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Katharina Rhein: Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft

Rezensiert von Natascha Hofmann, 19.04.2022

Cover Katharina Rhein: Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft ISBN 978-3-7799-6129-1

Katharina Rhein: Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 245 Seiten. ISBN 978-3-7799-6129-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema

Das Buch Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzungen ist ein Sammelband, dessen einzelne Beiträge eine kritische und gegenwartsbezogene Bestandsaufnahme zu wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen und pädagogischen Diskursen und Praxen zum Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Kolonialismus aus erziehungswissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive liefern.

Herausgeberinnen und Autor:innen

Die Herausgeberinnen Katharina Rhein und Z. Ece Kaya haben in dem Sammelband interdisziplinäre Beiträge von thematisch fachkundigen Autor:innen aus Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Erziehungswissenschaft und dem Fachbereich der Sozialen Arbeit zusammengetragen. Autor:innen sind Julia Bernstein, Florian Diddens, Markus End, Rosa Fava, Lena Kahle, Helmut Kellershohn, Gottfried Köhler, Meran Mendel, Astrid Messerschmidt, Mirko Meyerding, Saskia Müller, Verena Nägel, Benjamin Ortmeyer, Jonas Riepenhausen, Susanne Thimm und Tom David Uhlig. Die Herausgeberinnen und ebenfalls Autorinnen im Sammelband Z. Ecke Kaya und Katharina Rhein sind promovierte Erziehungswissenschaftlerinnen und u.a. beide als Co-Leiterinnen an der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt tätig.

Entstehungshintergrund

Die Entstehung des Sammelbandes geht auf die Ringvorlesung Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalistischen Gesellschaft im Wintersemester 2018/19 an der Geothe-Universität Frankfurt zurück. Die Bedeutung der notwendigen interdisziplinären, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der NS-Geschichte bekam für die Herausgeberinnen durch die rassistischen Anschläge in Halle (2019) und Hanau (2020) und dem Mord an Walter Lübcke (2019) eine aktuelle gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Relevanz, um „den Sinn für Wahrnehmungen und Kritik entsprechender Ideologien und Politiken auch für die Gegenwart“ zu schärfen (S. 12) und für die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit als festen Bestandteil im erziehungswissenschaftlichen Studium zu plädieren (S. 13).

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge des Sammelbands sind zwei Themenbereichen untergeordnet. Im ersten Teil Kritische Bestandsaufnahme gehen zunächst neun Beiträge auf den Umgang und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene ein und besprechen fachwissenschaftliche Diskurse der Erziehungswissenschaft und Pädagogik unter Bezugnahme von Kontinuitäten historischer und aktueller Verflechtungen von Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus. Im zweiten Teil des Sammelbandes befassen sich sechs Beiträge mit Herausforderungen und Möglichkeiten pädagogischer Praxisund zeigen dabei konkrete Perspektiven u.a. aus der schulischen Praxis und der Gedenkstättenpädagogik auf.

Im ersten Teil gehen insbesondere die Beiträge von Astrid Messerschmidt zu „Rassismus- und Antisemitismuskritik in postkolonialen und postnationalsozialistischen Verhältnissen: Klärung der Begrifflichkeit und „Mechanismen wie Antisemitismus und Rassismus gesellschaftlich noch heute wirken“ und von Markus End zu „Antiziganismusktitik in der Gegenwart: Begriffsdebatte – Beispiel Armutszuwanderung“ wird ausführlich auf wissenschaftliche Definition und gesellschaftliche Mechansimen von Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus und Antiziganismus ein.

Die Autor:innen Ortmeyer, Müller und Rhein spannen – mit Blick auf die Thematik – den Bogen durch erziehungswissenschaftlich-fachgeschichtliche Rückblicke bis zur Gegenwart der Fachdisziplin. Benjamin Ortmeyer befasst sich aus wissenschaftsgeschichtlicher und fachwissenschaftlicher Perspektive in dem Beitrag NS-Pädagogik in der Geschichteder deutschen Erziehungswissenschaftmit der Bedeutung der Pädagogik in der NS-Zeit und dem Umgang mit Geschichte in der Erziehungswissenschaft und verweist in dem Zusammenhang u.a. auf die Analyse und Kritik, die Erika Mann in ihrem Buch „10 Millionen Kinder – Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“ bereits 1937 veröffentlichte. Der Beitrag von Saskia Müller „Disziplinäre und gesellschaftliche (Dis-)Kontinuitäten. Über die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der NS-Pädagogik“knüpft an die fachgeschichtliche Auseinandersetzung an. Sie legt dabei zum einen offen, welche Rolle der Nationalsozialistische Lehrerbund bei der Vermittlung von und Umsetzung der NS-Ideologie hatte und geht zum anderen auf die Notwendigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Pädagogik aus heutiger Sicht ein. Katharina Rhein befasst sich im Beitrag „Postnationalsozialistische Konstellationen: Zum gesellschaftlichen und pädagogischen Umgang mit Antisemitismus und Rassismus nach 1945“mit Deutungshoheiten von Erinnerungsdiskursen und thematisiert, dass Antisemitismus und Rassismus stets bestimmten (jugendlichen) Gruppen zugeschrieben wurden und nicht als gesamtgesellschaftliches Problem gesehen wurden. Pädagogische Ansätze und Haltungen seinen zielgruppenspezifisch und Rhein spricht in diesem Zusammenhang von einer Pädagogisierung, die eine nationale Entlastungsfunktion ausfülle.

Verena Nägel und Lena Kahle gehen in ihrem Beitrag „Zwischen Institutionalisierung und Vernachlässigung – Universitäre Lehre über Holocaust in Deutschland“auf die Bedeutung der strukturellen Implementierung von Lehrstühlen zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust ein, zeigen jedoch auf Basis einer sowohl quantitativen als auch qualitativen Studie auf, dass in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht einmal für alle Lehramtstudierenden im Fach Geschichte ein Seminar zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gewährleistet ist. Das unterstreiche die Herausforderung für rassismus- und antisemitismuskritische Bildung.

Wie stark Antisemitismus nach wie vor in Alltagssituationen präsent ist zeigen Julia Bernstein und Florian Diddens im Beitrag „Echos der Nazizeit – Juden in Deutschland zwischen alltäglicher Banalisierung der Shoah und antisemitischen Angriffen“ auf, der auf einer soziologisch-rekonstruktiven Analyse von 220 themenfokussierten Interviews mit Menschen jüdischen Glaubens basiert.

Auf Kontinuitäten von rechten Diskursen in Politik und Wissenschaft gehen die Autor:innen Kaya und Kellershohn ein: Z. Ece Kaya zeichnet in ihrem Beitrag „Faking the confrontation? Deutscher Kolonialrassismus und Kolonialpädagogik vor und während der NS-Zeit-Kontinuitäten und Nachwirkungen“ zunächst die deutsche Kolonialgeschichte nach, verdeutlicht die Anschlussfähigkeit von Denkmustern des Kolionialrassismus und der NS-Ideologie und verweist u.a. auf aktuelle Strategien der Partei AfD bzw. Neuen Rechten. Vor diesem Hintergrund betont Kaya die Bedeutung einer pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen kritischen Auseinandersetzung mit der Kolonial- und NS-Geschichte. Helmut Kellershohn analysiert in seinem Artikel „Umkämpfte Kultur – ein diskursiver Streifzug von der Neuen Rechten bis Alexander Dobrindt“ die Diskursstrategien der Neuen Rechten anhand des Kulturbegriffs im Ringen um Deutungshoheit und politische Macht. Er zeigt auf, das die Analyse des Zusammenwirkens unterschiedlicher rechter Strömungen von Bedeutung für die Untersuchung gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse ist und wirft dabei auch ein Blick auf antidemokratische und antiliberale Kräfte in der Weimarer Republik, die als Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten.

Mirko Meyerdings Beitrag „Antiziganismuskritische Pädagogik – Beispiele aus der schulischen Praxis“ macht den Aufschlag für den zweiten Teil des Sammelbandes mit dem Fokus „Herausforderungen und Möglichkeiten pädagogischer Praxis“. Meyerding legt anschaulich dar, wie anhand von Lebensgeschichten – wie z.B. von Johann Rukeli Trollmann – oder von Tagebüchern die Politik der rassistischen Ausgrenzung und Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit exemplarisch erschlossen werden kann. Jonas Riepenhausen geht in dem Artikel „Abenteuer, Reproduktionsarbeit, Propaganda. Zur pädagogischen Auseinandersetzung mit NS-„Mädchenerziehung“ angesichts von neu erstarktem Antifeminismus“auf Methoden und Funktionsweisen von Mädchenerziehung basierend auf einer Analyse der NS-Zeitschrift „Das Deutsche Mädel“ ein und empfiehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik um eine geschlechterreflektierte Pädagogik zu stärken.

Mit Herausforderungen und Möglichkeiten in der Erinnerungs- und Gedenkstättenpädagogik beschäftigen sich die Beiträge von Mendel und Uhlig, Fava, Thimm und Kößler: Meron Mendel und Tom David Uhlig verdeutlichen in „Katharsis oder Bildung – (Dis-)funktionale Strategien gegen Antisemitismus“ anhand eines Fallbeispiels aus der pädagogischen Praxis, dass Wissen über die NS-Geschichte notwendig ist, jedoch keine wirksame Strategie gegen Antisemitismus sei. Rosa Favas Ausführungen in „Migrantenkinder“ und „Wir“: „Othering“ und „Selbstkonstruktion im Diskurs über Erinnerungspädagogik in der Einwanderungsgesellschaft“ knüpfen an Aspekte des vorangegangenen Beitrags an. Fava geht zunächst aus Perspektive der Migrationspädagogik auf Rassismuskritik und zeichnet anschließend einen Diskurs nach, der Schüler:innen mit deutschen Vorfahren – als Nachkommen der Angehörigen der Tätergesellschaft – ein Interesse an der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte zu- und Menschen mit Migrationshintergrund abschreibt. Kritisch stellt Fava der Vorstellung, die Mehrheitsgesellschaft hätte sich mit der NS-Geschichte auseinandergesetzt und daraus für die Gegenwart gelernt, Diskursen von rassistischen Bewegungen und Parteien gegenüber, die in den letzten Jahren Zuspruch fanden. Impulse für bildungstheoretische und pädagogische Reflexionen in der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte bietet der Beitrag von Susanne Thimm „Ins Verhältnis setzen – Anamnetische Solidarität als Arbeit an der Erinnerung“. Ihre Ausführungen basieren auf dem Konzept der anamnetischen Solidarität von Helmut Peuckert, das sie mit Überlegungen von Micha Brummig, Matthias Heil und Astrid Messerschmidt verbindet und Impulse für eine Haltung in der pädagogischen Erinnerungsarbeit geben. Gottfried Kößler befasst sich mit ortbezogener Erinnerungspädagogik in „Gedenkstättenpädagogik als kritische historisch-politische Bildung“und geht auf dabei nicht nur auf die Bedeutung, Erwartungen und Möglichkeiten von Bildungsprozessen an Gedenkstätten ein. Kößler zeigt zudem auf, wie wichtig Flexibilität und Offenheit in der historisch-politischen Bildung sei, d.h. Raum für Fragen mit Gegenwartsbezug zu geben und nicht an starren Lernzielen festhalten.

Diskussion

Die interdisziplinären Beiträge des Sammelbandes bieten die Möglichkeit sich intensiv und tiefgründig mit fachwissenschaftlichen Diskursen der Erziehungswissenschaft und Pädagogik unter Bezugnahme von Kontinuitäten historischer und aktueller Verflechtungen von Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus zu beschäftigen. Dabei gehen die Beiträge sowohl auf wissenschaftliche als auch auf konkrete pädagogische Ansätze ein, ordnen diese wissenschaftsgeschichtlich und fachgeschichtlich ein und betonen die Aktualität der gesellschaftspolitische Relevanz der Thematik. Hervorzuheben ist die fundierte Bezugnahme zahlreicher Beiträge zu Adornos Ausführungen in „Erziehung zu Auschwitz“ und der Verweis auf die Analyse von Erika Mann in „10 Millionen Kinder – Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, die bislang wenig bedacht wurde. Bemerkenswert ist zudem die Herausarbeitung und Analyse von gesellschaftlichen und politischen Diskursen, die in einigen Beiträgen zu finden sind. Sie untermauern das Plädoyer für antirassistische Bildungsarbeit und Menschenrechtsarbeit, die heute wichtiger denn je ist.

Fazit

Zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus wurden in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen aus geschichts-, politik- und sozialwissenschaftlicher Perspektive veröffentlicht. Das Buch „Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzungen“ ist ein Sammelband, dessen einzelne Beiträge eine relevante Forschungslücke aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive füllt. Wissenschaftler:innen und Pädagoge:innen finden in dem Buch aktuelle und gute Impulse für eine fundierte theoretische und praktische Auseinandersetzung mit einem differenzierten und kritischen Blick auf die gesellschaftsrelevante Thematik.

Various publications have been published on the subject of racism, antisemitism and antiziganism from the perspective of historical, political and social scientific disciplines in recent years. The book Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzungen is a volume written in German, which closes a relevant gap from an educational science point of view by the assembled articles. Scientists and educationalists find profound, differentiated and good impulses to deal with the societal relevant topics on theoretical and practical level.

Rezension von
Natascha Hofmann
wissenschaftliche Mitarbeiterin, Bereich Hochschuldidaktik und digitale Lehrentwicklung, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
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Es gibt 2 Rezensionen von Natascha Hofmann.

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Zitiervorschlag
Natascha Hofmann. Rezension vom 19.04.2022 zu: Katharina Rhein: Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6129-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28537.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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