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Jonas Hamm: Trans* und Sex

Cover Jonas Hamm: Trans* und Sex. Gelingende Sexualität zwischen Selbstannahme, Normüberwindung und Kongruenzerleben. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 147 Seiten. ISBN 978-3-8379-3008-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft - Band 26. Annette Güldenring (Verfasserin eines Geleitworts).
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Thema

Obwohl in den Begriffen „Transsexualismus“ und „Transsexualität“ ausdrücklich „Sexualität“ genannt wird, hat sich dir Forschung bisher kaum um die Frage gekümmert, wie Sexualität von trans* Menschen tatsächlich gelebt wird. Wie der Autor in der Einleitung feststellt, besteht nach wie vor „vielfach die Annahme, gelingende Sexualität bedeute für trans* Personen heterosexuellen, penil-vaginalen penetrativen Geschlechtsverkehr zu praktizieren, als (trans*) Mann in der penetrierenden, als (trans*) Frau in der aufnehmenden Rolle“ (S. 18). Dass dies längst nicht für alle trans* Personen gilt, zeigt der Autor anhand von sechs leitfadengestützten Interviews mit trans* Personen, „die ihre Sexualität als gelingend empfinden und keine Genitalangleichung vorgenommen haben oder anstreben“ (S. 53). Im wissenschaftlichen Schrifttum findet sich bisher keine Untersuchung, die sich spezifisch mit dieser Gruppe von Menschen beschäftigt hat.

Autor

Jonas A. Hamm, M. A., ist Geschlechter- und Sexualwissenschaftler und systemischer Berater. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Trans* und Sexualität, rechtliche Entwicklungen und Trans*-Gesundheit aus Menschenrechtsperspektive.

Geleitwort von Annette Güldenring, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, 2. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung.

Entstehungshintergrund

Aus der Einsicht, dass es zum Thema einer gelingenden, erfüllenden Sexualität von trans* Personen, die keine genitalangleichenden Operationen haben durchführen lassen, bisher keine Untersuchungen gibt und die in der sexualwissenschaftlichen Literatur zu findenden Äußerungen zu diesem Thema mehrheitlich an den Bedürfnissen der Community vorbeigehen, hat Jonas A. Hamm sich entschlossen, im Rahmen einer Qualifikationsarbeit an der Hochschule Merseburg eine eigene Studie durchzuführen. Das Konzept dieses Buches ist, wie Annette Güldenring im Geleitwort schreibt, „aus einer intensiven Reflexion fataler Fehler der Medizin und Psychologie in der Trans*-Gesundheitsversorgung“ (S. 13) erwachsen. Zu dieser Pionierarbeit ist der Autor in besonderer Weise fähig, da er Forscher und Teil der Community in einer Person ist und „den Anspruch einer partizipativen Forschung über die Dauer der Untersuchung filigran erfüllt“ (S. 13).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst außer einer Danksagung des Autors, einem Geleitwort von Annette Güldenring und einem Literaturregister acht Kapitel, in denen sich der Autor anhand der Resultate von 6 von ihm geführten Interviews mit der Frage nach der „gelebten Sexualität von trans* Personen, die keine Genitalangleichung anstreben und mit ihrer Sexualität zufrieden sind“ (S. 19), auseinandersetzt.

Dem von ihr verfassten Geleitwort stellt Annette Güldenring ein Zitat von Serge Delarue voran, das auf die Befreiung hinweist, die für alle Menschen daraus resultierte, wenn es gelänge, „die Kategorien abzuschaffen: Mann, Frau, Transvestit…Man müsste…, ich meine, man muss, denn all das sollte schon lang Gebot sein“ (Delarue, 1980, S. 151). In Übereinstimmung mit diesem Zitat verweist Güldenring darauf, von welch großer Bedeutung es ist, „die sich fremd anfühlenden Sexualitäten und Geschlechterzuweisung (…) hinter sich zu lassen und zu erforschen, was die Welt der Sexualitäten darüber hinaus hergeben kann“ (S. 11). Dies ist das Ziel der von Jonas A. Hamm durchgeführten Studie, einer Pionierarbeit, deren Konzept „aus einer intensiven Reflexion fataler Fehler der Medizin und Psychologie in der Trans*-Gesundheitsversorgung“ erwächst (S. 13).

Im Kapitel I (S. 17 – 22) „Einleitung“ weist der Autor auf die Tatsache hin, dass über Jahrzehnte „Trans*-Sexualität (…) wissenschaftlich nur insofern von Interesse war, als dass im Sexualverhalten ein Indikator, ein Hilfsmittel für die Diagnose von Transsexualität gesehen wurde oder aber ein Indikator für chirurgischen Erfolg nach genitalangleichenden Operationen“ (S. 17). Dabei bestand und besteht immer noch vielfach die Annahme, „gelingende Sexualität bedeute für trans* Personen heterosexuellen, penil-vaginalen penetrativen Geschlechtsverkehr zu praktizieren, als (trans*) Mann in der penetrierenden, als (trans*) Frau in der aufnehmenden Rolle. Diese Annahme resultiert aus zwei komplexen, oftmals unhinterfragten und vermutlich unbewussten Hypothesen: erstens, trans* Personen würden ihr körperliches Geschlecht ablehnen und körperliches Geschlecht sei gleichzusetzen mit Genitalien; zweitens, dass Männer penetrieren und Frauen aufnehmen und es für trans* Personen wichtig sei, dieser Regel zu folgen“ (S. 18). Derartige Annahmen lassen indes keinen Raum für die Möglichkeit, dass es eine gelebte, zufriedenstellende Sexualität bei trans* Personen gibt, die keine Genitalangleichung anstreben. Dies ist auch der Grund dafür, dass bisher keine Studien vorliegen, die Auskunft darüber geben, wie trans* Personen ohne Genitalangleichung mit ihrem Körper und ihrer Sexualität zufrieden sind. Diese Forschungslücke mit Hilfe einer ressourcenorientierten, qualitativen Interviewstudie mit partizipativen Elementen zu füllen, ist das Anliegen des Autors.

Das Kapitel II (S. 23 – 27) „Begriffe“ dient der Klärung der in diesem Buch verwendeten Begrifflichkeiten. Angesichts der Fülle der in der Literatur und umgangssprachlich verwendeten Begriffe, wenn es um das Thema „Trans“ geht, ist es für die Leser*innen hilfreich, hier eindeutige Definitionen zu erhalten.

Dem „Forschungsstand“ ist das Kapitel III (S. 29 – 47) gewidmet. Das Resultat der Literaturrecherche des Autors weist auf zwei Phänomene hin, „die wenig zum Erkenntnisstand beigetragen, deren Verständnis allerdings für diese Arbeit wichtig ist: die Verwechslung von Transsexualität und Trans*-Sexualität und die klinische Forschung zu beidem“ (S. 29), wobei der Begriff „Trans*-Sexualität“ sich im Gegensatz zum Begriff „Transsexualität“ auf die Sexualität von trans* Personen, nicht aber auf ihre geschlechtliche Identität bezieht.

Diesem Thema ist der 1. Unterkapitel „Transsexualität versus Trans*-Sexualität“ gewidmet. Die Literaturrecherche des Autors zeigt, dass es in den bisher vorliegenden Publikationen fast ausnahmslos um „Transsexualität“ geht, während die Sexualität von trans* Personen praktisch nicht diskutiert wird.

Dies belegt ein Blick in die „Klinische Literatur“ (Unterkapitel 2). Für die Studie des Autors sind diese Publikationen wenig ergiebig, da sie in der Regel quantitativer Art sind und wenig qualitative Aussagen über das sexuelle Erleben enthalten und außerdem zumeist die technischen Möglichkeiten von Geschlechtsverkehr nach genitalangleichenden Operationen diskutieren. Hinzu kommt, dass die klinischen Daten häufig von „Trans*-Narrativen“ verzerrt sind (S. 31), d.h. durch eine „Tradition innerhalb der Trans*-Community, die eigene biografische Erzählung zu glätten und an geschlechtliche Stereotypen anzupassen, um Diagnostiker_innen von der eigenen Geschlechtsidentität zu überzeugen“ (S. 31). Dies um so mehr, als klinische Daten im Allgemeinen aus Situationen von großer Abhängigkeit zwischen Studienteilnehmenden und Forschenden stammen.

Fündig ist der Autor eher bei der „Empirischen Sozialforschung“, Unterkapitel 3, geworden, wo sich mehrere Studien mit der sexuellen Zufriedenheit von trans* Personen beschäftigen. Im Zentrum stehen hier vor allem die Fragen: „Wie schaffen es trans* Personen gelingende Sexualität zu leben und welche Strategien wenden sie an, um mit ihren gegebenenfalls von der cisgeschlechtlichen Norm abweichenden Körpern umzugehen?“ (S. 34). Die Autor*innen der betreffenden Publikationen haben verschiedene Faktoren herausgearbeitet, die trotz inkongruenten Geschlechtsmerkmalen zu einer sexuellen Zufriedenheit beitragen. Neben dem Aneignen und Ausleben der Identitätsrolle erweisen sich vor allem Beziehungen mit Partner*innen, die die trans* Personen in ihrer geschlechtlichen Selbstdefinition annehmen und unterstützen, sowie ein akzeptierendes und unterstützendes soziales Netzwerk als wichtige Indikatoren für sexuelle Zufriedenheit. In den in diesem Kapitel referierten Arbeiten werden auch spezifische Strategien der trans* Personen erwähnt, um mit inkongruenten Körperaspekten in der Sexualität umzugehen, z.B. nur mit solchen Partner*innen Sex zu haben, deren Blick ihre geschlechtliche Selbstbestimmung stärkt, der Verzicht auf die geschlechtliche Interpretation von bestimmten Körperteilen oder Akten sowie die Distanzierung von ungewünschten körperlichen Gegebenheiten oder eine sprachliche Distanzierung und die Vermeidung (beispielsweise bestimmter sexueller Praktiken oder das Aussparen spezifischer Körperregionen). Andere Strategien sind die Neuinterpretation und die Neubenennung von Geschlechtsmerkmalen, das Doing Gender und die Imagination, d.h. die Vorstellung eines zur Geschlechtsidentität passenden Körpers bzw. passender Geschlechtsmerkmale. Andere Publikationen thematisieren die Bedeutung von BDSM und Trans*, die Beziehung zwischen Körper, Begehren, sexuellem Handeln und Identität (den „sexuellen Habitus“) sowie die Frage, wie trans* Männer im schwulen Internet mit ihren operativ nicht veränderten Genitalien umgehen.

Im 4. Unterkapitel gibt Jonas A. Hamm einen Überblick über „Theoretische Arbeiten“. Dazu gehören vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Tranny Chaser“, die Beiträge von community-basierter Trans*-Pornografie sowie ein Text der Philosophin Bettcher, die dafür plädiert, die Kategorien sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität „als stark verwoben und interdependent zu begreifen“, und die den Begriff des „erotischen Strukturalismus“ einführt (S. 42).

Während die Sexualität von trans* Personen in der psychologisch-soziologischen Literatur eher wenig diskutiert wird, war es dem Autor möglich, etliche Hinweise zu diesem Thema in der „Community-Literatur“ zu finden, die er im Unterkapitel 5 resümiert. Dazu gehören sexual-pädagogische Broschüren von und für trans* Personen, Selbsthilfeliteratur, subkulturelle Veröffentlichungen zu Trans*-Sexualität sowie Trans*-Erotika-Anthologien.

Der spezifischen „Literatur zur Trans*-Beratung“ ist das Unterkapitel 6. Hier nennt der Autor Publikationen aus den letzten Jahren. Den Grund dafür, dass sich in den meisten Veröffentlichungen keine Diskussion über die Sexualität von trans* Personen findet, sieht Jonas A. Hamm dadurch bedingt, dass das Thema Sexualität der sinnvollen „Entsexualisierung“ der Transgeschlechtlichkeit zum Opfer gefallen sei (S. 47).

Im Kapitel IV (S. 49 – 73) behandelt der Autor „Die empirische Untersuchung“, die er anhand von leitfadengestützten Interviews mit 6 trans* Personen durchgeführt hat. Es ist, wie er einleitend anmerkt, ein recht ausführliches Kapitel, dessen Umfang sich aber dadurch rechtfertigt, dass hier Standards im Hinblick auf die Forschungsethik und die Partizipation der Teilnehmenden beschrieben werden, die man als wegweisend für ähnliche Forschungsprojekte bezeichnen kann.

Das Unterkapitel 1 ist den „Überlegungen zu Forschungsethik und Partizipation“ gewidmet. Die vorliegende Studie orientiert sich an verschiedenen Ethikrichtlinien im Bereich der Sozialforschung und der Pflegewissenschaft sowie insbesondere an dem Sammelband „Forschungsethik in der qualitativen Forschung“ (Unger et al., 2014). Dieses Peer-Research-Projekt (der Autor ist Forschender und Community-Mitglied in einer Person) war von Beginn an als partizipative Studie geplant, die durch zwei partizipative Elemente gekennzeichnet ist: „zum einen wurden verschiedene Aspekte der Datenerhebung mit der Probeinterviewperson durchgesprochen, reflektiert und beratendes Feedback von ihr eingeholt. (von jetzt an: TN) Zum anderen wurde eine partizipative Feedbackschleife entwickelt, bei der die Ergebnisse der ursprünglichen Datenerhebung mit den Teilnehmer_innen (…) geteilt und nach Möglichkeit besprochen wurden. Die TN wurden um Feedback zu den Ergebnissen gebeten, dieses wurde aufgenommen und in einer weiteren Auswertungsschleife in die Ergebnisse der Studie integriert“ (S. 52). Eine detaillierte Darstellung und Diskussion dieser „Partizipativen Feedbackschleife“ findet sich später im Unterkapitel 5.

Im Unterkapitel 2 beschreibt der Autor die „Stichprobe“: „Die Zielgruppe der Arbeit waren trans* Personen, die ihre Sexualität als gelingend empfinden und keine Genitalangleichung vorgenommen haben oder anstreben“ (S. 53). Die konkrete Stichprobe bezog sich auf deutschsprachige trans* Personen im Raum Berlin, wobei mindestens eine trans*-männliche und eine trans*-weibliche und mindestens eine non-binäre und eine binäre Person vertreten sein musste. In Anbetracht der Peer-Research-Situation stellte sich für den Autor die Frage nach der Neutralität und der Nähe im Forschungsprozess. Jonas A. Hamm diskutiert diese wichtige Frage ausführlich und kommt zum Schluss, dass bei dieser Studie, in der es um sehr intime Fragen geht, die Nähe des Forschenden zu den Teilnehmer*innen kein Hindernis, sondern im Gegenteil geradezu eine Voraussetzung ist, dass aber „zwischen Forschendem und Beforschten keinerlei Abhängigkeit vorliegen durfte“ (S. 54), ein wichtiges Kriterium, das in vielen anderen Studien, in denen die Teilnehmenden durch ihren Patient*innenstatus von den Forschenden abhängig waren, aber nicht beachtet worden ist.

Das Unterkapitel 3 ist der „Datenerhebung“ (Erstellung eines vorläufigen Interviewleitfadens, Probeinterview, Überarbeitung des Leitfadens, Erstellung von Audiodateien und Transkription) und das Unterkapitel 4 der Darstellung der „Auswertungsmethode“ gewidmet. Der Autor verwendete dafür das Programm MAXQDA Version 2018.2, wertete die Interviews mit Hilfe der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) aus und definierte daraufhin die drei Hauptkategorien „1. individuelle Sexualität, 2. Strategien und Ressourcen, 3. sexueller (und geschlechtlicher) Lernprozess“ (S. 66) sowie verschiedene Subkategorien.

Die dem Autor wichtige, bereits im Unterkapitel 1 erwähnte „Partizipative Feedbackschleife“ wird noch einmal ausführlich im Unterkapitel 5 diskutiert. Dieses Vorgehen diente nicht nur der Qualitätssicherung, sondern erkennt die Teilnehmenden auch als Experten ihrer selbst und als aktive Subjekte im Forschungsprozess an und steigerte ihr Vertrauen in den Forschungsprozess.

Die „Ergebnisse“ der Studie werden im Kapitel V (S. 75 – 101) dargestellt. Die Unterkapitel entsprechen den drei Hauptkategorien „individuelle Sexualität“, „Strategien und Ressourcen“ und „Sexueller (und geschlechtlicher) Lernprozess“.

Die Hauptkategorie „Individuelle Sexualität“ (Unterkapitel 1) umfasst 4 Subkategorien:

  1. Die „Bedeutungs- bzw. Sinnebene“: die Bedeutung von Sexualität für die Teilnehmenden, darunter auch ihre persönlichen Definitionen von Sex und Sexualität, ihre sexuelle Orientierung sowie die Bedeutung der Transgeschlechtlichkeit für die sexuellen Möglichkeiten sowie die Bedeutung von Geschlechtsmerkmalen und die von sexuellen Akten. Hier zeigt sich, dass die Teilnehmenden weite Definitionen von Sex und Sexualität haben, die zwar auch genitale Stimulation einschließt, aber „nicht beschränkt auf Penetration, sondern eher an sexueller Erregung festgemacht“ wird (S. 76), sodass Sex als „Ganzkörpererfahrung“ erlebt wird (S. 76). Ein wichtiges Ergebnis ist auch, dass Genitalien für die Teilnehmenden „nicht die geschlechtsanzeigende Bedeutung (haben), die ihnen gesellschaftlich zugeschrieben wird“ (S. 77). Ähnliches gilt für die Bedeutung von sexuellen Akten: „Mit dem eigenen Penis zu penetrieren oder mit der eigenen Vagina aufzunehmen ist für die TN kein spezifisch männlicher oder weiblicher Akt – es ist ein sexueller Akt“ (S. 77).
  2. Die „praktische Ebene“ umfasst die Fragen, wo und wie Sex stattfindet, welche Praktiken dabei zum Einsatz kommen, welche Rolle Orgasmen und Selbstbefriedigung einnehmen und was für die Teilnehmenden schlechten Sex ausmacht. Die Mehrzahl der Teilnehmenden lebt zwar in langfristigen Beziehungen, die jedoch unterschiedliche offene Konstellationen aufweisen. Dabei spielt das Aufsuchen von subkulturellen Orten, die explizit auf sexuelle Begegnungen ausgerichtet sind, eine wesentliche Rolle. In Bezug auf das sexuelle Repertoire zeigt sich eine relativ große Breite. Dabei berichten fast alle Teilnehmenden interessanterweise, „ihre Genitalien auf die Art und Weise in ihre Sexualität einzubeziehen, wie es von trans* Personen eher nicht erwartet wird: Sie praktizieren rezeptiv aufnehmend vaginalen Verkehr als trans*-maskuline oder penil-insertiven Verkehr als trans*-feminine Personen. Gleichermaßen praktizieren alle trans*-männlichen TN auch insertiven und die trans*-weiblichen TN auch rezeptiven Verkehr“ (S. 78/79). Alle Teilnehmenden berichten, beim Sex Orgasmen zu erleben, die jedoch eine unterschiedlich große Rolle für sie spielen. Wenn Masturbation im Interview erwähnt wurde, wurde sie als fester, integraler Bestandteil der eigenen Sexualität benannt. Als Kriterien für „schlechten Sex“ nannten die Teilnehmenden u.a. fehlende oder misslingende Kommunikation sowie Rollenerwartungen, die sich für die Teilnehmenden „unpassend anfühlen“ (S. 80).
  3. Die „Interaktions- und Dynamikeben“ umfasst die sexuellen Rollen der Teilnehmenden, das, was sie im sexuellen Gegenüber suchen, wie sie mit diesen Personen in Interaktion treten und wie dabei sexuelle Bedürfnisse verhandelt werden. Die meisten Teilnehmenden sind in ihren Rollen flexibel, wobei nur ein geringer bis kein Zusammenhang zwischen ihrer sexuellen Rolle und ihrer Geschlechtsidentität besteht. Wichtig ist ihnen vor allem eine gute Kommunikation zur anderen Person.
  4. Implizit und explizit ist in den Interviews die Rede von der Ebene „Haltung und Werte“ in der Sexualität. Es geht hier um Einstellungen zu (Nicht-)Monogamie, zu Konsens und (Selbst-)Fürsorge, zu Cis- und Heteronormativität sowie Verschwiegenheit. Oft weichen die Haltungen und Werte der Teilnehmenden von gesellschaftlichen Standards ab und werden mit dem Gegenüber verhandelt. Dabei gilt der Grundsatz „safe, sane and consensual“. Insgesamt wird deutlich, dass viele Teilnehmende einem eigenen, subkulturellen Wertesystem folgen. Der Verschwiegenheit wird große Bedeutung beigemessen, was sich nicht zuletzt auch darin gezeigt hat, dass die Teilnehmenden in den Interviews nie Namen genannt oder persönliche Details ihrer Sexualpartner*innen mitgeteilt haben.

Die zweite Hauptkategorie „Strategien und Ressourcen“ (Unterkapitel 2) umfasst ebenfalls 4 Ebenen:

  1. Die prominenteste der „Strategien im Umgang mit Geschlechtsinkongruenz“ ist die Transition. Neben der sozialen Transition haben alle Teilnehmenden auch medizinische Transitionsmaßnahmen unternommen, vor allem in Form von hormonellen Behandlungen und bei den trans*-männlichen Personen eine Mastektomie. Eine weitere Strategie ist die Arbeit mit Imagination und der Neucodierung von Akten oder Körperteilen sowie das Schließen eines „Kompromisses mit sich selbst“ (S. 87) in Form der Akzeptanz oder des Ignorierens der Aspekte, die nicht zu ihrer Geschlechtsidentität passen. Manche Teilnehmende setzen auch das Doing Gender ein, indem sie sexuelle Praktiken verwenden, die typischerweise ihrem Identitätsgeschlecht zugeschrieben werden und deren Ausführung dadurch ihre Geschlechtsidentität bestärkt.
  2. Im Kontrast zur Geschlechtsinkongruenz steht die Ebene „Kongruenzerleben“, das sich darin zeigt, dass der überwiegende Teil der Teilnehmenden „keinen Widerspruch zwischen ihrer Geschlechtsidentität und ihren Genitalien (sieht) und (…) diesbezüglich auch keine Geschlechtsdysphorie“ empfindet (S. 88). Wichtig hingegen ist ihnen das Passing in der Öffentlichkeit. Den primären Geschlechtsmerkmalen, aufgrund derer sie bei der Geburt einem Geschlecht zugewiesen worden sind, „wird die Bedeutung entzogen, Geschlecht anzuzeigen.(…) Die sekundären Geschlechtsmerkmale jedoch, die sich erst in der Pubertät entwickeln und die im Alltag entscheiden, ob eine Person als Mann oder Frau wahrgenommen wird, sind für die TN von erheblich größerer Bedeutung, weil diese determinieren, wie sie im Alltag gelesen werden“ (S. 89).
  3. Eine für die Strategien und Ressourcen zentrale Dimension ist die des „Umgangs mit dem Außen“. Dazu haben die Teilnehmenden zahlreiche Strategien entwickelt: z.B. Suchen nach sexuellen Partner*innen, die ihre Geschlechtsidentität nicht infrage stellen oder diese weiter bestärken, Nutzung der Ressource Community als Ort, an dem aktiv und kollektiv Geschlechterkonstruktionen dekonstruiert und alternative Deutungssysteme aufgestellt werden, sowie als Ort, an dem die Teilnehmenden praktische Tipps zum Umgang mit dem Außen erhalten. Das Streben nach einem guten Passing ist eine weitere Strategie und auch die Kommunikation über die eigene Transgeschlechtlichkeit, wobei alle Teilnehmenden mit der Zeit damit eine erhebliche Souveränität erreicht haben.
  4. Eine vierte Ebene, die sich zum Teil mit den anderen Dimensionen überschneidet, ist die der „Unabhängigkeit von Normen“. Alle Teilnehmenden haben sich intensiv mit sexuellen Normen auseinandergesetzt und sich auf verschiedene Weise davon unabhängig gemacht, indem sie beispielsweise die normativ zugeschriebene Bedeutung von sexuellen Akten für sich dekonstruiert und den Geschlechtsmerkmalen die Bedeutung entzogen haben sowie sich mehrheitlich außerhalb der gesellschaftlichen Norm von Heterosexualität und Monogamie bewegen. Durch die Dekonstruktion dieser Normen haben sie sich Freiräume für sich als trans* Personen geschaffen.

Die dritte Hauptkategorie „Sexueller (und geschlechtlicher) Lernprozess“ (Unterkapitel 3) beschäftigt sich mit dem Lern- und Entwicklungsprozess der Teilnehmenden. Auch diese Kategorie umfasst vier Dimensionen:

  1. In Bezug auf die „Auslöser für die sexuellen (und geschlechtlichen) Entwicklungs-/​Lernprozesse“ werden verschiedene Zeitpunkte im Leben genannt, bei einigen Teilnehmenden war es die Pubertät, bei anderen eine spätere Zeit in ihrem Leben, zum Teil auch ausgelöst durch erste sexuelle Kontakte. Dabei stand die Frage „Wer bin ich?“ im Zentrum.
  2. Bemerkenswert ist die häufige „Interdependenz von Sex, Geschlecht und BDSM“. Für etliche Teilnehmende haben BDSM und das Spiel mit Geschlechtsidentitäten einen erheblichen Einfluss auf den transgeschlechtlichen Bewusstwerdungsprozess gehabt.
  3. Die dritte Ebene betrifft die „Werkzeuge für den sexuellen (und geschlechtlichen) Lernprozess“. Etliche Teilnehmende haben den bewussten Entscheid getroffen „ausprobieren bzw. suchen und experimentieren“ (S. 96), was bedeutete, nach Menschen zu suchen, mit denen sie Sex haben wollten, als auch mit den Partner*innen vieles auszuprobieren. Dabei habe ihnen die Community-Literatur wie Ratgeber, Trans*-Erotika und autobiografische Romane sowie feministische und körperorientierte Literatur viel geholfen.
  4. Aus den Erfahrungen, die die Teilnehmenden im Laufe der Zeit gemacht haben, resultieren „Erkenntnisse im sexuellen (und geschlechtlichen) Lernprozess“, die eine dritte Ebene darstellen. Es ist vor allem ein neues, besseres Verhältnis zu ihrem Körper, ein individueller Umgang mit den eigenen Genitalien, eine Erweiterung ihrer Geschlechterbilder sowie ein Verlernen der früheren sexuellen und geschlechtlichen Normen und deren bewusste Dekonstruktion. Die Transition hat bei fast allen Teilnehmenden zu Veränderungen der sexuellen Reaktionen ihres Körpers geführt, den sie „neu kennenlernen und mehrfach neu herausfinden (mussten), was sich gut anfühlt“ (S. 100). Das Coming-out wird oft als ein markanter Punkt des Lern- und Entwicklungsprozesses beschrieben, wobei verschiedene Barrieren, wie eigene Ängste und Zweifel, aber auch psychische Belastungen durch Transfeindlichkeit und ein Mangel an Vorbildern zu Trans-Sexualität, zu überwinden waren.

Im Kapitel VI (S. 103 – 121) stelle der Autor „Die Teilnehmer_innen“ vor, wobei sich die Interviewtexte dieser 6 Personen entlang des Systems der drei Hauptkategorien „Sexuelles Profil“, „Strategien und Ressourcen“ und „Sexueller (und geschlechtlicher) Lernprozess“ gliedern. Hier können die Leser*innen die Informationen nachvollziehen, die in den vorangegangenen Kapiteln systematisch dargestellt worden sind.

Das Kapitel VII (S. 123 – 130) ist der „Diskussion“ der Studienresultate gewidmet.

Ein „Abgleich von Ergebnissen und Forschungsstand“ (Unterkapitel 1) weist auf eine große Zahl von Befunden hin, die von anderen Forschenden bisher nicht oder nur am Rande erwähnt worden sind, so die nicht-monogamen Beziehungs- und Lebensformen, die Nutzung von expliziten Sex-Räumen, die Bildung eines individuellen Wertesystems sowie die vollständige Auflösung der Verknüpfung „Penis = männlich“ und „Vagina = weiblich“. Daraus resultiert ein deutlicher Unterschied zum Befinden von Teilnehmenden an anderen Studien: in den Interviews von Jonas A. Hamm „erleben sich die TN mehrheitlich als geschlechtskongruent“ (S. 125), wobei sie ihre Genitalien nicht an die cisgeschlechtliche Norm anpassen, sondern diese Norm dekonstruieren. „Den Genitalien wird die Eigenschaft entzogen, Geschlecht anzuzeigen“ (S. 125). Neue Befunde ergeben sich auch im Hinblick auf die Lernprozesse, indem klar wird, „dass sexuelle Zufriedenheit erlernbar ist“ (S. 127), z.B. im Rahmen von Sexparties, aber auch durch allgemeines Experimentieren und Ausprobieren, durch den Kontakt und Austausch mit Partner*innen und der Community, Literatur und Medien zu Trans*-Sexualität „und in seltenen Fällen Psychotherapie“ (S. 127). Der Autor reflektiert diesen bemerkenswerten Befund und formuliert verschiedene Hypothesen: die Teilnehmenden könnten vergessen haben, eine hilfreiche Psychotherapie zu erwähnen, oder sie hätten einen Großteil ihres Entwicklungsprozesses schon vor Beginn der Psychotherapie durchlaufen. Möglich sei aber auch, „dass gar keine echte Psychotherapie zustande kam; dass die verpflichtenden Stunden nur abgesessen wurden oder dass die eigene Biografie gemäß des Trans*-Narrativs in der Therapie geschönt wurde (…) und damit gar kein Raum war, die eigene sexuelle Entwicklung offen und vertrauensvoll zu thematisieren“ (S. 127).

Die „Limitationen, Generalisierbarkeit und Validierung“ wird im 2. Unterkapitel behandelt. Es liegt auf der Hand, dass die vom Autor vorgelegte Studie nicht repräsentativ, sondern explorativ und qualitativ ist und sich auf lediglich sechs trans* Personen stützt. Außerdem hat der Autor nicht trans* Personen allgemein befragt, sondern eine spezifische Subgruppe, nämlich trans* Personen in Berlin, die mit ihrer Sexualität zufrieden sind und keine Genitalangleichung vorgenommen haben oder anstreben. „Dieser Fokus wurde bewusst gewählt, um den jahrzehntelangen Narrativen des Leids um Trans*-Sexualität etwas entgegenzusetzen – ein Narrativ, das in dieser Form bis heute besteht, auch weil diese spezifische Subgruppe bisher nicht zu Wort gekommen ist. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen also nicht, wie Sexualität für trans* Personen ist, sondern wie sie auch sein kann – und was dabei helfen könnte, an diesen Punkt zu kommen“ (S. 128). Die Validierung hat der Autor durch die partizipative Feedbackschleife und die gesonderte Freigabe wörtlicher Zitate sicherzustellen versucht, damit die Ergebnisse tatsächlich das aussagen, was die Teilnehmenden ausdrücken wollten. Bei der Diskussion in diesem Kapitel ist Jonas A. Hamm wichtig, noch einmal explizit auf die Gefahr eines Missverständnisses hinzuweisen: „Es ist kein Ergebnis dieser Studie, dass es trans* Personen gibt, die keine Genitalangleichung planen und mit ihrer Sexualität zufrieden sind – das war schließlich eine Teilnahmebedingung. Ergebnis dieser Studie ist, wie (einige) Personen dieser spezifischen Subgruppe ihre Sexualität gestalten. Auch für diese Subgruppe kann selbstverständlich keine Repräsentativität angenommen werden“ (S. 129). Sehr wohl ließen sich die Ergebnisse dieser Studie allerdings dahingehend generalisieren, „dass (trans*) Personen, die sich frei machen von unpassenden Normen, sich stattdessen ein für sie passendes Wertesystem geben und durch ihre Community und Partner_innen Unterstützung und Akzeptanz erfahren (und die Zugang zu den für sie notwendigen Transitionsschritten haben), eine individuelle Sexualität entwickeln können, die sie für sich selbst als gut empfinden. Dabei können all die Lernmittel hilfreich sein, die in dieser Studie herausgearbeitet wurden“ (S. 129/130).

Das Kapitel VIII (S. 131 – 139) thematisiert „Resümee und Ausblick“.

Hier werden im Unterkapitel 1 in knapper Form noch einmal die Hauptbefunde der Studie von Jonas A. Hamm referiert, die in dieser Rezension bereits ausführlich dargestellt worden sind.

Ergänzend sei hier noch auf einen Gedanken hingewiesen, den der Autor im Unterkapitel 2 „Reflexion der angewandten Methodik und des Vorgehens“ äußert: Wenn er diese Studie noch einmal von Vorne beginnen würde, würde er weniger Teilnehmende einbeziehen, diese jedoch mehrfach interviewen, um ihre Prozesse besser verstehen und analysieren zu können. Zudem würde er nur eine – statt drei – Forschungsfragen formulieren. Das heißt: er würde seine Interviews noch mehr vertiefen wollen.

„Forschungslücken und weiteren Handlungsbedarf“ diskutiert der Autor im Unterkapitel 3: Lücken bestehen beispielsweise im Fehlen quantitativer Studien zur gelebten Sexualität von trans* Personen in Deutschland und einer kritischen Studie dazu, wie Sexualität in der psychotherapeutischen Arbeit mit trans* Personen besprochen wird. Schließlich besteht für ihn auch ein Manko an sexuellen Bildungsangeboten für trans* Personen, wobei in einer evaluativen Begleitforschung zu prüfen wäre, welche Angebote für trans* Personen hilfreich sind.

Im letzten Unterkapitel 4 geht der Autor noch auf „Impulse für die Beratung“ ein und hebt hervor, dass sich psychosoziale Berater*innen darüber klar sein müssen, dass Sexualität für trans* Personen ein Thema ist und sich die Professionellen für alles offen halten müssen. Sie sollten nicht davon ausgehen, dass alle Klient*innen eine Genitalangleichung anstreben, und Aspekte der sexuellen Gesundheit aus allen Perspektiven betrachten. Beim Sprechen über Sexualität sollten die Berater*innen auf Ressourcen und bisher ungenutzte Potenziale oder ungelebte Bedürfnisse achten. Das Fazit: „Kurz: Berater_innen sollten ihre cis-, hetero-, homo-, trans*- und queer-normativen Vorannahmen hinterfragen und davon ausgehen, dass alles auch ganz anders sein könnte“ (S. 137).

Diskussion

Mit diesem Buch öffnet Jonas A. Hamm den Leser*innen Räume, die andere Forschende bisher gar nicht oder nur rudimentär betreten haben. Dieser innovative Ansatz ist auch der Grund für die recht umfangreiche Rezension, in der ich aber dennoch nur einen Bruchteil der Informationen weitergeben kann, die der Autor uns aufgrund seiner Interviewstudie mit 6 trans* Personen liefert, die mit ihrer Sexualität zufrieden sind und keine genitalangleichenden Maßnahmen haben durchführen lassen oder anstreben. Mit Recht weist Jonas A. Hamm auf die eigentlich erstaunliche Tatsache hin, dass das Thema Sexualität im Allgemeinen in der Trans*-Fachliteratur nicht erscheint, obwohl doch die (glücklicherweise mit der Einführung der ICD-11 im Januar 2022 verschwindende pathologisierende) Diagnose „Transsexualismus“ den Begriff „Sexualität“ enthält.

Es ist ein berührendes, hoch informatives Buch, das die Doppelrolle des Autors, Forschender und zugleich Teil der Community zu sein, spüren lässt und zeigt, dass sich diese Rollen sehr wohl miteinander verbinden lassen, ja, dass diese Situation oft überhaupt erst die Voraussetzung dafür schafft, echten Zugang zu den Teilnehmenden an solchen Studien zu finden. Dies setzt allerdings eine kritische Reflexion von Nähe und Distanz voraus – und auch in dieser Hinsicht ist die von Jonas A. Hamm vorgelegte Studie beispielhaft und stellt eine Pionierarbeit dar, die Maßstäbe setzt, an dem sich zukünftige Forschungsprojekte messen lassen müssen. Besonders hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die sorgfältige, ethisch reflektierte Planung und Durchführung der partizipativen Peer-Research-Forschung mit der vom Autor durchgeführten Feedbackschleife, bei der die interviewten Personen Rückmeldungen zu den Interviews geben und mitteilen konnten, ob der Autor sie in dem verstanden hat, was sie tatsächlich ausdrücken wollten

 In Vielem von dem, was der Autor in diesem Buch beschreibt und für die den Transitionsprozess begleitende Psychotherapie – die für mich ein Coaching des Transitionsprozesses ist – fordert, fühle ich mich in meinen mehr als 50-jährigen beruflichen und privaten Kontakten mit trans* Menschen bestätigt, habe bisher aber in der Fachliteratur praktisch nichts dazu finden können. Diese Lücke wird mit dem vorliegenden Buch geschlossen.

Die breit gefächerten Informationen über Strategien, die der Autor aus den Interviews der an seiner Studie teilnehmenden trans* Personen herausarbeitet, stellen eine große Bereicherung auch für die Beratung und Begleitung anderer trans* Personen dar und können dazu genutzt werden, die Ratsuchenden bei einem Perspektivenwechsel in ihrer Selbstwahrnehmung und in ihrer Kommunikation mit ihren Mitmenschen zu unterstützen.

Es besteht bei der Interpretation der Studienresultate allerdings die Gefahr eines Missverständnisses, dessen sich der Autor aber voll bewusst ist und vor dem er mehrfach in seinem Text warnt, nämlich aus den Ergebnissen den – von ihm keinesfalls intendierten – Schluss zu ziehen, wenn trans* Personen ihre Sexualität ohne genitalangleichende Maßnahmen voller Zufriedenheit leben könnten, seien solche operativen Interventionen offensichtlich gar nicht nötig. Mit Recht distanziert sich Jonas A. Hamm von einer solchen Schlussfolgerung, indem er explizit darauf hinweist: „Die Ergebnisse dieser Studie zeigen also nicht, wie Sexualität für trans* Personen ist, sondern wie sie auch sein kann – und was dabei helfen könnte, an diesen Punkt zu kommen“ (S. 128). Insofern war es sehr berechtigt und es gebührt dem Autor besonderer Dank dafür, dass er den Forschungsfokus auf dieses Thema gerichtet hat, „um den jahrzehntelangen Narrativen des Leids um Trans*-Sexualität etwas entgegenzusetzen – ein Narrativ, das in dieser Form bis heute besteht, auch weil diese spezifische Subgruppe bisher nicht zu Wort gekommen ist“ (S. 128).

Die Bedeutung der Studie von Jonas A. Hamm beschränkt sich indes nicht auf trans* Menschen und die Art, wie sie ihre Sexualität in einer sie befriedigenden, kreativen Weise leben können, sondern öffnet letztlich Räume für alle Menschen. Weisen die Resultate doch darauf hin, wie wichtig und befreiend es für uns alle sein kann, wenn es uns gelingt, unsere cis-, hetero-, homo-, trans*- und queeer-normativen Vorannahmen zu hinterfragen und davon auszugehen, dass alles auch ganz anders sein könnte (S. 137). Wie wichtig es bei einer solchen Befreiung von einengenden normativen Vorstellungen ist Unterstützung bei einer „Community“ Gleichgesinnter zu finden, ist ein weiterer Aspekt, der nicht nur für LGBTIQ*-Personen gilt, sondern für alle Menschen in persönlichen und sozialen Entwicklungsprozessen.

Fazit

Ein fachlich fundiertes, innovatives Buch, das neue Räume bei der fachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema der Sexualität von trans* Personen erschließt, eine Fülle von Anregungen für die Begleitung von trans* Personen liefert und darüber hinaus aufzeigt, wie positive Veränderungsprozesse für Menschen jedweder Geschlechtlichkeit oder sexuellen Orientierung unterstützt werden können.


Rezension von
Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Ehem. Leitender Psychologe Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel. In privater psychotherapeutischer Praxis.
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Zitiervorschlag
Udo Rauchfleisch. Rezension vom 17.08.2021 zu: Jonas Hamm: Trans* und Sex. Gelingende Sexualität zwischen Selbstannahme, Normüberwindung und Kongruenzerleben. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3008-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28549.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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