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Chantal Magnin: Beratung und Kontrolle (Arbeitslosigkeit)

Cover Chantal Magnin: Beratung und Kontrolle. Widersprüche in der staatlichen Bearbeitung von Arbeitslosigkeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2005. 396 Seiten. ISBN 978-3-03-777027-6. 36,00 EUR, CH: 54,00 sFr.

Reihe: Schriften zur sozialen Frage - Band 1.
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Autorin

Dr. rer. soc. Chantal Margin arbeitete bis zum Jahr 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern, danach bis 2003 als Mitarbeiterin eines NF-Forschungsprojektes (www.sozialstaat.ch) zur Beratungspraxis von regionalen Arbeitsvermittlungszentren und fungiert seit Herbst 2003 als Leiterin eines NF-Forschungsprojektes zu prekären Beschäftigungsverhältnissen und als Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie der Universität Bern. Beim Titel handelt es sich um die an der Universität Bern zugelassene Dissertation der Autorin.

Gegenstand

Mit der Realisierung der in den vier "Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" ("Hartz I-IV" ab 2002) niedergelegten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in Deutschland wurde ein Paradigmenwechsel von der "aktiven" hin zur sogenannten "aktivierenden" Arbeitsmarktpolitik eingeleitet. Ihre Instrumente gehören über Deutschland hinaus dabei schon länger zum Standardrepertoire der Arbeitsförderung in vielen (westeuropäischen) Staaten. Dies gilt auch für die Schweiz, wo mit der Reform des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (AVIG) bereits im Jahre 1995 regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) geschaffen wurden. Diese lösten nicht nur die bis dato zuständigen Gemeindearbeitsämter ab, sondern übernahmen über die Beratung und Stellenvermittlung hinaus auch den Vollzug des Gesetzes und somit die leistungsrechtliche Kontrolle erwerbsloser Personen.

Diese speziellen Voraussetzungen und die besonderen Umsetzungsmodalitäten bei der Durchführung aktivierender Maßnahmen im System der RAV bilden für die Autorin dabei die Basis einer grundsätzliche Betrachtung des Verhältnisses von "Beratung und Kontrolle" im Rahmen der aktivierenden Arbeitsförderung: "Ziel der Studie ist es, diese neue Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung anhand ihrer Vollzugspraxis in den RAV zu analysieren. Es gilt letztlich danach zu fragen, ob es sich bei der mit der Revision des AVIG eingeschlagenen Richtung um eine dem derzeitigen Wandel in der Erwerbswelt angemessene Problemlösung handelt." (S.16)

Thematischer Hintergrund

Die Grundannahme der aktiven Arbeitsmarktpolitik bestand darin, dass die makroökonomischen Rahmenbedingungen (Strukturwandel, Rationalisierung, Wachstumsschwäche etc.) ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitskraftangebot und -nachfrage produzieren, weshalb die staatliche Arbeitsförderung als Kern einer beschäftigungspolitischen Strategie durch entsprechende Maßnahmen (Weiterbildung und Umschulung der Arbeitslosen, Lohnkostenzuschüsse an Unternehmen etc.) steuernd bzw. korrigierend in den Arbeitsmarkt eingreifen muss.

Dies sollte vor allem die Angebotsbedingungen der Arbeitsuchenden verbessern, die als lohnabhängig Beschäftigte eben alternativlos darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt anbieten zu müssen. Damit war unterstellt, dass die Arbeitslosigkeit einen Zustand darstellte, auf den Arbeitslose mit eigenen Mitteln nur sehr begrenzt einwirken konnten, besonders dann, wenn ihr Angebot wie in den letzten Jahren nicht auf entsprechend einstellungswillige Unternehmen trifft, wie es die Zahlen einer persistenten Massenarbeitslosigkeit belegen. Zur arbeitsmarktpolitischen Aktivität war demnach vorrangig der Staat aufgerufen: er sollte die Bedingungen für mehr Beschäftigung durch sozial- bzw. arbeitsmarktpolitische Eingriffe wiederherstellen (Leitziel eines "Schaffung eines hohen Beschäftigungsstandes" im AFG, später sukzessive abgemildert bis zur "Herstellung eines Gleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt" im SGB III). Dass hieß allerdings schon damals nicht, dass Arbeitslose nicht aktiv, ggf. auch unter der Androhung von Leistungskürzungen ("Sperrzeiten") dabei "mitwirken" mussten wieder in Arbeit zu kommen.

Sie waren aber als von Arbeitslosigkeit Betroffene nicht quasi persönlich hauptverantwortlich für die Beseitigung dieses Zustandes wie es mit den Vorschlägen der "Hartz-Kommission" explizit zur neuen Leitlinie der Arbeitsförderung erhoben wurde: "Eigenaktivitäten auslösen - Sicherheit einlösen: Die Arbeitsförderungspolitik wird im Sinne einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik umgebaut. Im Zentrum steht die eigene Integrationsleistung der Arbeitslosen, die durch das Dienstleistungs- und Förderangebot der Arbeitsförderung abgesichert wird" (Kommissionsbericht 2002, S. 19). "Aktivierung" der Arbeitslosen ist schließlich nur dann nötig, wenn man unterstellt, dass diese sich bisher zu passiv verhalten hätten und damit ihre Arbeitslosigkeit wenn auch nicht selbst verursachen, so doch nicht genügend Aktivitäten entwickeln, sie schnellst möglich wieder zu beenden wie es auch die politisch Verantwortlichen in der Schweiz als sozialpolitisches Leitziel formulierten: "Bei der Revision, so der einstige Koordinator der RAV beim SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft), habe man sich gesagt, "man will nicht, dass einfach Arbeitslosenentschädigungen bezogen werden können, sondern dass der Bezug auf dem Prinzip Leistung - Gegenleistung basiert". Unter "Gegenleistung" werden hier nicht die Beiträge verstanden, die bei unselbstständiger Erwerbstätigkeit einbezahlt werden müssen, sondern die Bemühungen arbeitsloser Personen um die Verbesserung ihrer Vermittlungsfähigkeit." (S.181).

Umgekehrt ist insofern selbstverständlich vorausgesetzt, dass Arbeitslose die Bedingungen für die Reintegration in den Arbeitsmarkt vornehmlich an sich selbst herzustellen hätten, auch wenn sie die Arbeitsplätze, auf die sie dabei existenziell angewiesen sind, aus eigenen Kräften gar nicht schaffen können. Damit wird das Problem Arbeitslosigkeit zugleich konsequent auf die mikroökonomische Ebene verlagert und dabei sehr einseitig in die Person des Arbeitslosen, sein Wollen bzw. seine Motivation verlegt, weshalb "aktivierende Arbeitsmarktpolitik" folgerichtig vornehmlich an der Verhaltensänderung der Arbeitslosen ansetzt: "Die zugrunde liegende Überlegung ist verführerisch einfach: Wird der Leistungsbezug bei der Arbeitslosenversicherung an aktivierungspolitische Maßnahmen gekoppelt, dann werden diejenigen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf Erstere angewiesen sind, eher gewillt sein, sich Letzteren zu unterziehen." (S. 15).

Der sachlich unzulässige, dabei gleichwohl sozialpolitisch praktizierte Umkehrschluss lautet an dieser Stelle: Weil der einzelne Arbeitslose ganz persönlich ein Problem mit der Arbeitslosigkeit hat, stellt er (bzw. seine Persönlichkeit) insofern auch das wesentliche Problem dar. In dieser individualisierende Sichtweise müssen sich die Betroffenen ihre Arbeitslosigkeit folglich als Mangel zuschreiben lassen. Zugleich werden sie damit zu "Verantwortlichen", i. S. eines "blame the victim", letztlich zu "Schuldigen" an einer Lage, die sie nicht zu verantworten haben, weil diese an ihnen hergestellt wurde - schließlich haben sie sich nicht selbst entlassen.

Intention und Ziele der Untersuchung

Insofern erklärt sich, dass im Rahmen der Reorganisation der Arbeitsförderung dem Beratungs- und Vermittlungsprozess und seiner "aktivierenden Umgestaltung" größte Aufmerksamkeit zukommt. Diese bildet sich in der Forschung allerdings nicht adäquat ab. Den konkreten Umständen ihrer Umsetzung und den Auswirkungen auf die unmittelbar Beteiligten wurde seitens der Wissenschaft bisher relativ wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Die hier besprochene Untersuchung stellt einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke dar.

Durch die Reform der Institutionen und der Abläufe (in Deutschland: Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im SGB II, Umbau der Bundesanstalt zur "Dienstleistungsagentur", Einrichtung von Job-Centern etc.) sollen damit auf der mikroökonomischen Ebene des unmittelbaren Kontaktes im Rahmen der Beratungs- und Vermittlungsaktivitäten durch direkte Einwirkung auf das arbeitslose Klientel die Probleme gelöst werden, die im Wesentlichen makroökonomisch, d. h. primär gesamtwirtschaftlich bzw. arbeitsmarktlich induziert sind. Dabei ist nicht zu bestreiten, dass die bisherigen Beratungs- und Vermittlungskonzepte und das Dienstleistungsangebot der Arbeitsämter, besonders auch im Interesse der Betroffenen (lange Wartezeiten, fehlende individuelle Betreuung, ggf. Mehrfachverwaltung durch verschiedene Ämter etc.) durchaus verbesserungsbedürftig waren und sind. Unzutreffend ist es allerdings, im defizitären Management der Arbeitsförderung den Hauptgrund für die Arbeitslosigkeit identifizieren zu wollen und in der Umgestaltung im Sinne des Aktivierungsgedankens ein probates Mittel ihrer Beseitigung zu sehen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es die Arbeitsplätze nicht gibt, auf die eine dann optimierte Arbeitsverwaltung ihr Klientel vermitteln könnte.

Von derartigen Überlegungen zeigen sich gängige Aktivierungskonzepte theoretisch wie praktisch allerdings weitgehend unberührt. Sie konzentrieren sich vielmehr darauf, primär auf der Seite der Betroffenen die persönlichen Bedingungen herzustellen, deren angebliches Fehlen einerseits den eigentlichen Grund für ihre Arbeitslosigkeit abgeben soll und die andererseits zugleich als zumindest potenziell vorhanden und damit als aktivierbar, d. h. im gewünschten Sinne veränderbar unterstellt werden. Auf die freiwillige Einsicht und Mitwirkung der Probanden verlässt man sich, als sonst in der sozialen Arbeit selbstverständliche Voraussetzung einer gelingenden Beratung, dabei gleichwohl nicht. Vielmehr bildet die Gleichzeitigkeit von "Beratung und Kontrolle" den integralen Kern einer Praxis, die durch den Dualismus von "Fördern und Fordern" gekennzeichnet ist: "Dasselbe scheint auch für die Reform der Arbeitslosenversicherung in der Schweiz Gültigkeit zu besitzen, welcher die Vorstellung zugrunde liegt, Fehlverhalten lasse sich mittels einer repressiven Sanktionspolitik unterbinden. Dadurch muss in der Vollzugspraxis vereinbart werden, was sich im Grunde nicht vereinbaren lässt: Beratung und Kontrolle." (S. 324).

Es wäre demach zu zeigen, dass es sich hierbei - anders als es die Aktivierungsprotagonisten darstellen - nicht einfach um ein gleichberechtigtes, kooperatives "Geben und Nehmen" i. S. einer Austauschbeziehung auf Gegenseitigkeit handelt, sondern eher darum, dass Leistung und Gegenleistung voneinander abhängig gemacht werden und Unterstützungsleistungen versagt werden, wenn der Hilfesuchende sich nicht willfährig i. S. der Einlösung der an ihn formulierten Ansprüche zeigt. Ebenso wäre zu thematisieren, wie sich die damit verknüpften Anforderungen an die beteiligten Akteure im Einzelnen in der Art und Weise der praktischen Durchführung der Beratung manifestieren. Die Kernfrage, deren Beantwortung sich die Autorin widmet, lautet demnach: "Erhöht diese Politik für diejenigen, deren Arbeitslosigkeit bekämpft werden soll, tatsächlich die Chancen, eine neue Stelle zu finden, oder handelt es sich bei den dabei gestellten Erwartungen vielmehr um eine Zumutung?" (S.16).

Aufbau

Nach der Einführung in den Forschungsgegenstand, die u. a. die Entwicklung der schweizerischen Arbeitsmarkt- und Aktivierungspolitik vor dem Hintergrund ähnlicher Vorhaben in Europa und den USA schildert, widmet sich die Autorin der Beantwortung ihrer Leitfrage in drei Teilen:

  • Im ersten Teil wird das der Studie zugrunde liegende Forschungsdesign vorgestellt (Erläuterung des Beratungsgesprächs als Schlüsselsituation sowie die Art der Datenerhebung und die Darstellung der Ergebnisse). Den methodischen Kern bilden - im Unterschied zum eher quantitativen Vorgehen von Maeder/Nadai im Rahmen einer anderen schweizerischen Studie zum Thema (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/1665.php) - dabei einzelne Fallanalysen bzw. Fallrekonstruktionen, die jeweils detaillierte Analysen von wortgetreuen Ausschnitten aus Beratungsgesprächen enthalten. Diese mikrosoziologische Untersuchungsperspektive wird erst auf der makrosoziologischen Ebene in einen allgemeineren thematischen Zusammenhang gestellt: "Es geht darum herauszufinden, ob sich die heutige Politik der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit im Moment ihre Umsetzung, im Beratungsgespräch bewährt." (S.25);
  • Der zweite und umfassendste Teil widmet sich der staatlichen Bearbeitung von Arbeitslosigkeit. Hier wird eingangs die grundsätzliche Strukturlogik der Beratungspraxis (widersprüchliche Anforderungen an die Praxis; Beratung versus Kontrolle; Behandlung als Kunde etc.) auf Basis einer ersten Fallanalyse entwickelt. Es folgt eine Darstellung der RAV in ihrem historisch-sozialen und regionalen Kontext, ehe die Autorin auf Basis zweier weiterer Fallanalysen die Funktionslogik wohlfahrtsstaatlicher Praxis (formularmäßige Erfassung einer Person; formale versus inhaltsbezogene Kommunikation etc.) erläutert. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem neuen (aktivierenden) Modus sozialstaatlichen Handelns (ideelle Grundlage der "aktiven Arbeitsmarktpolitik"; Verbesserung der Vermittlungsfähigkeit; Mobilitätsanforderungen; Anreizsteuerung und Sanktionsinstrumentarium etc.) in der Arbeitslosenversicherung. Im Rahmen der vier letzten Fallanalysen werden schließlich die typischen Formen von Bewältigungsstrategienthematisiert, wie sie sowohl von den Beratern als auch von den zu Beratenden bei der Bewältigung ihrer Handlungsprobleme im gegebenen Beratungssetting entwickelt werden (müssen);
  • Der abschließende dritte Teil fasst die wesentlichen Untersuchungsergebnisse im Rahmen fallspezifischer Folgerungen zusammen und formuliert schließlich (sozialpolitisch) weiterführende Fragen u. a. zu beabsichtigten und unbeabsichtigten Auswirkungen dieser Beratungspraxis, zu Anforderungen bei der Neugestaltung der Arbeitslosenversicherung und zur Reform der Beratungspraxis.

Diskussion und Bewertung

Die Stärke der Arbeit liegt eindeutig in der Verknüpfung der mikrosoziologischen Ebene des Einzelfalls mit der makrosoziologischen Betrachtung des rechtlichen bzw. institutionellen Settings der RAV. Hier gelingt es der Autorin, die Probleme und Widersprüche eines Verfahrens herauszuarbeiten, das sowohl aufseiten der Berater und Vermittler als auch der hilfesuchenden Arbeitslosen notwendig entsprechende Bewältigungs- bzw. Simulations- und Vermeidungsstrategien hervorbringt.

Sie kann hier überzeugend verdeutlichen wie sich die im Beratungsprozess formulierten Anforderungen in den Kalkulationen der Beteiligten niederschlagen und diese sich dabei notwendig kontraproduktiv auf die zugleich erwünschten und erwarteten Ergebnisse auswirken. Ein Beispiel: "Während die einen (Arbeitslosen M. B.) durchblicken ließen, dass sie die gegenüber dem RAV zu belegende Arbeitssuche als Alibiübung begreifen", sind andere "noch damit beschäftigt zu lernen, welches Verhalten die Behörde diesbezüglich von ihr verlangt." Die Vorschrift, Bewerbungen zu verfassen werde darüber "zu einer lästigen Aufgabe, die, sich allmählich ablösend vom eigenen Interesse an einer Stelle, erledigt werden muss." (S.323). Das spezifische Handlungsproblem der Arbeitslosen besteht danach darin, dass sie glaubhaft machen müssen, die Kontrollvorschriften erfüllt zu haben, sogar, wenn sie diese als einen staatlichen Akt des Misstrauens gegenüber ihrer Person empfinden oder wenn diese dem verfolgten Ziel einer Integration in den Arbeitsmarkt offensichtlich widersprechen. Die Akzeptanz der Vorschriften bedeutet umgekehrt, dass sie sich selbst ohne diese Verpflichtung als nicht fähig oder nicht genug interessiert erachten, eine Stelle zu suchen. Es gilt also, dieses implizite Eingeständnis mit einer Strategie der Selbstdarstellung zu vereinbaren, die es ermöglicht, die Selbstachtung zu wahren (vgl. S.333f.). Umgekehrt sähen sich die Beratenden, denen die Kontrolle obliegt, "vor das Problem gestellt, die Glaubwürdigkeit der rechtlichen Vorschriften zu wahren." (S. 323). Für sie gelte es, "in der Situation zu vereinbaren, was nicht zu vereinbaren ist: die Versicherten gleichermaßen zu beraten und zu kontrollieren. Dieses Handlungsdilemma müssen sie auf eine Art und Weise bewältigen, die es ihnen ermöglicht, sowohl ihre eigene Glaubwürdigkeit wie diejenige der Institution zu wahren." (S.333).

Diese widersprüchliche Konstellation wirke sich letztlich insgesamt negativ auf den Ablauf und die Resultate des Beratungsprozesses aus, weil dadurch die Etablierung eines für die Beratungssituation notwendigen Rahmens verhindert würde, der eine gewisse Offenheit des Gesprächsverlaufs garantieren kann: "Solange die Beratenden darauf bedacht sein müssen, Gesetzesverletzungen zu ahnden, können Sie gar nicht zu den für das Gelingen einer Beratung relevanten Informationen kommen. Die Realisierung einer entsprechenden Absicht würde zwangsläufig bedingen, sich auf das Gegenüber auf einer Art und Weise einzulassen, die Kontrolle verunmöglicht. Sie müssten folglich vom Gesetzesvollzug Abstand nehmen. Wer dagegen kontrollieren will, ist stets darum bemüht, der Gefahr entgegenzuwirken, im Voraus zu strategischen Zwecken eingesetzte allfällige Rechtfertigungen und Ausreden als Gründe für rechtliche Pflichtverletzungen anzuerkennen, noch bevor klar wäre, ob solche vorliegen." (S. 324). Die Autorin resümiert hier zu Recht "ein erstaunliches Ausmaß, in dem die mittels Anreizen zu erreichenden Ziele und deren Wirkungen auseinander klaffen (É) Aus der Verknüpfung des Leistungsbezugs mit Kategorien des Wohlverhaltens resultiert die Rigidität einer bürokratischen Kontrolle, die mit den jeweils sehr spezifischen Situationen der Versicherten auf dem Arbeitsmarkt vielfach in Konflikt gerät." (S.322).

Was den Inhalt eines solchen Beratungsprozesses dann kennzeichnet, ist nicht der Gegensatz von Beratung und Kontrolle, sondern die Ausgestaltung von Beratung als Kontrolle. Bei dieser erfolgt vornehmlich eine Überprüfung des Willens ("Arbeitsmotivation") der Probanden - trotz der faktisch häufig gegebenen Aussichtslosigkeit der Anstrengung - die Arbeitssuche nicht aufzugeben und diese Bereitschaft auch und gerade dann zu demonstrieren, wenn sie permanent enttäuscht wird. Für die deutsche Reformdiskussion wurde insofern zutreffend darauf hingewiesen, dass sich "das Mantra vom "Fördern und Fordern" im innerpolitischen Diskurs auf die implizite Aussage (verkürzt), dass die Förderung eben in den verschärften Anforderungen an Arbeitslose bestehe - das Fordern ist schon das Fördern." (M.Knuth, S.185; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/2793.php). Beratung ist damit in Kontrolle aufgelöst, weil es vorrangig bzw. nur mehr um die Beaufsichtigung und Begutachtung der Motivationshaltung der Arbeitslosen geht, deren Mängel wie erläutert den wesentlichen Grund für Arbeitslosigkeit abgeben sollen. Die von der Autorin an den Einzelfällen detailliert und ausführlich geschilderten typischen Folgen für die Ausgestaltung des Beratungsprozesses und die darüber zu erzielenden Ergebnisse bilden diesen Widerspruch dann nur praktisch ab.

Derartige Resultate basieren damit gerade nicht primär auf einer mangelhaften Umsetzung und Ausführung ("handwerkliche Fehler", "Organisationsmängel" etc.), sondern auf den sich grundsätzlich ausschließenden Ansprüchen von "Beratung und Kontrolle" im Rahmen einer "aktivierenden Arbeitsmarktpolitik". Diese inhaltliche Widersprüchlichkeit wird im Übrigen auch durch aktuelle und zukünftige "Optimierungsgesetze" im Bereich der Arbeitsförderung nicht zu beseitigen sein, was nicht bedeutet, dass der Prozess insgesamt i. S. des angestrebten Ziels effektiver gestaltet wird.

Wie oben dargestellt vertritt auch die Autorin die Ansicht, dass Beratung und Kontrolle einerseits in der Vollzugspraxis miteinander vereinbart werden müssen, sie sich zugleich wegen der Widersprüchlichkeit der inhaltlichen Anforderungen aber nicht vereinbaren lassen. Umso bemerkenswerter erscheint es vor diesem Hintergrund, dass sie diese Strukturen und Prozesse trotzdem an sich für reformfähig hält. So führt sie im Schlusskapitel ihres Buches an, dass eine Verbesserung (erst) dann zu erreichen wäre, "wenn die Disziplinierungsfunktion von der Beratung abgekoppelt würde und dadurch die Versicherten nicht mehr zu einem strategischen Spiel gezwungen wären (É) Die Entkopplung des Vollzugs von der Beratung wäre zudem strukturelle Voraussetzung für ein echtes Arbeitsbündnis zwischen Beratern und Versicherten, auf dessen Grundlage tatsächlich etwas erreicht werden könnte". (S. 355).

Sie fällt damit wieder hinter den schon erreichten Stand ihrer Untersuchung zurück, worin zugleich die Schwäche der Arbeitbesteht. Denn entweder begründen sich die beschriebenen gegenläufigen Handlungs- und Verhaltensmuster bei den Beteiligten in der von ihr zutreffend analysierten Logik der widersprüchlichen Anforderungen des Aktivierungsgedankens. Dann stellt das entsprechende Verwaltungs- und Kontrollregime aber nur ihren Ausdruck dar, woran auch eine personelle Trennung von Beratung und Kontrolle nichts ändert. Oder es handelt sich um ein auf der organisatorischen Ebene zu lösendes Problem des Handlings, also der sachgemäßeren Aufteilung bzw. Gewichtung von Beratungs- und Kontrollkompetenzen. Damit würde man allerdings die manifesten, der Beratungssituation zugrunde liegenden und von der Autorin selbst eingehend dargestellten Interessengegensätze leugnen, die es gerade immer verhindern, dass es zu einem "echten Arbeitsbündnis" zwischen den Beteiligten kommen kann.

In der Realität nicht nur der deutschen Arbeitsförderung wird im Übrigen gerade das Gegenteil dessen verwirklicht, was die Autorin als Verbesserung vorschlägt. Die anspruchsvolle Anforderung an den Casemanager in der Beschäftigungsförderung besteht nämlich darin, dass dieser seine Arbeitsfelder in der widersprüchlichen Einheit des "Helfers" und "Kontrolleurs" zu organisieren hat. In der Personalunion von "teacher, preacher, friend and cop" soll er in der Arbeit am Einzelfall somit Beratung und Kontrolle miteinander in Einklang bringen.

Fazit

Unabhängig von dieser argumentativen Inkonsequenz leistet der Titel einen wichtigen Beitrag zur Analyse der Auswirkungen "aktivierender" arbeitsfördernder Ziele und Organisationsstrukturen auf die Handlungsmotivationen und -strategien der Betroffenen. Insofern ist das auch von seinem Aufbau und seiner sprachlichen Darstellung her gut lesbare Buch nicht nur wissenschaftlich Interessierte, sondern auch für diejenigen ein Gewinn, die unmittelbar mit den Anforderungen von Beratungs- und Vermittlungsprozessen im Rahmen einer "aktivierenden Arbeitsmarktpolitik" konfrontiert sind.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 11.07.2006 zu: Chantal Magnin: Beratung und Kontrolle. Widersprüche in der staatlichen Bearbeitung von Arbeitslosigkeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2005. ISBN 978-3-03-777027-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2856.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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