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Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie

Cover Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie. Konzept · Methode · Bilanz. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-86892-159-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Autorin

Heidi Keller, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie der Universität Osnabrück, leitet das Nevet Institut an der Hebrew Universität in Jerusalem.

Aufbau und Inhalt

Nach den Vorbemerkungen zu Kellers früher Beschäftigung mit der Bindungstheorie gliedert sich der Inhalt in neun Kapitel und einem abschließenden Kommentar.

Die Einführung mit Kapitel 1 beschreibt die Verbreitung der Bindungstheorie und deren universale Gültigkeit, die Keller mit ihrem Buch in Frage stellt. Damit will sie eine engagierte Praxis von den Anforderungen einer „unkritischen Rezeption der Bindungstheorie“ (19) entlasten.

Die Anfänge der Bindungstheorie sind in Kapitel 2 beschrieben. Die Darstellung der von Bowlby entwickelte Theorie, die Fortführung durch Ainsworth, die Forschungsmethodik, Kellers Würdigung und Einwände dagegen sind Inhalte dieses Kapitels. Sie kritisiert unter anderem den hergestellten Zusammenhang von mütterlicher Sensivität und den in der ‚Fremden Situation‘ vorkommenden Bindungsmustern und beklagt das dahinter stehende ideologische Interesse, das ein traditionelles Rollenbild der Mutter festigt.

Infolgedessen weist Keller in Kapitel 3 darauf hin, dass eine Bindungstheorie jenseits der Grundannahmen von Bowlby fehlt und die Bindungsforschung in eine Phase der Orthodoxie mit Kritikverweigerung eingetreten ist.

Mit Kapitel 4 präzisiert sie ihre Kritik an den zentralen Annahmen der Bindungstheorie und reklamiert eine kulturspezifische Sicht, die unabhängig von der in der westlichen Mittelschicht auf Autonomie ausgerichtete Beziehungsgestaltung einer an der Sozialgruppe orientierten Beziehungform den Vorzug gibt.

Das wird beispielhaft in Kapitel 5 gezeigt. Kulturelle Realitäten in Zentralafrika, in denen Kinder in dörflichen Gemeinschaften über die ersten zwei Jahre engen Körperkontakt zur Mutter haben und dann die zwei bis fünfjährigen Kinder wichtige soziale Partner werden (72), dienen als Vorbild. Sie argumentiert aus evolutionärer Sicht, denn Kinder hätten mit nur einer Bezugsperson nicht überlebt, sondern wurden schon immer in einem multiplen Betreuungsnetzwerk (75) aufgefangen.

Daraus zieht Keller in Kapitel 6 den Schluss, dass die Bindungstheorie aus wissenschaftstheoretischer und kulturvergleichender Perpektive diffus und unklar, falsch und ideologische einseitig ist (89).

Kapitel 7 zeigt die praktische Auswirkung der Bindungstheorie in der Kita mit der Erzieherin als Bindungsperson und folglich wird das Berliner Eingewöhnungsmodell kritisch beschrieben. Dies sei unethisch, weil Kinder und Mütter leiden.

Impulse für eine kultursensitive Eingewöhnung gibt Keller mit Kapitel 8, die sie mit einer Reihe interessanter Praxisbeispiele aus nichtwestlichen Ländern illustriert.

Daraus folgend geht es in Kapitel 9 um die problematische Anwendung der Bindungstheorie und deren Forschungsmethoden – insbesondere der Fremden Situation – in anderen Kulturen, die ungeachtet anderer Familienkonstellationen durch Programme der WHO, der Weltbank oder von UNICEF gestützt würden. Weitere kritische Situationen durch die Berücksichtigung der Bindungstheorie sieht Keller bei Sorgerechtsentscheidungen, die in der westlichen Welt im Zusammenhang mit nichteuropäischen Familien getroffen werden.

Mit dem abschließenden Kommentar fasst Keller ihre Kritik an der Bindungstheorie noch einmal zusammen und bezeichnet sie ebenso wie die genetische Erkenntnistheorie von Piaget und die sozial-kognitiven Entwicklungsthoerien als unzeitgemäß.

Diskussion

Die Kritik von Keller an der Bindungstheorie ist kaum einzuordnen, denn in der westlichen Welt gilt als unstrittig: Eine sichere Bindung an die leibliche Mutter ist die wesentliche Grundlage für eine psychisch gesunde Entwicklung. Intensive Forschungen über mehrere Jahrzehnte bestätigen dies immer wieder, gerade auch aus neurobiologischer Sicht.

Übergreifende Anhaltspunkt für die umfassende Kritik der Autorin an der Bindungstheorie, die sie in erster Linie als kultursensible Wissenschaftlerin äußert, fehlen. Der daraus resultierenden Kernaussage, die Bindungstheorie sei nicht allgemein gültig, muss in Anbetracht des Erfolgs der bindungsorientierten Erziehungsphilosophie in den westlichen Ländern widersprochen werden. Es ist zu berücksichtigen, dass sich die ‚Erziehungstechniken‘ in der ganzen Welt unterschiedlich in ihren Differenzierungen ausgebildet haben, je nach erreichtem Zivilisationsgrad. Dabei ist es egal, welche Form der Erziehung angewendet wird, die Qualität der Eltern-Kind-Bindung lässt sich anhand der Bindungstheorie und deren Bindungsmuster bestimmen. Auch die von Keller beschriebenen Erziehungsmethoden in zentralafrikanischen Ländern lassen sich damit erklären, unabhängig von dem zu recht kritisierten Vorgehen von früheren Bindungsforschern in diesen Ländern. Es gibt keine klaren Hinweise darauf, dass die Bindungstheorie diffus, unklar oder falsch ist.

Eine ideologische Einseitigkeit ist auch nicht feststellbar, denn das Bindungsverhalten geht vom Kind aus und ist auf die Mutter bezogen, denn mit ihr empfindet sich das Baby als eine Einheit. Mit der Ablösung aus dieser Einheit verstärkt sich das Bindungsverhalten gegenüber der Mutter: das Kind sucht sie, wenn es sich unsicher fühlt, klammert sich an, wenn es ihm schlecht geht. Das bedeutet keineswegs, dass andere Familienmitglieder keine Rolle spielen; im Gegenteil, diese fördern das Sicherheitsempfinden des Kindes. Das gilt insbesondere für die Bindung zum Vater. Die Bindungshierarchie ergibt sich daraus. Es geht hier also nicht um die Festigung eines traditionellen Rollenbilds, sondern um die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes, und zwar jenseits von ideologischen Denkmustern.

Die Argumente von Keller für eine sehr frühe Gruppensozialisation, wie in den zentralafrikanischen Ländern, sind nicht überzeugend. Abgesehen von entwicklungspsychologischen Schräglagen dabei, lässt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in diesen Ländern nicht auf ein erfolgreiches Aufwachsen der Kinder schließen. Das Auswärtige Amt warnt immer wieder vor Reisen, weil es dort Terrorismus, kriminelle Übergriffe mit Waffengewalt und Todesfällen, vielfältige Betrugsdelikte und politisch instabile Verhältnisse gibt. Zudem vergleicht Keller ursprüngliche kleine afrikanische Dorfgemeinschaften mit den Bedingungen in unserer hoch zivilisierten westlichen Welt. Beide Welten klaffen weit auseinander, sodass auch der beliebte Spruch für den Sinn der Krippen in den westlichen Ländern, dass jedes Kind ein afrikanisches Dorf zum Aufwachsen brauche, nicht zutreffen kann.

Aus diesem Grund ist auch Kellers Kritik am Berliner Eingewöhungsmodell, das sie für unethisch hält, widersprüchlich. Denn die kleinen Kinder sind von ihren Entwicklungsbedürfnissen her nicht für die außerhäusliche Betreuung geeignet; denn diese entspricht der ‚Fremden Situation‘ und belastet Kinder mehr als Eltern. Die vermeintliche Bindung an eine Erzieherin bei der Eingewöhnung ist nur eine Notlösung für das einjährige Kind. Erst später wird die Beziehung der Erzieherin zum Kind wirksam und die Gleichaltrigen werden zu Entwicklungshelfern. Bindung ist auf die Familie bezogen oder alternativ auf langfristig zur Verfügung stehende verlässliche Bezugspersonen.

In Konsequenz aus diesen Widersprüchen muss auch Kellers Einwand, dass alle großen Entwicklungstheorien nicht mehr zeitgemäß seien, zurückgewiesen werden. Die Bindungstheorie, die genetische Erkenntnistheorie von Piaget, die sozialkognitiven Entwicklungstheorien sowie die grundsätzlichen psychoanalytischen Annahmen werden inzwischen eindrucksvoll von der neurobiologischen Forschung bestätigt. Denn die Gehirne der Menschen entwickeln sich seit tausenden von Jahren nach dem gleichen Reifeprozess, sodass sich die Bedürfnisse der Menschen kaum verändert haben. Die Bindung an die leibliche Mutter ist ein Grundbedürfnis seit dieser Zeit, wurde jedoch über kulturelle Einflüsse bis in die Neuzeit missachtet. Die Bindungstheorie trägt dazu bei, dass dieses Grundbedürfnis auch in Zukunft anerkannt wird.

Fazit

Das gut gestaltete und interessant geschriebene Buch täuscht über seine falsche Grundannahme hinweg: Die Bindungstheorie ist kein Mythos, sondern die erste dem menschlichen Grundbedürfnis nach Bindung an die leibliche Mutter gerecht werdende Theorie. Diese wendet sich ab von historischen Erziehungseinstellungen, die stark von Gewalt geprägt waren und die Menschheitsgeschichte mit Kriegen, Gewalt und Terror belastet haben. Kellers Ziel, den Kita-Fachkräften Entlastung zu verschaffen, lässt sich nicht durch die Negation der Bindungstheorie erreichen, sondern durch Hilfen beim dezidierten Umgang mit den unterschiedlichen Situationen.


Rezension von
Dr. Erika Butzmann
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Zitiervorschlag
Erika Butzmann. Rezension vom 16.06.2021 zu: Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie. Konzept · Methode · Bilanz. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2019. ISBN 978-3-86892-159-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28550.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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