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Anna Gätjen-Rund: Immer online?

Rezensiert von Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam, 08.03.2022

Cover Anna Gätjen-Rund: Immer online? ISBN 978-3-95558-290-6

Anna Gätjen-Rund: Immer online? Das Smartphone zwischen Begrenzung und Begehren in der psychonalytischen Behandlung Adoleszenter. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 239 Seiten. ISBN 978-3-95558-290-6.
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Thema

Dieses Buch beschreibt eine psychoanalytische Studie, die den Gebrauch des Smartphones im Kontext der psychoanalytischen Behandlung adoleszenter Menschen zu deuten und zu verstehen versucht. Zunächst wird anhand verschiedener psychoanalytischer, sozialpsychologischer und kulturwissenschaftlicher Theorien die Bedeutung und die Beziehung zum Smartphone beleuchtet, bevor dann im Rahmen von vier Einzelfallstudien exemplarisch individuelle Beziehungsdynamiken gründlich in den Blick genommen werden. Das Buch schließt mit einer Diskussion der erhobenen Befunde ab und gibt einen kurzen Ausblick auf die Veränderung der psychoanalytischen Behandlung Adoleszenter durch den digitalen Mediengebrauch.

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. phil Anna Gätjen ist psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin für Erwachsene, Kinder und Jugendlichen (DPV/IPA) in privater Praxis in Berlin, Dozentin und Supervisorin am Karl-Abraham und Edith-Jacobson Institut in Berlin. Das vorliegende Buch ist im Kontext des Forschungsprojektes »Psychoanalytische Reflexionen digitaler Virtualität« an der IPU Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Elfriede Löchel entstanden. Weiterhin hat die Autorin zu Themen der Kinderpsychoanalyse und der Weitergabe transgenerationaler Traumata publiziert.

Aufbau

Das Buch ist in insgesamt 8 Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel wird sehr prägnant der Aufbau des Buches und die bearbeitete Fragestellung beschrieben. Das zweite Kapitel skizziert allgemein, wie der Gebrauch digitaler Medien und die Phase der Adoleszenz ins Verhältnis gesetzt werden können, das dritte Kapitel beschreibt einen psychoanalytischen Verständnisrahmen für die Beziehung zum Smartphone und das vierte Kapitel erweitert diesen Rahmen um einen interdisziplinären Blick. Das fünfte und das sechste Kapitel widmen sich dem empirischen Herzstück des Buches und beschreiben das forschungsmethodische Vorgehen sowie vier Kasuistiken. Im siebten und achten Kapitel nimmt die Autorin abschließend eine zusammenfassende Auswertung ihrer Befunde vor und gibt einen Ausblick auf die Konsequenzen für die psychoanalytische Behandlung adoleszenter Menschen.

Inhalt

Die Autorin beschreibt in ihrer Einleitung ihre Absicht, die vermehrte Anwesenheit digitaler Medien in der psychoanalytischen Behandlung adoleszenter Menschen in den Blick zu nehmen. Dabei macht sie deutlich, dass es ihr wichtig sei, das Phänomen weder zu entpathologisieren noch zu überpathologisieren, sondern vielmehr einigermaßen offen und nicht bewertend, sich mit einem Phänomen auseinanderzusetzen, das in der psychoanalytischen Behandlungspraxis alltäglich geworden ist. Die Forschungsfrage, mit der sich die Autorin beschäftigt, ist folgende: „Welche Aussagen können über bewusste und unbewusste Beziehungsdynamiken und Bedeutungen hinsichtlich des Umgangs mit dem Smartphone aus dem Verlauf der jeweiligen Einzelfallstudie erschlossen werden?“ (11). In den darauffolgenden theoretischen Ausführungen wird hervorgehoben, dass zu den zentralen Themen der Adoleszenz die Ablösung von den Eltern sowie die Auseinandersetzung mit dem eigenen sexuellen Körper und mit Identitätsfragen stehen. Zusätzlich thematisiert die Autorin die Besonderheiten digitaler interaktiver Kommunikation wie z.B. bei sogenannten parasozialen Beziehungen zu Medienfiguren und/oder Influencern. In einem nächsten Schritt wird die Beziehung zum Smartphone im Rahmen von psychoanalytischen Objektbeziehungstheorien diskutiert und das Smartphone als „evokatives Objekt“ beschrieben, das eine potenziell immer mögliche Verbundenheit suggeriert. Ergänzt werden diese Überlegungen durch die Darstellung von in der Sozialpsychologie bestehenden Erkenntnissen über die wachsende Angst nicht mit dem Internet verbunden sein zu können (Nomophobie) oder auch die Auswirkungen des Dauerhaft-Online-Seins bzw. Nicht-Online-Seins auf die Arbeitsfähigkeit und die allgemeine Zufriedenheit. Der Theorieteil wird abgerundet durch einen Einblick in psychoanalytisch-kulturwissenschaftliche Diskurse zum Gebrauch der neuen Medien, wobei zwischen eher positiven und eher kulturpessimistischen Sichtweisen differenziert wird. Der empirische Teil beginnt mit der Darstellung des Forschungsdesigns, bei der die Autorin sich zum einen kritisch mit den Möglichkeiten und Grenzen empirischer Einzelfallstudien auseinandersetzt, die in der psychoanalytischen Forschung eine unbestritten eine bedeutende Tradition haben und zum anderen die Anwendung tiefenhermeneutischer Verfahren beschreibt, bei der die eigene Subjektivität und Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse als wichtige Erkenntnisquellen eingesetzt und im Rahmen einer Gruppe intersubjektiv validiert werden. In den folgenden vier dargestellten Einzelfallstudien werden vier verschieden alte adoleszente Patient:innen (zwei weiblich, zwei männlich) und deren sehr unterschiedlicher Umgang mit dem Smartphone während der Behandlungsstunden geschildert. Besonders eindrücklich ist der Fall, bei dem der Patient nachdrücklich fordert sein Akku aufladen zu dürfen und die Begrenzung durch die Analytikerin zunächst als Verweigerung von Versorgung und Zuwendung erlebt wird und dieses anschließend als biografisch bedeutsames Gefühl verstanden werden kann. Im Rahmen einer zusammenfassenden Diskussion der Befunde geht die Autorin besonders auf das Dreiecksverhältnis zwischen Smartphone, Analytikerin und dem jeweiligen Patienten ein, wobei das Smartphone mal als Schutzschirm gegen intrapsychische oder auch interaktionelle Ängste oder auch als ein rivalisierendes Objekt im Verhältnis zur Analytikerin erscheint. Insgesamt, so meint die Autorin, kann das Smartphone durchaus ein förderliches Spiel in der Behandlung gelten: „Hier kann das Smartphone einen Platz als ein neues Spielzeug auf der Schnittstelle zwischen changierendem, noch verschwimmendem Ich und Nicht-Ich, Innen und Außen, Selbst und Anderem finden“ (219).

Diskussion

Das Buch gibt einen sehr interessanten Einblick in den Umgang mit einem aus dem klinischen Behandlungsalltag nicht mehr zu wegdenkendem Phänomen, das sich in der Allgegenwärtigkeit digitaler Medien und im Besonderen in der ständigen Präsenz von Smart- oder iPhones manifestiert. Die Ausführungen bestechen vor allem deshalb, weil die Autorin weder versucht den Gebrauch von Smartphones in der Behandlung autoritär als Störfaktor zu unterbinden noch den Gebrauch schlicht zu ignorieren bzw. als selbstverständlich/​unvermeidlich hinzunehmen, sondern weil sie die Beziehung zum Smartphone als bedeutsam genug anerkennt, um sich mit deren speziellen Dynamiken und Funktionen in der Interaktion mit den Patient:innen auseinanderzusetzen.

Fazit

Ein lesenswertes und gut geschriebenes Fachbuch, wobei die forschungsmethodischen Ausführungen und Überlegungen sicherlich nur einen Teil der Leser:innenschaft interessieren. Das Buch ist psychotherapeutisch und insbesondere psychoanalytisch interessierten Praktiker:innen, die mit jugendlichen aber auch erwachsenen Patient:innen arbeiten, sehr zu empfehlen!

Rezension von
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg, E-Mail braeutigam@hs-nb.de; Homepage: http://www.hs-nb.de/ppages/braeutigam/
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Es gibt 18 Rezensionen von Barbara Bräutigam.

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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 08.03.2022 zu: Anna Gätjen-Rund: Immer online? Das Smartphone zwischen Begrenzung und Begehren in der psychonalytischen Behandlung Adoleszenter. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-290-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28590.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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