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Michael Bohne: Psychotherapie und Coaching mit PEP

Cover Michael Bohne: Psychotherapie und Coaching mit PEP. Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 144 Seiten. ISBN 978-3-8497-0388-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Wie handhabt der Autor neue Psychotherapie-Techniken und wie wirken sie zur Stressreduktion und Selbstwertverbesserung? Er fokussiert eine prozessorientierte Haltung von Therapeut und Klient. Bohne stellt aus der Kinesiologie bekannte Körper-Klopftechniken auf den Boden seines psychodynamischen, hypnotherapeutischen, systemischen und verhaltenstherapeutischen Wissens. Diagnostik und Nutzung der Wechselwirkung von Körper und Psyche (Embodiment) ziehen sich als roter Faden durch das für Therapie-Praktiker geschriebene Buch.

Autor

Michael Bohne ist FA für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit vielen Jahren ist er in Einzel- und Gruppenarbeit in eigener Praxis sowie in Fort- und Weiterbildung aktiv, initiiert Forschungsprojekte an der Medizinischen Hochschule Hannover und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, z.B. über Auftrittsoptimierung, überprüfenswerte Konzepte von Klopftechniken und Prozessorientierter Psychotherapie und Coaching.

Inhalt

Die ersten 11 Kapitel (S. 22 - 61) beinhalten folg. Themen in Stichworten:

  • 1. Kinesiologie einschl. Muskeltests müssen Emotionen, Kognitionen und Erinnerungen des Klienten einbeziehen, um nachhaltig zu wirken.
  • 2. Energetische Psychologie knüpft an hypno- und physiotherapeutische Erfahrungen an. Klopftechniken sollen in psychotherapeutische Konzepte integriert werden.
  • 3. Bohne entwickelte ein eigenes psychodiagnostisches Vorgehen, um vor- und unbewusste Anteile des Klienten aufzuspüren.
  • 4. Bei der Behandlung von Traumafolgen und Bindungsstörungen kommt es besonders auf eine tragfähige Klient-Therapeut-Beziehung an.
  • 5. Prozessorientierte Haltung basiert auf Erkenntnissen systemischer Therapie. Die Analyse selbstwertreduzierender Glaubenssätze deckt den therapeutischen Bedarf auf.
  • 6. Unbewusste Muster zu erkennen, reduziert die komplexe Datenfülle und fokussiert einschränkende und belastende Emotionen. Bohne pendelt zwischen der Betrachtung von Emotion und Beziehung.
  • 7. Konkrete individuelle Selbstbestätigung ist wichtig für Kernbedürfnisse wie Sicherheit, Orientierung und Autonomie.
  • 8. Der Autor zeigt, wie Therapeuten empathisch sein und sich von Klienten abgrenzen lernen.
  • 9. Therapeuten, die zu problem- und zu wenig ressourcen-fokussiert arbeiten, müssen konsequenter vorhandene Ressourcen aufspüren.
  • 10. „Der Körper ist die Bühne für Gefühle“ heißt: Klienten anleiten, Körperpunkte selbst zu beklopfen und beziehungsverbessernde Affirmationen auszusprechen.
  • 11. Bohne nennt „ein Friedensangebot an sich selbst“: sich selbst anzunehmen. Es gilt zu üben, wie ich mich bestätigen kann. Die zwei Kapitel des Mittelteils (S. 62 - 75) enthalten die wesentlichen therapeutischen Konzepte des Autors.
  • 12. Bohne geht von 3 verschiedenen Interaktionsstilen aus: Therapeuten haben es schwerpunktmäßig mit einem Kunden-Typ, einem Klagenden oder einem Besucher zu tun. Nur bei Kunden-Interaktionen lassen sich Beschwerden und Behandlungsziele erkennen. Dem Klagenden fehlt es nicht an Beschwerden, aber an konkreten Schritten in Richtung einer Lösung. Der Besucher wird häufig von anderen geschickt und zeigt, dass es für ihn kein Problem gibt, höchstens für andere.

Fünf Lösungsblockaden sind zu beachten:

  1. Selbstvorwürfe werden mittels einer sich selbst akzeptierenden und dennoch sich selbst verzeihenden Affirmation behandelt: „Selbstvorwürfe blockieren neuronal vermutlich auch unser Belohnungssystem und aktivieren unser internales Bestrafungssystem …“ (S. 65)
  2. Mit Vorwürfen anderen gegenüber macht man sich zum Opfer, hilflos, einsam und unterlegen. Behandelt wird mit Übungen zur Selbstbestätigung und Verantwortung beim anderen lassen.
  3. Erwartungshaltung macht von den Menschen abhängig, von denen man etwas erwartet, ohne selbst Einfluss zu haben. Lautes Aussprechen einer Selbst-Bestätigung erfüllt auf eigene Weise das Grundbedürfnis gesehen zu werden.
  4. Altersregression: Wenn Klienten in ihrer Selbst-Entwicklung feststecken, fühlen sie sich häufig kleiner und jünger, als sie sind. Bei generell wenig Gestörten hilft schon die Affirmation: „Auch wenn sich einTeil von mir immer wieder klein, hilflos … fühlt, behalte ich den Überblick.“ (S. 68)
  5. Para-/​Dysfunktionale Loyalitäten zu nahestehenden Personen können Erfolg und eigene Ziele blockieren – nach dem Motto: „Das kann ich euch doch nicht antun, dass ich erfolgreicher bin als ihr und ich euch damit beschäme.“ (S. 68) Psychotherapeuten mit starker Loyalitätsbindung an ihre Ausbilder kann es schwer fallen, neue Methoden in ihre Arbeit zu integrieren – aus Angst vor Dissonanz zu erlernten Grundannahmen.
  • 13. Bei Anklage gegen sich selbst und andere hebt Bohne die Stärkung von Selbst-Akzeptanz hervor: „Und jetzt verzeihe ich mir …, da mir klar wird, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht anders gekonnt habe.“ (S. 74)

Es folgen Voraussetzungen zur Anwendung in Kap. 14 - 17 (S. 76 - 106):

  • 14. Prozess-fokussierte Diagnostik mittels PEP macht bewusst, wie sehr unsere Gesellschaft uns mit der Haltung infiziert: „Anerkennung nur über Leistung!“ In solcher Selbst-Beziehung haben Glück und Gesundheit nicht wirklich Raum. Im Kognitions-Kongruenz-Prozess werden Testsätze ausgesprochen, die somatische Marker, innere Bilder oder Erinnerungen hervorrufen, z.B. „Ich tue alles, was nötig ist, um gesund zu sein.“ Analyse selbstwertreduzierenden Denkens erweitert die Vorstellungsgrenzen von Klienten.
  • 15. Wirkhypothesen und Forschungsergebnisse? Überraschendes Studienergebnis: Auch imaginiertes Klopfen zeitigt stress-regulatorische Wirkung, die hirnanatomisch nachvollziehbar ist. Emotionsregulation durch Aktivierung eines unangenehmen Themas plus imaginiertes Klopfen weist also eine neuronale und verhaltensbezogene Verarbeitung auf. Haut und Gehirn stehen in engem funktionellem Zusammenhang (Hüther, 2006). So machen Klienten immer wieder Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Autonomie.
  • 16. Klienten-Info zur Indikation des Klopfens. Bohne findet folg. psychodynamisch wirksamen Hauptindikationen: Negative Emotionen, Glaubenssätze und Beziehungsmuster sowie Selbstentwertungen Suchtkranker. In der Traumatherapie kann Klopfen und PEP das Selbst-Management unterstützen und Selbst-Verletzungen verringern.
  • 17. Prophylaxe gegen Therapeuten-Burnout und -Traumatisierung: Wie kann ich als Therapeut vermeiden oder beenden, mich an Angst, Entsetzen und Hilflosigkeit meiner Klienten anzustecken? Sich selbst klopfende Therapeuten hätten es leichter (Daniels 2008). Das leitet über zu
  • 18. Praktischer Teil: PEP als Selbsthilfetechnik. Was der Autor bisher in vielen Einzelschritten beschrieben und belegt hat, bringt er nun auf 30 Seiten praktisch zur Anwendung, sowohl für Therapeuten als auch für Klienten in eigener Regie. Acht Schritte führen vom Thema, das belastet über Fingerberühr-Übungen, Selbstbestätigungs-Sätze, Klopfen bestimmter Körperpunkte, Zwischenentspannung, Wiederholung des Körperpunkte-Klopfens bis zur Abschlussentspannung. Präzise Abbildungen veranschaulichen das Gemeinte und erleichtern die Umsetzung für Klienten. Bohne empfiehlt Arbeitsblätter, auf denen Sätze bei Vorwürfen sich selbst und anderen gegenüber notiert werden, wie „auch wenn ich ihr/ihm den Vorwurf mache, dass …, bestimme ich, was gut für mich ist“ (S. 126 f.), „bleibe ich die erwachsene Frau, die ich bin“ (S. 130).
  • 19. Die Zukunft der Klopftechnik und PEP. Abschließend wendet sich Bohne gegen Heilsversprechen und setzt sich für Angebote und Erklärungsmodelle aus psychotherapeutischer und neurobiologischer Sicht ein. Das erfordert wissenschaftlich begleitete Praxis-Studien mit großen Vergleichsgruppen.

Diskussion

Der Autor selbst diskutiert mit dem Leser in kleinen Schritten Erkenntnisse, die auf Psychotherapie-Erfahrungen schon aus den 1920er Jahren basieren, ohne dass Bohne sie i.e. benennt: J.H. Schultz mit seinem Autogenen Training führte körperliche Entspannung, Autosuggestion und Vorsatzbildung als Selbsthilfetechnik zusammen. Zur gleichen Zeit integrierte A.Adler das sich selbst Verzeihen in sein Konzept der Individualpsychologie. Er und J.L. Moreno stellten die egalitäre, offene Beziehung in der Therapie heraus. Darauf gründet sich auch der Nutzen von Gruppenpsychotherapie. Diese Ahnenreihe ließe sich fortsetzen mit den Begründern systemischer und verhaltenstherapeutischer Methoden. Wie der Psychoanalytiker P. Fürstenau in seinem Geleitwort schreibt, hat Bohne mit seinem energetischen Ansatz eine praktikable Interventionsarchitektur geschaffen. Sie lässt sich in unterschiedlichste Psychotherapieverfahren integrieren. Stets geht es um Selbstaktivierung der Klienten als eins der wirkstärksten Heilmittel moderner Psychotherapie (S. 9 f.).

Fazit

Michael Bohne liefert mit seinem Band über „Prozess- und Embodiment-fokussierte Psychologie in der Praxis“ einen eigenständigen, sowohl theoretisch als auch praktisch selbstkritischen und erfahrungsreichen Beitrag. Ein flüssig geschriebenes und mit Skizzen veranschaulichtes Hand-out für Psychotherapeuten, die damit ihre Klient*innen zur Selbstanwendung anleiten können. Bohne ermutigt zur kritischen und dadurch konsequenten Erprobung von entmystifizierten Körpertechniken, kognitiven Lösungen von Blockaden und einer therapeutischen Beziehung auf Augenhöhe.


Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 21.09.2021 zu: Michael Bohne: Psychotherapie und Coaching mit PEP. Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0388-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28547.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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