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Barbara Prainsack, Mirjam Pot (Hrsg.): Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft

Rezensiert von Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt, 05.09.2022

Cover Barbara Prainsack, Mirjam Pot (Hrsg.): Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft ISBN 978-3-8252-5584-8

Barbara Prainsack, Mirjam Pot (Hrsg.): Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft. UTB (Stuttgart) 2021. 232 Seiten. ISBN 978-3-8252-5584-8. D: 23,90 EUR, A: 24,60 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Das Buch ist eine lehrbuchartige Einführung in die qualitativen und interpretativen Methoden in der Politikwissenschaft, auch „für Studierende der Politikwissenschaft, die noch keine Erfahrung mit qualitativen Methoden gemacht haben.“ Und: „Es dient neben einer generellen Einführung in die Thematik als Handreiche zur Durchführung studentischer Forschungsprojekte.“ (S. 9)

Herausgeber:innen

Barbara Praisack lehrt und forscht als Professorin für vergleichende Politikfeldanalyse und Qualitative Methoden am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, Mirjam Pot ist Universitätsassistentin und Dissertantin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Auf den S. 230–232 wird das vollständige (internationale) AutorInnen-Team vorgestellt.

Entstehungshintergrund

Bei den Danksagungen (S. 10) werden einige gemeinsame Jahre von Barbara Prainsack und Karen Lawton (Universität Sussex) am King’s College in London angedeutet. Ansonsten kann man zwischen den Zeilen lesen, dass es hier primär um ein einführendes lehrbuchartiges Werk geht, aus der Lehre heraus für die Lehre unter Einbindung der Studierenden.

Aufbau

Das Buch folgt (so S. 9) „in seinem Aufbau den Phasen eines empirischen Forschungsprojektes“. Es geht dabei um die Problematisierung der Adäquanz (Passung) von Forschungsfragestellung und Methodenwahl, um forschungsethische Fragen und sodann um die beiden Phasen der Datenerhebung und der Datenanalyse, schließlich um die Verschriftlichung. Mit Fokus auf interpretative Methoden geht es sowohl um klassische wie, mitunter als Fortentwicklung der Klassik, um innovative neuere Methoden (S. 9).

Der Fokus auf ein interpretatives Paradigma und – wie in der Inhaltsdarlegung und in der Diskussion der vorliegenden Besprechung gleich deutlich wird – die Notwendigkeit, eine methodische Handwerkslehre auch theoretisch und metatheoretisch zu fundieren, wird bereits im Vorwort angesprochen (S. 9–10).

Inhalt

Somit wird – die eben erwähnte (meta-)theoretische Fundierung aufgreifend – in die Logik qualitativer Forschung eingeführt. Das Buch beginnt (vgl. dort Kapitel 1.1) mit der Frage, wozu man überhaupt Methoden braucht. Die Antwort ist letztendlich einfach: Weil Erkenntnis nur möglich ist mit einer strukturierten regelgeleiteten Art und Weise des Weltzuganges. Doch (Kapitel 1.2) die jeweiligen Forschungsinteressen entscheiden darüber, ob man qualitative oder quantitativen Methoden nutzen soll. Man kann, soll und muss sich interessieren über die Häufigkeit und Verteilung von Konstruktvariablen und ihren Zusammenhängen in der Gesellschaft, wobei die Individuen dieser Population als Merkmalsträger in Bezug auf die Konstruktvariablen fungieren. Aber qualitative Methoden zentrieren sich auf die Bedeutungen von Phänomenen in der Vorstellungswelt der Individuen.

Insofern wird der Sinn des zunächst seltsam anmutenden Titels des Buches verständlicher, weil von qualitativen und interpretativen Methoden die Rede ist. Die Interpretation ist eine qualitative Methode, aber nicht alle qualitativen Methoden sind interpretativer Art.

Das Buch fokussiert nun (mit Bezug auf die Ethnographie der Beobachtung in Kapitel 5, auf dem Einzelinterview in Kapitel 6 und auf die Fokusgruppe in Kapitel 7) auf die Grounded Theory (Kapitel 9).

In der Regel (Kapitel 1.3) gehen quantitative Studien deduktiv, qualitative Studien induktiv vor, doch gibt es auch Ausnahmen (S. 21). Vor allem sind Deduktion und Induktion mit Blick auf allgemeine Theorie und spezielle Empirie als Kreislauf zu verstehen (S. 19). Während quantitative Studien in Bezug auf die Hypothesen ihrer Theorie messen und testen, gehen qualitative Studien im Kern interpretativ vor, ihre Daten sind nicht Zahlen, sondern Texte und Bilder (wobei hier semiotisch angemerkt werden muss: Bilder sind Texte: vgl. auch Kapitel 11 zu „Visuelle Methoden: Bildtypenanalyse und visuelle Kontextanalyse“).

Interpretative Forschung (vgl. in Kapitel 1.2) will die Phänomene „in ihrer ‚Tiefe‘ verstehen“ (S. 17) und „Einsichten in Dynamiken, Deutungsmuster oder Ursachen für (…) Handeln“ gewinnen. Und vor diesem Hintergrund wird in Kapitel 1.4 eine fundamentale Schlüsselthematik aufgegriffen, nämlich die „Ontologie und Epistemologie qualitativer Methoden“.

Es geht dem Buch demnach – auch bzw. zugleich neben einer einführenden Methodenhandwerkslehre – um die Epistemologie und Ontologie qualitativer Forschung. Es geht um Annahmen über die Beschaffenheit der Welt als Sein, und über die Frage, wie wir „etwas über diese Welt wissen können“ (S. 21): „Dabei handelt es sich um philosophische Fragen, weil es keine empirisch überprüfbaren Antworten über sie gibt.“ (S. 21) Hierbei spielt insbesondere die konstruktivistische Perspektive eine Rolle: Soziale Wirklichkeit wird über Praktiken und Bedeutungsbildungen hergestellt (S. 22).

Dies wiederum setzt einen Realismus des Gegenstandes (die Welt) voraus: Die Welt ist real und nicht „erfunden“. Unmittelbaren Zugang zu Erkenntnissen über Praktiken der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit und den Bedeutungsbildungen haben wir jedoch nicht, sondern müssen diesen Zugang über ein interpretatives Verstehen erlangen. Dabei geht es nicht um reine subjektive Bedeutungen (als Sinnzusammenhänge), sondern um sozialtypische Muster.

Es geht nicht um Kausalität (zwischen X und Y), sondern um das auf die Bedeutungsbildungen als Sinnzusammenhänge abstellende Verstehen des »Warum« über das »Wie« des Handelns. Wir könnten hier auch auf ein »Wieso« fokussieren, in dem sich das Wie und das Warum verdichten: Eine Geschichte wird nacherzählt. Der ganze sozio-genetische Zusammenhang (wie in der Kontext-abhängigen Bibel-Exegese: S. 39) eines subjektiven Ausdruckssinns muss mit Blick auf die objektiven – oftmals unbewusst bleibenden – Bedeutungen rekonstruiert werden (vgl. in Kapitel 2.3). Die sich ständig erweiternden Kreise einbezogener Kontexte folgt der Logik des „hermeneutischen Kreises“ (S. 40).

Diskussion

Das Buch ist im Kern eine Interpretation der Interpretation der Methode der Interpretation. Es wird deutlich, dass es hier um eine praxeologische Hermeneutik handelt. Doch geht es nicht nur um die Hermeneutik eines subjektiven Bedeutungssinns (S. 43), sondern um Rekonstruktion diskursiver Bedeutungen im Kontext eines „Rahmenwerkes“ eines Feldes im Lichte der genealogischen Methode von Michel Foucault (S. 44).

Man könnte hier auch sagen: Es muss verstanden werden, wie das Handeln eingebettet ist in historisch gewordene, codierte und codierende institutionelle Settings, in die die Subjekte eingelassen sind. Man könnte an diesem Punkt auch sagen: Der Konstruktivismus der performativen Akte subjektiv sinnhaften Handelns muss mit Blick auf die zugrundeliegenden generativen Mechanismen rekonstruiert werden. Wir wollen dies mit dem paradoxial anmutenden Begriff der »generierten Generativität« bezeichnen. In dem sich die Struktur als Kon-Texte in die Subjektivität des Subjekts (als Subjektivierungsform) einschreibt, beruhen alle performative Praktiken, die Wirklichkeit generieren, auf diesen Drehbüchern, die sich als Skripte in die Subjekte eingefaltet haben.

Man wird dieses Problem der »generierten Generativität« mit Blick auf das fundamentale ontologische Problem der Relation verstehen lernen müssen. Bei der Relation geht es um das Verhältnis von Hervorbringendem und Hervorgebrachtem. Was wir das berühmte Henne-Ei-Problem klingt, das ist das Problem des Doppelcharakters der Form zwischen Generativität und Expressivität: Die Form bringt einen Inhalt zum Ausdruck, wobei der Ausdruck in seiner Gestaltqualität eine Form ist.

Betont werden muss, dass wir hier eine Interpretation der Interpretation der Interpretationsmethodologie bei Barbara Prainsack & Mirjam Pot u.a. vorlegen. Zu unserer Rezeptionsweise passt aber, dass dort in Kapitel 10 aus der Konstruktivistischen Grounded Theory ein Übergang zur Situationsanalyse in der Tradition von Adele Clarke skizziert wird. Damit wird ein »Mapping« in die Feldanalyse eingeführt, wobei es um „Situationskarten“, um „Karten der sozialen Welt und Arenen“ und um „Positionskarten“ geht (S. 164).

In ontologisch relevanter Weise können die Phänomene in ihren Relationen Struktur-bildend geordnet werden. Sodann können Machtverhältnisse rekonstruiert werden. Die relationale Struktur von Positionen können sodann überleiten zur einer Analyse der Diskurslandschaft des Feldes (dazu dann auch Kapitel 12 „Diskurse analysieren“). Für unsere Interpretation dieser Ausführungen ist die Perspektive wichtig, dass sich hier eine relationale Rekonstruktionsmethode abzeichnet, die eine Hermeneutik in strukturale Feldanalysen einfügt: 1) Die Situationsanalyse verknüpft Diskursordnungen und soziales Handeln und verschiedenste Textsorten und die geschichtlichen Kontexte als konfigurative Konstellationen der Phänomene zu »dichten« rekonstruktiven Analysen. 2) Situations-Landkarten erarbeiten die Beziehungen zwischen den Elementen aller Art. Landschaftskarten von sozialen Welten oder Arenen veranschaulichen kollektive Akteure und die diskursiven Arenen ihres Engagements. 3) Positions-Landkarten legen die positionale Struktur als Figuration des Feldes dar.

Damit sind wir auf einer Spur des Strukturalismus in der Tiefe des Buches. Was haben wir dazu hier in diesem Diskussionsabschnitt eigentlich gemacht? Wir haben Teile eines Lehrbuches teils textnah, teils in eigener, transformativer Sprache aufgegriffen und rekonstruiert, wie es in unserem Verständnis einer »struk-jektiven Hermeneutik« als Synthese von Hermeneutik und Strukturalismus auf der Grundlage einer Ontologie der Relationen von Feldern passend sich einfügen lassen mag.

Damit meinen wir, eine Spur in der Sequenz der Kapitel entdeckt zu haben. Den objektiven Bedeutungszusammenhang subjektiven Sinns individueller Handlungen verstehend zu rekonstruieren, bedarf einer Einbettung in eine Feldanalyse.

Das Feld ist nun immer als Raum sozialer Machtverhältnisse organisiert, deren Ordnung diskursiver Art ist, die als dispositive Ordnungen verstanden müssen: Wissensformen und ihre klassifizierenden Codierungen, Akteure, Praktiken, Institutionen, Rechtsregime bis hin zu epochalen Weltbildern stellen ein Gewebe (ein Netz von Elementen, die sich zu einer Formation fügen) dar, eine relationale Struktur, aus der heraus das de-zentrierte Subjekt in seiner vergesellschafteten Art und Weise seiner Daseinsführung (im Rahmen seiner »Lebensformen«) rekonstruktiv zu verstehen ist. Soziales Handeln folgt also den Regeln (dem Regulationsregime) einer Dispositivordnung.

Fazit

Es liegt ein kleines einführendes, schlankes und elegantes Lehrbuch über qualitative Methoden in der Politikwissenschaft (im Schnittbereich zur Kulturwissenschaft) vor, das bei aller handwerklicher Orientierung im Kontext der im Vorwort dargelegten Zielsetzung und der Zielgruppen zugleich in der Lage ist, ansatzweise epistemologisch die ontologischen Voraussetzungen der qualitativen Forschung zu explizieren.

Didaktisch gut gestaltet (Definitionen, Lernfragen, Literatur, weiterführende Literatur etc.) und in anregendem Design (Schaubilder, Fotos) ist das vorliegende Buch empfehlenswert, nicht nur als Einführung in die qualitative Sozialforschung im Kontext der Politikwissenschaften, sondern, weil Politikwissenschaft Teil einer inter- oder multidisziplinären Sozialwissenschaft mit Überschneidungen mit einer disziplinär allerdings mit Blick auf ihre Identitätsbestimmung im System der Wissenschaften auch kontrovers disputierten Kulturwissenschaft ist, auch u.a. für die Soziologie und Sozialpsychologie.

Rezension von
Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt
Univ.-Prof. für Sozialpolitik, qualitative Sozialforschung und Genossenschaftswesen an der Universität zu Köln, Hon.-Prof. für Sozialökonomie der Pflege an der PTH Vallendar, Kuratur des KDA
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Es gibt 5 Rezensionen von Frank Schulz-Nieswandt.

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Zitiervorschlag
Frank Schulz-Nieswandt. Rezension vom 05.09.2022 zu: Barbara Prainsack, Mirjam Pot (Hrsg.): Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5584-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28561.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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