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Max Fuchs: Pädagogik, Diskriminierung und kulturelle Bildung

Cover Max Fuchs: Pädagogik, Diskriminierung und kulturelle Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Historische und systematische Analysen aus der Perspektive einer Kritischen Kulturpädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2021. 279 Seiten. ISBN 978-3-96848-022-0. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thematischer Hintergrund

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Themen Rassismus und Diskriminierung aus politischer und pädagogischer Analyseperspektive. Schwerpunkte sind theoretische Grundlagen und entsprechende Forschungsansätze wobei das weit gefasste Begriffsfeld auch Kolonialismus, Sklaverei und Migration als Zivilisationsbrüche einschließt. Diese Zivilisationsbrüche verdeutlichen u.a. die dringende Notwendigkeit der internationalen Menschenrechte, die in ihrer historischen und philosophischen Genese dargestellt werden. Diese Notwendigkeit führt auch zu einer neuen Begründung und Ausrichtung der Kulturpädagogik und der Kulturellen Bildung. Die Einleitung beschreibt das für die Analyse relevante Begriffsfeld und leistet eine Vorstrukturierung. In der Folge gliedert sich der Band in vier Teile:

  1. Der normative Rahmen: Menschenwürde und die soziale und liberale Demokratie als Lebensform.
  2. Zivilisationsbrüche als Erblast der westlichen Moderne.
  3. Zur aktuellen Kritik an der Gesellschaft und die Kritik an der westlichen Moderne.
  4. Pädagogik in der Einwanderungsgesellschaft.

Im Folgenden werden einige Aspekte aus den genannten Teilen in die Rezension eingebunden.

Autor

Professor Dr. Max Fuchs ist Akademiedirektor i.R. und Professor an der Universität Duisburg-Essen, Institut für Pädagogik.

Inhalt

Teil 1 – Der normative Rahmen: Menschenwürde und die soziale und liberale Demokratie als Lebensform

Zunächst wird die Verletzlichkeit des Menschen thematisiert und auf die damit zusammenhängende Entwicklung der Bürger- und Menschenrechte verwiesen. In einem Bezug zu anthropologischen Grundlagen und zu den Arbeiten von Martha Nussbaum wird das selbstbestimmte Leben und die Würde des Menschen herausgearbeitet. Ein selbstbestimmtes und gutes Leben ist allerdings unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt. Der Autor erinnert hier an Gewalt, die u.a. körperliche Integrität beeinträchtigt. Weiterhin wird auf die Beeinträchtigung der geistigen Integrität verwiesen u.a. durch Medien und Strategien der Manipulation. Dies sind zugleich Angriffe auf die Menschlichkeit und Würde des Menschen. Die dritte Gefahr besteht in der Verabsolutierung des Individuums und die damit einhergehend Vernachlässigung sozialer Kontexte und damit den Ausschluss von Teilhabe, Anerkennung und Wertschätzung. Aus den genannten Gründen bzw. Gefahren „haben sich im Laufe der Geschichte Schutz-, Teilnahme – und Teilhaberechte als sogenannte Bürger- und Menschenrechte entwickelt“ (S. 27).

Im letzten Kapitel des ersten Teils setzt sich Fuchs mit der Genese und Begründung der Menschenrechte auseinander. So entstehen diese Rechte u.a. „als Reaktion auf Erfahrung des Unrechts“ (S. 29). Zentrale Begriffe der Menschenrechte wie z.B. Menschenwürde haben auch eine weitreichende ideengeschichtliche Tradition. Weitere Bezüge zu differenzierten Begründungsideen und Begründungskonzepten werden diskutiert und die Universalität dieser Rechte analysiert. Ein entscheidendes Datum in der Entwicklung der Menschenrechte ist der 10. Dezember 1948 an dem die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beschlossen hat. Auch auf Folgeentwicklungen wird eingegangen wie z.B. die dritte Generation der Menschenrechte bezüglich der Situation in Entwicklungsländern. Dieses Kapitel endet mit einer Betrachtung von Menschenrechten und Grundrechten, wobei Menschenrechte in Grundrechte einfließen, wenn sie in nationalen Verfassungen vorfindlich sind und damit einklagbar werden.

Teil 2 – Zivilisationsbrüche als Erblast der westlichen Moderne

Dieser Teil besteht aus den vier Kapiteln Rassismus, Kolonialismus, Sklaverei und Migration. Diese Kapitel stehen in einem engen Zusammenhang und im Folgenden wird auf das Kapitel Rassismus näher eingegangen. Diskutiert wird eine Vielzahl von Theorien und Erklärungskonzepten zum Rassismus in seiner Entstehung, seiner Entwicklung und seinen gegenwärtigen Ausformungen. Dazu gehört, um ein Beispiel zu nennen, die kritische Weißseinsforschung. Kritische Hinweise finden sich zu Modernisierungstheorien, die einen allgemeinen Entwicklungspfad für Länder und Kulturen festlegen wollten. Ebenso wird darauf hingewiesen, dass Wissenschaftsdisziplinen von entwickelten Gesellschaften in den Sozialwissenschaften sprechen aber unterentwickelte Gesellschaften der Völkerkunde zugeordnet werden. Sprachliche Manifestationen des Rassismus‘ sind also nicht nur alltagssprachlich vorfindlich, sondern auch im Bereich der Wissenschaften. Vertiefend wird auch auf die Schriften des afrikanischen Philosophen Achille Mbembe eingegangen. Insgesamt wird ein komplexes Bild gezeichnet von unterschiedlichen Rassismusdefinitionen, einschlägigen rassistischen Ideologien, historischen Bezügen und den daraus entstehenden Kontroversen.

Teil 3 – Zur aktuellen Kritik an der Gesellschaft und die Kritik an der westlichen Moderne

Zunächst wird eine Mängel- bzw. Problemliste dargestellt, die sich aus der Analyse gesellschaftlicher Bedingungen und Zustände ergibt. In Anlehnung an Talcott Parsons werden die gesellschaftlichen Subsysteme Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft und Kultur untersucht und auf dortige Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht. Für das Subsystem Gemeinschaft wird z.B. die Frage erörtert was die Gesellschaft auseinander treibt, was sozialen Zusammenhalt gefährdet und wie eine Suche nach Gemeinschaft aussehen könnte. In diesem Sinne wird für die einzelnen Subsysteme jeweils auf destruktive und produktive Tendenzen verwiesen. Es folgt ein Einblick in die philosophischen Grundlagen und die gesellschaftliche Entwicklung der Moderne einschließlich der dazu vorhandenen Kritik, herausgearbeitet wird so eine „Pathologie der Moderne“ (z.B. Kapitalismus, Entfremdung). In einem Unterabschnitt wird der philosophische und politische Liberalismus sowie eine antiliberale Kritik beschrieben. In der Folge werden Eigentum und Menschenrechte verhandelt. „Ungleichheit und Diskriminierung“ ist der Titel eines weiteren Kapitels. Diskriminierung wird darin verstanden als eine Unterscheidung, die mit einer ungleichen Bewertung und Behandlung verbunden ist. Hingewiesen wird auf eine positive Diskriminierung z.B. bei der Kompensation von Benachteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Hervorgehoben werden institutionelle, auf Organisationen bezogene sowie strukturelle Diskriminierungen in der Gesellschaft. Klasse, Geschlecht und Ethnizität werden als „Achsen der Ungleichheit“ interpretiert.

Im letzten Kapitel des dritten Teils richtet der Autor seine Aufmerksamkeit auf das Thema „Wissen und ‚epistemische Gewalt‘ “. Wissen in diesem Sinne kann auch ein Herrschaftsinstrument sein. Beispiele dafür sind für Fuchs der Logozentrismus (Überbetonung des Verstandesgemäßen gegenüber dem Emotionalen), der Eurozentrismus einschließlich Aspekte der Aufklärung sowie universalistische Gleichmacherei, die kulturellen Eigensinn von Gesellschaften beeinträchtigt. Eine differenzierte Abwägung geschieht auch mit der Hinwendung zu aktuellen Auseinandersetzungen, z.B. im Rahmen der Frage nach rassistischen Eintragungen bei Immanuel Kant. Dies führt zu postkolonialen Forschungsansätzen, Theorien und Kontroversen. Das Kapitel schließt mit einem Spektrum an Äußerungen zu Wissensformen: (Punkt 1) „Der Mensch braucht alle Wissensformen und er verwendet sie ständig“ (S. 185) oder (Punkt 5) „Keine Wissensform kann durch eine andere ersetzt werden, keine Wissensform ist verzichtbar“ (ebd.).

Teil 4 – Pädagogik in der Einwanderungsgesellschaft

„Bildung hat also das Ziel der Stärkung des Individuums in seinem sozialen Kontext […]“ (S. 194). Damit ist auch die Verteidigung der Lebenswelt gemeint gegenüber den Kolonialisierungsvorhaben seitens der Systemlogik der Ökonomie. In dieser, auf Jürgen Habermas zurück zuführenden, Argumentation erhält das Subsystem Kultur eine gesellschaftskritische Funktion. Deshalb, so der Autor, stehen auch Wissenschaft und Künste unter dem Schutz der Menschenrechte. Dies betrifft ebenso die Bildungsziele Selbstbestimmung und Mündigkeit. Zuständig hierfür ist die Schule wie auch außerschulische non-formale Lernprozesse, wie sie in der Kinder- und Jugendarbeit zu finden sind. Gerade Prinzipien außerschulischer Pädagogik in die auf formale Lernprozesse ausgerichtete Schule einzuführen, wäre die Aufgabe einer Kulturschule mit einer entsprechenden ästhetischen Praxis.

Es folgt in diesem Teil dann eine Erörterung des Begriffsfeldes Differenz und Identität mit Bezug zu einer Pädagogik der Vielfalt und dort vorfindlichen Konzepten von Diversity und Intersektionalität. Auf diesen Hintergründen wird schließlich die Frage formuliert „Was ist (kulturelle) Bildung?“. Kulturelle Bildung ist Allgemeinbildung als Entwicklung der Persönlichkeit einschließlich entsprechender Selbst- und Weltverhältnissen allerdings mit anderen Arbeitsmethoden. Die Begründung für Allgemeinbildung wird dabei, nach begriffsgeschichtlichen Erörterungen, aus den Menschenrechten und entsprechenden internationalen Konventionen abgeleitet. Das dortige Menschenbild befindet sich sowohl in den Schulgesetzen wie auch im Kinder- Jugendhilfegesetz. Deshalb ist „Kulturelle Bildung ein Menschenrecht“ (S. 226). Handlungsprinzipien sind in der kulturellen Bildung u.a. Partizipation, Anerkennung, Wertschätzung, Lebensweltorientierung und die Kultivierung von Wahrnehmung und Ganzheitlichkeit. Ein Ort kultureller Bildung ist die Kulturschule deren Konzept skizziert wird.

Der interkulturellen Pädagogik wird ein eigens Kapitel gewidmet und der Umgang mit Differenz und Vielfalt anhand der in Deutschland vorfindlichen Konzeptionen verhandelt. Im Schlusskapitel des vierten Teils wird noch einmal darauf verwiesen, dass Politik und Pädagogik zwei Seiten der selben Medaille sind. Deshalb ist die gesellschaftliche Einbettung dieser Pädagogik stets zu berücksichtigen. Dies bedeutet vornehmlich, Differenz und Diskriminierung in (kultur-) pädagogischen Konzeptionen zu verankern. Dieses Kapitel schließt mit umfangreichen Hinweisen auf den bekannten „Index der Inklusion“.

Diskussion

Der vorgelegte Band zeichnet sich durch eine hohe Komplexität aus und sich daraus ergibt sich ein nicht mühelos zu lesender Text. Deshalb wäre eine entsprechende Reduktion der zahlreichen verästelten Argumentationen wünschenswert gewesen. Ein derart weitgefächertes Themengebiet zu bearbeiten und entsprechende Zusammenhänge herzustellen ist allerdings ein mutiges Unterfangen. Das von Fuchs präsentierte umfangreiche Material führt zunächst zu einer gewissen Desillusionierung was Idealisierungen in der Moderne betrifft (Zivilisationsbrüche). Gerade deshalb auf Menschenrechte als Basis pädagogischer Prinzipien zu setzen ist ein beachtliches Ergebnis der Untersuchung. Denn Bildung wird in einen unmittelbaren und intensiven Begründungszusammenhang mit den Menschenrechten gestellt. Diese besondere und wichtige Perspektive führt allerdings nicht zu einer Neuformulierung eines Bildungsbegriffes, vielmehr wird weitgehend der bekannte sogenannte erweiterte Bildungsbegriff durch die vorgelegten Analysen bestätigt und präzisiert.

Es fällt auf, dass zwar auf Theorien und Forschungsansätze sehr umfassend eingegangen wird, allerdings empirische Belege ausgespart bleiben. Möglicherweise hängt diese Lücke damit zusammen, dass der Autor empirisch-quantitatives Vorgehen in der Forschung nicht sonderlich schätzt und das Konzept der Evidenzbasierung kritisiert (S. 152).

Fazit

Dieser Band bringt Kulturelle Bildung in einen engen Begründungszusammenhang mit den Menschenrechten. Angesichts verblassender Ideale der Moderne, einhergehend mit Zivilisationsbrüchen wie Rassismus und Diskriminierung, ist diese Legitimation von Kulturpädagogik und Kultureller Bildung ein wertvoller Beitrag in der aktuellen Bildungsdiskussion.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 06.08.2021 zu: Max Fuchs: Pädagogik, Diskriminierung und kulturelle Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Historische und systematische Analysen aus der Perspektive einer Kritischen Kulturpädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2021. ISBN 978-3-96848-022-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28575.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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