proisraelische umgewandelt, Ausdruck eines postnazistischen Antisemitismus. Globalisierung und Vernetzungsstrategien als existenzielle Bedrohung werden mit Migration und Untergangsfantasien einer deutschen Identität verknüpft (Rassenkrieg) und fundieren die Rückgewinnung einer antisemitischen Weltanschauung, indem grundlegende NS-Deutungsmuster reaktiviert werden.

Schluss: Bedingter Universalismus

Zusammenfassende Thesen:

  • Die Quellen zeigen einen expliziten antiisraelischen Antisemitismus gegen den jüdischen Nationalstaat.
  • Ohne einen sinnverstehenden hermeneutischen Ansatz in Bezug auf die im Antisemitismus enthaltenen Selbst- und Fremdbilder als Teil unserer Kultur kommt man zu keinem angemessenen Urteil.
  • Vielgestaltigkeit und die verwendeten allgemeinen Muster zeigen hermeneutisch trotz aller Unterschiede eine verblüffende Ähnlichkeit in Bezug auf Selbstbilder und Judenbilder.

Erst eine präzise Hermeneutik kann einen Antisemitismusvorwurf belegen. »Postnazistisch« beschäftigen sich die Autoren mit dem Antisemitismus nach der Shoah (Abwehr der Schuld); »proisraelischer Antisemitismus für Israel« leugnet die eigene Verantwortung; »rassismuskritischer Antisemitismus« wird instrumentell benutzt, um vom eigenen Rassismus abzulenken und führt zu einer Vereinseitigung der Perspektive. Identitätspolitik sucht Eindeutigkeit und klare Orientierung und reagiert giftig auf Unentscheidbares, Widersprüchliches und Nichtwissen. Erst die Anerkennung von Vielfalt, Gleichheit und Uneindeutigkeit ermöglicht eine universalistische Identitätspolitik.

Diskussion

Man merkt der Veröffentlichung an, dass die Autoren sich jahrelang intensiv mit dem Thema beschäftigt und Belege für ihre Thesen gesucht und gefunden haben, dass das antisemitische Judenbild in vielen Facetten die ungeliebten und deshalb projizierten Anteile des auf diese Weise geschönten Selbstbildes enthält. Entsprechend richten sie im Vorwort explizit den Blick auf die Befindlichkeit der Antisemiten, die die Stereotype benutzen, um ihre subjektiven Vorurteile und ihre Weltsicht zu bestätigen. Die Motive sind allerdings sehr unterschiedlich, während in der Täter-Opfer-Umkehr der Deutschen wohl eher Selbstmitleid als tatsächliches Eingeständnis von Schuld eine Rolle spielt, spielen im stalinistischen und leninistisch-marxistischen Antisemitismus sowohl Kapitalismus- als auch Nationalismus-Kritik als auch ideologische Motivationen eine Rolle. Durchgehend stellt sich jedoch die Frage: Wem nützt der Antisemitismus und wofür wird er instrumentalisier? Diese sinnvolle Fragestellung, da es sich um ein projektiv verzerrtes Bild von d e n Juden handelt, das der jüdischen Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit auch nicht gerecht wird, sucht nach dem Nutzen solcher Projektionen. Sie ist nicht immer stringent und explizit durchgehalten. Jedoch gibt es beeindruckende Belege und Antworten durch das reichhaltige gesammelte und vorgestellte Material, das noch durch die interessanten und umfangreichen Fußnoten ergänzt wird. Ein Nutzen kann sein, das eigene Gewissen zu beruhigen (Täter-Opfer-Umkehr, Berufung auf Antifaschismus), Herrschaftsansprüche zu bekräftigen und ideologisch zu untermauern (Stalinismus und Leninismus und Marxismus), das Feindbild Kapitalismus und Liberalismus zu konkretisieren und eigene Ängste und Unsicherheiten zu beschwichtigen.

Allerdings ist der Titel irreführend, denn es geht nicht nur um den Antisemitismus gegen Israel sondern generell um eine hermeneutische Untersuchung von Motiven und Facetten des Antisemitismus am Beispiel von Fremd- und Selbstbildern.

Der Fokus ist gerichtet auf das Selbstbild der Antisemiten, das offensichtlich gereinigt werden soll von Selbstzweifeln, Unsicherheiten, Selbstkritik durch klar abgrenzende Feindbilder. Diese dienen dazu, eine innere – und durch Ambivalenz bedrohte – fragile Identität zu stärken. Die Schlussfolgerungen regen zur Selbstreflexion an und warnen zugleich vor einem inflationären und unkritischen Gebrauch des Antisemitismusvorwurfes.

Fazit

Nicht immer leicht zu lesen, aber beeindruckend in der Fülle des vorgelegten Materials und als Ansatz zur Reflexion auch sehr geeignet als Anregung zu Diskussionen mit Schülern und Studenten.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 22.11.2021 zu: Klaus Holz, Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel. Hamburger Edition (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-86854-355-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28530.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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