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Roger Frie: Nicht in meiner Familie

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 02.02.2022

Cover Roger Frie: Nicht in meiner Familie ISBN 978-3-95558-284-5

Roger Frie: Nicht in meiner Familie. Deutsches Erinnern und die Verantwortung nach dem Holocaust. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 313 Seiten. ISBN 978-3-95558-284-5.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels ist der Holocaust und die deutsche Erinnerungs- und Verantwortungskultur.

Autor

Roger Frie ist Historiker, Psychoanalytiker und Professor of Education an der Simon Fraser University, Affiliate Professor of Psychiatry/​University of British Columbia Vancouver und Mitglied/​Supervisor/​Dozent am William Alanson White Institute of Psychiatry, Psychoanalysis and Psychology/New York. Er beschreibt seine schwierige Auseinandersetzung mit seiner deutschen Familiengeschichte, u.a. auch unter dem Aspekt des Zusammenlebens mit seiner jüdischen Frau.

Das vorliegende Buch wurde 2017 veröffentlicht und von Elisabeth Vorspohl übersetzt.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund des vorliegenden Titels ist die Beschreibung einer langen sehr persönlichen Entwicklung, den Schmerz der Deutschen 1945 anzuerkennen, ohne die Leiden und Schmerzen, die Deutsche anderen zugefügt haben, aus dem Blick zu verlieren. Da es sich um die Familiengeschichte des Autors handelt, lässt er die Leser an dem Prozess der Selbsterforschung und Selbstreflexion teilnehmen auf der Suche nach einer ‚gelebten historischen Wahrheit‘.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Anna Ornstein, einer Vorbemerkung, einem Dank und einem Vorwort zur deutschen Ausgabe folgen eine Einleitung und sieben Kapitel auf der Suche nach einem ‚neuen Zuhause‘ nach dem Bewusstwerden des großelterlichen deutschen Erbes, der Wahrnehmung seiner Prägung durch die Geschichte und des Gefangenseins in seiner Sprache. Frie gibt einen Überblick über Narrative des Traumas, mit der NS-Vergangenheit zu leben, über Wissen und Nichtwissen(wollen) und das Brechen des Schweigens.

Es folgt eine Coda: Meinen Großvater finden.

Inhalt

Anna Ornstein: Vorwort

Anna Ornstein ist Holocaust-Überlebende. Sie beschreibt, wie Roger Frie autobiografisch versucht herauszufinden, was es für ihn bedeutet, als Enkel in einem Netz traumatischen NS-Vergangenheit gefangen zu sein. Er ist als Sohn deutscher Einwanderer in Kanada aufgewachsen und spricht akzentfrei Englisch. Äußerlich gesehen bestand kein Zwang, sich mit seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dennoch hatte er Schuld- und Schamgefühle wegen der moralischen Dimension der NS-Zeit, die ihn sowohl belastete als auch definierte. Denn die Familie vermittelt als Mittler zwischen Individuum und Gesellschaft nicht nur kulturelle Muster, sondern auch Überzeugungen, Ideale und Wertsysteme in Gestalt von Mythen, Ideologie und religiösen Bräuchen und schafft damit eine Kontinuität zwischen den Generationen. Da die NS-Täter geschwiegen und die zweite Generation die traumatischen Erinnerungen weitergegeben haben, fand eine Aufarbeitung erst in der dritten statt. Es gehört zur Verantwortung der nachfolgenden Generationen, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten.

Vorbemerkung

Der Autor berichtet darüber, wie er die Geschichte seiner Familie über fünf Generationen versucht hat – wenigstens partiell – zu rekonstruieren.

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Mit der Aufarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte versucht Frie einen Beitrag zu leisten zum familiären Hintergrund der Erinnerung an die NS-Zeit und auch Andere in Deutschland dazu zu ermutigen.

Einleitung. Grenzen des Verstehens

Frie ist beschäftigt mit seinem Großvater (der Großvater v. ist verstorben) in den 20er-Jahren und in der NS-Zeit, als er als Zivilangestellter in der Produktion von Flugzeugteilen tätig war, bevor er als Angehöriger der Luftwaffe in der Rüstungsindustrie (Herstellung von V-Raketen) beschäftigt wurde und gegen Ende des Krieges fliehen und untertauchen konnte. Er hatte als Motorradfahrer beim nationalsozialistischen Kraftfahrkorps NSKK mitgemacht – eine unpolitische Organisation (?).

Es folgt ein Exkurs, dass wir durch die Geburt eine Zugehörigkeit nicht nur zur Geschichte der Familie, sondern auch unseres Landes habe. In Deutschland sei trotz einer gesellschaftlichen Aufarbeitung der NS-Verbrechen die Familiengeschichte und damit der affektive Hintergrund der Verbrechen meist in der zweiten und dritten Generation unaufgeklärt blieben. Es bestehe eine moralische Verpflichtung, sich an den Holocaust zu erinnern und zwar nicht nur als ‚gelernte‘, sondern vor allem auch als ‚erlebte‘ Geschichte. Die Weitergabe werde erschwert durch die Widerstände gegen das Erinnern und familiäre Narrative, die Schuld und Verantwortung ausblenden. Um der komplexen Dynamik der Verbrechen der NS-Zeit gerecht zu werden, seien unterschiedliche Perspektiven notwendig.

Sein Familiennarrativ sei zwar der Ausgangspunkt, jedoch verknüpft mit den Erinnerungen der deutsch-jüdischen und nichtdeutschen jüdischen Holocaustüberlebenden und deren Nachfahren.

1. Kapitel: Zuflucht oder Verbannung? Die Suche nach einem neuen Zuhause

USA und Kanada haben – abgesehen von Israel – nach dem Holocaust die meisten Überlebenden aufgenommen. Das Nebeneinander von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen hat Dan Diner (1986) eine negative Symbiose genannt. Eva Hoffmann, geboren 1945, war 13j. eine jüdische Einwanderin aus Krakau, die die Holocaust-Erinnerungen ihrer Eltern zu ihren eigenen machte und sich in Kanada nicht wohlfühlte. Frie kam mit seinen 1935 geborenen Eltern 1950 nach Vancouver und hat sie dort kennengelernt. Seine eigene Familie fand schnell Anschluss über die Kirchengemeinde. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen, aber in der Schule Englisch, das er später akzentfrei sprach. Da die Eltern aus dem Krieg und dem Holocaust kein Geheimnis machten und seine Großeltern m. in Deutschland lebten, wurde er bereits mit familiären Narrativen vor allem aus der Kriegszeit anlässlich von Besuchen bei den geliebten Großeltern konfrontiert. Unter den Einwanderern gab es einen Schnitt zwischen der Zeit vor und nach dem Kriegsende, gleichzeitig schaffte die geografische auch eine historische Entfernung. Für die Kinder war es schwierig, die lückenhaften Puzzleteile zusammenzusetzen, da das Schweigen auch die Auswanderer betraf.

2. Kapitel: Das Aufarbeiten des großelterlichen Erbes

Im letzten Schuljahr zog die Familie mit Frie nach Deutschland. Er blieb danach noch in Hannover wegen der Nähe zu Familienangehörigen. Der Großvater m. lebte nicht mehr, aber die Großmutter wohnte in dem neu erbauten Haus, neben dem im Krieg zerbombten und erzählte Geschichten aus den 20er-Jahren. Er erlebte die Wut eines älteren U-Bootfahrers auf die Canadier, die sein Schiff im 2. Weltkrieg versenkt hatte (er selbst hatte Glück) mit sehr gemischten Gefühlen. Als Enkel von Deutschen, aber in Kanada aufgewachsen, hatte er den Großvater idealisiert, bis er dessen NSDAP-Mitgliedschaft erfuhr. Er fühlte sich deutsch und nicht-deutsch, hatte Probleme mit seiner Identität und kulturellen Zugehörigkeit. Als ein Kanadischer Patient seine Identität als Deutscher ansprach, fühlte er Frustration und Scham und dass er ‚mit dem Unbehagen leben‘ musste. Er wünschte sich ein Deutschland ohne die beiden Weltkriege und den Holocaust. Die Erinnerungen belasteten die Interaktionen zwischen Deutschen und Deutschen und Deutschen und Nichtdeutschen.

Die psychoanalytische Ausbildung verstärkte seine Sensibilität und zeigte ihm, wie sehr sein Weltbild durch beide Kulturen und Gesellschaften geprägt war. Er kämpfte mit seinen Schamgefühlen und erlebte Furcht vor Enthüllungen.

3. Kapitel: Geprägt durch Geschichte, gefangen in Sprache

Frie heiratete eine jüdische Frau (ihre Familie emigrierte in der NS-Zeit) und lernte die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Sie studierten gemeinsam in England, lebten Anfang der 1990er in Berlin und entdeckten das jiddische kulturelle Erbe seiner Frau. Auf der Hochzeit kam es zum Austausch der Familiengeschichten: Indem sich Deutsche gegenüber jüdischen Menschen übervorsichtig verhalten, reproduzieren sie eine »Wir-und-sie«-Mentalität. Man kann um die Unterschiede ‚herumtanzen‘, in Schweigen verfallen oder Neugierde entwickeln und sich der Vergangenheit stellen.

Sprachlich erlebte Frie die Unterschiede mit dem jüdischen Patienten Daniel: Beide wechselten vom Deutschen auf das neutrale Englisch. Sprache sei so selbstverständlich, dass es als Gewalt erlebt werde, wenn sie einem entrissen wird. Bei deutsch-jüdischen Emigranten weckte die deutsche Sprache ambivalente Gefühle und bei dem Autor mitunter Angst, sich zu outen. Die größte Herausforderung in der Behandlung von Daniel war für Frie die Scham, die er in seiner Gegenwart verspürte und die Erkenntnis, wie innig Geschichte und Sprache verknüpft sind.

4. Kapitel: Wessen Leiden? Narrative des Traumas

Frie verknüpft seine Erfahrung am 11.9.2001 mit den Bombenangriffen in der Familiengeschichte und dem verstörend unterschiedlichen deutschen und jüdischen Erleben im 2. Weltkrieg. Gegenüber dem deutschen Leiden – Angriffe auf Dresden, Hamburg u.a. – verblasste in der Erinnerung das anderen zugefügte Leiden. Mit solchen Narrativen ist er aufgewachsen, veranschaulicht auch durch das zerbombte Stadtzentrum in Hannover (eine Bombe hatte auch den rückwärtigen Teil des Großelternhauses getroffen). Andererseits gab es die Zerstörung der jüdischen Synagoge am 9.11.1938 und der jüdischen Gemeinde, die Vertreibungen und Deportationen.

Als die Fabrikanlagen in Peenemünde im August 1943 zerstört wurden, starben Dorfbewohner, Wissenschaftler und Lagerhäftlinge. Sein Großvater wurde mit anderen nach Nordhausen (unterirdische Produktionsanlagen) versetzt und erlebte wieder Zwangsarbeiter, bis die Amerikaner am 11.4.1945 die noch Überlebenden befreiten. Die zweite Generation der Täter – geboren 1932–1947 – trat ein traumatisierendes Erbe an, das zunächst sowohl in Opfer-, als auch in Täterfamilien verschwiegen wurde. Wie lässt sich ‚ererbte‘ Schuld bewältigen?

5. Kapitel: Mit der Nazivergangenheit leben

Der Großvater war 1937 in die NSDAP eingetreten, im Februar 1944 wurde zunächst zum aktiven Dienst in der Luftwaffe verpflichtet und mit einem ‚Eisernen Kreuz‘ ausgezeichnet. Da der Großvater verstorben war, konnte er ihn nicht mehr fragen. Das Schweigen war typisch für die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft. Er selbst hatte liebevolle Erinnerungen an den Nachkriegsgroßvater. Doch es blieben Fragen: Hatte er sich in der Pogromnacht 1938 an NSKK-Straßensperren beteiligt? Frie fühlt sich moralisch verantwortlich zu erfahren, in welchem Umfang seine Familie an den Verbrechen beteiligt war.

Inzwischen sind zahlreiche Gedenkstätten entstanden, 2005 wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin eingeweiht. Die Stolpersteine zur Erinnerung finden sich in ganz Deutschland, in Städten und Dörfern. Dennoch ist das Erinnern oft ambivalent und die Schatten der Vergangenheit sind geblieben, auch in der Weitergabe von antisemitischen Vorurteilen.

Kinder sind normalerweise neugierig und wissbegierig, aber es ist nicht leicht, Wissen familiär mit emotionaler Beteiligung zu verbinden.

6. Kapitel: Wissen und Nichtwissen

Mit fünf Jahren hatte er den Großvater anlässlich eines Besuchs in Kanada als einen humorvollen, fürsorglichen, hilfsbereiten und gutmütigen Menschen kennengelernt. Später bei einem Besuch in Deutschland, fand er bei ihm Publikationen der NSDAP. Frie schwankte zwischen Nichtwissen und Wissenwollen, einer emotionalen Bindung an den Großvater und Erschrecken über dessen Nazi-Vergangenheit und versuchte erfolglos, sich durch Dissoziation zu retten. Gedächtnislücken (‚Opa war kein Nazi‘) gab es in den Familien lange Zeit in Deutschland.

Der Großvater war 1906 geboren, 1914 wurde sein Vater Soldat und kehrte nach Kriegsende 1918 zurück. Die Familie erlebte die Wirtschaftskrise und die unruhigen sozialen und politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik. „Hatten die Deutschen je die Tragweite der NS-Verbrechen verstanden?“, fragte Primo Levi 1986. Gab es ein moralisches Vakuum? Die Eltern von Frie haben den Holocaust nicht verschwiegen – Vater und Mutter waren 1945 neun Jahre alt – dennoch verknüpfte er falsche Erwartungen mit seinem Großvater.

7. Kapitel: Das Schweigen brechen

Anna Ornstein, eine Jüdin, erinnerte ihn an die ‚ererbte Schuld‘ und Verantwortung und machte ihm Mut. Denn auch die Wehrmacht war beteiligt an verbrecherischen Aktionen, und Abhörprotokolle von Kriegsgefangenen zeigten, dass das vielen auch bewusst war.

Der Riss ging auch durch die Familie: Der jüdische Schwager von Frie hatte seine polnische Familie durch den Holocaust verloren, und die sehr warmherzige Großmutter war die Frau eines Parteigenossen gewesen. Allmählich lernte Frie sein Schamgefühl (und das der Familie) zu verstehen. Das Durchbrechen des Schweigens führte zur Entstehung eines neuen Narrativs und zu einem mit vielen Ängsten und Unsicherheiten verbundenen Schreibprozess.

Coda: Meinen Großvater finden

Frie geht – ambivalent und zögernd – in das Deutsche Bundesarchiv in Berlin, da die Familienerzählungen ihm nicht genügen. Er findet eine großväterliche Korrespondenzkarte der NSDAP vom 31.3.1936 mit dem Hinweis ‚Ehem. Komm.‘ (ehemals Kommunist? – vielleicht als Gewerkschaftler?) und die Mitgliedskarte der NSDAP vom 1.5.1937. Ein familiäres Foto Anfang der 30er zeigt ihn mit einem Sportabzeichen, später trug er das Parteiabzeichen. Als Metallarbeiter war er in den später 30er Jahren in der Flugzeugproduktion tätig (von 1942–1944 gab es dort auch Zwangsarbeiter), im Februar 1944 wurde er zur Luftwaffe eingezogen und war in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, laut seinen Briefen fern der Kriegsrealität, seit August 1944 wurde er nahe Bielefeld und später in Hamburg im V-Waffen-Programm eingesetzt (wieder mit Zwangsarbeitern?). Ein Urlaubsbild zeigt ihn im Winter 1944/45 mit seiner Familie. Er desertierte im Frühjahr 1945, kurze Zeit später kamen die Amerikaner.

War die Desertion doch ein Widerstand? Viele Fragen bleiben trotz der Recherchen unbeantwortet.

Diskussion

Eine lange Familien- und Sozialgeschichte der zweiten und dritten Generation und ein Versuch, mit dem Erbe des Holocaust und den Verbrechen der NS-Zeit im Nachhinein irgendwie – bruchstückhaft – klarzukommen. Insbesondere da dieses Erbe familiär nur in Puzzleteilen überliefert wurde, die auch nach dem Tod der Großelterngeneration nicht mehr ergänzt werden können. Was bleibt und authentisch ist, sind die Schuld- und vor allem Schamgefühle in den nachfolgenden Generationen und die Angst, an Wunden zu rühren, die das Selbstwertgefühl nachhaltig infrage stellen.

Es ist Frie gelungen, nicht nur individuell, sondern auch sozial die Widersprüche, Ambivalenzen, inneren und äußeren Widerstände in der Generationenfolge aufzuzeigen und den Leser an seinem äußerlich und innerlich schwierigen Prozess der emotionalen Beteiligung und Verantwortung teilnehmen zu lassen. Für den Leser ist es allerdings nicht leicht, die disparaten Fundstücke zu verbinden, insbesondere da deren Interpretation auch viele Fragen offenlässt, die nur authentisch von den Beteiligten – hier den Großeltern m. – hätten beantwortet werden können. Mir hat eine Zusammenfassung dieser Bruchstücke gefehlt und eine genauere zeitliche Einordnung, bei der die Großmutter m. vielleicht doch hätte helfen können (die Mutter 1935 geb., der 1906 geborenen Großvater, 1937 in die NSDAP, 1938 Pogrom (?), nach 1939 zeitweise in Peenemünde und Nordhausen (Zwangsarbeiter?), 1944 Luftwaffe und Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz). Quälend – auch für den Leser – ist dieses andauernde Tappen im Dunklen, sind die Fragen, die nicht beantwortet werden.

Nachvollziehbar, wenn auch nicht gut, ist das Schweigen der zweiten Generation die Ambivalenz der dritten und die Schwierigkeit, sich angesichts des Ausmaßes der Verbrechen nur annäherungsweise in die Emotionalität der Täter – ohne äußerlich erkennbare Anzeichen von Schuld- und Schamgefühl – einzufühlen.

Diese Defizite haben Wunden hinterlassen, die auch eine spätere Erinnerungskultur nicht heilen kann. Die offenen Wunden können aber auch sensibilisieren für Verbrechen, die unter dem angeblichen Schutzschirm von ‚amtlichem und nationalem Verbrechertum‘ auch heute immer noch begangen werden.

Fazit

Ein nicht leicht zu lesendes, aber wichtiges Buch, das in Teilen auch im pädagogischen Bereich geeignet ist, die emotionale Seite von Schuld, Scham und Verantwortung im familiären Kontext anzusprechen.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Es gibt 97 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 02.02.2022 zu: Roger Frie: Nicht in meiner Familie. Deutsches Erinnern und die Verantwortung nach dem Holocaust. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-284-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28588.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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