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Klaus Boers, Jost Reinecke (Hrsg.): Delinquenz im Altersverlauf

Cover Klaus Boers, Jost Reinecke (Hrsg.): Delinquenz im Altersverlauf. Erkenntnisse der Langzeitstudie Kriminalität in der modernen Stadt. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2019. 480 Seiten. ISBN 978-3-8309-4017-3. 46,90 EUR.

Reihe: Kriminologie und Kriminalsoziologie - Band 20.
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Thema

Langzeit-Untersuchungen gelten als Königsdisziplin der Kriminologie, und zwar als ‚Panel-Analyse‘ insbesondere dann, wenn in ihnen dieselben Schüler und Schülerinnen über mehrere Jahre hinweg immer wieder mit der gleichen Fragestellung zu ihren Einstellungen, sozialen Beziehungen und zu ihrem delinquenten Verhalten gefragt werden, um auf diese Weise delinquenten Entwicklungen, deren Ursachen sowie eventuellen kriminalpolitischen Folgewirkungen auf die Spur zu kommen.

Das Team um den Juristen und Kriminologen Klaus Boers, Universität Münster, und den Soziologen Jost Reinecke, Universität Bielefeld, realisierte seit 2000 eine der relativ seltenen, da aufwändigen Langzeituntersuchungen, deren komplexes Design unter dem Titel ‚Kriminalität in der modernen Stadt‘ von der DFG finanziert wurde. Erste Befunde vor allem aus der Münsteraner Teilstudie aus den Jahren 2000 – 2003 wurden bereits 2007 unter dem Titel ‚Münsteraner Längsschnittstudie‘ publiziert (besprochen von H.M. Weber https://www.socialnet.de/rezensionen/5407.php und von G. Bertels https://www.socialnet.de/rezensionen/​5257php).

Inhalt

Die ersten fünf der insgesamt fünfzehn Beiträge umreißen zunächst den allgemeinen Rahmen der Untersuchung, während die folgenden Beiträge über die jeweils untersuchten Variablen berichten und die Ergebnisse in einem kurzen Schluss-Kapitel zusammenfassen. Angesichts der Fülle der Informationen verweise ich auf die Pressemitteilung der Universität Münster (https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=10749), sowie auf die ausführliche Rezension von Helmut Kury (In: Monatsschrift f. Kriminologie 2020; 103(2): 171–174)

  • In seiner einführenden Übersicht, die vorab in der Monatsschrift (2019; (102(1): 3–42) publiziert wurde, gibt Boers unter der Überschrift ‚Die Trias: Ubiquität, Spontanbewährung und Intensivtäterschaft‘ einen Überblick über die in den 30ger Jahren einsetzende Verlaufsforschung, die unterschiedliche Entwicklungspfade (Trajektorien) herausarbeiten konnte. Zunächst (Ehepaar Glueck) multifaktoriell prognostisch-präventiv ausgerichtet, demonstrierte diese Forschung in ihrer Kombination von Hell- und Dunkelfeld-Daten die Ubiquität dieser jugendlichen Delinquenz als ‚regulären Teil der Normsozialisation‘, die schon früh ‚spontan‘, also ohne äußere Eingriffe, abbricht. Neben einer Anzahl von ‚Spätstartern‘ fällt weiterhin auf, dass selbst der geringe Anteil – unterschiedlich definierter – ‚Intensivtäter‘ weder stets als ‚life-course-persistent‘-Täter endet (so noch Moffitt in der neuseeländischen Dunedin-Studie), noch eine frühe Aggressivität sich stets als dauerhaft erweist (S. 31 f.), ohne dass diese unterschiedlichen Trajektorien prognostisch trennscharf vorauszusagen waren.
  • Auf der schon in der Übersicht entwickelten theoretischen Basis: kombinierte Drei-Ebenen-Analyse (Makro-Meso-Mikro), Unterscheidung in distale und proximale Faktoren und – soziologisch-konstruktivistisch – Einbeziehung der Einflüsse der Sanktions-Instanz (labeling), entwerfen Boers und Reinecke im 2. Kapitel ihr integriert theoretisches ‚Strukturdynamisches Analysemodell‘. Ausgehend von den ‚distalen‘ Hintergrund-Makrofaktoren Schicht und Milieu ergeben sich zunächst Einflüsse auf die Meso-Ebene – Schule, Arbeit, Medien, Familie und Peers – die, zunehmend ‚proximal‘, die ‚Normorientierung‘ und damit die ‚Delinquenz‘ bedingen, unter stetem Einfluss der formellen Kontrolle durch Polizei und Justiz. (Modell auf S. 81).
  • In den folgenden drei Kapiteln beschreibt zunächst Christina Bentrup das Untersuchungs-Design, in dem zwischen 2002 und 2015 in 11 Wellen insgesamt 4076 Schülerinnen und Schüler aus Duisburg (und zum Vergleich aus Bockholt und Münster) im Alter von 13 bis 26 Jahren ‚teilanonymisiert‘ so befragt wurden, dass 832 Fälle durchgehend ohne fehlende Teilnahme erfasst werden konnten (110). Während die Befunde der letzten Wellen noch der Auswertung harren, werden auch in den Folgekapiteln keineswegs alle Wellen eingesetzt und teilweise nur Querschnitt-Analysen angeboten.
  • Vor dem Hintergrund der bisher bekannten Hellfeld- und der Dunkelfeld-Ergebnisse belegen Christian Walburg und Lena Verneuer mit der Duisburger ‚Verbreitung von Delinquenz im Altersverlauf‘ die von Boers im 1. Kapitel angesprochene Ubiquität: „Die Täteranteile gehen bei vielen Delikten schon ab dem frühen Jugendalter, spätestens jedoch ab dem 16./17. Lebensjahr deutlich zurück […] bei Mädchen früher und schneller als bei Jungen.“; „Im Erwachsenenalter gewinnen neue Delikte (im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr oder dem Arbeitsleben) an Bedeutung“ (141).
  • Jost Reinicke ergänzt diese Befunde – auf der Basis komplex statistischer Überlegungen, die den Horizont nicht nur des Rezensenten übersteigen – mit ‚vier substantiell interpretierbaren Trajektions-Klassen auf der Basis von zehn Panelwellen‘: Mit 59 % ‚non-offenders‘, 19 % ‚low stables mit niedrigem und stabilen Delinquenzniveau‘, 14 % ‚desisters mit zunächst steigenden, dann aber sinkenden Delinquenzraten‘ und 8 %, ‚die über den gesamten Zeitraum die höchsten Raten aufweisen (high raters)‘, bei denen jedoch – entgegen den oben erwähnten Moffitt-Dunedin-Befunden – ebenfalls ‚das Ausmaß der Delinquenz mit zunehmenden Alter abnimmt.‘ (176).
  • Mit Daniel Seddig‘s Beitrag (Werte, Sozialisationsinstanzen und Normen – Die Differenzierung distaler und proximaler Prädiktoren) beginnt die Variablen-Analyse. Ein Vergleich der Zusammenhänge (der skalar sehr einfach gemessenen Faktoren) zwischen ‚hedonistisch-stimulierenden‘ und ‚traditionell-konformen‘ Normen, der Einstellung zur Schule, der Zugehörigkeit zu delinquenten und nicht-delinquenten Peers mitsamt ihrer Bewertung von Körperverletzung und Diebstahl in ihrem Verhältnis zu den beiden getrennt untersuchten abhängigen Variablen ‚Körperverletzung‘ und ‚Diebstahl‘ – bei in zwei Wellen befragten 14/15-Jährigen – ergeben zwar die erwarteten einfachen Korrelationen (195 f.), doch zeigten sich zum Teil unerwartete, deliktsspezifisch unterschiedliche Effekte der Bedeutung der Peergruppe (hoch bei Diebstahl) und dem Effekt der Wertedimension ‚Tradition/​Konformität‘ (hoch bei Körperverletzung) (199).

Die folgenden vier Kapitel analysieren – unter erheblichem statistischen Aufwand – die Bedeutung von fünf ‚typischen‘ Einflussvariablen aus der Makro- und Mesoebene. Und zwar ‚Die soziale Lage und das Freizeitleben‘, ‚Die Bedeutung delinquenter Freunde‘, ‚Schule und Prävention‘ sowie den Einfluss des Gewaltmediumkonsums; wobei nur die beiden letzten Beiträge einen Bezug zu einer Delinquenz-Skala aufweisen.

  • Andreas Plöge beschreibt an Hand der ersten 7 Kohorten die Verteilung von ‚kulturellem Kapital‘ (Anzahl der zuhause vorhandenen Bücher) und der von den Befragten – zumeist überhöht – eingeschätzten häuslichen finanziellen Situation. Als Freizeitaktivitäten (gemessen am Zeitaufwand) standen Fernsehen und Online-Aktivitäten sowie Musik-Hören und Freunde-Treffen im Vordergrund.
  • Hinsichtlich der ‚Bedeutung delinquenter Freunde‘ untersucht Christina Bentrup die heftig diskutierte Frage, ob die Delinquenz erst in der (als gewaltförmig gemessenen Clique) Gruppe erlernt oder ob ein ‚birds of a feather flock together‘ (Glueck & Glueck) die entsprechend Interessierten zusammenführt: Sozialisations- versus Selektions-Hypothese. Die Panel-Daten vom 14. bis zum 19. Lebensjahr (2. bis 9. Welle) ergeben mit Hilfe einfacher Skalen, 2x2 Hypothesen und komplexer Statistik, wie zu erwarten: “Anstelle eines ‚Entweder-Oders‘ erscheint es insgesamt betrachtet sinnvoll, beide Ansätze als sich ergänzende Prozesse im Lebensverlauf anzusehen.“ (267).
  • Als Basis der für eine Prävention so gewichtigen zweiten Meso-Variable – Schule und Lehrer-Beziehung – beruft sich Maike Theimann auf Sutherlands und Akers lerntheoretische Theorie der ‚differential association‘. Um – im vier-Wellen-Panel der Klassen 7 bis 10 mit zwei überzeugenden Modell-Darstellungen (292, 296) – die entscheidende Rolle einer guten Schüler-Lehrer-Beziehung indirekt für die Einstellung der Schüler, weniger direkt jedoch auf deren delinquentes Verhalten aufzuzeigen: „Gute Beziehungen zu den Lehrern wirken sich demnach über die Zeit förderlich auf die konformen Normorientierungen der Schüler aus, welche delinquentes Verhalten letztlich vermeiden. Schlechte Schüler-Lehrer-Beziehungen hingegen scheinen die Internalisierung konformer Normorientierungen zu erschweren und dadurch delinquentes Verhalten indirekt zu fördern. Klarer als der nach den Lerntheorien ebenfalls zu vermutende direkte Effekt der Schüler-Lehrer-Beziehungsqualität auf delinquentes Verhalten tritt damit der über die Einstellungen vermittelte indirekte Effekt hervor.“ (297).
  • Das beliebte Boulevard-Thema des Gewalt-Medien-Konsums (damals noch: eher Gewaltfilme als Gewaltspiele) verfolgt Kristina-Maria Kanz im Vier-Wellen-Panel für 13-16-Jährige im Quer- wie Längsschnitt, um die Beziehungen zwischen diesem Konsum sowie einer nicht-empathischen familiären Erziehung (widersprüchlich, gleichgültig, Mißhandlungen) auf gewaltbefürwortende Einstellungen als Mediator-Variable und über diese auf eine Gewaltdelinquenz (Körperverletzung mit und ohne Waffen) zu untersuchen (Modell S. 310). Die gender-spezifisch ausfallenden Ergebnisse (Mädchen: weniger Gewalt-Konsum und -Delikte) bestätigen die Delinquenz-fördernde Rolle der indirekten Mediator-Variable der Einstellungen gegenüber dem geringeren direkten Einfluss der (Meso-)Variablen ‚Medien und nicht-empathische Beziehung‘: „Die Analysen zeigen, dass der Gewaltmedienkonsum und eine nicht-empathische Erziehung beide zu etwas mehr Gewaltdelinquenz und zu einer deutlich höheren Gewaltbefürwortung führen. Zumindest bei männlichen Jugendlichen ergab sich ein deutlichere Mediatoreffekt der gewaltbefürwortenden Einstellungen“ (327).
  • Die (partei-) politisch brisante Frage nach dem Einfluss der Makro-Variable ‚Migration‘ untersucht Christian Walburg in einer Querschnitt-Analyse der 15-Jährigen für die Situation um 2004 (40 % mit Migrationshintergrund, zur Hälfte türkisch). ‚Überraschenderweise‘ zeigt der Vergleich zwischen den deutschen und den – auch schulisch – gut integrierten türkischen Jugendlichen keine wesentlichen Unterschiede bei der Gewalt-Delinquenz, während die türkischen Mädchen sogar weniger delinquent waren als ihre deutschen Mitschülerinnen. Während die – an sich unterschiedlichen – religiösen und traditionellen Einstellungen keine Wirkung zeigten, wirkte vor allem der gemeinsame ‚Hedonismus‘ über die proximalen Faktoren der Gewaltbefürwortung und das ‚alkoholisierte‘ Freizeitverhalten (Pfadmodelle S. 375f).

Die beiden folgenden Beiträge zur theoretischen Erklärung der Diebstahls-Delikte und zum Einsatz eines Vignetten-Designs belegen selbstkritisch die beschränkten Möglichkeiten dieser Panel-Anlage für Detail-Analysen auf der Mikro-Ebene.

  • Jochen Wittenberg versucht in mehrfachen Anläufen (verschiedene Panel-Gruppen) am Beispiel der Diebstahls-Kriminalität – insbesondere des führenden, doch über die Jahre ebenfalls abflauenden Laden-Diebstahls – Variationen der dreigliedrigen ‚Theorie des geplanten Verhaltens‘ (TPB) von Ajzen (1991) – mit den Variablen: (1) Einstellungen, subjektive Normen und wahrgenommene Verhaltenskontrolle in (2) ihrem Einfluss auf die zwischengeschaltete Absicht (intention, Handlungs-Ziele) und (3) das dazu korrespondierende Verhalten (Modelle s. 394, 401) – zu überprüfen: „Der dominierende und letztlich einzig bemerkenswerte Erklärungsfaktor für die Intentionen ist die – neu in das Modell eingefügte – Beobachtung delinquenten Verhaltens im Freundeskreis“ (401). Sei es, weil dieses Modell „biographisch ‚zu spät‘ kommt […] da die abhängige Variable Eigentumskriminalität in der Zwischenzeit mehr und mehr abhandenkommt“, sei es wegen des ‚(zu) großen Zeitintervalls von ca. einem Jahr zwischen der Erhebung der unabhängigen Konzepte und der Verhaltensmessung“ (402 f.); womit dann allerdings der Panel-Vorteil verloren gehen würde.
  • Bei ihrer Darstellung der Vorteile einer Vignetten-Vorgabe, in der eine aggressiv geladene Situationsbeschreibung mehrere Reaktions-Alternativen vorgibt, beschränkt sich Lena Verneuer bei den Vignetten der Jahrgänge 2003/2005 auf die genderspezifischen Ergebnisse, um für den Jahrgang 2013 bei den 24-Jährigen in einer Querschnitt-Analyse die nicht ganz geringen Korrelationen zwischen den diversen Vignetten-Antworten und der zugegebenen ‚Gewalttätigkeit‘ (insbes. Körperverletzung ohne Waffe) als mögliche Bestätigung der Rolle einer Delinquenz-fördernden Absicht herauszufinden. Jedoch: „Da mit den berichteten Korrelationen zunächst keine stichhaltigen Aussagen bezüglich der Kausalität zwischen Absicht (Vignette) und Handlung (Gewalttätigkeit) gemacht werden können, erscheinen gerichtete Analysen als nächster logischer Schritt.“ (426).
  • Den großen Vorteil solcher Panel-Studien – im zeitlichen Nacheinander Kausal-Bezüge aufzuweisen – verwendet schließlich Friedrich Schulte, um den kriminalpolitisch so bedeutsamen Einfluss formaler Kontrollen auf eine künftige Delinquenz zu untersuchen. Hier streiten der ‚labeling approach‘ und der ‚rational choice-Ansatz‘. Während der eine strukturell und kognitiv (objektive Stigmatisierung und Übernahme ins Selbstbild) – insbesondere durch eine engere Bindung an den delinquenten Freundeskreis – eine kontraproduktive Delinquenz-Steigerung annimmt (433), nimmt der andere an, dass der rational kalkulierende Täter durch sein subjektiv ‚eingeschätztes Entdeckungsrisiko‘ – wegen vermuteter Strafen – abgeschreckt würde (general- wie spezial-präventive Wirkung). Ein Vier-Wellen-Panel (16-19 Jahre), das sowohl Dunkel- wie Hell-Feld-Ergebnisse enthielt, zeigt in zwei getrennten Analysen, „dass formelle Kontrolle, unabhängig von der delinquenten Vorbelastung im Dunkelfeld im Folgejahr den Kontakt in einem delinquenten Freundeskreis [und damit die zugegebene Gewalt-Delinquenz] steigert“ (454 mit Pfad-analytischem ‚Deprivationsmodell‘), wodurch dort zugleich das subjektive Entdeckungs-Risiko gemindert wird, während dieses Risiko im ‚Abschreckungs-Modell‘ keine Rolle spielt (456 mit ‚Abschreckungsmodell‘): „Selbst eher zurückhaltende polizeiliche oder justitielle Reaktionen lösten, trotz des hohen Anteils staatsanwaltschaftlicher Diversionsentscheidungen jene [‚Exklusionsfolgen‘] aus“ (457), während „eine rationale Risikobewertung zumindest im Vorfeld von Gewaltdelinquenz bei Jugendlichen und Heranwachsenden kaum stattfindet oder zumindest nicht handlungsleitend wirkt.“ (458).
  • Weshalb die Herausgeber ihr gut zusammenfassendes Fazit mit der Empfehlung abschließen: „Für die Strafverfolgung von Jugendlichen empfiehlt sich deshalb, strafrechtliche Maßnahmen auf das Notwendigste zur Gewährleistung der pädagogischen Erreichbarkeit jugendlicher Täter oder zum Schutz potentieller Opfer zu beschränken“ (475).

Diskussion

Ist also die Panel-Langzeit-Analyse ein Königsweg für die Kriminologie? Mit Sicherheit sät sie mit ihren Trajektions-Befunden Zweifel an der psychiatrisch vorbelasteten These, dass eine frühe Delinquenz den späteren intensiveren Kriminalitätsverlauf garantiere, und dass diese Delinquenz sich, da individuell verursacht und verankert, auch dauerhaft in einer ‚persistent criminality‘ niederschlagen werde. Demgegenüber bestätigen diese Analysen, dass diese Delinquenz ‚ubiquitär‘ normal ist, und selbst bei ‚Intensivtätern‘ unerwartet früh abbrechen kann. In ihrer ‚konstruktivistischen‘ Variante belegt sie – entgegen dem überkommenen ‚Abschreckungs‘-Theorem – die alte Labeling-Vermutung negativer Folgen selbst milder Sanktions-Eingriffe. Zwei wichtige Grundlagen einer ‚alternativen‘ Kriminalpolitik, die, weniger punitiv, auf Prävention und Aufklärung setzt. Zumal diese Forschungsrichtung zeigt, dass die traditionellen Makro-Ursachen – soziale Schicht, Milieu, Gender- und Migranten-Status – zwar nicht direkt (wie denn auch?), sondern, ökonomisch und kulturell vermittelt, über die Familie, Schule und Peergruppen wirken, wobei eben diese klassische Variable der Peergruppe die Hauptlast dieser Vermittlung trägt. Was ja an sich gar nicht so umwerfend neu ist, doch jetzt ‚wissenschaftlich‘ – also theoretisch abgeleitet und statistisch signifikant – in ihren kausalen Bezügen nachgewiesen werden kann.

Doch geraten wir damit an ein erstes, methodisch-theoretisches Doppel-Bündel an Fragezeichen zur Art dieser ‚Theorien‘ wie zum Gewicht dieser ‚Kausalität‘ mit der Frage:

Wie weit trägt der für solche Panel-Analysen so plausibel angesetzte Anspruch, hierbei die Variablen-Folge theoretisch-deduktiv zu begründen und deren Kausalität aus der Abfolge der nacheinander folgenden Jahre abzuleiten?

  • Sehen wir, zunächst auf der Theorie-Ebene, ab von dem zumeist dünnen Gehalt dieser – häufig dem Alltagsverständnis entnommenen – ‚Theorien‘, dann dominieren doch auch hier, wie bei all den anderen Forschungsmodellen (multiple Langzeit, Feldbeobachtungen, Fall-Analysen), die impliziten, d.h. keineswegs immer voll ausbuchstabierten, ‚theoretischen‘ Annahmen professioneller, ideologischer, und emotionaler Art. Sie bestimmen zunächst die Konstruktion dieser Modelle und deren Perspektive (‚Klasse‘ oder Familie, Gruppen-Dynamik oder individuelle Einstellung, Interaktion oder Sanktionierung etc.) ebenso, wie die Art der jeweils gewählten ‚Theorien‘ (psycho, öko, sozio). Implizite Annahmen, die vor allem aber auch die Auswahl und Definition der (etwa in die Faktoren-Analyse) eingesetzten ‚Items‘ zuvor festlegen; bei denen dann, bei größeren Probanden-Zahlen, der Ausfall eines der wenigen Skalen-Items (zumeist 2 bis 4 Items) rasch signifikant das gesamte Theorien-Gebäude bestätigen oder widerlegen kann.
  • Vor allem aber zeigt sich auf der so gewichtigen ‚Kausalitäts‘-Ebene, wie auch die Autoren selber immer wieder betonen, dass solche eindeutigen ‚Kausalbeziehungen‘ eher die Ausnahme bilden. Sei es, weil sich solche Kausalitäts-Beziehungen – im Querschnitt – korrelativ-interaktiv wechselseitig bedingen (Einstellung, Werte und Verhalten), und sich im Längsschnitt als ‚dauerhafte Kausalität‘ autokorrelativ über die Jahre hinweg aufrechterhalten (‚delinquente Freunde‘, delinquente Einstellungen) oder sich ‚selbstreferentiell‘ verstärken (wie etwa in der Sanktionseskalation der Kontrollinstitutionen). Oder sei es, weil sie im ständigen negativen oder positiven Feedback ‚kreisförmig‘ dieses Kausalverhältnis aufrechterhalten oder vorantreiben: Als „wechselseitige Verstärkung zwischen delinquenten Freunden, Normorientierungen und Delinquenz“ (S. 85 mit Abbildung). Weshalb dann die ‚theoretisch‘ gesuchten Kausal-Beziehungen um so mehr untergehen, je komplexer dieses Kausal-Geflecht und die dieses aufsuchende statistische Modell ausfällt; weswegen gelegentlich simple additive Skalen die eindeutigeren Ergebnisse bringen.

Man mag das hinnehmen, weil ‚Wissenschaft‘ eben so arbeite, und letztlich – als ‚Grundlagen-Forschung‘ ohnehin nur wahrscheinliche Ergebnisse liefern könne. Um so mehr beunruhigt mich ein eher grundsätzlicher zweiter ‚perspektivischer‘ Zweifel am Anspruch, auf diese Weise die ‚Kriminalität in der modernen Stadt‘ zu erklären, und zwar wiederum in zweifacher Weise: Im Blick auf die Jugend-‚Kriminalität‘, wie in ihrem Verhältnis zur ‚eigentlichen‘ Kriminalität.

  • Fragt man nämlich, wie üblicher Weise, nach den Ursachen der Jugend-‚Kriminalität‘, geht man implizit von zwei ‚plausiblen‘ Prämissen aus: Dass das damit gemeinte jugendliche Verhalten ein Verstoß gegen (allgemeingültige) Normen ‚ist‘, der jedoch realiter von den Erwachsenen bzw. durch das Strafgesetz vorgegeben wird, während die Jugendlichen selber dieses Verhalten aus ihrem Kontext heraus (ggf. in Auseinandersetzung mit diesen Setzungen) in anderer, ‚jugendtümlicher Weise‘ interpretieren, was nicht nur für die übliche Jugend-Delinquenz, wie Fahren-ohne-Führerschein, Schwarzfahren, Sachbeschädigungen, Ladendiebstahl, Cannabis-Konsum oder viele Formen ‚jugendlicher Gewalt‘ zutrifft. Vor allem aber tendiert diese Sicht dazu, die Ursachen für dieses ‚schlechte‘ Verhalten in ebenso ‚schlechten‘ Bedingungen zu suchen: in der Unterschicht, gestörten Familien-Verhältnissen, Schulfrust, delinquenten Freunden, Drogenkonsum oder unreifer Moral. Während in unserer Europa-weiten Studie (Quensel: „Wer raucht, der stiehlt‘ 2017) diese Jugendlichen ihre ‚Delinquenz‘ als ‚Spaß‘ in ihr Freizeit-Verhalten einbauten (also nicht als deren ‚Folge‘, sondern als deren ‚Teil‘)‚das weniger den gerne untersuchten ‚Gewalt‘-Spielen, sondern eher der ‚ersten Liebe‘ galt, was man dann gerne als ‚hedonistisch‘ interpretiert (185). Wohingegen jedoch die ‚Braven‘, eher ‚ohne Freunde‘ sozial isoliert, deutlicher depressive Züge aufwiesen. Ein Befund, den man von vorneherein verfehlen muss, wenn man die 'delinquenten Peers‘ als gewaltorientierte Cliquen definiert (250), oder wenn man 1/5 der Jugendlichen ausschließt, „die angaben, dass sie nicht in einer festen Gruppe von etwa Gleichaltrigen sind“ (187). Ein für die Art unserer Prävention entscheidender Perspektiven-Wechsel.
  • Und auf der anderen Seite übersieht diese auf die Jugend-‚Delinquenz‘ gerichtete Perspektive – die ja neben der psychiatrisch auf den Einzelfall ausgerichteten Drogen, Sexual- und Tötungs-Kriminalität – noch immer einen wesentlichen Teil kriminologischer Forschung ausmacht, das weite Feld der schwerer wiegenden Erwachsenen-Kriminalität, die keineswegs diesen ‚getesteten‘ Kriminalitäts-Theorien folgt: vom professionellen Einbruch über die Wirtschafts- und Cyber-Kriminalität bis zur alltäglichen Korruption und den weniger alltägliche Staats- und Menschheits-Verbrechen bis hin zum jüngst vom Internationalen Strafgerichtshof diskutierten Ökozid. In einem theoretischen wie Forschungs-mäßigem Ungleichgewicht, das unter derselben konzeptionellen ‚Überschrift‘ die eine ‚delinquente‘ Seite derart als ‚kriminell‘ einfärbt und belastet, während die andere ‚kriminelle‘ Seite aus dem Blickfeld gerät.

Fazit

Dieser 20. Band der Reihe ‚Kriminologie und Kriminalsoziologie‘ diskutiert Teilergebnisse einer Langzeit-Panel-Studie, die in Duisburg von 2002 bis 2016/19 in bisher 11 Panel-Wellen dieselben Jugendlichen bis hin in das Erwachsenen-Alter mit weithin gleichlautenden Fragen zu ihren Einstellungen, Werten, sozialen Beziehungen und selbst angegebenen Delikten befragte. Im Rahmen eines soziologisch orientierten, ausgefeilten theoretischen Modells sowie der jeweils gut dargestellten einschlägigen, internationalen (theoretischen und empirischen) Befunde wird mit Hilfe komplex statistischer Methodik die Bedeutung von Wertorientierungen, Einstellungen und delinquenter Absicht, von familiären Erziehungsstil, schulischer Lehrer-Bindung und Gewaltmedien-Konsum, von Migration, ‚sozialem Kapital‘ und dem überwältigend großen Einfluss delinquenter Freunde ebenso untersucht, wie der Einfluss polizeilicher und justitieller Kontroll-Maßnahmen. Mit zwei kriminalpolitisch besonders gewichtigen Befunden: Die ‚ubiquitär normale‘ jugendliche Delinquenz endet spontan schon relativ früh im Jugendalter, während selbst die sog. ‚Intensivtäter‘ keineswegs stets als ‚life-course-persistent‘ enden. Umso problematischer ist es, dass staatliche Kontrollen die Teilnahme an delinquenten Gruppen und damit die Delinquenz eher fördern, während die erhoffte spezial- und generalpräventive Abschreckung wirkungslos bleibt. Mein Fazit: Eine nicht ganz leicht lesbare, aufwändige Studie, die, an deren vorderster Front, paradigmatisch für die gesamte kriminologische Wissenschaft, erstmals und wegweisend in Deutschland Licht- und Schattenseiten solcher Panel-Studien zeigt.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 21.07.2021 zu: Klaus Boers, Jost Reinecke (Hrsg.): Delinquenz im Altersverlauf. Erkenntnisse der Langzeitstudie Kriminalität in der modernen Stadt. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2019. ISBN 978-3-8309-4017-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28556.php, Datum des Zugriffs 04.12.2021.


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