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Karsten Giertz, Lisa Große u.a.: Soziale Teilhabe professionell fördern

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 02.06.2022

Cover Karsten Giertz, Lisa Große u.a.: Soziale Teilhabe professionell fördern ISBN 978-3-96605-100-2

Karsten Giertz, Lisa Große, Dieter Röh: Soziale Teilhabe professionell fördern. Grundlagen und Methoden der Unterstützung. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 240 Seiten. ISBN 978-3-96605-100-2. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051057
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Thema

Das vorgelegte Buch will die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung in der Eingliederungshilfe stärken. Wie im Klappentext nachzulesen hat sich das System der Leistungen im Bereich der Teilhabe und Rehabilitation nach der Reform des SGB IX grundlegend verändert. Beispielsweise wurde der Begriff der sog. qualifizierten Assistenz neu eingeführt. Daraus leitet sich der Anspruch ab, dass Mitarbeitende der Eingliederungshilfe Kenntnisse von zeitgemäßen fachlichen Konzepten für die Beratung und Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen anwenden. Das Buch stellt Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit vor, die von der Bedarfsermittlung bis zur Leistungserbringung unentbehrlich sind. Ergänzend finden sich Fallbeispiele, Abbildungen und Downloadmaterialien, durch die der Transfer von der Theorie in die Praxis unterstützt wird.

AutorIn oder HerausgeberIn

Karsten Giertz, M. A. ist Geschäftsführer des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. und Lehrbeauftragter an der Hochschule Neubrandenburg. Lisa Große, M. A. hat lange im sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet und ist nun wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon-Hochschule Berlin. Dr. Dieter Röh arbeitet als Professor für Soziale Arbeit an Hochschule für angewandte Wissenschaft (HAW) in Hamburg. Seine Schwerpunkte: Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie, Klinische Sozialarbeit, Rehabilitation, Geschichte, Theorien, Ethik und Methoden Sozialer Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 302 Seiten, die sich in 18 Artikel von verschiedenen Autor:innen gliedern. Die Artikel sind nicht durchnummeriert. Am oberen linken Seitenrand ist die jeweilige Artikelüberschrift abgedruckt, am rechten Rand die Überschrift des jeweiligen Abschnitts. Zahlreiche Textboxen, Zwischenüberschriften und Abbildungen lockern den Fließtext auf. Des Weiteren wird umfangreiches download-Material zur Verfügung gestellt, es ist im Fließtext mit einem Piktogramm gekennzeichnet. Im Inhaltsverzeichnis findet sich zudem eine Übersicht der Downloadmaterialien. Zahlreiche Fallvignetten erläutern die Theorie.

Die Artikel im Buch beziehen sich auf die psychiatrische Praxis der Eingliederungshilfe. Mit dem Gesetz zur „Stärkung der Teilhabe und Mitbestimmung von Menschen mit Behinderung“ verändert sich das System der Leistungen im Bereich Teilhabe und Rehabilitation grundlegend. Im Sozialrecht wurde ein verbindlicher Behindertenbegriff verankert, der sich am ICF und BRK orientiert. Behinderung wird als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren definiert, wodurch sich erhöhte Anforderungen stellen.

„Die Aufhebung von institutionalisierten Prinzipien in Bezug auf den Zugang von Leistungen zur Sozialen Teilhabe, die Trennung von Fachleistung und existenzsichernden Leistungen und die Entwicklung eines inklusiven Arbeitsmarktes stellen veränderte und erhöhte Anforderungen.“ (S. 7).

Einstieg bilden Daten und Fakten zu schwer psychisch erkrankten Menschen, auf S. 33 findet sich eine Abbildung dazu. Sie enthält eine Spalte, in der psychische Erkrankungen gelistet sind, eine zweite Spalte zeigt Definitionen nach SMI und eine dritte Spalte benennt psychosoziale Beeinträchtigungen. Nach Zahlen der BAGüS (aus 2018) machen volljährige psychisch erkrankte Menschen im Bereich Wohnunterstützung einen Anteil von rund 51 % aus, etwa 71 % werden in der eigenen Wohnung und 29 % in stationären betreuten Wohnformen unterstützt.

Der Eingliederungshilfe fehlt es nach Aussage des Herausgebers Dieter Röh an einer Handlungstheorie, die verschiedene Ansprüche, Konzepte und Leistungen umfasst. Diese begründet sich sowohl in Bezug auf eine Zielrichtung (Teilhabe) als auch in Bezug auf Mittel wie z.B. die sog. qualifizierte Assistenz. Der Autor verweist auf den Capabilities-Approach, eine international beachtete Gerechtigkeitstheorie bzw. das Lebensqualitätsmodell. Diese Modelle beziehen sich sowohl auf die Behindertenhilfe als auch auf die Sozialpsychiatrie. Nach Röh bildet der Capabilities-Approach eine hilfreiche Grundlage für die Eingliederungshilfe und die professionelle Unterstützung im Sinne der qualifizierten Assistenz, die von Fachkräften mit unterschiedlichen Qualifikationen erbracht wird. Im Kern des Ansatzes geht es um Gerechtigkeit und die Frage nach dem guten Leben. Er arbeitet in seinem Artikel Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung heraus.

Das Menschsein ist maßgeblich durch das Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Prozessen geprägt. Betrachtet wird das biopsychosoziale Modell in Hinblick auf einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff und die Auswirkung auf die Praxis der qualifizierten Assistenz.

An die vier einführenden Artikel schließen sich verschiedene Methoden der qualifizierten Assistenz an. Ein zentrales Konzept ist die Sozialtherapie, sie hat zum Ziel, die subjektive Handlungsfähigkeit von Klient:innen sowie die sozialen Bedingungen der Handlungsfähigkeit zu verbessern. Assistenz setzt auf selbstbestimmte regiegeleitete Auftragsübernahme zur Unterstützung einer selbstbestimmten Lebensführung. Auf Seite 81 findet sich eine Tabelle mit zehn Methoden, Zielen und Beispielen der Sozialtherapie als übergreifendes Konzept der Gesundheitsfürsorge. Genannt werden z.B. Familienhilfe mit dem Ziel der Einbindung von Familienangehörigen oder soziales Kompetenztraining mit dem Ziel der Stärkung von kommunikativen und interaktionsbezogenen Kompetenzen. Anhand eines Fallbeispiels werden weitere Methoden aufgezeigt z.B. die Visualisierung der Biografie durch Zeitbalken. Auch eine Vier-Felder-Netzwerkkarte wird erstellt, mit der weitergearbeitet werden kann.

Aus Skandinavien stammen die sog. bedürfnisangepasste Behandlung und der aus dieser Behandlungsform entstandene Offene Dialog sowie die zentrale therapeutische Arbeitsform des Netzwerktreffens. Diese Netzwerktreffen erfüllen eine informative Funktion, eine diagnostische Funktion und eine psychotherapeutische Funktion (S. 92). Als eine Basistechnik des Offenen Dialog wird das sog. Reflektierende Team genannt, eine systemische Art der Reflexion (Schaukasten S. 93–96). Daran schließt sich eine Aufstellung an, die sieben strukturelle und 12 therapeutische Prinzipien abbildet. Eine weitere Technik ist das sog. „Ohr der Klientin/des Klienten“, dabei nimmt ein Mitarbeitender z.B. in Teamgesprächen die Rolle der zuhörenden Klientin bzw. Klienten ein, um alle Mitarbeitenden für die Wortwahl zu sensibilisieren, die sie in der täglichen Praxis nutzen.

Recovery, Resilienz und Stärkenorientierung sind Konzepte in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen und ihren Angehörigen. Dabei geht es um die Relativierung einseitiger medizinisch konnotierter defizitorientierter Zuschreibungen hin zu einem stärkenorientierten Ansatz, der in den 1980er-Jahren in den USA entstanden ist. „Die Leitgedanken der Stärkenperspektive sind in systemisch-konstruktivistischen, personen- und lösungsorientierten Ansätzen verankert“ (S. 117). Auf dieser Basis wurden Arbeitsprinzipien und Methoden der Stärkenarbeit entwickelt, genannt werden

  1. das Empowerment (Selbstbefähigung),
  2. Resilienz (Widerstandskraft) und
  3. Salutogenese (gesundheitsförderliche Faktoren mit drei Komponenten: Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit und Verstehbarkeit).
  4. Am weitesten verbreitet ist das Recovery-Konzept, gemeint ist die Wiedererlangung der Genesung.
  5. Auch der 5. Ansatz der Stärken- und Ressourcenorientierung gehört dazu, er spiegelt sich z.B. in der Art Gespräche zu führen (erläutert auf S. 126–128).

Der Beitrag „psychosoziale Diagnostik in der qualifizierten Assistenz“ gibt Einblick in die Grundlagen und ethischen Prinzipien und erläutert diese anhand einer Fallvignette. Daran schließt sich eine Zusammenfassung der wesentlichen Funktionen und Prinzipien der psychosozialen Diagnostik an. Ein Übersichtsmodell des diagnostischen Fallverstehens visualisiert einzelne Etappen im Vorgehen (S. 142). Nach der Erhebung von Daten können Ergebnisse in ein Koordinatensystem eingetragen werden, wodurch die Mehrdimensionalität sichtbar gemacht wird. Im Beitrag „Sozialarbeiterisches Case Management in der qualifizierten Assistenz“ wird die Analogie zwischen Case-Management und BTHG sowie dessen Nutzen für die Teilhabeplanung aufgezeigt. Neben den Grundlagen und Ebenen des Case-Managements werden Funktionen der anwendenden Personen aufgeführt, die je nach Situation, Position und Auftrag verschieden sein können. Auf Seite 164 ff. finden sich die sechs Phasen des Case-Managements, die zirkulär verlaufen. Von der Bedarfsermittlung kommt es zur Leistungserbringung. „Durch das Gesamtplanverfahren wird sichergestellt, dass sich auch die Bedarfsermittlung für Leistungen anderer Rehabilitationsträger einheitlich an der ICF ausrichten“ (S. 173), die Instrumente sind in den Bundesländern nicht einheitlich. Eine Fallvignette konkretisiert die Ausführungen, Tabellen fassen eine einfache Übersicht über gesetzliche Grundlage, Konkretisierung der Komponenten und Einflussfaktoren und die Zusammenstellung der Leistungsfeststellung zusammen (S. 183–185).

Auf der Grundlage einer qualitativen Untersuchung von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen ist ein Modell zur Entstehung einer Arbeitsbeziehung mit Klientinnen und Klienten herausgearbeitet worden, wodurch verschiedene Einflussfaktoren dargestellt werden können. Auch die Rahmenbedingungen, die z.B. durch gesetzliche Vorgaben bestimmt werden, spielen eine Rolle. Bedeutsame Kontextfaktoren für gelingende Hilfe ist eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zwischen Klient:innen und Fachmenschen. Anschließend werden Grundlagen psychosozialer Beratung näher erläutert, zu beachten ist, dass diese in einem längeren dialogischen Problemlösungsprozess aufgebaut werden muss. Auf Seite 205 findet sich die Darstellung der Grundstruktur von psychosozialen Beratungsprozessen in sieben Phasen mit zentralen Aufgaben und Zielen. Psychosoziale Beratung als Querschnittsaufgabe qualifizierter Assistenz ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Fachkräfte müssen über notwendige fachliche Komponenten und persönliche Voraussetzungen verfügen, um diese zu bewältigen. Auch Hausbesuche und aufsuchende Hilfen sind Bestandteil der qualifizierten Assistenz gemäß des BTHG. Reflektiert werden Chancen und Möglichkeiten aber auch Risiken. Hilfreich ist, solche Besuche aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren, um eine produktive und gleichzeitig sensible Hilfebeziehung zu etablieren.

Die Selbstfürsorge im Arbeitsfeld der qualifizierten Assistenz steht im Mittelpunkt des letzten Kapitels. Die Zahl der Krankheitstage, Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung im Zusammenhang mit beruflichen Belastungen war noch nie so hoch wie heute. Eine Abbildung auf S. 290 zeigt die Verteilung psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeitstage und -fälle nach Branchen. In Kurzform werden verschiedene Modelle vorgestellt, deren Faktoren Ansatzpunkte zur Verbesserung berufliche Zufriedenheit und zur Vorbeugung beruflicher Belastungen darstellen. Die Tabelle auf S. 297 nennt Strategien der Selbstfürsorge.

Diskussion

Die Förderung sozialer Teilhabe stellt einen wichtigen Aspekt in der Gesundheitsprävention dar. Ein wesentliches Ziel der Gesundheitsförderung ist es, Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ein weitest gehendes selbstbestimmtes Leben im eigenen Wohnumfeld zu führen und aktiv an der Gemeinschaft teilzuhaben. In diesem Buch sind 18 Artikel verschiedener Autor:innen zusammengestellt, die das Thema umfassend aus verschiedenen Perspektiven und anhand unterschiedlicher Aspekte beleuchten und reflektieren.

Im Mittelpunkt steht die psychiatrische Praxis der Eingliederungshilfe. Mit dem Gesetz zur „Stärkung der Teilhabe und Mitbestimmung von Menschen mit Behinderung“ verändert sich das System der Leistungen im Bereich Teilhabe und Rehabilitation grundlegend, ein verbindlicher Behindertenbegriff, der sich am ICF und BRK orientiert, wurde im Sozialrecht verankert. Behinderung wird als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren definiert. „Die Aufhebung von institutionalisierten Prinzipien in Bezug auf den Zugang von Leistungen zur Sozialen Teilhabe, die Trennung von Fachleistung und existenzsichernden Leistungen und die Entwicklung eines inklusiven Arbeitsmarktes stellen veränderte und erhöhte Anforderungen.“ (S. 7).

Ausgehend von der These von Röh, bildet der Capabilities-Approach eine hilfreiche Grundlage für die Eingliederungshilfe und die professionelle Unterstützung im Sinne der qualifizierten Assistenz, die von Fachkräften mit unterschiedlichen Qualifikationen erbracht wird. Im Kern des Ansatzes geht es um Gerechtigkeit und der Frage nach dem guten Leben.

Das Menschsein ist maßgeblich durch das Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Prozessen geprägt. Betrachtet wird das bio-psycho-soziale Modell in Bezug auf einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff und den Auswirkungen auf die Praxis der qualifizierten Assistenz, die sich in der Sozialtherapie als übergreifendes Konzept der Gesundheitsfürsorge niederschlägt. Ziel ist, die subjektive Handlungsfähigkeit von Klient:innen sowie die sozialen Bedingungen der Handlungsfähigkeit zu verbessern. In einer Tabelle sind 10 Methoden zusammengestellt wie zum Beispiele die Familienhilfe mit dem Ziel der Einbindung von Familienangehörigen oder ein soziales Kompetenztraining mit dem Ziel der Stärkung von kommunikativen und interaktionsbezogenen Kompetenzen. Eine zentrale therapeutische Arbeitsform ist das Netzwerktreffen, das eine informative Funktion, eine diagnostische Funktion und eine psychotherapeutische Funktion erfüllt. Eine weitere Basistechnik des Offenen Dialog ist das sog. Reflektierende Team und das sog. „Ohr der Klientin/des Klienten“, bei dem eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter in Gesprächen, die Rolle der zuhörenden Klientin bzw. Klienten einnimmt, um die Sensibilität für die Wortwahl, die in der täglichen Praxis genutzt wird, zu erhöhen. Diese Beispiele zeigen, dass sich neben dem veränderten Umgang auch die Sprache ändert.

Hervorzugehen ist auch die Verwendung zahlreicher Visualisierungshilfen. Davon braucht es in der alltäglichen Arbeit mehr, denn das Einbeziehen der Fokusperson und die Unterstützung der Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung muss dessen Verstehen sicherstellen. Aus meiner beruflichen Praxis ist mir bekannt, dass es Mitarbeitenden schwerfällt, Visualisierungshilfen einzusetzen. Das muss sich ändern. Gelingen kann dieses Vorgehen z.B. bei der Erstellung einer Netzwerkkarte als gemeinschaftliches Tun. Das schafft ein gemeinsames Produkt, über das reflektiert werden kann. Visuelle Informationen reduzieren die Abstraktion und Komplexität von Sprache. Visuelle Hilfsmittel bringen das Wesentliche hervor, sie stehen anders als Sprache – die flüchtig ist – permanent zur Verfügung.

Nicht vergessen wurde die Reflexion von Stigmatisierungsprozessen, die in drei Dimensionen differenziert wird: die strukturelle Diskriminierung, die individuelle Diskriminierung und das Selbststigma, womit die Übernahme öffentlicher Urteile in das Selbstkonzept eines betroffenen Menschen gemeint ist. Identität wird zur sozialen Resonanz. In der Literatur findet man drei zentrale Funktionen von Stigmatisierung: Durchsetzung von Normen, Ausbeutung und Ausgrenzung sowie eine Krankheits-Angstvermeidung. Drei Strategien zur Reduzierung von Stigma in der Öffentlichkeit (Anti-Stigma-Arbeit) sind nach Gruber 2018 Edukation, Kontakt und Protest. Es braucht spezielle Schulungsprogramme für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, um diskriminierende Zuschreibungsprozesse zu durchschauen und Strategien für ihre Bewältigung zu entwickeln. Zudem sollten Möglichkeiten geschaffen werden, über diese Stigmatisierungserfahrungen zu sprechen und damit verbundene Kränkungen zu bearbeiten. Ein wichtiges Schlüsselkonzept stellt der Empowerment-Ansatz dar.

Die Selbstfürsorge im Arbeitsfeld der qualifizierten Assistenz steht im Mittelpunkt des letzten Kapitels. Die Zahl der Krankheitstage, Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung im Zusammenhang mit beruflichen Belastungen war noch nie so hoch wie heute. Eine Abbildung auf S. 290 zeigt die Verteilung psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeitstage und -fälle nach Branchen. In Kurzform werden verschiedene Modelle vorgestellt, deren Faktoren Ansatzpunkte zur Verbesserung berufliche Zufriedenheit und zur Vorbeugung beruflicher Belastungen darstellen. Die Tabelle auf S. 297 nennt Strategien der Selbstfürsorge. Auch diese Aspekte sind wichtig!

Fazit

Das vorgelegte Buch will die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung in der Eingliederungshilfe stärken. Wie im Klappentext nachzulesen hat sich das System der Leistungen im Bereich der Teilhabe und Rehabilitation nach der Reform des SGB IX grundlegend verändert. Beispielsweise wurde der Begriff der qualifizierten Assistenz neu eingeführt. Daraus leitet sich der Anspruch ab, dass Mitarbeitende der Eingliederungshilfe Kenntnisse von zeitgemäßen fachlichen Konzepten für die Beratung und Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen anwenden. Das Buch stellt Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit vor, die von der Bedarfsermittlung bis zur Leistungserbringung unentbehrlich sind. Ergänzend finden sich Fallbeispiele, Abbildungen und Downloadmaterialien, durch die der Transfer von der Theorie in die Praxis unterstützt wird.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 02.06.2022 zu: Karsten Giertz, Lisa Große, Dieter Röh: Soziale Teilhabe professionell fördern. Grundlagen und Methoden der Unterstützung. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-96605-100-2. Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051057. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28602.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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