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Peter Bründl (Hrsg.): Psychosomatik - Sadomasochismus - Trauma

Cover Peter Bründl (Hrsg.): Psychosomatik - Sadomasochismus - Trauma. Klinische und entwicklungstheoretische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2020. 274 Seiten. ISBN 978-3-95558-289-0.

Reihe: Jahrbuch der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse - Band 9.
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Thema

Der achte Band des Jahrbuchs der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse setzt sich mit Sadomasochismus, in Folge von traumatisch erlebter Hilflosigkeit auseinander. Anhand von 12 Fachbeiträgen mit Falldarstellungen wird die Bedeutung dieser traumatischen Erfahrungen für die Selbstentwicklung der Betroffenen sowie vorhandene therapeutische Handlungsspielräume dargestellt. Im Fokus steht dabei die Auseinandersetzung mit Zusammenhängen und Bedeutungen für die Entstehung psychosomatischer Störungen.

Herausgeber

  • Dr. phil. Peter Bründl ist Psychoanalytiker für Kinder-, Jugendliche und Erwachsene in eigener Praxis in München (ACP/DGPT/VAKJP). Zudem ist er Lehranalytiker, Supervisor und Dozent der Münchener Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse e.V. (MAP).
  • Carl Eduard Scheid ist Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse (DPV/IPV). Neben weiteren Tätigkeiten ist er als Lehranalytiker und Supervisor am DGPT-Institut Freiburg beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Die Reihe des Jahrbuchs der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse entstand mit der Zielsetzung der Anwendung von psychoanalytischer Theorie, klinischer Erfahrung und Forschung im Bereich der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Forum zu geben. Durch die Anregung neuer Impulse und interdisziplinärer Weiterentwicklung soll die Zukunft der Psychoanalyse facettenreich und aktiv mitgestaltet werden.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Vorwort stellen die Herausgeber Carl Eduard Scheid und Peter Bründl sowohl die Bedeutung der Auseinandersetzung mit Traumata als zentralem Faktor bei der Entstehung psychosomatischer Störungsbilder sowie Zusammenhänge mit Sadomachismus, besonders in der klinischen Auseinandersetzung dar. Dabei werden der historische und fachliche Beginn der Auseinandersetzung mit diesen Themen innerhalb der Psychoanalyse sowie aktuell bestehende Unklarheiten und Forschungslücken aufgezeigt. Kurze Darstellungen der Beiträge des Sammelbands betten diese in die thematische Auseinandersetzung ein und leiten zu den Hauptkapiteln über.

Die vier Beiträge des ersten Kapitels thematisieren psychoanalytische Perspektiven auf traumatischen Erfahrungen in der Kindheit. Eingangs werden seelische Schmerzen als übergreifendes Element von Dieter Bürgin und Barbara Steck anhand einer theoretischen Auseinandersetzung dargestellt, die von klinischen Fallvignetten ergänzt wird. Hierin werden die verschiedenen Dimensionen von Schmerz und Pein verdeutlicht und erfassbar. Der anschließende Beitrag von Sebastian Kudritzki, Catharina Salamander und Sabine Saß stellt in „Nein und alles – Traumatransmission, Psychosomatik und Entwicklungshemmung“ die mehrjährige therapeutische Behandlungsgeschichte bei einer transgenerationalen Weitergabe von Traumata dar. Hierbei wird die Darstellung des Therapieverlaufs von der Anamnese über die erste Begegnung bis zum Ende der Behandlung durchgängig mit Bezugsquellen untermalt, die ein tiefergehendes Verständnis des Behandlungsverlaufs unterstützen. Im anschließenden Beitrag „,Ich liebe ihn so sehr‘ – Behandlung eines Fünfjährigen mit dem Symptom der zwanghaften Masturbation vor dem Hintergrund sexueller Übergriffe“ von Claudia Burkhardt-Mußmann wird in der Darstellung des dreijährigen Therapieverlaufs der Leidensdruck und die Hilflosigkeit des betroffenen Kindes deutlich. Anhand der Fallvignette und begleitender Auszüge aus weiteren Fallvignetten werden (traumatisierende) Gegenübertragungen und Übertragungen während der Behandlungen im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen nachvollziehbar dargestellt. Abschließend stellt James Herzog in „Es kann nicht sein“ die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit zwei kinderanalytischen Erfahrungen im Erwachsenenalter dar. Aufgrund befremdlicher Eigenreaktionen bei der Erwägung einer Analyse für seinen Enkel entscheidet sich der Betroffene für eine Aufarbeitung der eigenen Erfahrungen, die ihm im als sicher erlebten Rahmen der Analyse möglich wird. Betont wird die Bedeutung der Rolle des Analytikers/der Analytikerin als sicheres Objekt, um die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen zu ermöglichen.

Das zweite Kapitel umfasst vier Beiträge mit dem Schwerpunkt der psychoanalytischen Perspektiven auf traumatische Erlebnisse während der Adoleszenz. Joachim Küchenhoff stellt in „,moving Targets‘ – kasuistische Rekonstruktionen von Scheidungsfolgen in der Adoleszenz“die Bedeutung der Eltern als stabile „Fixpunkte“ während persönlichkeitsbildender Entwicklungsschritte dar. Die Vulnerabilität in diesem Alter wird einleitend dargestellt, um die theoretischen Hintergründe anschließend anhand zweier Fallbeispiele zu diskutieren. In beiden Darstellungen liegen die Trennungen der Eltern lange Zeit zurück und die noch immer einflussnehmenden Auswirkungen werden rückblickend analysiert. „Übergangsobjekte und der Erwerb von Freiheit“ sind der Fokus des Beitrags von Gisela Schleske in welchem psychosomatische Symptome zunächst als Einschränkung der persönlichen Freiheit definiert werden, um anschließend anhand von Fallbeispielen aus der Babyambulanz sowie der Arbeit mit Adoleszenten aufzuzeigen, wie Behandlungstechniken ein eingefrorenes Unterbewusstes wieder erwärmen können. Nachfolgend werden die Auswirkungen gesellschaftlicher Konstrukte von Schönheit auf Spätadoleszente in „Der unverfügbar gequälte Leib“ von Benigna Gerisch thematisiert. Die Fallvignette wird dabei umrahmt von einer Auseinandersetzung mit den psychodynamischen Aspekten sadomasochistischer Körperinszenierungen. Holger Salge stellt in „Der Wunsch nach und die Angst vor Entwicklung“ anhand entwicklungstheoretischer Überlegungen die besondere Eignung von Gruppentherapiesitzungen für die Arbeit mit Spätadoleszenten im ambulanten und stationären Setting dar. Chancen und Herausforderungen der Arbeit werden in dem Beitrag deutlich herausgearbeitet, verbunden mit einem Plädoyer für therapeutische Angebote in homogenen Gruppen für Adoleszente.

Mit den Zusammenhängen von Psychosomatik und Sadomachismus setzen sich die beiden Beiträge des dritten Kapitels auseinander. In „Verschmelzung oder Isolation“ beginnt Timo Storck zunächst mit einer theoretischen Herleitung zur Leiblichkeit bei psychosomatischen Erkrankungen um diese anhand einer kurzen Fallvignette zu veranschaulichen. Der nachfolgende Beitrag „Warum lernen sie es nicht?“ von Jack & Kerry K. Novick thematisiert die unbewussten Motive körperlicher Züchtigungen von Kindern und Jugendlichen, in den USA noch immer in hohem Ausmaß stattfinden. Zwei Fallvignetten sowie die Darstellung der Arbeit mit einer Gruppe von Eltern verdeutlichen unbewusste Motive und gesellschaftliche Strukturen hinter diesen Handlungen.

Den Abschluss bilden zwei Beiträge zur psychoanalytischen Gesellschafts- und Kunstbetrachtung des vierten Kapitels. Barbara Saegesser stellt in „Die Unordnung der Dinge“ einen Bezug zwischen Negativspiralen in Familien und den derzeitigen paradoxen gesellschaftlichen Lebenssituationen aufgrund der Covid-19-Pandemie her, wodurch übergeordnete Systematiken deutlich werden. Ausdrücke traumatischer Erlebnisse in künstlerischen Darstellungen stellt Alfred Walter detailliert in „Der Bruch im Selbst“ anhand der Arbeiten von E.T.A. Hoffmann und Frida Kahlo dar. Eingebettet wird die Analyse der Arbeiten in eine Darstellung der Lebensgeschichte der künstlerisch Schaffenden.

Abschließend werden Kurzbeschreibungen sowie die Kontaktdaten aller Autor*innen angeführt.

Diskussion

Der aktuelle Sammelband der Jahrbuchreihe beinhaltet erneut Beiträge von Autor*innen verschiedener Nationalitäten aus unterschiedlichen psychoanalytischen Arbeitskontexten und bleibt damit der Zielsetzung, einen lebendigen und überregionalen Austausch innerhalb der Psychoanalyse zu fördern, treu.

Die intensiven Einbindungen der zugrundeliegenden Theorien verdeutlichen die Herleitungen innerhalb der Fallvignetten und laden zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit den Inhalten ein. Dabei wird anhand des aktuellen Themas „Psychosomatik – Sadomasochismus – Trauma“ die Bedeutung einer internationalen Auseinandersetzung innerhalb der Psychoanalyse deutlich, da mehrere Beiträge verdeutlichen, dass Gewalt gegenüber Kinder- und Jugendlichen keine Landesgrenzen kennt. Auch wenn es unbestreitbar regionalspezifische und individuelle Einflussfaktoren gibt, welche ebenso benannt werden. Die vorgestellten praktischen Analysetätigkeiten zeigen sowohl mögliche, aber durchaus langwierige, Wege zur Genesung auf, wie auch Herausforderungen bei deren Beschreitung für Psychoanalytiker*innen. Angestoßen wird hierdurch eine Diskussion über Methodiken und Settings die in dieser, als anspruchsvoll beschriebenen, Arbeit zielführend sein können.

Deutlich werden im Besonderen derzeitige Lücken innerhalb der Forschung und psychodynamischen Auseinandersetzung, die in den Beiträgen konkret erwähnt werden oder auch in den Darstellungen des Erarbeitens einzelner Beiträge sichtbar werden. So ist es in einer Einführung die Einladung zu einem neu gegründeten interdisziplinären Expert*innennetzwerk, die den Beginn einer langjährigen Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen einleitet. Ein anderer Beitrag sollte Unterschiede im gewaltsamen Umgang mit Kindern und Jugendlichen zwischen verschiedenen Ländern aufzeigen, doch die Recherchen zeigten auf, dass dies nur in Nuancierungen möglich wäre, wodurch übergeordnete Dynamiken in den Fokus gestellt wurden.

Neben der Bedeutung der Auseinandersetzung der Psychoanalyse mit den dargestellten Aspekten, werden ebenso die Herausforderungen einer fachlichen Annäherung an das Thema deutlich. Hierbei scheinen sowohl eine fehlende Sichtbarkeit der Größenordnung der Problematik wie auch Berührungsängste seitens von Analytiker*innen eine Rolle zu spielen. Beide Herausforderungen können im Idealfall durch Foren in denen offen diskutiert wird abgebaut werden. Der Sammelband kann hierfür einen Schritt von vielen auf dem langen Weg zu erfolgreicher Bewältigung darstellen und den offenen Austausch unterstützen. Das Interesse an einer den Sammelband begleitenden Diskussion wird durch Angaben der Kontaktadressen der Autor*innen deutlich. Besonders bei diesem Thema wäre es wünschenswert, dass das Austauschangebot über die vorgestellten Erfahrungen an- und wahrgenommen wird.

Fazit

Das aktuelle Jahrbuch gibt mit der Auswahl „Psychosomatik – Sadomasochismus – Trauma“ Themen Raum, die zwar fester Bestandteil der klinischen Arbeit sind, aber noch immer zu wenig diskutiert werden. Dies wird besonders in den Darstellungen der Forschungslücken und Diskussion des aktuellen Forschungsstands deutlich. Die Fallvignetten zeigen Handlungsspielräume innerhalb der Psychotherapie auf und sensibilisieren für die Wahrnehmung von Übertragungen und Gegenübertragungen innerhalb der Behandlungen. Eine methodisch breit aufgestellte Diskussion relevanter Themen, nicht nur in der Psychotherapie.

Discussion

The current anthology of the yearbook series again contains contributions by authors of different nationalities from different psychoanalytic work contexts what remains to the objective of promoting a lively and supraregional exchange in psychoanalysis.

The intensive integration of the underlying theories clarify the derivations within the case vignettes and invite you to a further in-depth examination of the content. Based on the current topic “Psychosomatics – Sadomasochism – Trauma”, the importance of the international debate and exchange within psychoanalysis becomes clear. Several contributions make it clear that violence against children and adolescents knows no national borders, even if there are regionally specific and individual influencing factors which are mentioned also. The presented practical analysis show both the possible, but quite lengthy, progress of recovery, as well as the challenges for the psychoanalyst while they are guiding through this process. Here a discussion is initiated about methodologies and settings that can be expedient in this work.

In particular, current gaps within the research and psychodynamic discussion, which are specifically mentioned in the contributions or in descriptions of the preparation of individual contributions, become clear. For example, it is an invitation to a newly founded interdisciplinary network of experts, which lead to a long-term examination of the sexual abuse of children and adolescents. Another contribution was supposed to show differences in the violent treatment of children and adolescents between different countries, but the research showed that this would only be possible in nuances, whereby overarching dynamics were brought into focus.

In addition to the importance of a discussion in psychoanalysis about the aspects presented, the challenges of a professional approach to the topic also become clear. A lack of visibility of the magnitude of the problems as well as fear of contact on the part of analysts seem to play a role here. Both challenges can ideally be overcome through forums in which open discussions can take place. The anthology can represent one step of many on the long way to successful coping the problems and support an open exchange.

The interest in a discussion accompanying the anthology becomes obvious by sharing the contact addresses of the authors. In particular for this topic it would be desirable if the exchange offer about the presented experiences, methods and impressions will be accepted and perceived.

Conclusion

With “Psychosomatics – Sadomasochism – Trauma” as central themes, the current yearbook made integral parts of clinical work to subjects of discussion. This meaning of this selection becomes particularly clear in the presentation of the research gaps and discussion of the current state of research. The case vignettes show a scope for action within psychotherapy and raise awareness of the perception of transferences and countertransference within psychotherapie settings. A methodologically broad-based discussion of relevant topics, not only in psychotherapy.


Rezension von
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 21.12.2021 zu: Peter Bründl (Hrsg.): Psychosomatik - Sadomasochismus - Trauma. Klinische und entwicklungstheoretische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-95558-289-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28586.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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