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Angelika Wolff: Fallgeschichten und Fallverstehen in der psychoanalytischen Praxis für Kinder und Jugendliche

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 07.10.2022

Cover Angelika Wolff: Fallgeschichten und Fallverstehen in der psychoanalytischen Praxis für Kinder und Jugendliche ISBN 978-3-95558-311-8

Angelika Wolff: Fallgeschichten und Fallverstehen in der psychoanalytischen Praxis für Kinder und Jugendliche. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 264 Seiten. ISBN 978-3-95558-311-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema

Das Buch folgt dem Anspruch, unterschiedlichen Berufsgruppen (ErzieherInnen und LehrerInnen, BeraterInnen, ÄrztInnen sowie Ausbildungs- und WeiterbildungskanditatInnen) eine Orientierung und Einführung in das facettenreiche Fachgebiet der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zu bieten. Der von der Autorin gewählte Zugang zu einem komplexen Spektrum analytischer Theorien über die psychische Entwicklung und deren Störungen von Kindern und Jugendlichen erfolgt vor allem über eine Vielzahl von sehr ausführlich dargestellten Fallbeispielen.

Autorin

Die Autorin war als niedergelassene analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin tätig, zudem langjährige Leiterin des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Frankfurt und verfügt über Erfahrungen in Forschungs- und Präventionsprojekten.

Entstehungshintergrund

In dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Textsammlung von Vorträgen, Arbeitspapieren und Berichten aus zwei Jahrzehnten, die bereits veröffentlicht wurden, zum Teil mit anderen Autoren gemeinsam. Sie wurden verfasst aus verschiedenen Anlässen und richten sich an unterschiedliche Berufsgruppen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil werden grundlegende Aspekte der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie erörtert. Hier behandelt die Autorin das spezielle Setting der Behandlung, geht auf das Verständnis von Übertragung, Deutung und therapeutischer Beziehung ein, gefolgt von einem geschichtlichen Rückblick auf die Entwicklung des Berufs. Methodische Überlegungen zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung schließen die Einführung ab.

Im zweiten Teil vertieft die Autorin diagnostische und behandlungstechnische Überlegungen. Zunächst wird am Beispiel eines 11-jährigen Jungen mit einer psychischen Entwicklungsstörung die Eignung für eine Psychotherapie diskutiert. Im Anschlussss wird die in der Praxis der Richtlinientherapie eher selten zur Anwendung kommende Fokaltherapie, hier als Notlösung für die gutachterlich abgelehnte Jugendlichen-Psychotherapie vorgestellt. Üblicherweise wird die Kindertherapie ergänzt durch Gespräche mit den Eltern, beides vom selben Therapeuten durchgeführt. Davon abweichend wird die Elternarbeit von der Autorin im Fall einer 12-jährigen Patientin mit schulphobischen Ängsten und ambivalenter Motivation der Eltern im getrennten Setting durchgeführt. Während die Kindertherapie von einer Kollegin durchgeführt wurde, hat die Autorin den Part der Elternarbeit übernommen. Mit einer sehr ausführlichen Fallvorstellung sollen die Vorteile des getrennten Settings in einem speziellen Fall dargestellt werden, um gleichzeitig die Schwächen des Routinsettings zu reflektieren.

Einen breiten Raum nimmt im dritten Teil die klinische Arbeit ein. Zunächst beschreibt die Autorin in einem theoretischen Teil die frühkindliche Entwicklung des kleinen Mädchens in den ersten sechs Lebensjahren. Anschließend behandelt sie die Geburt eines Geschwisterkindes als Krise in der Kindesentwicklung. Dieses Thema behandelt sie ausführlich am Beispiel des Grimm’schen Märchens „Die sieben Raben“ und abschließend am Fallbeispiel einer 20-jährigen Patientin, deren aktuelle Symptomatik auf die erzwungen Trennung von der Mutter durch die Geburt eines körperlich beeinträchtigten Bruders zurück geführt werden konnte. Im folgenden Abschnitt beschäftigt sich die Autorin mit der Bedeutung der leiblichen Eltern für die innere Welt des Kindes in von der biologisch definierten Familie abweichenden Familienkonstellationen. Es folgen ausführliche Fallbeispiele zu unterschiedlichen entwicklungsspezifischen Themen und Konflikten.

Im letzten Teil des Buches werden verschiedene Projekte dargestellt, an denen die Autorin mitgewirkt hat. Hierzu zählen die Präventionsprojekte in Frankfurter KITAs“, die Frankfurter Präventionsstudie (FP), das Projekt STARTHILFE, die EVA Studien (Evaluation zweier Frühpräventionsprojekte), die DFG-Forschungsprojekts über individuelle und institutionelle Aspekte der Konfliktgeschichten nicht beschulbarer Jugendlicher mit Schule und Jugendhilfe.

Diskussion

Das zentrale Anliegen des Buches wird im Titel des Buches zum Ausdruck gebracht. Das Buch enthält eine Vielzahl von Beispielen von Kindern und Jugendlichen des Altersspektrums von vier bis einundzwanzig Jahren. Sie sind verbunden mit verschiedenen entwicklungspsychologischen Themen wie z.B. Trennungserfahrungen, veränderte Familienformen, Angst, Vernachlässigung, Schulschwänzen, Gewalt und den klassischen Elementen psychoanalytischer Behandlung wie Übertragung, Gegenübertragung, Regression, Widerstand. Zum Verständnis der Fallberichte sind zumindest Grundkenntnisse der psychoanalytischen Theorie erforderlich, z.B. wenn die Autorin feststellt: „Galina mag vom Beginn ihres Lebens an von der Mutter nicht wirklich gut libidinös besetzt gewesen sein …“ (S. 208). Ungewöhnlich ist, wie ausführlich die Autorin über die einzelnen Patienten berichtet, denkt man beispielsweise an die wesentlich kürzeren Fallberichte in Balintgruppen. Die „Konfliktgeschichte einer Schulschwänzerin“ (S. 202) ist hierfür ein typisches Beispiel. Die Autorin erwähnt einleitend den Forschungshintergrund, in dem das Fallbeispiel eingebettet war und schildert in aller Ausführlichkeit Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung sowie Interviewverlauf, in dem sich das Scheitern des Behandlungsversuchs nachvollziehen lässt. Die Leser können dadurch die vielschichtige und facettenreiche Begegnung von Therapeutin und Patienten und die Kontakte zu den Eltern sehr eindrücklich nachvollziehen. In der sich anschließenden Falldiskussion werden drei Komponenten herausgearbeitet, die im Buch regelmäßig Erwähnung finden: Soziologisches Fallverstehen, psychoanalytisches Fallverstehen und interdisziplinäres Fallverstehen. Diese unterschlichen Perspektiven resultieren offensichtlich aus der therapeutischen Arbeit der Autorin, ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit.

Die erste Lektüre des Buches hat bei mir einen irritierenden Widerstand ausgelöst, der sich bei näherer Betrachtung der verschiedenen Fallbeispiele auflösen ließ. Die Autorin schildert ihre Fallgeschichten in einer Ausführlichkeit und Vielschichtigkeit, die den Leser mit deskriptiven, ergänzenden, deutenden Informationen auch oft ohne schlüssige Herleitung überflutet. Die enge Verquickung von Falldarstellung und Interpretation trägt zur Auflösung von Struktur bei und macht die Lektüre anstrengend. Hier wäre nach Ansicht des Rezensenten weniger mehr gewesen. Hierfür ist „Giorgio – ein Grenzfall mit einer Grenzüberschreitung“ (S. 31 ff.) ein eindrückliches Beispiel. Die Autorin beginnt unvermittelt und ohne Einleitung mit der Fallgeschichte und zieht somit den Leser ohne Orientierung mit ins Geschehen ein. Es folgt ein unvermittelter Wechsel von der deskriptiven auf die diagnostische Ebene, ohne dass die Schlussfolgerungen nachvollziehbar hergeleitet werden. Ähnliches gilt auch für die abschließende Begründung der Entscheidung, keine Therapie zu beginnen. Gerade für Kandidatinnen und Kandidaten der analytischen Ausbildung auf der Suche nach Orientierung im „Labyrinth des Wissens zur heutigen analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie“ (Leuzinger-Bohleber) empfiehlt es sich, Schlussfolgerungen und Deutungen so herzuleiten, dass sie auch von Ungeübten nachvollzogen werden können. Andernfalls bleibt es dem nicht versierten Leser überlassen, die Ausführungen der Autorin kritiklos hinzunehmen.

In den Berufen Lehrer, Erzieher und Psychotherapeuten arbeiten bekanntlich überwiegend Frauen während Männer unterrepräsentiert sind. Dieser Umstand spielt bei Übertragungsprozessen eine nicht unwesentliche Rolle. Daher ist es bedauerlich, dass die Autorin diesem Thema keine Beachtung schenkt. Gleiches trifft auf die Gruppenpsychotherapie zu, Dabei sind die Effektstärken von Gruppenpsychotherapien für eine Vielzahl psychischer Erkrankungen nicht nur mit den Effektstärken von Einzelpsychotherapien vergleichbar, sondern insbesondere in Kombination mit Einzeltherapien und ganz besonders im ambulanten Setting sogar den Einzelpsychotherapien überlegen. Ein weiteres Moment: Träume werden in der Psychoanalyse als via regia zum Unbewussten verstanden, aber auch hierzu sucht man in den Fallbeispielen vergeblich.

In ihrem Vorwort erwähnt Leuzinger-Bohleber die gesellschaftskritischen Überlegungen, die sich aus den im Buch dargestellten Ergebnissen des DFG-Forschungsprojekts über individuelle und institutionelle Aspekte der Konfliktgeschichten nicht beschulbarer Jugendlicher mit Schule und Jugendhilfe ergeben. Damit spricht sie an, dass die Autorin in ihren Texten individuelle und institutionelle Störungen untersucht und miteinander verknüpft. Hierzu ist anzumerken, dass eine gesellschaftskritische Sichtweise insbesondere die gelungene oder nicht gelungene Anpassungsleistung des Individuums an kulturelle, ökonomische oder soziale Situationen und Anforderungen in den Focus der Betrachtung ziehen würde, was jedoch in diesem Buch nicht der Fall ist. Eine sinnvolle Bereicherung könnte es auch sein, wenn die Aufmerksamkeit der Leser beispielsweise auf den Zusammenhang zwischen strukturellen Störungen und gesellschaftlichen Veränderungen gelenkt würde. Bekanntlich wuchsen die Eltern der heutigen Kinder und Jugendlichen, die in Behandlung kommen, in einer Epoche auf (zwischen den 1970er und 1990 Jahren), die durch verschiedene gesellschaftliche Veränderungen geprägt war. Gemeint sind die Auflockerungen familiärer Strukturen, die Entdifferenzierung der mütterlichen und väterlichen Rollenmuster und der Wegfall der Autorität in Familie, Schule und Alltag, die zur Folge einen Verlust von Versorgung und Aufgehobensein hatten und verbunden waren mit dem Verzicht, Regeln und Grenzen sowie Anforderungen in der Erziehung zu praktizieren. Diese Einflüsse führen häufig zu einem Verlust von Orientierung und Destrukturierung im Sinne einer Krise des Selbstwertgefühls. Aus einer entsprechenden gesellschaftskritischen Analyse lassen sich wiederum spezifische Konsequenzen für einen Therapieprozess ableiten.

Die Autorin lässt in ihren Reflexionen der Fallberichte eigene Ansichten zur Behandlungsmethodik und -technik erkennen. So führt sie beispielsweise aus, dass das Erstgespräch zunächst ohne Kind, dann mit dem Kind und ohne Eltern geführt wird, um in einem abschließenden Gespräch ein gemeinsames Verständnis bezüglich der empfohlenen Maßnahme zu entwickeln. Da ihr Buch im Vorwort als Lehrbuch apostrophiert wurde, gewinnt der Leser den Eindruck, dass es sich hier um eine allgemeingültige Lehrmeinung handelt. Tatsächlich bieten die möglichen sechs probatorischen Sitzungen im Anschluss an das als Sprechstunde bezeichnete Erstgespräch dem Behandler vielfältige Möglichkeiten individuell auf die jeweilige Situation der Patienten bzw. der Familien einzugehen, ohne sich einem vorgegebenen Schema anpassen zu müssen. Ein weiteres Beispiel ist ihre Ansicht, dass der Therapeut ohne Vorinformationen im Erstgespräch dem Patienten begegnet, um unvoreingenommen den Übertragungen und Widerständen der Gesprächspartner begegnen zu können. Auch hier ließe sich diskutieren, ob die professionelle neutrale Haltung des Therapeuten tatsächlich nachteilig beeinflusst wird, wenn er zusätzlich zu den ersten unmittelbaren Eindrücken in der Begegnung mit den Patienten Kenntnis beispielsweise von Vorbefunden oder Berichten von früheren Behandlungen erhält. Da das Buch auch als einführende Lektüre für Kandidaten der psychoanalytischen Ausbildung empfohlen wird, wäre eine nachvollziehbare Diskussion dieser Ansichten empfehlenswert, zumal die Meinung der Autorin unter dem Titel „Über analytische Kinderpsychotherapie – allgemeine Grundlagen“ ausgeführt werden.

Fazit

Im Vorwort ist davon die Rede, dass das Buch den Leserinnen und Lesern gemeint sind vor allem Ausbildungskandidaten „einen Ariadnefaden an die Hand (gibt), der sie durch das Labyrinth des Wissens zur heutigen analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie führt.“ (S. 7). Diesen Optimismus teile ich nicht. Vielmehr befürchte ich, dass ungeübte Leser ohne angeleitete kritische Reflexion sich mit den Ansichten der angesehenen Autorin identifizierend nur schwer eine eigenständige Position entwickeln. Erfahrenen Praktikern hingegen kann das Buch Anregungen bieten, die gewohnten eigenen Positionen zu hinterfragen und aufzufrischen.

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Es gibt 2 Rezensionen von Hans-Adolf Hildebrandt.

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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 07.10.2022 zu: Angelika Wolff: Fallgeschichten und Fallverstehen in der psychoanalytischen Praxis für Kinder und Jugendliche. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-311-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28585.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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