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Colin Crouch: Postdemokratie revisited

Cover Colin Crouch: Postdemokratie revisited. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 278 Seiten. ISBN 978-3-518-12761-2. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.

Übersetzer: Frank Jakubzik.
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Thema

In „Postdemokratie revisited“ blickt Colin Crouch mit einem Abstand von knapp 20 Jahren auf die Thesen seines im Jahre 2004 veröffentlichten Werkes „Postdemokratie“, in dem – vor dem Hintergrund der Diagnose einer Dominanz neoliberaler Kräfte – eine Aushöhlung der Demokratie problematisiert wurde. Zwar merkt Crouch an, dass viele seiner damaligen Überlegungen bis heute Relevanz besitzen, allerdings wird bilanziert, dass im Zuge zeitgenössischer politischer Entwicklungen in einigen Punkten Revisionen von Nöten sind. Dies betrifft maßgeblich drei Themen: die Rolle der Institutionen der Demokratie, das damalige Unterschätzen eines xenophoben Populismus sowie die Rolle des Feminismus in der Hervorbringung einer neuen politischen Agenda.

Autor

Der britische Soziologe und Politikwissenschaftler Colin Crouch war bis zu seiner Emeritierung Professor an der University of Warwick, wo er Governance and Public Management lehrte. Berühmt wurde Crouch durch die Veröffentlichung seines Werkes „Postdemokratie“, das in den Sozialwissenschaften bis heute großen Einfluss ausübt. Zudem erhielt Crouch im Jahr 2012 den Preis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung für sein Werk „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“.

Aufbau

Das Buch beinhaltet – neben dem einleitenden Vorwort sowie Dank, Bibliografie und Abkürzungsverzeichnis am Ende – acht Kapitel:

  1. Was heißt „Postdemokratie“?
  2. Ungleichheit und Korruption
  3. Die Finanzkrise 2008
  4. Die europäische Schuldenkrise
  5. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Die Politik des nostalgischen Pessimismus
  6. Die politischen Implikationen der Corona-Pandemie
  7. Politische Bindungen im 20. Jahrhundert – und was aus ihnen wurde
  8. Die Zukunft der Postdemokratie

Inhalt

Im ersten Kapitel „Was heißt ‚Postdemokratie‘?“ gibt Crouch einen Überblick über die zentralen Thesen seines früheren Werkes „Postdemokratie“. Grundsätzlich deutet der Terminus „Postdemokratie“ auf einen politischen Zustand hin, in dem die Demokratie auf formaler Ebene zwar fortbesteht (bspw. werden weiterhin Wahlen abgehalten oder politische Debatten geführt), jedoch die Demokratie letztendlich nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Denn die alleinige Macht liege zunehmend in den Händen einer Elite aus Politik und Wirtschaft, wobei erstere lediglich noch im Interesse letzterer agierten. Im Zuge von Prozessen der Globalisierung komme es zu einer eklatanten Schwächung des Nationalstaats, da dieser – im Unterschied zu einer global agierenden Wirtschaft – weiterhin lokal gebunden sei. Wie bereits in seinem früheren Werk betont Crouch jedoch erneut, dass dies nun nicht etwa bedeute, dass tatsächlich ein genuin postdemokratischer Zustand bereits erreicht sei: zwar sei die Demokratie geschwächt, es ließen sich jedoch weiterhin „Augenblicke der Demokratie“ erblicken.

Das zweite Kapitel „Ungleichheit und Korruption“ betrachtet den rapiden Anstieg der sozialen Ungleichheit sowie das damit in Verbindung stehende Phänomen der Korruption, die beide auf die zeitgenössische Hegemonie des Neoliberalismus zurückgeführt werden. Problematisiert wird hierbei, dass es einer kleinen Anzahl von Superreichen gelingt, die Politik in solcher Weise zu beeinflussen, dass diese stets zu ihrem eigenen Vorteil handelt. Die Themen der Politik würden nicht mehr durch kollektives zivilgesellschaftliches Handeln geprägt, vielmehr bestimme eine kleine (wirtschaftliche) Elite die Politik maßgeblich. Wie Crouch anhand des Beispiels des Internets und insbesondere der sozialen Medien zeigt, wird jedoch nicht nur die Politik beeinflusst, vielmehr ist die Zivilgesellschaft selbst zunehmend einer beständigen Meinungsmanipulation ausgesetzt.

Im dritten Kapitel „Die Finanzkrise 2008“ wird die Wirtschaftskrise als ein paradigmatisches Beispiel für die verehrenden Auswirkungen einer zu engen Verzahnung wirtschaftlicher und politischer Eliten angeführt. Crouch analysiert die historischen Entwicklungen im Vorfeld der Finanzkrise (v.a. mit Blick auf Prozesse der (Finanz-) Deregulierung) und betrachtet den politischen Umgang mit der Krise selbst. Die Politik sei, sowohl vor als auch während der Krise, den Finanzeliten weitestgehend unkritisch gefolgt. Letztendlich seien gerade die Wohlhabenden daher von den Folgen der Krise am geringsten betroffen gewesen, während sich die Lebensstandards vieler Bürger deutlich verschlechterten. Zudem betont Crouch selbstkritisch, dass in seinem ursprünglichen Werk „Postdemokratie“ noch zu allgemein von „den Wirtschaftseliten“ die Rede ist. Nicht zuletzt die Finanzkrise zeige jedoch, dass hier zu spezifizieren sei: maßgeblich Sektoren denen strategische Bedeutung zugeschrieben wird (bspw. Energie, Lebensmittel, Rüstung), aber allen voran der Finanzsektor, genießen heute eine privilegierte politische Stellung.

Das vierte Kapitel „Die europäische Schuldenkrise“ schließt an das vorherige an, denn die europäische Krise ist als Epiphänomen der Finanzkrise charakterisiert. Erneut werden zunächst historische Entwicklungen skizziert und zwar jene, die in Europa zu der Einführung der gemeinsamen Währung führten. Hierbei wird herausgestellt, dass die Euroeinführung ausschließlich auf ökonomische Überlegungen zurückgeht. Wie Crouch bereits in Bezug auf die Finanzkrise 2008 betont, gehe auch die europäische Schuldenkrise letztendlich ebenfalls zentral auf die Deregulierung der Finanzmärkte zurück. Die Art und Weise der Bewältigung der Krise sei abermals paradigmatisch postdemokratisch gewesen, denn bspw. könnten gerade die Hauptakteure der Bewältigung der Krise (die sogenannte Troika) höchstens indirekt als demokratisch legitimiert gelten. Jene Troika habe allerdings die alleinige Steuerung der Krise in der Hand gehabt (während sich bspw. das EU-Parlament als relativ machtlos zeigte), was sich nicht zuletzt darin äußerte, dass die Regierungen von Griechenland und Italien gezwungen waren, von der Troika benannte Regierungschefs zu wählen.

Im fünften Kapitel „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Die Politik des nostalgischen Pessimismus“ widmet sich Crouch dem weltweiten Aufstieg des Populismus, maßgeblich von rechter politischer Seite. Der rechte Populismus wird durch die „Sehnsucht nach einer vergangenen Welt“ charakterisiert, wobei „Bilder einer goldenen Vergangenheit“ heraufbeschwört würden (S. 136). Weil er eine (durchaus legitime) Störung eines etablierten (postdemokratischen) Parteiensystems darstelle, könne der rechte Populismus mit seiner Opposition gegenüber dem – dem neoliberalen Globalisierungsprojekt zugewandten – Liberalismus auf den ersten Blick als Kritiker postdemokratischer Zustände erscheinen. Allerdings sei der rechte Populismus gleichzeitig von starken Ressentiments und deutlichen antidemokratischen Tendenzen geprägt, die eine solche Schlussfolgerung unmöglich machten. Den Einfluss, den jener nostalgische Pessimismus auf die Demokratie ausübt, betrachtet Crouch im Folgenden anhand von Beispielen aus den USA (bspw. Tea Party und Donald Trump), aus Mittel- und Osteuropa (bspw. PiS in Polen oder Viktor Orbán in Ungarn), aus Westeuropa (bspw. FPÖ in Österreich oder Matteo Salvini in Italien) sowie in Bezug auf das britische Brexit-Referendum. Hierbei wird problematisiert, dass die heterogenen rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen maßgeblich durch die Ablehnung demokratischer Institutionen gekennzeichnet sind, was eine potenzielle Bedrohung für die Demokratie darstellt. Diesem gegenüber betont Crouch die demokratischen Institutionen (bspw. Parlamente, unabhängige Justiz) als „nichtdemokratische Stützen der Demokratie“ (S. 169). Mit diesen soll sichergestellt sein, dass auch nach der Übernahme von politischer Macht, die Institutionen nicht missbraucht werden.

Das sechste Kapitel „Die politischen Implikationen der Corona-Pandemie“ betrachtet den politischen und zivilgesellschaftlichen Umgang mit Covid-19 und fragt nach den Auswirkungen der Pandemie auf die demokratische Politik. Vor dem Hintergrund weitreichender drastischer Maßnahmen durch die Politik (Kontaktbeschränkungen, Lockdowns, Reisebeschränkungen etc.) erscheint zunächst eine Diagnose angebracht, die die Pandemie als eine Gefahr für die demokratische Ordnung begreift. Allerdings bilanziert Crouch, dass in den demokratischen Gesellschaften gleichzeitig ein ganz anderes Phänomen anzutreffen war: denn tendenziell wurde die Kommunikation zwischen Regierenden und Bürgern gestärkt: es wurden – contra postdemokratischer Zustände – weitreichende Diskursräume hervorgebracht und es wurde eine grundsätzliche Bereitschaft der gegenseitigen Rücksichtnahme deutlich: eine Mehrheit der Bürger war Willens, der öffentlichen und individuellen Gesundheit Vorrang einzuräumen.

Das siebte Kapitel „Politische Bindungen im 20. Jahrhundert – und was aus ihnen wurde“ geht auf den bereits im Werk aus dem Jahre 2004 diagnostizierten Bedeutungsverlust von Klassen- sowie Religionszugehörigkeiten ein. Dies habe starke Auswirkungen auf die politischen Parteien, denn diese seien immer weniger durch ein bestimmtes Kernklientel an Unterstützern geprägt. In einer historischen Rückschau wird der zunehmende Verlust jener Bindungen erklärt und herausgearbeitet, dass heute gleichzeitig ein Wiedererstarken der nationalen Idee zu bilanzieren ist. Zudem wird auf die sozialwissenschaftliche Diskussion eingegangen, ob zeitgenössische Gesellschaften maßgeblich durch eine kulturelle oder eine wirtschaftliche Konfliktlinie geprägt sind. Laut Crouch sollten beide stets in Kombination miteinander gedacht werden.

Im achten Kapitel „Die Zukunft der Postdemokratie“ führt Crouch abschließende Überlegungen zur Diagnose der Postdemokratie an. Es wird betont, dass die Stabilität der Demokratie einerseits maßgeblich davon abhänge, dass die Bürger die Möglichkeiten besitzen, neue Forderungen hervorzubringen und an die Politik zu adressieren. Andererseits müsse es Institutionen geben, die außerhalb des Demokratischen stehen und gerade hierdurch das Fortbestehen der Demokratie sichern. Gefahr drohe der Demokratie momentan von zwei Seiten: einerseits von den neoliberalen Eliten, die sich den gesellschaftlichen Forderungen weitestgehend entziehen können und andererseits durch den nostalgischen rechten Populismus, der die demokratischen Institutionen angreife. In Kürze wird abschließend auf das (Wieder-) Erstarken von Umweltschutzbewegungen und -parteien eingegangen sowie auf die Möglichkeiten der Gender-Politik. Beides seien positive Beispiele einer Herausforderung postpolitischer Zustände.

Diskussion

Colin Crouch bietet mit „Postdemokratie revisited“ eine kraftvolle kritische Auseinandersetzung mit seinem im Jahr 2004 publizierten Werk „Postdemokratie“. Das Buch wird hierbei auch für jene gut lesbar sein, die das ursprüngliche Werk nicht kennen, denn die grundsätzlichen Thesen werden einleitend erneut entfaltet, das Buch ist verständlich formuliert und besitzt auch insgesamt einen klar strukturierten Aufbau. Gekonnt entfaltet Crouch eine Makroperspektive, die eine Vielzahl an zeitgenössisch relevanten Themen in den Blick nimmt und gekonnt miteinander zu verknüpfen weiß.

Grundsätzlich spricht Crouch den Thesen seines ursprünglichen Werkes weiterhin große Relevanz zu und bilanziert gar, dass die Entwicklung in Richtung Postdemokratie stärker voranschreite, als zuvor gedacht. Gleichzeitig wird an verschiedenen Stellen die Notwendigkeit einer Neubewertung früherer Thesen betont. Dies betrifft allen voran die Institutionen demokratischer Gesellschaften. Zwar führt Crouch bereits in „Postdemokratie“ zentral aus, dass vor dem Hintergrund neoliberaler Entwicklungen die Bedeutung demokratischer Institutionen zunehmend schwinde, jedoch wird in „Postdemokratie revistied“ nun vielmehr deren zentrale Stellung in der Aufrechterhaltung der Demokratie betont. Dies wird bspw. in Bezug auf den rechten Populismus deutlich gemacht: Crouch erklärt selbstkritisch, dass er dessen zukünftige Relevanz früher unterschätzt habe. Da jener „nostalgische Pessimismus“ zentral von einer Ablehnung demokratischer Institutionen gekennzeichnet sei, müsse der nationalistische Populismus als eine Gefahr für die Demokratie begriffen werden.

Weiteres zentrales Thema ist die bereits in „Postdemokratie“ problematisierte – und weiter voranschreitende – enge Verknüpfung politischer und wirtschaftlicher Eliten. In diesem Kontext versucht Crouch Wege aufzuzeigen, mit denen der Ausweitung postdemokratischer Zustände entgegenwirkt werden könnte. Kritisiert werden kann, dass die Vorschläge von Crouch auf einer recht allgemeinen Ebene verbleiben. Exemplarisch ist die Forderung nach mehr Bildung oder die Forderung nach verstärkter internationaler Zusammenarbeit. In Bezug auf letzteres wird die EU als zentrales Beispiel genannt: zwar sei es richtig, dass das Europäische Parlament weiterhin nur begrenzte Steuerungsmöglichkeiten besitze, allerdings seien schwache internationale Parlamente besser als keinerlei internationale Kooperation: die einzige Alternative sei eine globale Weltwirtschaft, die tatsächlich jedweder politischen Kontrolle entzogen ist. Des Weiteren wird hoffnungsvoll auf den Feminismus sowie Klimabewegungen geblickt, die laut Crouch Kräfte in der Bekämpfung postpolitischer Zustände darstellten könnten. Allerdings ist es schade, dass – obwohl deren Zentralität betont wird – deren Betrachtung auf nur wenigen Seiten abgehandelt ist.

Fazit

Colin Crouch bietet mit „Postdemokratie revisited“ einerseits eine Auseinandersetzung mit seinem früheren Werk und andererseits eine weitgreifende Analyse des Zustands zeitgenössischer Demokratien. Vor dem Hintergrund einer weiterhin zunehmenden Verzahnung von wirtschaftlicher und politischer Macht sowie dem Aufstieg eines nationalistischen Populismus werden die Demokratien heute unter einem enormen Druck gesehen. Allerdings zieht Crouch kein vollständig pessimistisches Fazit, vielmehr werden an verschiedenen Stellen Möglichkeiten der Erneuerung der Demokratie eruiert.


Rezension von
Marian Pradella
Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 22.07.2021 zu: Colin Crouch: Postdemokratie revisited. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-12761-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28576.php, Datum des Zugriffs 05.08.2021.


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