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Gerd Overbeck, Annegret Overbeck: Die Gretchenfrage

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 08.08.2022

Cover Gerd Overbeck, Annegret Overbeck: Die Gretchenfrage ISBN 978-3-95558-305-7

Gerd Overbeck, Annegret Overbeck: Die Gretchenfrage. Christen und Atheisten im Gespräch über Religion und Glauben. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 200 Seiten. ISBN 978-3-95558-305-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Thema des vorliegenden Titel ist die Frage, wie Wissen und Glauben als menschliche Geistestätigkeiten korrespondieren.

Autoren und Mitarbeiter

Gerd Overbeck ist Professor und Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt.

M. Annegret Overbeck war bis 2009 Professorin für Erziehungswissenschaft – Schwerpunkt Erziehung, Bildung, Psychoanalyse – an der Goetheuniversität Frankfurt/M.

Am Gespräch teilgenommen haben: Christa (Grundschullehrerin, Kindergottesdienst), Hagen (Internist, Atheist), Martin (Pantheist), Thomas (Arzt und Psychoanalytiker, ungläubiger ev. Christ), Uwe (Neuropsychologe, Agnostiker), Josef (kath. Priester und Exorzist), Matthias (Prof. für ev. Theologie), Johannes (Schriftsteller und Philosoph, konfessionslos), Michael (Realschullehrer, verhinderter Priester), Renate (Bankangestellte, evangelisch), Elisabeth (Oberstudienrätin für Religion und Musik), Helmut (Oberstudienrat für Deutsch und Geschichte, Ex-Katholik), Christoph (Bauunternehmer und Sonntagsprediger in einer Freikirche).

Entstehungshintergrund

Der Tod eines Schulkameraden ist Anlass, einen Gesprächskreis über die ‚letzten Dinge‘  und einen intensiven Gedankenaustausch zur Gretchenfrage: „Glaubst Du an Gott?“ zu bilden.

Aufbau

Die Teilnehmer des ‚Gottesstammtisches‘ werden vorgestellt und treffen sich nach der Beerdigung von H.: Themen sind zunächst die Gretchenfrage, das Böse und der Teufel, der jüdische bildlose Gott JHWH und die Theodizee.

Das nächste Kapitel befasst sich mit den Gottesbildern: Gott als Schöpfer, als Gott des Gemetzels, als guter Hirte, und mit den Themen Religion als Kultur, die Doppelnatur von Jesus und die Bedeutung der Sprache.

Das letzte Kapitel ‚Den Glauben glauben?‘ greift Grundfragen auf: Was ist Gehalt und Sinn des Glaubens? Was heißt glauben?

Es folgt ein Anhang mit der in den Gesprächen zitierten Literatur.

Inhalt

In dem Aufbau sind bereits die Inhalte enthalten, die aufgrund der unterschiedlich ‚religiös musikalischen‘ Gesprächsteilnehmer auch unterschiedlich wahrgenommen werden, nicht selten durch Rückgriff auf  Kindheitserfahrungen mit einer religiösen Erziehung im Elternhaus oder im sozialen Umkreis. Während die Skepsis gegenüber dogmatischen Festlegungen überwiegt (Jungfrauengeburt, Auferstehung), zeigen alle Teilnehmer eine gewisse Affinität zu mythischen religiösen Erzählungen sowohl aus dem Alten als auch dem Neuen Testament, Erzählungen von Rettungen, Heilungen, Veränderungen, die insgesamt zwar nicht immer rational begründet werden können, aber emotional insofern eine Bedeutung haben, als sie Hoffnung und Vertrauen wecken und den Gläubigen ein Gefühl der Geborgenheit in einer – angesichts der Vergänglichkeit – unsicheren Welt geben.

Dass solche Hoffnungen und Gläubigkeiten auch missbraucht werden können, ist nicht nur historisch, sondern auch bis in die Gegenwart zu beobachten, wenn immer noch Kriegsstifter einen religiösen Segen nicht nur beanspruchen, sondern auch bekommen, und damit religiös legitimiert werden.

Gegenüber dem absolut Guten (Gott) und dem absolut Bösen (Teufel) verbindet alle Teilnehmer eine gesunde Skepsis, weil Gutes und Böses sich in jedem Menschen beobachten lässt und der Teufel als Projektionsobjekt seine Glaubwürdigkeit verloren hat.

Diskussion

Ein interessantes und lesenswertes Buch aufgrund der sehr unterschiedlichen Teilnehmer, die sich zu einem Gespräch über Grund- und Sinnfragen der menschlichen Existenz zusammengefunden haben. Es könnte mit den Themen, die angeschnitten werden, auch Jugendliche, die in der Pubertät auf Sinnsuche sind, interessieren. Was mir gefehlt hat, war eine reflektierte Aufmerksamkeit für die zunehmende Zahl von verführerischen Heilsversprechen unterschiedlicher Couleur, die ohne kulturellen und historischen Hintergrund den Bezug zu traditionellen Werten vermissen lassen. Geht da auch etwas verloren, was in früheren Zeiten für einen Zusammenhalt in der Gesellschaft gesorgt hat? Und welchen Anteil daran haben die traditionellen Konfessionen, wenn sie im Beharren auf dogmatische Festlegungen das Kapital verspielen, das in gemeinsam geteilten, Tradition und Gegenwart verbindenden Reformen auch heute noch gemeinschaftsstiftend sein könnte?

Fazit

Ein Buch, das zum Nachdenken anregen kann.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 08.08.2022 zu: Gerd Overbeck, Annegret Overbeck: Die Gretchenfrage. Christen und Atheisten im Gespräch über Religion und Glauben. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-305-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28591.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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