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Marei Lunz: Übergänge bewältigen

Cover Marei Lunz: Übergänge bewältigen. Handlungsfähigkeit junger Erwachsener im Leaving Care aus der Heimerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 177 Seiten. ISBN 978-3-7799-6457-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
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Thema

Während innerhalb der Heimerziehungsforschung in der weiter zurückliegenden Vergangenheit häufig die unmittelbare Wirksamkeit der stationären Jugendhilfemaßnahme im Zentrum der Untersuchungen stand, hat sich in den vergangenen Jahren der Forschungsfokus auf den (gelingenden) Übergang vom Jugendhilfesystem in ein eigenständiges Leben ohne Jugendhilfeleistung unter dem Schlagwort „Leaving Care“ erweitert. Der Beitrag von Marei Lunz ist in eben diesem Diskurs verortet. Sie untersucht den Prozess des Übergangs, indem sie 16 junge Menschen beim Verlassen der stationären Jugendhilfe begleitet und an drei Zeitpunkten (sechs Monate vor dem Auszug, kurz nach Verlassen der Einrichtung sowie neun Monate später) mittels Leitfadeninterviews befragt. Ihr Ziel ist es, Erkenntnisse darüber zu erhalten, wie der Übergang von den jungen Menschen bewältigt bzw. wie Handlungsfähigkeit (theoretisch gerahmt durch das Lebensbewältigungs- und relationale Agency-Konzept) im Prozess des Leaving Care hergestellt wird.

Autorin und Entstehungshintergrund

Bei dem von mir vorgestellten Werk handelt es sich um die im Beltz Juventa Verlag veröffentlichte Dissertationsschrift von Marei Lunz, die sie im Rahmen ihrer Promotion zur Erlangung des Doktorgrades am 17. Januar 2020 an der Universität Luxemburg vorgelegt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 159 Seiten exklusive Inhaltsverzeichnis, Danksagung, Anhang und Literaturverzeichnis. Das Inhaltsverzeichnis kann zusammen mit einer Leseprobe (umfasst die Kapitel Einleitung und Teile des zweiten Kapitels) auf der Internetseite des Verlags in Augenschein genommen werden.

Der Aufbau des Buchs folgt der „klassischen“ Gliederung einer Forschungsarbeit: Einleitung, Rahmung und Forschungsstand, Theorie, Methodik, Ergebnisse, Diskussion und Fazit. Im Folgenden gehe ich auf die einzelnen Kapitel genauer ein.

Das Werk beginnt mit einer Einleitung, in der anfänglich das Forschungsinteresse der Arbeit, eben die Rekonstruktion der Bewältigungsprozesse während des Übergangs von der stationären Erziehungshilfe in die Eigenständigkeit, dargestellt wird. Die Autorin definiert in diesem Kapitel die jungen Menschen, die diesen Prozess durchlaufen und skizziert, mit welchen Problemen diese sogenannten Care Leaver*innen konfrontiert werden, sowie welche Herausforderungen von ihnen bewältigt werden müssen. Daran anschließend gibt sie eine Vorschau, auf welcher theoretischen Grundlage (Handlungsfähigkeit) sie versucht, diese Bewältigungsprozesse zu analysieren. Der obligatorische inhaltliche Aufbau der Arbeit ist ebenfalls am Ende des Kapitels dargestellt.

Auf die Einleitung folgt das zweite Kapitel, in welchem die Autorin Leaving Care als einen Übergangsprozess definiert und anhand bestehender theoretischer Konzepte erläutert, was unter Übergängen zu verstehen ist. Dabei wird das Übergangskonzept resp. Transitionsmodell von Harald Welzer ausführlicher ausgebreitet. Anhand von Forschungsarbeiten der Wissenschaftler*innen Andreas Walther und Barbara Stauber wird in diesem Kapitel auch beispielhaft die Übergangsforschung in der Sozialen Arbeit anskizziert. Es folgt die Darstellung des Forschungstands zum Leaving Care, bevor detailliert auf die Situation von Care Leaver*innen und die Praxis des Leaving Care in Luxemburg eingegangen wird.

Während im vorherigen Kapitel quasi der Rahmen für die Arbeit abgesteckt wurde, widmet sich die Autorin im dritten Kapitel der Entfaltung des Konstrukts Handlungsfähigkeit über die Verbindung des Lebensbewältigungskonzepts von Lothar Böhnisch mit dem relationalen Agency-Konzept, um den theoretischen Forschungs- und Analysefokus zu bestimmen.

In Kapitel vier folgt ein Einblick in die Forschungswerkstatt. Es wird u.a. aufgezeigt, wie die Autorin im Kontext einer größeren Studie („TransCare“-Projekt der Universität Luxemburg) die Daten erhoben und diese angelehnt an die Grounded Theory ausgewertet hat. Ferner stellt die Autorin ihr Sample vor und benennt die durch ihre Analyse daraus gebildeten drei unterschiedlichen Typen der Leaving-Care-Verläufe:

  1. Verlauf, der von einer ungewissen Situation in eine Situation mündet, die neue Wege und Chancen eröffnet.
  2. Verlauf, der sich von einer stabilen zu einer unsicheren Situation verändert.
  3. Konstanter Verlauf.

Diese drei Verlaufstypen werden im fünften Kapitel anhand drei exemplarischer Fälle (Jonathan, Sam, Janina) umfangreich dargestellt. Dabei werden die Fälle vor allem über die zwei im Analyseprozess emergierten zentralen Kategorien Sicherheit und Eigenständigkeit strukturiert und entlang von Interviewpassagen feinanalytisch beschrieben.

Aufbauend auf den drei Fallanalysen widmet sich die Autorin im sechsten Kapitel der Zusammenfassung ihrer ermittelten Ergebnisse, indem sie in einem ersten Schritt die exemplarischen Fälle anhand von mehreren übergeordneten Aspekten (u.a. sozioökonomische Absicherung, Bedeutung des Heims, Modi von Handlungsfähigkeit) miteinander vergleicht. Dabei nimmt sie bei der Darstellung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten z.T. auch auf die Fälle des gesamten Samples Bezug. In einem zweiten Schritt erläutert die Autorin, gewissermaßen auf einer Metaebene, übergeordnete Aspekte der aus ihrer Analyse herausgearbeiteten zentralen Kategorien Sicherheit sowie Eigenständigkeit und zeigt dabei die Spannungsfelder auf, in denen sich die Care Leaver*innen im Übergangsprozess bewegen (müssen).

Das Werk endet mit einer Ergebnisdiskussion im siebten Kapitel. Die Autorin reflektiert selbstkritisch die eigene Forschungsarbeit, zeigt Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschungen, gibt Impulse für die sozialpädagogische Praxis und zieht ein abschließendes Fazit.

Diskussion

Der Rezensent freut sich sehr über das erschienene Werk, handelt es sich hier doch um eine der selteneren Arbeiten mit qualitativem Längsschnittdesign, das den Prozess des Übergangs von der stationären Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben von jungen Menschen in den Blick nimmt. Insgesamt erscheint das Werk dem Rezensenten äußerst gelungen. Die Kapitel bauen inhaltlich sehr schön aufeinander auf, sodass der/die Leser*in den Gang der Arbeit gut nachvollziehen kann. Lediglich an einigen Stellen finden sich hin und wieder längere Passagen und Schachtelsätze, die den Lesefluss erschweren. Zudem entstand die Arbeit im luxemburgischen Raum. Auf die dort maßgeblich geltenden Bestimmungen der Kinder- und Jugendhilfe wird nur am Rande hingewiesen. Das erschwert an einigen Stellen das Verständnis, wenn man die sozialpolitischen und -rechtlichen Gegebenheiten in Luxemburg nicht kennt.

Durch die von der Autorin gebildeten drei unterschiedlichen Typen von Leaving-Care-Verläufen wird in dem Buch ein detaillierter Einblick in Übergangsprozesse gewährt. Gleichzeitig werden am Ende der Arbeit Empfehlungen für weitere Anschlussforschungen sowie Praxishandeln geboten. Wer ausgedehnte biografische Verläufe sucht, die vor der stationären Unterbringung ansetzen und die Lebenssituation lange nach der Jugendhilfezeit beleuchten, wird möglicherweise enttäuscht sein. Die Autorin legt ganz klar ihren Fokus „nur“ auf die Zeitspanne des Leaving Care und rekonstruiert aus der Art und Weise der Herstellung von Handlungsfähigkeit entsprechende Übergangsverläufe.

Die Autorin spricht mit ihrem Werk einen wissenschaftlich interessierten Leser*innenkreis an, was aufgrund dessen, dass es sich hierbei um eine Dissertation handelt, nicht überrascht. Folglich fällt aber die Rückkopplung der interessanten Ergebnisse für die Praxis recht kurz aus.

Fazit

Bei der veröffentlichten Dissertation von Marei Lunz handelt es sich um eine feinanalytische Rekonstruktion von Prozessen und Aspekten, die während des Übergangs von der stationären Jugendhilfe in die Eigenständigkeit von Relevanz sind, um Handlungsfähigkeit herzustellen. Für Forscher*innen im Feld der (stationären) Erziehungshilfe, die sich insbesondere mit Leaving Care beschäftigen, ist dieses Werk deshalb durchaus zu empfehlen.


Rezension von
Alexander Parchow
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.fh-muenster.de/fb10/index.php
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Zitiervorschlag
Alexander Parchow. Rezension vom 25.06.2021 zu: Marei Lunz: Übergänge bewältigen. Handlungsfähigkeit junger Erwachsener im Leaving Care aus der Heimerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6457-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28532.php, Datum des Zugriffs 23.07.2021.


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