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Markus Gabriel, Gert Scobel: Zwischen Gut und Böse

Cover Markus Gabriel, Gert Scobel: Zwischen Gut und Böse. Philosophie der radikalen Mitte. Edition Körber (Hamburg) 2021. 320 Seiten. ISBN 978-3-89684-287-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Das Böse ist überall!

Im anthropologischen, philosophischen Diskurs ist das Böse (griechisch: katòn; lat.: malum) das Gegenteil zum Guten, dem vom anthrôpos anzustrebenden eu zên, einem guten, gelingenden Leben. Dieses, so der philosophische Duktus, ist menschenmöglich, wenn sich der Mensch darauf besinnt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich damit auseinanderzusetzen, zu wissen, wer er ist, was er wissen kann, was er tun solle und was er hoffen dürfe (Immanuel Kant). Nicht Überirdisches und Übernatürliches, sondern der Mensch ist Ursprung des Guten wie des Bösen (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2006, S. 107f).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Es gibt immer wieder zahlreiche, historische und aktuelle Versuche, dem Bösen im menschlichen Dasein und Zusammensein auf die Spur zu kommen. Es sind ethische Fragestellungen zur Unvollständigkeit, Mangelhaftigkeit und Unfertigkeit des Menschen (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php); und es sind die Vermutungen und Anklagen darüber, dass es im individuellen, lokalen und globalen menschlichen Dasein immer wieder Böses gibt (Jos Schnurer, 23.9.20, https://www.sozial.de/hass.html).

Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Markus Gabriel vom Institut für Philosophie der Bonner Universität und der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel vom 3sat-Sender, stellen sich mit der Suche nach der „radikalen Mitte“ den aktuellen Herausforderungen für ein humanes, menschenwürdiges, friedliches und gerechtes globales Zusammenlebens der Menschheit. Es sind die ethischen, allgemeingültigen Prämissen, wie sie in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postulierten Denk- und Wertvorstellungen zum Ausdruck kommen: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Es sind Auseinandersetzungen, wie sie sich als Denkprozesse darstellen und zum Handeln werden. Und es sind Fragen nach der Wahrnehmung und dem Umgang mit den Wirklichkeiten des Lebens (Julian Nida-Rümelin/Nathalie Weidenfeld, Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren, 2021, www.socialne5.de/rezensionen/28566.php). Es ist die Erkenntnis, dass „Denken ( ) Dialog, ein Sich-mit-sich-selbst-und-anderen Unterreden (ist)“.

Aufbau und Inhalt

Das als gesprächs-/dialogverfasste Buch wird in drei Themenbereiche gegliedert. Im ersten Kapitel „Aporie“ formulieren die beiden Diskutanten die Basis, mit der sie sich darüber verständigen, nach welchen ethischen und moralischen Grundsätzen sie ihren Diskurs führen wollen. Es ist die „Komplexität der Wirklichkeit“, die das Nachdenken über das menschliche, tierische und pflanzliche Leben im Endlichen des terrestrischen und kosmischen Daseins bestimmt. Es sind die kulturell und zivilisatorisch entstandenen Werte- und Normenvorstellungen, die das Handeln bestimmen (sollten); Immer freilich mit dem Bewusstsein, dass es im Verhältnis zwischen Gut und Böse sowohl ein eindeutiges Ja oder Nen, wie auch ein „Dazwischen“ gibt: „Der Raum der Unterscheidung selbst … ist zunächst selbst nicht unterschieden“. Es ist das verständliche Erfahrungs- und das belegbare Sach- und Expertenwissen, das sich gegen kakophonistische Beckmesserei und Fake News wappnet. Es ist die immerwährende, ernsthafte, ethische und ethnische Suche nach der globalen Conditio Humana, die sich als gesellschaftliche und politische Systemfrage stellt und die Demokratie als die (derzeit) bestmögliche Existenz- und Lebensform der Menschen darstellt; weil maßvolles Verhalten ethische und moralische, anthropologische und firmamentale Aspekte berücksichtigt. Hier nämlich zeigt sich die humane Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und zu Veränderungsprozessen.

Im zweiten Kapitel „Antinomie“ kommt zur Sprache, dass der Mensch (an sich) ein Lebewesen ist, das in seinen ethischen und moralischen Vorstellungen dem Guten zuneigt, aber in seiner Existenz und seinem sozialen Verhalten (eigentlich) unangemessene Reaktionen zeigt: „Wie Menschen sich faktisch verhalten, erlaubt nur beschränkt Rückschlüsse darauf, was ihre Werte sind“. Es sind die immer wieder zutage tretenden, individuellen und kollektiven Unterscheidungen zwischen Sein und Sollen, die Irritationen bewirken, Macht und Machtmissbrauch hervorrufen und Fakten und Fake News schaffen. Es sind die bekannten und vielbenutzten Strategien, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Aus dem Dilemma kann der Blick über den selbstgezimmerten Gartenzaun oder die selbstgebaute Mauer heraushelfen. Die Suche nach der Mitte kann nicht in einem Entweder – Oder enden, sondern muss ein Sowohl – Als auch umfassen, freilich nicht als „Larifari“, sondern als Erkenntnis, dass die Mitte einen Spielraum hat. Hilfreich dabei ist ein ontogenetisches Bewusstsein (Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php). „Zur Praxis der Mitte würde es gehören, Formate zu entwickeln, die Bewegung und Begegnung ermöglichen“.

Im dritten Kapitel befassen sich die Diskutanten mit „An-Archie“. Es sind Fragen nach den wünschenswerten, prägenden und menschenwürdigen Tugenden, und nach dem „radikal Bösen“ im Sinne der Hannah Arendtschen Interpretation. Es ist nicht das „Schweigen der Lämmer“ (Thomas Harris), nicht das tatenlose „Aussitzen“ bei Entscheidungsprozessen. Gefordert wird die kritisch-demokratische Einstellung, die als „positive Subversion“ bezeichnet wird (Hans. A. Pestalozzi). Sie gründet auf der Selbstachtung, die auf die Achtung der Anderen baut. Wir sind angelangt in der „Radikalität der Mitte“, die das Reale, Wirkliche und Mögliche in all seinen Variationen zu entfalten vermag. Es wird deutlich in den antik-philosophischen Vorstellungen vom „Zwischenreich" (Wolfram Hogrebe, 2020), und in den „unmarked spaces“ der realen und virtuellen Wirklichkeiten (Stefan Brunnhuber, Die offene Gesellschaft. Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25426.php).

Diskussion

Das Gesprächsformat als Buch bietet die Möglichkeit, Informations- und Kommunikationsprozesse lebensnah darzustellen. Dieses Stilmittel findet vielfach dann Anwendung, wenn es um konkrete, aktuelle Fragestellungen geht, wie es gelingen kann, Menschen davon zu überzeugen, dass sie informiert, aufgeklärt und gebildet sein wollen. Das ist in den Zeiten des scheinbar leichtgängigen, virtuellen und globalen Momentanismus. Heribert Prantl nennt das die „Kraft der Hoffnung“ (www.socialnet.de/rezensionen/24119.php). Und für Karl Heinz Bohrer ist die Suche nach der Wahrheit und Identität ein Abenteuer mit der Phantasie (www.socialnet.de/rezensionen/22496). Die Erkenntnis, dass jeder Mensch ein Mystiker ist (Abraham H. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16223.php), mag dazu beitragen, den Selbstüberschätzungen und Kakophonien zu entgehen. Es ist der Spagat zwischen Selbsterkenntnis, Selbstinszenierung (Manfred Prisching, Bluff-Menschen. Selbstinszenierung in der Spätmoderne, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26229.php) und den Einrenkungsversuchen bei gedanklichen Verrenkungen (Hans-Willi Weis, Der Intellektuelle als Yogi. Für eine Kunst der Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19886.php), der zur Auseinandersetzung mit dem erdhaften und gleichzeitig kosmischen Menschsein im Hier, Heute und Morgen herausfordert.

Fazit

Wenn wir davon ausgehen, dass Wirklichkeit ist, was gerade nicht zu ändern ist, und trotzdem danach drängt, das Ungewollte, Hässliche, Böse zu ändern, ist Anarchie, das „Unordentlich“ gefragt, als „entscheidendes Merkmal der Wirklichkeit“. So stellt sich „An-Archie“ nicht als Ziel- und Wirkungslosigkeit, sondern als emanzipatorischer Prozess dar. Der von Gabriel und Scobel geführte Dialog vermittelt Denk- und Gedankengänge im den Bahnen und im Gestrüpp des Bemühens um Selbst- und Weltverwirklichung. Es sind keine Rezepte, schon gar keine Gebote oder Ordre du Mufti-Anweisungen, sondern intellektuelle Überlegungen und Hilfestellungen für das eigene, humane Selbstbewusstsein und Identitätsfindung und -festigung. Also: Ein „Antikeimenon des Lebens“ (https://www.sozial.de/objektivitaet-und-subjektivitaet.html),das den anthrôpos zum Gut- und Menschlichsein befähigt!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.08.2021 zu: Markus Gabriel, Gert Scobel: Zwischen Gut und Böse. Philosophie der radikalen Mitte. Edition Körber (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-89684-287-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28603.php, Datum des Zugriffs 08.12.2021.


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