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Dieter Boch: Flexible Arbeitswelten

Cover Dieter Boch: Flexible Arbeitswelten. Arbeiten in Zeiten der Pandemie ? zwischen Coworking und Homeoffice. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich (Zürich) 2021. 184 Seiten. ISBN 978-3-7281-4035-7. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 52,00 sFr.

Reihe: Mensch - Technik - Organisation - 52.
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Thema

Zentrales Thema des Buches sind flexible Arbeitswelten, die sich in neuen Arbeitsmodellen, Führungs- und Kommunikationsformen wiederspiegeln. Die Erfahrungen während der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass die Arbeit im Homeoffice für eine größere Gruppe von Beschäftigten möglich ist. Ortsunabhängiges Arbeiten führt nicht zu Produktivitätseinbußen, wenn die technischen Voraussetzungen und Selbstorganisationskompetenzen vorliegen. Für die Zukunft bieten sich unterschiedliche Arbeitsorte (im Büro, zu Hause, im Coworking-Space…) an, die je nach individuellen Bedürfnissen flexibel gewählt werden können.

Autor

Der Diplom-Psychologe Dieter Boch ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (iafob deutschland) und Leiter des überbetrieblichen Flexible-Office-Networks. Er hat das Buch, wie es Eberhard Ulich im Vorwort beschreibt, auf der Grundlage seiner langjährigen Praxiserfahrungen verfasst. In die Kapitel sind Gesprächssequenzen mit ca. 20 weiteren Autorinnen und Autoren eingeflossen. Es handelt sich um Personen aus Unternehmen und von Universitäten, die sich intensiv mit einzelnen Aspekten der flexiblen Arbeitswelten beschäftigen.

Aufbau und Inhalt

Das 181 Seiten umfassende Buch besteht aus 10 inhaltlichen Kapiteln, die neben Einführung und Ausblick in vier großen Teilen präsentiert werden. Der Text wird durch Einschübe, wie z.B. die Rubrik „Erkenntnisse aus der Corona-Krise“ oder längere Passagen aus den Interviews aufgelockert. Auf Seite 9 sind Leitsätze des Autors zusammengefasst und der umfangreiche Ausblick (28 Seiten) gibt mit Spiegelstrichaufzählungen die wichtigsten Antworten auf zentrale Fragestellungen der Pandemie (und für danach). Zum Beispiel: Mit welchen Tools kann man virtuelle Workshops mit vielen Personen durchführen? Wie kann man Teams auch virtuell zusammenschweißen? Was sind die positiven Effekte virtueller Meetings? Über allem steht die Erkenntnis, dass die neuen Büroarbeitswelten keine Massenware sind, sondern wie ein Maßanzug angepasst werden müssen.

Teil 1 – Arbeitskultur

In Kapitel 1 geht es zunächst um eine Veränderung der Kommunikations- und Führungskultur. Die Belegschaften werden tendenziell älter, weibliche und multikultureller. Sie wünschen sich mehr Kooperation, Solidarität, Fürsorge sowie die verstärkte Nutzung von Netzwerken. Das Führungsverhalten muss der jeweiligen Situation angemessen sein. Führungskräfte sind nicht mehr die Superhelden, sondern eher Enabler, Coaches, Facilitators und Moderatoren. Vertrauen wird zur zentralen Quelle des Führungserfolgs. Wer die Beschäftigten bisher schon zur Selbstständigkeit angeleitet hat, wird mit der Arbeit im Homeoffice keine Probleme haben. In Kapitel 2 werden die Veränderungen durch Digitalisierung thematisiert. Sie soll den Menschen entlasten und ihm helfen, weltweite Herausforderungen mit dem Computer zu lösen. Der Autor vertritt die These, dass die Menschen dank der Digitalisierung wieder in den Mittelpunkt der Arbeitsgestaltung rücken. Sie können sich jenen kreativen Tätigkeiten widmen, die für sie sinnerfüllend sind.

Die Überschrift des 3. Kapitels lautet Keine Veränderung ohne Beachtung der Gesundheit. Wer den ganzen Tag sitzt, lebt gefährlich und hat wenig neue Ideen. Es gilt daher, körperliche Aktivitäten zu fördern und die Arbeitsumgebungen gesundheitsförderlich zu gestalten. Die permanente Erreichbarkeit vieler Beschäftigter ist für den Autor ein weiteres Übel. Es müssen klare Spielregeln der Kommunikation vereinbart werden, sonst wird die entgrenzte Flexibilität zur echten Belastung. Pausen sind ein wesentlicher Teil des Arbeitens. Sie sollten am besten mit Spaziergängen, Gesprächen mit Teammitgliedern oder leichten Gymnastikübungen gefüllt werden. So lassen sich die Akkus zwischenzeitlich wieder aufladen. Laut Kapitel 4 gibt auch keine Veränderung ohne Beachtung der Life-Domain-Balance. Noch immer fehlen Arbeitsmodelle, bei denen Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit sowie ehrenamtliche Arbeit gleichberechtigt nebeneinandergestellt werden. Die Wertschätzung in den unterschiedlichen Bereichen muss sich langsam angleichen, sonst hat die Gesellschaft mittelfristig ein Reproduktionsproblem.

Teil 2 – Arbeitsumgebung

Die Büroplanung beginnt mit der Architektur (Kapitel 5) und jeder Raum entfaltet eine spezifische Wirkung auf den Menschen. Flexibilität, Agilität und die Unternehmenskultur gewinnen bei der Raumgestaltung zunehmend an Bedeutung. Zukünftige Büros müssen so geplant werden, dass man sie schnell an veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann. „Mein Arbeitsplatz, mein Büro, meine Abteilung“ wird künftig ersetzt durch „wie viel Raum und Dialog brauchen wir für die Arbeit?“. Es gilt ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Innovationskraft und Lösungswillen entfaltet. Ziel ist es immer häufiger auch, einen Ort zu gestalten, der die Identität des jeweiligen Teams abbildet. Es muss ein Dialog zwischen Räumen zur Konzentration und Räumen zur Kollaboration entstehen.

Teil 3 – Arbeitsformen

Im Kapitel 6 Coworking – Austausch und Begegnung geht es um die Zusammenarbeit zwischen den Beschäftigten. Unternehmen entsenden Mitarbeiter in Coworking-Spaces, um vom dortigen Klima des Austauschs und der Kreativität zu profitieren. Dort treffen Menschen aufeinander, die aus unterschiedlichen Abteilungen oder gar verschiedenen Organisationen kommen. Netzwerkbildung und die Nutzung von Synergien stehen dabei im Mittelpunkt. Die moderne Wissensarbeit kann an unterschiedlichen Orten und zu jeder Zeit erfolgen. Nicht nur im Unternehmen oder im Homeoffice, sondern auch in einem Coworking-Space.

Das Kapitel 7 Deep Work, Rückzug und Denken ist dem ruhigen, konzentrierten Arbeiten gewidmet. Ständige Ablenkung stellt heute das Hindernis Nummer eins für die effiziente Büroarbeit dar. Sich ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren, ist im Arbeitsalltag fast unmöglich geworden. Die Beschäftigten benötigen Rückzugsräume für die Einzelarbeit. Allzu oft wird bisher am Schreibtisch nur Geschäftigkeit vorgetäuscht (Abarbeiten von Emails…), weil viele Unterbrechungen Deep Work verhindern. Entscheidend ist die Frage, wie sich Störungen im Arbeitsalltag vermeiden lassen. Das kann z.B. durch das Weglegen bzw. Sperren des Smartphones oder ein Schild „Bitte nicht stören“ an der Bürotür erreicht werden.

Kapitel 8 Balance zwischen kommunikativen und fokussiertem Arbeiten beschäftigt sich mit dem Wechselspiel von Begegnung und Vor-/Nachdenken. Das Büro entwickelt sich immer mehr von der reinen Arbeitsstätte hin zum sozialen Knotenpunkt (Hub). Durch die Digitalisierung und den Wunsch nach Selbstbestimmung werden dort immer seltener einfache Sachaufgaben abgearbeitet. Im Büro kommen die Beschäftigten vielmehr zusammen, um kreativ zu sein und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Sie wünschen sich als Büro aber auch einen Ort, der ein „Zuhause“ ist, in dem sie sich wohlfühlen können (Home). Auf das Zusammenspiel von Hub & Home wird es in Zukunft in den Organisationen ankommen.

Teil 4 – Sinnhaftigkeit der Arbeit

Der Titel von Kapitel 9 lautet The New World of Work. Menschen schöpfen Energie aus ihrer Arbeit und ohne irgendeine Form von Arbeit gibt es keine hohe Lebensqualität. Um den Sinn von Arbeitssituationen wahrnehmen zu können, bedarf es einer großen Offenheit im Erleben. Dazu gehört auch die kognitive Fähigkeit, zu sich und anderen auf Distanz gehen zu können. Für viele Berufsgruppen ist es durchaus schwierig, in der Erwerbsarbeit einen Sinn zu erkennen. Dies gilt vor allem dann, wenn der Job vorranging der Existenzsicherung dient. Allerdings bieten unterschiedliche Arbeitsformen (Eigenarbeit, Sozialarbeit, Bürgerarbeit…) das Gefühl, gebraucht zu werden und einen Dienst an der Gemeinschaft zu erbringen. Im letzten Kapitel 10 geht es schließlich um Agiles Arbeiten. Wenn Menschen ernst genommen werden, dann beteiligen sie sich auch im Unternehmen. Dazu beitragen kann eine agile Organisation und ein agiles Management. Im agilen Führungsansatz steckt mehr drin als Flexibilität, Scrum oder Design Thinking. Echte Kooperation bedarf einer Begegnung auf Augenhöhe, der gegenseitigen Rücksichtnahme und dem Aufbau von Vertrauen.

Diskussion

Das Buch Flexible Arbeitswelten enthält wertvolle Anregungen für eine Neugestaltung der Arbeitswelt. Die Kapitel motivieren dazu, in Unternehmen eine eigenständige Arbeitsorganisation zu entwickeln, die sich an den Bedürfnissen vor Ort orientiert und nicht nur versucht, anderswo erprobte Beispiele zu kopieren. Dieter Boch verzichtet weitgehend auf die üblichen New Work-Buzzwords, was der Lesbarkeit des Buches sehr zugute kommt. Seine langjährige Praxiserfahrung ermöglicht es ihm, Themen und Menschen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander in Verbindung zu bringen (z.B. Arbeitspsychologie-Innenarchitektur). Die Stärken des Buches liegen in jenen Kapiteln, die neue Formen der Büroorganisation und des Coworkings thematisieren. Auch die Ausführungen zu Deep Work sowie der Balance zwischen kommunikativem und fokussiertem Arbeiten sind sehr gelungen. Besonders interessant sind darüber hinaus die letzten Teile des Ausblicks. Dort geht es noch einmal explizit um die in der Corona-Krise gesammelten Erfahrungen mit einer anderen Form der Führung. Empathische Führungskräfte haben mit ihrem angemessenen Verhalten wesentlich zur Krisenbewältigung beigetragen. Es muss damit gerechnet werden, dass Zoonosen auch in der Zukunft auftreten und die Zusammenarbeit in Organisationen wesentlich beeinflussen werden. Daher lässt sich einiges aus der Corona-Krise in die „neue Normalität“ hinüberretten.

Fazit

Für New Work-Interessierte ist das Buch Flexible Arbeitswelten sehr empfehlenswert. Es spricht Menschen aus der Wissenschaft sowie der Organisationspraxis gleichermaßen an. Die darin enthaltenen Ideen für eine andere Arbeitswelt regen zum Nachdenken und Umsetzen an.


Rezension von
Dr. Günther Vedder
Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover
Homepage www.wa.uni-hannover.de
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Zitiervorschlag
Günther Vedder. Rezension vom 18.06.2021 zu: Dieter Boch: Flexible Arbeitswelten. Arbeiten in Zeiten der Pandemie ? zwischen Coworking und Homeoffice. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich (Zürich) 2021. ISBN 978-3-7281-4035-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28534.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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