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Thomas Kroll, Bettina Severin-Barboutie (Hrsg.): Wider den Kapitalismus

Cover Thomas Kroll, Bettina Severin-Barboutie (Hrsg.): Wider den Kapitalismus. Antikapitalismen in der Moderne. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. 294 Seiten. ISBN 978-3-593-51124-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Nach Vorwort und Dank wird der Band mit einem Beitrag der Herausgeber:innen eröffnet und ist danach in drei Hauptkapitel unterteilt, unter die insgesamt elf Beiträge fallen. Kroll und Severin-Barboutie kreisen unter dem Titel Antikapitalismen der Moderne. Annäherungen an ein Forschungsfeld die Thematik ein und verweisen auf konservativ resp. ‚rechts‘ orientierte Antikapitalismen wie vor allem solche, die an kommunistischen und sozialistischen Zielvorstellungen festhalten, unterschiedlich basierend auf Marxʼ polit-ökonomischen Analysen und dessen politischen Schriften. Sie reichen bis zu dem breiteren Spektrum theoretischer und praktischer Einlassungen, deren Kritiken reformierende Maßnahmen hinsichtlich ökonomischen Handels mit Blick auf (bislang historisch vorrangig) soziale Folgen für unterprivilegierte, breite gesellschaftliche Bevölkerungsteile reklamieren. Dem Thema Antikapitalismus komme darum ein prominenter Stellenwert zu, da „seine Ideen-, Sozial- und Kulturgeschichte bislang nicht systematisch erforscht worden“ sei (S. 11), und zwar gegenüber insbesondere der Geschichte des „‚modernen Kapitalismus‘“ (mit Verweis auf Werner Sombart und Max Weber) und im Hinblick darauf, dass „der Marxismus (…) nicht nur das politische Denken in den sozialistischen und kommunistischen Bewegungen, sondern auch die Gesellschaftswissenschaften des 20. Jahrhunderts in Ost und West tief prägte“ (S. 10). Im Sammelband wird davon ausgegangen, konstatieren die Herausgeber:innen für alle Beiträge, dass der Antikapitalismus als „eigenständiger, historischer Gegenstand untersucht werden muss“. Seine Geschichte sei zugleich auch immer die seiner Gegnerschaft. Er habe die „Moderne entscheidend mitgeprägt“, da die Geschichte und Entwicklung des Kapitalismus „ohne das Wirken seiner Widersacher und Widersacherinnen in anderen Bahnen verlaufen wäre“. Weiterhin beruhe der Antikapitalismus auf „unterschiedlichen Auffassungen vom Kapitalismus“, und zwar zwischen den idealtypischen Polen der „absolute(n) Negation“ und einer „immanente(n) Kritik des Kapitalismus“ (S. 12 ff.). Dabei habe der „Kapitalismusbegriff seine ursprüngliche politische Dimension bis heute nicht ganz verloren“, „weil mit ihm die Frage nach den ökonomischen und sozialen Grundlagen der Zukunft der modernen Industriegesellschaft verhandelt wird“ (S. 10 f.).

An großen historischen Beispielen der neueren Neuzeit wird in der Folge skizziert, dass sich der Antikapitalismus mit „sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen und Verfassungsformen verbinden“ konnte, und er war insofern „ebenso wenig politisch festgelegt wie der Kapitalismus und keineswegs zwingend mit demokratischen Werten verknüpft“ (S. 17). Auch habe die Konstruktion von ‚Feindbildern‘ bei der jeweiligen Ausprägung antikapitalistischer Haltungen eine Rolle gespielt, ein Muster, das sich bis heute erhalten habe; so sei das „Feindbild des ‚jüdischen Kapitalisten‘“ nicht nur im „antimodernistischen Antikapitalismus“ aufzuspüren, „sondern ebenfalls habe es „modernistische Strömungen der Linken“ geprägt, was für „französische Frühsozialisten wie Fourier“ und anderen gelte. Feindbilder fänden sich aber auch heute noch, was auf den „rechten Populismus und den Rechtsextremismus“ zuträfe, aber auch bei „linksgerichtete(n) globalisierungskritische(n) Bewegungen“ auszumachen sei, etwa bei „Occupy oder Attac“ (S. 21 f.). Nicht vergessen werden dürfe der „‚romantische Antikapitalismus‘“, ein von Lukásc geprägter Begriff (zit. S. 22), dessen erste Konjunktur in das frühe 19. Jahrhundert datiere. Mit dem Aufkommen der Neuen Linken in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren habe der Antikapitalismus wieder an „Oberwasser“ gewonnen, in den 1980er Jahren seien die „antikapitalistischen Bewegungen jedoch erneut in die Krise“ geraten, die jüngste Phase des Antikapitalismus sei nach der Jahrtausendwende mit Bewegungen gegen die „Folgen der ‚Globalisierung‘ und ‚Finanzialisierung‘ des Kapitalismus“ zu beobachten, wobei man, wie Kroll und Severin-Barboutie einflechten, die „Wirkung ökonomischer Krisen nicht überschätzen“ dürfe und geweckte Hoffnungen auf eine „Transformation des kapitalistischen Systems“ nur vor dem Hintergrund „spezifischer politischer Weltbilder“ zu erklären seien (S. 24 f.).

Ganz allgemein formuliert Dietmar Süß zu Beginn seines Beitrages, was bei der summarischen Auslotung der Herausgeber:innen als Fazit zu ziehen wäre: „Der Antikapitalismus hat viele Gesichter“ (S. 159). Süß bezieht sich auf eine Zeichnung, auf der von Marx bis Marcos die „unterschiedlichen Hoffnungsträger und erinnerten Vorläufer der globalisierungskritischen Bewegung“ abgebildet sind, die der „Einführung für Antikapitalisten“ von Ezequiel Adamovsky beigefügt ist, in der es heißt: „‚Antikapitalisten sind im Grunde alle von uns, die das Gefühl haben, dass ein Großteil des Leidens auf der Welt durch ein ungerechtes ‚System‘ verursacht wird: den Kapitalismus. Seit der Herausbildung dieses Systems vor mehreren Jahrhunderten haben sich viele Menschen dagegen gewehrt, aber nur in den letzten zweihundert Jahren ist dieser Widerstand bewusst geworden‘“ (zit. ebd.).

Die Herausgeber:innen

Thomas Kroll ist Professor für Westeuropäische Geschichte an der Universität Jena; Bettina Severin-Barboutie ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Gießen.

Inhalt

Das erste Hauptkapitel, I. Varianten der Kapitalismuskritik, beginnt mit dem Beitrag Phasen der Kapitalismuskritik im Leben und Werk von Karl Marx von Jonathan Sperber. Abgesehen von „kuriosen Ausnahmen wie Kuba oder Nordkorea“ sei nach Auflösung des Ostblocks und Verschwinden des kommunistischen Wirtschaftssystems die „Kapitalismuskritik marxistischer Prägung nicht mehr mit Leidenschaft vertreten“ worden. Geblieben seien „Phrasen und Schablonen, wie Globalisierung, Krise, Verarmung, Ungleichheit.“ Der Verfasser tritt in seinem Beitrag an, „diese Phrasen mit Inhalt zu füllen und ihren Ort im Leben und Werk von Marx herauszuarbeiten (…). Es werden dabei sowohl andauernde Elemente seiner Kritik als auch zeitweilig vorherrschende Emphasen hervorgehoben“ (S. 33). Im Zuge dieser Sichtung hebt Sperber u.a.hervor, welches Resümee Marx aus den Prognosen der klassischen Nationalökonomie gezogen hat: „‚Also im abnehmenden Zustand der Gesellschaft progressives Elend des Arbeiters, im fortschreitenden Zustand complicirtes Elend, im vollendeten Zustand stationaires Elend‘“ (zit. S. 36). Auch hebt Sperber die „berühmte Passage“ aus dem ‚Kommunistischen Manifest‘ zum Weltmarkt hervor, die Verdrängung der nationalen Industrien durch solche, „‚die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden‘“ (zit. S. 42). In der Lesart von Sperber „spielten Wirtschaftskrisen im Kapital nur am Rande eine Rolle“ und den ihm bekannten „sehr bescheidenen wachsenden Arbeiterwohlstand“ habe Marx „nicht in seine Darstellung des Kapitalismus“ integriert (S. 46 f.), und zudem habe er die „fallende Profitrate ebensowenig herausarbeiten“ können „wie zuvor Krisen als Mechanismus der Selbstauflösung des Kapitalismus“ (S. 49). Sperber konzediert im Hinblick auf die Marxsche Analyse des Kapitalismus, dass „(e)inige Elemente dieses Kapitalismus (…) sich als primitive Vorstufen der heutigen kapitalistischen Weltwirtschaft verstehen (lassen). Die meisten gehören aber, nicht anders als die Marxʼsche Kritik an ihnen, heute zu einer vergangenen Welt“ (S. 50).

Axel Schildt kreist in seinem Beitrag Kapitalismuskritik aus dem Geist der Konservativen Revolution eine eben „konservative Kritik am Kapitalismus, einen Antikapitalismus von rechts“ ein, „markant in Deutschland mit seiner romantischen Tradition“, wobei mit und in der „Durchsetzung einer bürgerlichen Gesellschaft der „antibürgerliche Furor der Romantik und konservativer Geister“ befeuert worden sei, und zwar „über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg“, wovon er deutliche Spuren bei z.B. Ferdinand Tönnies und Heinrich Riehl findet (S. 53). Der Autor stellt Moeller van den Brucks Begriff eines anzustrebenden „Dritten Reich“ von 1923 vor, skizziert den „situativ radikalisierte(n) Konservatismus“ von Carl Schmitt und auch Oswald Spenglers Desiderat, „‚den deutschen Sozialismus von Marx zu befreien‘“ (zit. S. 56), um schließlich auf die von Werner Sombart beeinflusste Begrifflichkeit vom „‚Todeskampf des Spätkapitalismus‘“ einzugehen, „eine krude Mischung von Systemkritik und Vulgäranthropologie mit der ständigen organologischen Analogie vom „‚Altern des Kapitalismus‘“ (S. 59). Nachdem er auf Helmut Schelskys „Formel von der Nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ mit der „Pointe“ eingeht, „dass nur noch die Arbeiterschaft aufstieg“, verweist der Autor darauf, dass wir heute „wieder im Modus der Krisendiskurse angelangt sind“, und er rät an, „sehr genau zu beobachten (…), wie sich, etwa in der hetzerischen Polemik gegen Migranten, die angeblich der einheimischen Bevölkerung die Frauen, die Arbeitsplätze, die soziale Hilfe und die christlichen Werte wegnehmen, ein neuer Antikapitalismus aus dem antidemokratischen ‚Geist der konservativen Revolution‘ zu etablieren versucht“ (S. 60 f.).

Arsenale des Antikapitalismus. Die französische Anthropologie im 20. Jahrhundert lautet der Titel des Beitrages von Tim Luks. Der Autor gehtder Fragen nach, die durch eine explizit als „Sozialanthropologie“ zu bezeichnende Disziplin aufgeworfen sind, wobei zentral ist, „was sich aus der Beschäftigung mit der Ökonomie der Anderen über den modernen Kapitalismus lernen und für eine postkapitalistische Zukunft hoffen lässt“, zumal hier wie insgesamt in der Anthropologie – wie auch ihrer Geschichte – „Anknüpfungspunkte für Kapitalismus und Kapitalismuskritik“ auszumachen seien, ein „argumentatives Arsenal (…), in dem sich jeder bedienen kann, dem an einer anderen Wirtschaft als der kapitalistischen gelegen ist“ (S. 63). These des Autors ist, dass in der französischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts eine „diskursive Formation“ existiert habe, „die mit dem Etikett des Antikapitalismus durchaus angemessen ausgepreist werden kann; wohlgemerkt, eine diskursive Formation in Abgrenzung zu antikapitalistischen Bewegungen oder einer losen Folge antikapitalistischer Theorien und Interventionen.“ Im Begriff der „Gabe“ war ein „alternatives Modell des Austausches“ erschlossen, funktionierend über „moralische Verpflichtung und soziale Bindung“, wobei allerdings Kapitalismus reduziert worden sei auf „profitorientierten Markttausch, Akkumulation um ihrer selbst willen und utilitaristisches Kosten-Nutzen-Kalkül“ (S. 64). In der Folge setzt sich Luks kritisch vor allem mit Marcel Mauss,auch Georges Bataille und Maurice Godelier auseinander, um sich Claude Lévi-Strauss zuzuwenden, der „– mit Marx, wie er meinte – im Herzen des Kapitalismus den Kolonialismus“ entdeckt habe, wobei er „Marx eine Position“ unterschoben habe, die dessen Ausführungen zu den kausalen und historischen Beziehungen von Kolonialismus und Kapitalismus in ihr Gegenteil verkehrt“ habe. Angesichts der Situation „‚unterentwickelter‘ Gesellschaften“, der vor Jahrhunderten beginnenden „Zerstörung ihrer Grundlagen“, habe Lévi-Strauss betont, was sich dem heutigen Auge darböte sei „kein Naturzustand, sondern Ergebnis von Raffgier und Gewalt“ (S. 70 f.). Ein Ansatzpunkt war damit geboten, sich zum einen gegen ein „Konzept von Natur“ zu wenden, diese als ausbeutbare „Ansammlung bloßer Subsistenzmittel“ zu sehen, was des Weiteren laut Pierre Clastres die „Zerstörung anderer Kulturen“ zur Folge gehabt habe (S. 73), ihnen nur die „Wahl“ blieb, „‚entweder der Produktion Platz machen oder verschwinden: entweder Ethnozid oder Genozid‘“ (Clastres, zit. S. 74). Offen bleiben müsse, so Luks, inwieweit sich aus solchen Argumentationsfiguren „in kritischer Absicht ein Konzept des Raubtierkapitalismus entwickeln ließe.“ Als Fazit bleibt für den Autor, dass die skizzierten Positionen auf einen „ökologischen Antikapitalismus“ verweisen, in dem die Welt nicht nur als „Lagerplatz kapitalisierbarer Ressourcen“ gesehen wird und der „menschliches Handeln nicht auf das Paradigma der Produktion reduzieren möchte“, die „Kosmologie des Kapitalismus“ relativiert wird und jenseits von Exotismus „indigene Kosmologien (…) als Fluchtpunkt einer postkapitalistischen Transformation in Stellung gebracht werden“. (S. 77) Zustimmend zitiert Luks die Perspektive und Einschätzung Adloffs: Es seien „‚nicht-kapitalistische Weisen des Gütertransfers mit dem Anerkennungs- und Bündnischarakter der Gabe zu verbinden‘“, wobei es nicht zwingend „‚um die Ersetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sondern um deren Ergänzung‘“ gehe. (zit. S. 79)

Das zweite Hauptkapitel, II. Sozialgeschichte der Antikapitalismen, wird eröffnet mit dem Beitrag Zur Theorie und Geschichte antikapitalistischer Bewegungen von Wolfgang Knöbl, der über die seit einiger Zeit diskutierte Frage einsteigt, „welche Aspekte kapitalistischen Wirtschaftens wann, wo und wie besonders attackiert worden waren“ (S. 85), um dann, um anders anzusetzen, weiter mit methodischen Überlegungen einzuleiten, zumal zu schließen sei, dass es „Anti-Kapitalismus schon vor dem Kapitalismus“ gab (was der Autor erläutert). Auch suggeriere die Rede von antikapitalistischen Bewegungen, „dass man genau wüsste, was der Kapitalismus sei“, und damit auch, dass man seine Gegner, vergangene wie heutige, „gewissermaßen treffgenau identifizieren könne“, wobei der Autor anbei darauf verweist, „dass die ökonomischen Verhältnisse im frühen 19. Jahrhundert sich von denjenigen im 21. Jahrhundert deutlich unterscheiden“ würden (S. 87). Theo Pirker ist Referenz für die Argumente, dass die „Arbeiterbewegung“ mehr war als die „organisierte Arbeiterklasse“, man unter Antikapitalismus „mehr als Marxismus/​radikalen Sozialismus verstehen kann und muss“, es einer „ökonomistischen Verengung“ gleichkomme, beziehe man „antikapitalistisches Agieren in erster Linie auf die Ökonomie“, „dass antikapitalistische Erfahrungen nicht in einem abstrakten Umfeld gemacht werden, sondern in einem mit Tradition und kulturellen Deutungsangeboten gesättigten Raum“ (S. 90). Im Folgenden zeichnet Knöbl in einem längeren Unterkapitel die „Vielfalt antikapitalistischer Bewegungen“ nach, und zwar entlang von „fünf historischen Typen“, in denen „jeweils eine bestimmte Form der Kritik an den Säulen des Kapitalismus geübt“ wird (S. 92). Dabei flicht der Autor jeweils bezogen auf einen von ihm lokalisierten Typus (u.a.) ein, man müsse diskutieren, ob wir in einer Zeit leben, „die derjenigen des Vormärz gleicht, als die Klassenfrage gewissermaßen noch in der Schwebe war“ (S. 94). Auch verweist er darauf, dass ein vormaliger „Sozialismus von rechts“ auch in „heutigen rechtspopulistischen Bewegungen zu finden“ ist, „Weltmarktabschottung“ und „nationale Autarkie“ seien die Stichworte (S. 95 f.). Die „heutige linke, internationalistische Anti-Globalisierungsbewegung“ müsse „ihre Kritik nicht notwendig oder gar explizit auf genuin Marxsche Theoreme bauen“, sondern könne sich „auch auf eine ‚bloß‘ moralische Kritik an weltweiter Ungleichheit fokussieren“ (S. 98). Länger führt Knöbl aus, dass „Kapitalismuskritik (…) zumeist auch Herrschaftskritik (war und ist)“. Wenn sie „erfolgreich sein wollte“, habe sie immer dort angesetzt, „wo man die Herrschaft bestimmter Gruppen herausfordern zu können glaubte“ (S. 102). Im fünften Typus wirft Knöbl auf, dass sich heute die „Kritik am Kapitalismus, organisiert in einer als egalitär strukturierten Zivilgesellschaft, (…) geradezu als Ausdruck demokratischer bzw. basisdemokratischer Gesinnung (begreift), was die Frage neuer Bündnisse aufwirft, die bislang alles andere als geklärt scheint.“ Auch sei nicht ausgemacht, welche „politischen Folgen (…) sich aus antikapitalistischen Bewegungen in den Zivilgesellschaften (ergeben), zumal aus solchen, die eben kaum mehr darauf aus sind, die politische Macht im Staate zu erobern“ (S. 103). Dass die „Kritik an ökonomischen Verhältnissen (…) ihre Durchschlagskraft durch ihre Verbindung mit herrschaftskritischen Ideen“ erhält und sich stets neu ausrichten müsse, dass nicht absehbar sei, wie „systemsprengend“ antikapitalistische Kritik in Zukunft sein werde, darauf hebt Knöbl in seinem Fazit ab. Er vermutet, „dass die Kapitalismuskritiker und Antikapitalisten zumindest kleine Brötchen backen müssen, was sie momentan ja auch tun.“ Vermutlich würden wir mit dem Kapitalismus und den auf ihn entfallenden Kritiken „noch einige Zeit leben müssen, was in vielerlei Hinsicht ziemlich betrüblich ist.“ Dafür aber bliebe Sozialwissenschaftler:innen „noch genügend Arbeit“, um dadurch ihr „gutes kapitalistisches Geld zu verdienen“ (S. 103 f.).

In Farbiger (Anti-)Kapitalismus oder die Dekolonisierung eines Siedlungsprojekts aus dem frühen 20. Jahrhundert stellt Bettina Severin-Barboutie einen versuchsweise realisierten Traum vom „Platz an der Sonne“ zurzeit des Deutschen Kaiserreiches vor, worin ein Begehren nach „Weltmacht“ und ein „vermeintliche(r) Anspruch auf Kolonien“ aufschien, die Protagonisten des Projekts jedoch dringende „Probleme und Fragen“ lösen wollten, wozu sie neben der „Abschaffung der Kriege und der Gleichberechtigung (…) ebenfalls den Kapitalismus“ zählten (S. 107). Der „Sonnenorden“, um den es geht, angesiedelt in Deutsch-Neuguinea, war ein „privates, religiös geprägtes Siedlungsprojekt“, verstand sich als „positiver Gegenentwurf zum vermeintlich krankmachenden Leben in Europa“ und wollte seine Mitglieder ins „göttliche Paradies zurückführen“ (S. 111). Die Autorin wirft die Frage auf, ob dieses „skurril anmutende Siedlungsprojekt“ „tatsächlich ‚kommunistisch‘ war“, wie eines der Mitglieder gemeint habe (S. 110) und wie die Gründer diese Lebensform „zugleich zur Conditio sine qua non für den internationalen Sozialismus“ gemacht hätten (S. 115), wenngleich der Orden nicht ganz auf die „kapitalistische Wirtschaftsform verzichtete“ und einheimische „Kontraktarbeiter“ sowie die beaufsichtigenden und vornehmlich geistigen Tätigkeiten nachgehenden Ordensmitglieder „sich nicht primär nach Klasse, sondern nach ‚Rasse‘“ unterschieden (S. 119). Severin-Barboutie kommt zu dem Schluss, der „(Anti-)Kapitalismus“ des Ordens habe zum einen auf „rassistischem Gedankengut“ beruht und auf der so begründeten „kolonialen Wirtschafts- und Sozialordnung“ basiert und sie zugleich reproduziert wie produziert. Bleibe zu prüfen, so die Autorin, ob die „Ordensmitglieder ‚frühe deutsche Hippies‘ waren“, und ebenfalls, und zwar als Forschungsaufgabe, „wie generell das ökonomische Handeln von Siedlern und Siedlerinnen wie den hier untersuchten in syn- wie diachroner Weise noch genauer betrachtet werden sollte“ (S. 121).

Antikapitalismus im NS-Staat. Arbeitsbegriff, Arbeitsgestaltung und Arbeitserziehung 1933 – 1945 ist das Thema von Frank Becker, der die „Bestimmung dessen, was den Kapitalismus überhaupt ausmacht, (…) seit jeher zu den wichtigsten Fragen der Kapitalismusforschung“ rechnet und sich an Kocka „anlehnt“ (S. 127, Anm. 1) (wie übrigens andere Beiträger:innen des Bandes ebenfalls). Gleich eingangs gibt der Autor zu bedenken, dass eine „Eindeutigkeit“ der „Identifikation der NS-Ökonomie mit dem Kapitalismus (…) durchaus problematisch ist“ (S. 127). Er nimmt das „Amt für Betriebsführung und Berufserziehung (AfBuB)“ in den Blick, das in „Hitlerdeutschland von zentraler Bedeutung war“, fragt „weniger nach den objektiven ökonomischen Strukturen als vielmehr nach den Leitideen, Absichten und Wahrnehmungen der historischen Akteure“, dabei auf die „konkrete Arbeitskultur“ fokussierend (S. 128 f.), was er in der Folge detailreich einholt. Dabei kehrt er u.a. die Rolle der Betriebsgemeinschaft als „Volksgemeinschaft im Kleinen“ hervor (S. 134) und die ideologische Disponierung, nur „wer für die Gemeinschaft von Nutzen sei, könne von ihr auch etwas erwarten“ (S. 135). Weiter wird jene „organisierte Vorsorge“ mit Blick auf das „Ganze der Volkskraft und Volksgesundheit“ (S. 136), die überindividuelle, immer auf das „Wohl der Gemeinschaft“ ausgerichtete Bestimmung von „Leistung“ thematisiert (S. 138). Der Autor kommt zu dem Schluss, der Antikapitalismus habe sich in der NS-Zeit „weniger auf die Eigentumsordnung und die marktförmige Organisarion von Produktion und Konsum“ bezogen. Größer war die Rolle, die der Versuch der Etablierung einer genuin nationalsozialistischen Arbeitskultur spielte“ (S. 147). Dem „NS-Regime sei es nur darum gegangen, die Fortschreibung der etablierten Verhältnisse geschickt zu verschleiern“, solch eine Behauptung mache es sich „zu einfach“, weshalb der Autor anregt, „unser Wissen darüber, wie stark die ‚antikapitalistische‘ Arbeitskultur in den Betrieben und Werkstätten implementiert wurde“, zu mehren (S. 149). Und bedenke man, dass die „Machthaber“ ihre Kriege als „Blitzkrieg-Strategie“ als „kurzen Ausnahmezustand“ verstanden, schlägt der Autor eine „Deutung“ vor, „den Krieg nur als vorübergehenden Wechsel des Tätigkeitsmodus der arbeitenden Volksgemeinschaft“ aufzufassen, „deren Mitglieder vorübergehend Geräte und Maschinen bedienten, die Feinde mit dem Tode bedrohten, anstatt Güter zu erzeugen“ (S. 150).

Einem der „viele(n) Gesichter“ des Antikapitalismus (s.o.) geht Dietmar Süß nach, und zwar in seinem Beitrag mit dem Titel Den Kapitalismus bearbeiten. Solidarität, „Dritte-Welt-Bewegung“ und der Kampf gegen den „Neoliberalismus“ seit den 1970er Jahren, „eine Geschichte der Enttäuschungen und der kleinen Siege, eine Geschichte, in der der Begriff der ‚Solidarität‘ seinen eigentlichen Klang entfaltet und auf die (gefühlten und gedeuteten) Gemeinsamkeiten all derer verweist, die sich als Opfer von Ausbeutung und Entfremdung betrachten.“ Dem geht der Autor so feinnervig wie kenntnisreich nach, wobei ihn vor allem „die Bedeutung von Arbeit als solidarische, ‚antikapitalistische‘ Praxis“ interessiert, exemplifiziert an den Einsätzen (hiesiger) Aktivist:innen in Nicaragua mitsamt aller Konflikte, wobei die Frage aufgeworfen wird, „was dies für die mögliche Etablierung einer antikapitalistischen Gefühlslandschaft innerhalb der Solidaritätsbewegung bedeutete“ (S. 160). Süß geht zunächst in einem Unterkapitel auf die „Semantiken des Solidarischen“ ein, es folgt „Solidarität als Kapitalismuskritik“, um dann auf „Solidarität als Arbeit: Mittelamerika und die deutsche ‚Dritte-Welt-Bewegung‘“ zu kommen, in der das „Sprechen über Solidarität immer auch der Versuch war, die Trostlosigkeit der Gegenwart zu überwinden und sich nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich einzubringen, um schon jetzt etwas von dieser doch so fernen Utopie zu ‚erfahren‘ oder zu ‚spüren‘“. Es war, so Süß, „keineswegs nur eine Projektion sozial-romantischer Ideale in die Ferne mittelamerikanischer Urwälder, sondern Teil antiimperialistischer Strategie“ (S. 167). Es werden „interne Konflikte“ (S. 174) und Ambivalenzen (auch in Debatten über die Chile-Solidarität) thematisiert und auch die „erheblichen Zweifel“ darüber, ob diese „Form der Solidarität durch Arbeit und körperliche Leistung überhaupt sinnvoll war“ (S. 178). „Kritische Solidarität“, „seit Beginn der 1980er Jahre zum semantischen Arsenal der Bewegungssprache“ gehörend (S. 179), lautet der Titel des letzten Unterkapitels, in dem der Autor nachzeichnet, wie sie diskutiert wurde und wo er einkreist, von welcher Bedeutung sie noch ist. Zu erkennen und auszuhalten war eine „erhebliche Kluft“ zwischen „Anspruch und Wirklichkeit gesellschaftlicher Transformation“ (ebd.), einzusehen, dass man viel „zu blauäugig sei (…) gegenüber nationalistisch-ethnozentristischen Politikmodellen“ (S. 180), es schließlich nicht um „den einen, sondern um die vielen Wege in eine bessere Gesellschaft“ ging, die „Pluralität der Marginalisierten“ anzuerkennen sei, wobei den Aktivist:innen „Kapitalismus und Neoliberalismus (…) dabei weitgehend als synonym (erschienen); (…) als Chiffre der sozialen, kulturellen und ökologischen Verwerfungen und Ausbeutungsformen“ (S. 181). In der „verzwickten Geschichte transnationaler Solidarität“ könne eine „unterschätzte Perspektive“ stecken, schließt Süß, die (auch) „den Blick für eine Welt (öffnet), in der Menschen gemeinsam kooperative Beziehungen suchen und arbeiten – körperlich hart, schmutzig, lang. Postkapitalistisch ist hier nichts“ (S. 182).

Das letzte Hauptkapitel, III. Repräsentationen und Inszenierungen, beginnt mit dem Beitrag von Thomas Kroll: Marx und das Charisma des Sozialismus. Die symbolische Repräsentation des Antikapitalismus in den sozialdemokratischen Milieus in Österreich und Deutschland (1883 – 1934). Die deutsche und österreichische Sozialdemokratie habe bis zur Machtübernahme durch den Nationalsozialismus resp. des Austrofaschismus eine „enge Bindung an den Marxismus“ entwickelt und sich „trotz ihrer revolutionären Rhetorik schon um 1900“ in die bestehende Gesellschaftsordnung zu integrieren begonnen. Beide seien „schrittweise zu einer reformerischen Politik“ übergegangen, sich gleichwohl als „im Kern marxistische und antikapitalistische Parteien“ verstehend (S. 187). Wenn man so will, kann man den Beitrag Krolls im Sinne einer Annäherung an die Klärung der Frage lesen, warum und wodurch Marxʼ Analyse des Kapitalismus als Instrument der Aufklärung versandete und seine Aussagen über notwendige Schritte zur Transformation in unterschiedlich taktischem Kalkül mehr als abgeschattet oder parolenhaft inhaltsleer gemacht wurden – in den Worten des Autors: Die „Propaganda der KPD hob ebenso wie jene der weitaus weniger bedeutenden KPÖ darauf ab, dass die Lehren von Marx in der Sowjetunion bereits zur Realität geworden seien.“ Auch wenn seitens der Kommunisten versucht worden sei, „das Denken von Marx in Deutschland und Österreich zu popularisieren“, sei „Marx hinter Lenin in die zweite Reihe“ zurückgetreten, „da der russische Revolutionsführer als Vollender des Marxismus präsentiert wurde“ (S. 208). Wie es dazu kam, rekapituliert Kroll ausführlich. Auch wenn Reformisten wie Revolutionäre das Werk von Marx als „legitime theoretische Grundlage der sozialdemokratischen Bewegungen“ ansahen, war – was belegbar sei – „die Lektüre der Schriften von Marx in der Arbeiterschaft wenig verbreitet“ gewesen, auch das „Parteivolk“ habe sich „allenfalls einige Formeln von Marx zu Eigen gemacht“ (S. 188 f.). Schließlich seien „grundlegende Denkweisen der Arbeiterschaft“ durch eine „Aneignung der reduktiven Formeln des Volksmarxismus“ strukturiert worden, von wo aus die „marxistisch geprägte Sozialdemokratie als ‚charismatische‘ Bewegung“ zu interpretieren sei (S. 191) und im Laufe der Zeit Marx „gewissermaßen zum ‚Symbol‘ des Ideencharismas erhoben wurde“ (S. 192), von Clara Zetkin schließlich mit „unverkennbar protestantischem Duktus zu einer Art säkularen Christus“ stilisiert (S. 195). Allerdings schrieb sie auch (was der Autor nicht unterschlägt): Marx sei das „‚Dynamit des Geistes‘“ zu verdanken, „‚der die kapitalistische Ordnung sprengt‘“ (zit. S. 196). Inwieweit ein vergleichsweise ‚Personenkult‘ verfing, etwa indem man den „Hang zu politischen Devotionalien“ bediente (S. 201), ob die „oft nicht in gefälligem Stil verfassten Artikel über Marx tatsächlich auch gelesen wurden, lässt sich freilich nicht mit Bestimmtheit sagen“ (S. 203). Wohl aber sei das „von Marx symbolisierte Charisma des sozialistischen Antikapitalismus (…) gewissermaßen in die Routine des Alltags“ eingebrochen und die „Erinnerung an den antikapitalistischen Marx“ war zwar ein „bedeutendes Identifikationsangebot, aber doch eines unter vielen für eine Arbeiterschaft (…), die sich faktisch mehr und mehr in die bestehende Gesellschaft integrierte“ (S. 207). Es bleibe, dass „Marxʼ symbolische Repräsentation in den 1920er Jahren wenig zur Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung“ beigetragen habe (S. 208).

Das richtige Leben im kapitalistischen Falschen. Der Millionär und Marxist Hannsheinz Porst. Wie im Titel angekündigt, rekapituliert Eva Maria Gajek Leben und Wirken des bekannten erfolgreichen Unternehmers, der „sich selbst auch als Marxist“ verstand (S. 217) und „am oberen Rand der Gesellschaft“ lebte (S. 220). Dem Kommunisten Porst testierte man (u.a.) „eine Form von ‚romantischem Antikapitalismus‘“ (S. 238). Gajek leuchtet die Motive seines auf den ersten Blick höchst widersprüchlichen ökonomischen und politischen Handels und Verhaltens kritisch aus. Er habe einen „Unternehmertyp präsentiert, der ganz in das Bild der jungen Bundesrepublik passte und der den Glauben an gleiche Startbedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg bekräftigte.“ Die „Bausteine seines Selbst- und Fremdbildes“ seien bei ihm wie bei anderen jungen Millionären „Bescheidenheit, Zurückhaltung und Nahbarkeit“ gewesen (S. 222). Gleichwohl habe er für seine Person „öffentliche Veranstaltungen“ genutzt, „die Verquickung von Wirtschaft und politischer Macht zu visualisieren“ (S. 232) und seine Verbindungen zu Spitzen der FDP als „eine Art Pakt“ verstanden, „in dem eine Hand die andere wasche“ (S. 235). Vehement habe er, eben auch in Zeiten des Kalten Krieges, „an der Vorstellung eines gemeinsamen Deutschlands“ festgehalten (S. 238), was (u.a.) unter ‚Kommunismusverdacht‘ gestellt wurde und wobei sich anlässlich eines Aufsehen erregenden Gerichtsprozesses (heimliches Mitglied der SED, landesverräterische Beziehungen zur DDR) gezeigt habe, „von welch starkem antikommunistischen Denken die Bundesanwaltschaft und die Bundesrichter immer noch geleitet waren“ (S. 239), augenfällig dabei für einige damalige Presseorgane, „wie Gesetz und Politik vermischt“ wurden (S. 240). Porst habe seine „beiden Rollen als Marxist und Kapitalist (…) nicht als Dualismus“ gesehen, „sondern sein Ziel war es vielmehr, diese zu vereinbaren“ (S. 242), resümiert Gajek. Und im abschließenden Unterkapitel stellt sie seinen Versuch einer „totale(n) Mitbestimmung“ dar, den er unternommen habe, nachdem er nach der Hälfte seiner Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden war, wenngleich er „diese Idee (…) wohl schon von seiner Verhaftung entwickelt“ hatte (S. 242). Das Modell ließ sich nicht durchhalten. Es reihte sich ein in die sozialen Experimente, die „durch die konservative Wende“ abgelöst wurden. Gajek schließt: „Was Porst in seiner Autobiographie (…) inszenierte, kann angelehnt an Adorno als Versuch eines richtigen Lebens im kapitalistischen Falschen verstanden werden“ (S. 246).

Im Beitrag von David Kuchenbuch geht es zentral um einen Comic, im schwedischen Original „Historieboken“, übertragen auch in sieben andere Sprachen, in dem die „Geschichte als Konflikt zwischen Arbeit und Kapital“ dargestellt wird, „oder eigentlich: als Geschichte der immer neuen Formen, die die Herrschenden gefunden hatten, um die werktätigen Klassen aller Länder auszubeuten“ (S. 249). (Anti-)Kapitalismus im Comic. „Das Geschichtsbuch“ (1970/71) lautet der Titel des Beitrages von David Kuchenbuch, der dem Entstehungskontext dieses erfolgreichen Comic nachgeht, die Adressaten und die Rezeption in den Blick nimmt, vor allem aber die kapitalismuskritischen Inhalte darstellen will und sie dabei einer kritischen Würdigung unterzieht. Zumal sich das „Geschichtsbuch“, ein „antikapitalistische(r) Weltgeschichtscomic“, geschaffen von Studierenden der Werbegrafik (S. 262), an jüngere Menschen wandte, schien es „aus Sicht emanzipatorischer Bewegungen ideologiekritischen Zwecken entgegenzukommen“, wie generell „Comics als besonders niederschwellige Bildungsmedien“ betrachtet wurden (S. 256). Gemeint ist die schwedische Erbschaft, insoweit das „Geschichtsbuch“ sich wie intendiert „genremäßig in die Nähe jener antiautoritären Kinder- und Jugendliteratur“ begab, „für die Schweden bis heute bekannt ist“ (S. 261). Die Imperialismus-Weltkarte, wie sie im Buch präsentiert wurde, spiegele womöglich die damalige Unterscheidung und Diskussion um kapitalistische Zentren, Semiperipherien und Peripherien, „die für die bald darauf lancierte Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins bedeutsam werden sollte“ (S. 259). Kuchenbuch betont, wie sehr sich diese Arbeit „an die Konventionen der Selbstbildungskultur Schwedens anschloss“ (S. 263). Das „Geschichtsbuch“ markiere eine Veränderung linker Orientierungen zurzeit seines Erscheinens, signalisiere eine „Moralisierung des Alltags angesichts globaler ökonomischer (Inter-)Dependenzen.“ Der Autor resümiert, „an die Stelle der Agitation trat die Bewusstseinsbildung, die vor allem auf die Menschenrechte gerichtet war, jene postrevolutionäre ‚letzte Utopie‘ (Samuel Moyn), für die sich bekanntlich gerade schwedische Politiker eingesetzt haben. Auch die Analyse kapitalistischer Systemzusammenhänge trat damit in den Hintergrund“ (S. 267). Inzwischen werde das „Geschichtsbuch“ als „historisches Werk“ gehandelt (S. 268).

Der letzte Beitrag ist von Meik Woyke, als Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung berufen und ausgewiesen, sich mit dem Thema zu beschäftigen: Weder Marxist noch Kapitalist, sondern „Weltökonom“? Das Image von Helmut Schmidt zwischen Selbstinszenierung und Ikonisierung. Schmidt stand in dem „Ruf (…), als studierter Volkswirt und in der westlichen Welt bestens vernetzter Staatsmann über eine ausgeprägte ökonomische Problemlösungskompetenz zu verfügen.“ Der Autor, dem es in seinem Beitrag hauptsächlich um das Image dieses sozialdemokratischen Politikers geht, fragt nun, wie sich vor diesem „Hintergrund sein Verhältnis zum Antikapitalismus“ gestaltet habe, ob er sich deutlich davon abgegrenzt oder „strategisch darauf Bezug“ genommen habe, ob er sich ggf. „in einer bestimmten sozialistischen Theorietradition“ verortet habe und schließlich, ob er bei „seiner Kapitalismusanalyse die Systemfrage“ gestellt habe oder zumindest bereit war, „kapitalistische Auswüchse zu kritisieren“ (S. 274). Mit der Utopie einer an Marx geschulten antikapitalistischen Gesellschaftsordnung habe Schmidt nur wenig anfangen können, zu seinen „intellektuellen Fixsternen“ gehörten vielmehr Immanuel Kant, Karl Popper und Max Weber. Er warnte, „hermetisches Klassendenken“ zu begünstigen, vielmehr müsse seine Partei über die Arbeiterschaft hinaus „attraktiv für neue Gesellschaftsschichten werden“, auch um Mehrheiten zu erzielen, „die kapitalistische Gesellschaftsordnung soweit wie erforderlich zu domestizieren und auf dem Wege der Reform zu verändern“ (S. 280 f.). Besonders kritisch habe er die „Auswüchse des Finanzmarktkapitalismus“ gesehen, „weniger das kapitalistische Wirtschaften von Handel und Industrie“ (S. 285). Woyke kommt zu dem Schluss, Schmidt sei „niemals ein Marxist und auch kein Antikapitalist“ gewesen, als Sozialdemokrat habe er hinsichtlich der Veränderung von Gesellschaft und Ökonomie auf den Weg der „politischen Reformen“ gesetzt, Geschichte habe er nicht wie Marx als eine „Geschichte von Klassenkämpfen“ verstanden, sei vielmehr überzeugt gewesen, „dass Arbeit und Kapital in einer Zugewinngemeinschaft voneinander profitierten. Im Vordergrund stand für ihn die Einhegung des Kapitalismus“ (S. 286).

Diskussion

„Einhegung des Kapitalismus“ (im Sinne des Modells von Schmidt und vieler anderer vor und nach ihm) ist das, was nach wie vor auf der Agenda steht. Was aber, wenn „das Kapital nicht zur Inkarnation einer ewigen Idee“ mehr zu verklären ist (Hintergrundrauschen aller einhegenden Reformambitionen), könnte man mit einem Blick in die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ an Marx anschließend fragen. Und ebenda kann man eine Stelle finden und mit ihm fragen, was ist, „wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen?“ In den Auslassungen über den Kapitalismus, eine Bezeichnung, die schon häufiger umetikettiert wurde oder etwa mit einem Kompositum versehen, taucht dieser Ewigkeitscharakter z.B. in wissenschaftlich kaum haltbaren, anthropologisierenden Annahmen über das Wesen des Menschen auf, wird wissenschaftlich und nicht zuletzt in Politiken gleichsam ‚naturalisiert‘ und/oder als etwas betrachtet, das als ‚Wirtschaftssystem‘ eben zeitgemäß modelliert gehört, und zwar durchaus an Ecken und Kanten abgeschliffen werden muss, auf die auch in und durch verschiedenen, sogenannten antikapitalistischen Einreden aufmerksam gemacht wird (und wurde). Zwar wurde auch mit Rückgriff auf Marx und Engels und da insbesondere auf „Das Kapital“, der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und auch Darstellung des Kapitals als „prozessierende(r) Widerspruch“ (Marx), das ‚System‘ der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft in Frage gestellt und auf Transformation gedrungen, was nicht zur Gänze verhallt, aber in z.T. empörten Interventions- und Reformreklamationen verwischt ist oder gelegentlich auf ein Kürzel gebracht, das nicht zur Sache kommt: Abschaffung des Kapitalismus. Es mag daran liegen, dass eine Situation jenes ‚anderen Reichtums‘, wie ihn Marx an einigen Stellen nicht utopisch auspinselte, sondern eher skizzierte, kaum in der Situation eines gegenwärtig nahezu weltumspannenden Kapitalismus vorstellbar ist wie ebenso Marx’ Bestimmung der Träger:innen erst einmal des Transformationsprozesses unter dem Stichwort ‚Revolution‘, wobei eifrige Bemühungen seitens sich oftmals selbst als kritisch verstehender Wissenschaftler:innen hinzukommen, Marx zu korrigieren, umzuinterpretieren, zu widerlegen, seine Aktualität auf der Erscheinungsebene in Abrede zu stellen. Der Stachel bleibt. Die Verhältnisse sind es, die an ihn erinnern. Hier hat die Untersuchung der „Antikapitalismen in der Moderne“ ihre Berechtigung, und zwar unter der anzutragenden Fragestellung, woraus sie erwuchsen, wogegen sie sich wandten, ob sie Anknüpfungspunkte waren, sich auf und gegen das Ganze zu richten, wie sie gewaltsam zerschlagen wurden oder befriedet, warum haben sie jenen Kaíros verpasst haben, die richtige Gelegenheit, die es nach Adornos vorsichtiger Abwägung auch zu jeder Zeit gegeben haben könnte. In den Beiträgen des Bandes lassen sich Annäherungen an die Beantwortungen solcher Fragen finden, wenngleich sich unter dem Summenstrich als Fazit erst einmal nur ziehen lässt, dass, wie Dietmar Süß schreibt, „Antikapitalisten“ zumal in den letzten zweihundert Jahren alle sind, „die das Gefühl haben, dass ein Großteil des Leidens auf der Welt durch ein ungerechtes ‚System‘ verursacht wird: den Kapitalismus“ (s.o.). – So gesehen muss es weltweit mächtig viele Antikapitalisten geben, vor allem solche, die nicht einmal die Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen.

Aufmerken lassen könnte daher, dass der „Kapitalismusbegriff seine ursprüngliche politische Dimension bis heute nicht ganz verloren“ hat, wie die Herausgeber:innen einleitend bemerken, wird doch „mit ihm die Frage nach den ökonomischen und sozialen Grundlagen der Zukunft der modernen Industriegesellschaft verhandelt“ (s.o.). Eben – im wörtlichen Sinne dann: „mit ihm“, weitestgehend nicht ‚ohne ihn‘, weitestgehend auch nicht ‚ohne ihn‘ in der öffentlichen Diskussion, wo doch ersichtlich werden kann und geflissentlich unterschlagen wird, dass er ‚an sich‘ ein weiterhin pandemisches Geschehen verantwortet, eine absehbare Klimakatastrophe (die in Ländern des globalen Südens kein Zukunfts-, sondern ein Tod und Elend bringendes Gegenwartsproblem ist), die vorläufig unter der fast schon Verniedlichung eines ‚Wandels‘ verhandelt wird, einer weniger beachteten Überproduktionskrise, die im Dunstkreis der ausgelaufenen Diskussionen um Für und Wider von Industrie 4.0 höchstens gestreift wurde und doch ökonomisch wie sozial ihre Blessuren hinterlässt. – Solche Reflexionen könnten ansatzweise bei (nicht nur radikaldemokratischen) Leser:innen nach der Lektüre des Bandes aufkommen, recht unterschiedlich durch die einzelnen Beiträge provoziert, wenn sie sich fragen, wie aktuell das, was unter das Rubrum Antikapitalismus fallen soll, aussieht und einzuschätzen ist. Auch da hat der Band seinen Stellenwert, nämlich ein Nachdenken darüber anzuregen, wie weit der Begriff Antikapitalismus gedehnt werden sollte oder vielleicht trennschärfer definiert.

Der erste Band von Marxʼ Analyse und Kritik des Kapitalismus, „Das Kapital“, womit sich bereits die derweil dramatisch auflastenden Probleme erklären ließen, ist erst vor hundertvierundfünfzig Jahren erschienen. Das „Manifest“ von ihm und Engels ist nicht ganz so jung. Beides und in der Folge weitere Bände des ‚Kapital‘ und eine imponierende Reihe anderer Werke haben eine Wirkungsgeschichte, eine theoretische wie praktische, und zwar voller Kontroversen. Dazu steuert Sperber sein Scherflein bei, indem er sich über Marxʼ „Kapitalismuskritik im Leben und Werk“ auslässt, inhaltlich gesehen eine Kurzfassung seines Buches über Marx aus dem Jahr 2013 (zeitgleich in deutscher Übersetzung). Über diese Biographie urteilte Thomas Steinfeld: „Sperbers Biografie, so detailliert und sachlich sie erscheinen mag, hat eine polemische Spitze. Sie ist gegen jeden Versuch gekehrt, aus den Marx’schen Schriften etwas für die Gegenwart lernen zu wollen.“ In der Biografie fehle zudem „jede inhaltliche Auseinandersetzung mit ökonomischer Theorie“, lautet die Kritik weiter. „Die zentralen Kategorien der marxistischen Lehre […] finden sich in dieser Biografie an den Rand gerückt.“ – Dem ist in Bezug auf diesen vorliegenden Beitrag im Band nichts hinzuzufügen. Wenn überhaupt wäre Sperber vielleicht nur lapidar darauf hinzuweisen, wie lange es dauert, also zeitlich, bis wissenschaftliche Ergebnisse an politischen Schaltstellen aufgenommen werden und allgemein wahrgenommen, ggf. ins öffentliche Bewusstsein einsickern und handlungsrelevant werden, wie derzeit ersichtlich am ‚Klimawandel‘, um dessen Heraufziehen man auch seit mehr als einem halben Jahrhundert wissen könnte.

Wenn Thomas Kroll und Bettina Severin-Barboutie in ihrem einleitenden Beitrag darauf verweisen, das dialektische Zusammenwirken von „Kapitalismuskritik und Kapitalismus“ könne zu „Anpassungsleistungen und Reformen des kapitalistischen Wirtschaftssystems führen, die sich aus der ökonomischen Logik allein nicht ableiten lassen“, dabei den Sozialstaat als Resultat aus „antikapitalistischen Forderungen der Sozialdemokratie“ anführend und „Anpassungsleistungen der Industrieunternehmen“ als Folge der 1968er Bewegung in Erwägung ziehend, ist zuzustimmen, dass insoweit – und die Palette der Beispiele wäre historisch enorm zu erweitern – „die Kritik paradoxerweise zu einem Wandel des Kapitalismus (führte), der dessen Funktionalität und Legitimität letztendlich steigerte“ (S. 13 f.). Man könnte einwenden, wie der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Engels) funktioniert, ist dem Kapital solange egal, wie er in seinem Sinne funktioniert; wie die Wertverwertung klappt, möglichst reibungslos und optimal, kann dem Kapital auch egal sein, wenn sie nur klappt. Jenseits solch eines flapsigen Einwurfs wäre jedoch ernsthafter zu diskutieren, wie jene von Adorno angesprochene Spirale aus Desintegration und Integration jeweils im Gang der Entwicklung auf der gesellschaftlichen Oberfläche erscheint – und mit welchen Folgen, die in Narrativen aufscheinen. In diesem Sinne ist die Aufgabenstellung von Axel Schildt sehr ernst zu nehmen, nämlich genau zu beobachten, wie sich „ein neuer Antikapitalismus aus dem antidemokratischen ‚Geist der Konservativen Revolution‘ zu etablieren versucht“ (s.o.), ob es sich auch hier nach dem Modell einer „raffinierte(n) Diskurspiraterie“ (S. 55) um eine Folge handelt, die sich nicht gleichsam unmittelbar aus der „ökonomischen Logik“ (s.o.) ableiten lässt, aber (Langzeit-)Folge der Zugriffsweise einer kapitalistischen Ökonomie ist, in der weltweite Elendsmigration verursacht ist, welche von der neuen (extremen) Rechten und rassistischen Zungenschlägen und populistischer Panikmache gedeutet und in beängstigendem Umfang Akzeptanz findet und so von den zugrundeliegenden Ursachen erfolgreich abwinkelt.

Mit der französischen Anthropologie, u.a. darauf macht Timo Luks aufmerksam, wurde das „Arsenal des Antikapitalismus“ um Material bereichert, „das sich gegen ein Konzept von Natur mobilisieren ließ, das diese als Ansammlung bloßer Subsistenzmittel, ausbeutbarer, kommodifizierbarer Ressourcen oder als Quelle kapitalistischer Akkumulation fasste“ (S. 73). Es war eine Blickrichtung darauf, wie es anders denn nach kapitalistischer Logik sein könnte, demonstriert und diskutiert an Exempeln, konzentriert auch auf die „kulturzerstörenden Potenziale des Kapitalismus“, auf Fragen nach den „Unterschieden kapitalistischer und vorkapitalistischer Gesellschaften“ (S. 75). Daran anschließende kapitalismuskritische Diskussionen waren affiziert von dem implizit eröffneten Problemhorizont, wie denn nun eine zukünftige Gestaltung von Ökonomie und Gesellschaft anders möglich sein könnte. Ein heutiger Sozialanthropologe, James Suzman, kommt etwa im Anschluss an seine nicht weniger als menschheitsgeschichtliche Auslotung von ‚Arbeit‘ zum dem Schluss, es gehe darum, „den krakenhaften Klammergriff, mit dem die Knappheits-Ökonomie unser Arbeitsleben im Schwitzkasten hält, zu lockern und unsere damit verbundene, nicht durchhaltbare Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum aufzubrechen“, und er fordert auf, „unsere rastlose Energie, unsere Zielstrebigkeit und unsere Kreativität in die Gestaltung unserer Zukunft zu investieren.“ In dieser Allgemeinheit dürfte solche zugespitzte, sozialanthropologisch ausgewiesene Aufforderung beim gegenwärtigen Problemdruck allseits Zustimmung erfahren, wobei der antikapitalistische Zungenschlag nicht weiter stört, ist er doch in dieser Form einer Wachstumskritik immerhin im geduldeten Meinungsspektrum hoffähig geworden (wie die Degrowth-Bewegung, mit der auch ein Teil der Linken liebäugelt).

Schlichtweg abzutun und auch zu unterschätzen ist das Aufkeimen von Kritik an herrschender Ökonomie etwa in „Konsumboykotten“ und in „‚bloß‘ moralische(r) Kritik“ an u.a. „weltweiter Ungleichheit“ nicht. Wolfgang Knöbl macht darauf aufmerksam, dass der „antikapitalistische Tageskampf (…) je unterschiedliche politische und soziale Verhältnisse berücksichtigen und mithin in Betracht ziehen (musste), dass man die kapitalistische Dynamik mittels staatlicher Interventionen eindämmen und hierbei das Wahlrecht (…) nutzen könne“, wobei hinzukomme, „dass die antikapitalistischen Erfahrungen in ein und derselben Gesellschaft doch durchaus auch unterschiedlich aussehen konnten“ (was sicherlich in der Vergangenheit mit dem „Sektionalismus der Arbeiterbewegung in Zusammenhang zu bringen ist“) (S. 79 ff.). Es gilt gleichermaßen für zumindest die Mehrzahl heutiger Bewegungen und Bündnisse nicht nur in den Metropolen, deren Kräfte, um ‚systemsprengend‘ zu werden, gleichsam gebündelt gehörten und eben nicht nur auf jeweils ‚Symptome‘ gerichtet, um ‚kurativ‘ die mächtige Keimzelle fortwährender und immer erneuter und neuer, inzwischen auch kollektiv existenzbedrohender Probleme aktiv durch Transformation wirkungslos zu machen.

Dass „kleinere Brötchen“ (Knöbl, s.o.) gebacken werden, allerdings schwer verdauliche, das zeichnet sich in den gegenwärtigen Debatten um verzahnte ökonomische, soziale und vor allem ökologische Problemfelder und ihre Kompensation ab, wo auch der vermeintliche Lösungsweg über ein ‚Aussteigen‘ wie schon in der „postkolonialen Geschichte“ (s. Severin-Barboutie, S. 121) verschüttet ist und auch von einer „rassisch zu definierenden Gemeinschaft“ (s. Becker, S. 148) trotz aller aktuellen Bezugnahmen kein Heil zu erwarten ist. Was aber ansteht, ist „Solidarität“, die nicht „einfach da“ ist, die durch „gemeinsame Praxis begründet“ sein will, „auf gemeinsamen Beziehungen und kollektiven Interessen“ (Süss, S. 161); bislang und weltweit gesehen höchstens ein schwaches Wetterleuchten, wie es scheint. Übrigens waren es Marx und Engels, die in ihren politischen Vorstellungen solche weltweite Interessenbündelung der ‚Klasse der Lohnarbeiter‘ (lassen wir den Eurozentrismus-Vorwurf beiseite) als Bedingung für Transformation ansahen, fußend auf Marxʼ Analyse der Entstehung und Entwicklung wie Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise. Was die Beiträge des Bandes an weiterführenden Überlegungen stiften könnten, ist (u.a.) dann auch, ob nicht zwingend für den Zweck der Aufklärung die Analyse des Kapitalismus in „Semantiken der Solidarität“ (Süß) einzuspeisen ist, bekanntlich ein schwieriges, aber notwendiges Unterfangen. Sicherlich sind dann auch nicht, was zweifelsfrei zumal wissenschaftlich geboten ist, alle theoretischen Auseinandersetzungen mit den Marxschen Analysen ad acta zu legen, auch um nur dem Anschein nach gelehrten Einreden den Weg in Nutzung durch politisch interessierte Narrative abzuschneiden. „Selbstbildungskultur“ (Kuchenbuch), auch diese Überlegung wird im Buch angeregt, könnte ein diskutables Lehrstück sein nach dem Motto: selbst lesen, aneignen. Nächst der Frage der Motivation steht damit auch die Frage an, ob damit ein Bollwerk errichtet wird gegenüber parolenhaften Verkürzungen der Lehre und in diesem Zuge ablenkenden Überhöhungen von Marx als „charismatische Führungsfigur“ und seiner „symbolischen Repräsentation“ (Kroll, S. 201 f. u. 208), was alles Denkhemmungen begünstigt. Es scheint illusorisch, und zwar angesichts vergangener wie heutiger Lese- und Rezeptionsgewohnheiten. Unverzichtbar scheint genaue inhaltliche und argumentative Aneignung jedoch gerade im Hinblick auf gegenwärtige Problemfelder und die Art und Weise, wie sie ‚offiziell‘, d.h. von herrschender Politik und auch oppositionellen, emanzipatorischen Bewegungen gedeutet und angegangen werden. Es sollte primär darum gehen, und zwar vor aller Bedenkenträgerei, allem Abwinken und auch Ignoranz mittels der Marxschen Analyse aktuelle Erscheinungen auf der Oberfläche von Gesellschaft(en) auf ihren Punkt zu bringen, was vielleicht dagegen feit, ein „richtige(s) Leben im kapitalistischen Falschen“ (Gajek, s.o.) versuchsweise zu inszenieren.

Fazit

Der Band bietet breite und informative Einblicke in Antikapitalismen der Moderne, wobei die Würdigungen und kritischen Einschätzungen der Beiträger:innen in Bezug auf die jeweils behandelten Antikapitalismen recht unterschiedlich ausfallen, was es, wo es nicht expressis verbis zum Ausdruck kommt, zu entschlüsseln gilt. Weisen die historischen Analysen, wie sie vorgestellt werden, einen Social und Cultural Change als den bislang dem Anschein nach besseren Weg aus, vielleicht wider Willen geebnet durch oppositionelles Aufbegehren bin in Revolten mit Tendenz zur revolutionären Erhebung und Umgestaltung? Legt ein Teil der Beiträge diesen Schluss nahe, ohne dabei tendenziös zu sein, sollen oder könnten daraus Lehren für gegenwärtig Opponierende gezogen werden, und wenn ja, welche? Nicht nur mit solchen Fragen wird Studierenden der Geschichtswissenschaft, Politologie und Soziologie wie Politikwissenschaft, auch der Philosophie und allen, die sich in emanzipatorischen Bewegungen engagieren, durch den Sammelband „Wider den Kapitalismus“ Zündstoff für weiterführende kritische Diskussionen geboten.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 23.11.2021 zu: Thomas Kroll, Bettina Severin-Barboutie (Hrsg.): Wider den Kapitalismus. Antikapitalismen in der Moderne. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-593-51124-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28557.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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