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Roy Kühne, Jürgen Graalmann u.a. (Hrsg.): Die Zukunft der Gesundheits(fach)­berufe

Cover Roy Kühne, Jürgen Graalmann, Franz Knieps (Hrsg.): Die Zukunft der Gesundheits(fach)berufe. Mehr Kompetenzen - mehr Verantwortung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2021. 299 Seiten. ISBN 978-3-95466-595-2. D: 49,95 EUR, A: 51,45 EUR, CH: 60,00 sFr.

Mit einem Geleitwort von Jens Spahn.
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Thema

Die Zukunft der Gesundheits(fach)berufe ist nicht erst seit dem Eckpunktepapier der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“ vom März 2020 ein Thema der Gesundheitspolitik. Der hierfür staatsorganisationsrechtlich für die Heilberufegesetzgebung zuständige Bundesgesetzgeber hat sich mit der aus der Sicht von Berufsverbänden längst überfälligen Novellierung der einschlägigen Gesetze zu den Berufen der Notfallsanitäter:innen, Pflegefachpersonen, Hebammen, pharmazeutisch-technischen Assistent:innen, der medizinischen Technologie und der anästhesie- und operationstechnischen Assistent:innen bereits entsprechend betätigt. Weitere Novellierungen stehen aus, so insbesondere bei den Therapieberufen (Physio- und Ergotherapie, Logopädie) sowie der Diätassistenz und Orthoptistik. Es geht aber nicht nur um die Modernisierung der entsprechenden Ausbildungs- und Zulassungsgesetze, sondern insgesamt um die Stellung der Gesundheits(fach)berufe in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung und der Patient:innen. Das deutsche Gesundheitswesen ist von einer im internationalen Vergleich besonders hierarchischen Wahrnehmung von Gesundheitsberufen geprägt, bei der die Ärzteschaft an der Spitze der Hierarchie steht. Dies schlägt sich nieder im berufs- und krankenversicherungsrechtlichen Arztvorbehalt, aber auch in der politischen Machtstellung im Gesundheitswesen. Die längst überholte, aber immer noch praktizierte Verwendung des Begriffes der „Heilhilfsberufe“ für die Gesundheitsfachberufe steht semantisch hierfür.

Die Beiträge des vorliegenden Werkes reflektieren die Sicht der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen (Sozialversicherungsträger, Leistungserbringer, Gesundheitswirtschaft, Gesundheitsberufe) zur Rolle der Gesundheits(fach)berufe in einem integrativen und interdisziplinären Gesundheitswesen.

Herausgeber und Autor:innen

Die drei Herausgeber stammen aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens. Dr. Roy Kühne ist Inhaber eines Gesundheitszentrums und ist als Abgeordneter im Deutschen Bundestag Mitglied des Gesundheitsausschusses. Jürgen Graalmann hatte führende Positionen bei gesetzlichen Krankenkassen inne und ist jetzt beratend tätig. Franz Knieps leitet als Vorstand den Dachverband der Betriebskrankenkassen und war neben zahlreichen anderen Verwendungen in der Ära von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung.

Die 36 Autoren der 24 Beiträge entstammen den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens, von der Gesundheitsversorgung über die Ausbildung an Schulen und Hochschulen bis zur Patientensicherheit. Mit diesem weit gespannten Spektrum an Autor:innen lehnt sich das Werk an jüngere Veröffentlichungen zu den Gesundheitsberufen an (etwa: Pundt/Kälble [Hrsg.], Gesundheitsberufe und gesundheitsberufliche Bildungskonzepte, Bremen 2015).

Inhalt

Das Werk ist in drei Abschnitte gegliedert und enthält 24 Beiträge, die jeweils mit einem Literaturverzeichnis versehen sind:

1. Kontext und Positionen

  1. Die Verortung der Gesundheits(fach)berufe im deutschen Gesundheitswesen – ein kritisch-konstruktiver Blick auf Reformdebatten (Franz Knieps und Ray Kühne)
  2. Analyse, Potenzial und Grenzen von Delegationsleistungen (Jürgen Peter, Wiebke Böhne und Jörg Reytarowski)
  3. Ärztliche Perspektiven (Bernhard Gibis)
  4. Die Rolle von Gesundheits(fach)berufen aus Sicht der Krankenhäuser (Jens Schick)
  5. Gesundheits(fach)berufe und Patientinnen: Allianz im Interesse der Patientensicherheit (Ruth Hecker und Ilona Köster-Steinebach)
  6. Rechtliche Rahmenbedingungen (Alexander P. F. Ehlers und Christian Rybak)
  7. Jobmaschine mit Versorgungsauftrag – Kooperation als Leitmotiv eines modernen Gesundheitswesens (Hartmut Reiners)
  8. Die Rolle der Industrie im Gesundheitssystem (Oda Hagemeier)

2. Gesundheits(fach)berufe

  1. Situation und Potenziale der Pflegeberufe (Frank Weidner und Sandra Postel)
  2. Auf den Anfang kommt es an – das Hebammenwesen in Deutschland (Ulrike Geppert-Orthofer)
  3. Physiotherapie in der Gesundheitsversorgung in Deutschland heute und morgen – zwischen Prekarisierung und Wachstum (Heidi Höppner)
  4. Ergotherapie: im Spannungsfeld zwischen veralteten Regularien, fragmentierter Versorgungsrealität und Förderung der inklusiven Gesellschaft (Azize Kasberg und Frank Zamath)
  5. Logopädie/Sprachtherapie: Potenziale für die Gesundheitsversorgung von morgen (Hilke Hansen)
  6. Ohne MTA keine Diagnostik, ohne Diagnostik keine Therapie! Medizinisch-technische Assistenzberufe – Systemrelevanz im Fokus der Patientensicherheit (Jacqueline Flux, Iris Frings, Aileen Herrmann und Christiane Maschek)
  7. Operationstechnische und Anästhesietechnische Assistenz in der Bundesrepublik Deutschland – Status Quo und Ausblick (Ralf Neiheiser)
  8. Pharmazeutisch-technische Assistenten/​Assistentinnen (PTA) (Carmen Steves und Peter Lehle)
  9. Notfallsanitäter/-innen (Hans-Peter Hündorf)
  10. Augenoptiker/​innen (Jan Wetzl)
  11. Hörgeräteversorgung: Es geht um mehr, als gut zu hören (Stefan Zimmer)
  12. Orthopädietechnik: Potenzial für Versorgungskonzepte (Klaus-Jürgen Lotz)
  13. Mehr Apotheke(r) wagen (Fritz Becker)
  14. Medizinische Fachangestellte (MFA) (Hartmut Stinus und Anneke Borcherding)

3. Aufbruch 2030

  1. Chancen und Risiken: ein Blick in die Zukunft der Gesundheits(fach)berufe (Bernadette Klapper)
  2. Position und Perspektiven: Gesundheits(fach)berufe mit mehr Kompetenz und Verantwortung (Roy Kühne, Jürgen Graalmann und Franz Knieps)

Diskussion

Während die Beiträge in Abschnitt II jeweils gesundheitsfachberufsspezifisch ausgerichtet sind, enthält Abschnitt I vor allem gesundheitspolitische Positionen und rechtliche Grundlegungen. Der Blick in die Zukunft wird dann mit den beiden Beiträgen im Abschnitt III geöffnet. Die 24 Beiträge können hier nicht im Einzelnen referiert werden – die Titel der Beiträge geben hinreichend Aufschluss über die jeweiligen Inhalte. Auf Folgendes soll jedoch hingewiesen werden:

Zunächst ist zu erwähnen, dass nicht alle Gesundheits(fach)berufe Erwähnung finden. So fehlen Darstellungen zu den Diätassistent:innen, Orthoptist:innen und Podolog:innen. Auch fehlen Hinweise zur Rolle der sektoralen Heilpraktikererlaubnisse, die gerade bei den Gesundheitsfachberufen von Bedeutung sind. Das Bundesverwaltungsgericht hat mit dieser mittlerweile von vielen Kommentatoren als Fehlentwicklung eingeschätzten Rechtsprechung letztlich gesetzgeberische Versäumnisse bei der Modernisierung der Heilberufsgesetze in Richtung kompensiert. Der Umweg, über eine sektorale Heilpraktikererlaubnis selbstständig auf Teilgebieten, so etwa für Physiotherapie oder Logopädie, Heilkunde ausüben zu dürfen, wäre nicht erforderlich, wenn die Ausbildungs- und Zulassungsgesetze diese Möglichkeit schon vorgesehen hätten. In der jüngeren Gesetzgebung zu den Gesundheitsfachberufen ist diesem Problem jedoch bereits für einige dieser Berufe Rechnung getragen worden. Dies führt zu einem weiteren Punkt:

Die Herausgeber gehen eingangs darauf ein, dass es nicht mehr angehe, von „nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen“ (S. IX) zu sprechen. Diese überholte Begrifflichkeit entspricht in der Tat auch nicht mehr der aktuellen rechtlichen Situation. So wird bei den bereits novellierten Gesetzen zu den Gesundheitsfachberufen im Ausbildungsziel zum Teil auf selbstständige (Pflegeberufegesetz, Hebammengesetz, Gesetz über die Berufe in der medizinischen Technologie) oder eigenverantwortliche (Anästhesietechnische- und Operationstechnische-Assistenten-Gesetz) Ausführung von Tätigkeiten verwiesen. In Konsequenz dessen hätte man sich gewünscht, dass bei der Schilderung der rechtlichen Rahmenbedingungen im Beitrag von Ehlers/​Rybak auf diese schon jetzt rechtlich gegebenen Bereiche selbstständiger Ausführung von Maßnahmen (PflBG, HebG, MT-Berufegesetz) und insbesondere auf die vorbehaltenen Tätigkeiten für Pflegefachberufe hingewiesen wird, von denen selbst Ärzte ausgeschlossen sind. Hier haben sich also bereits durchaus signifikante Verantwortungsverschiebungen in Richtung auf die Gesundheitsfachberufe ergeben. In den beiden Schlussbeiträgen von Klapper und Kühne/Graalmann/​Knieps werden diese Verantwortungsverschiebungen deutlich herausgestellt.

Fazit

Es gibt zurzeit kein Werk zu den Gesundheits(fach)berufen, in dem die meisten dieser Berufe von den jeweiligen Spezialist:innen dieser Berufssparten so intensiv problemorientiert und zukunftsgerichtet dargestellt werden. Diese Beiträge stellen eine Fundgrube an Einblicken für das jeweilige berufliche Selbstverständnis und für die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen an diese Berufe dar. Sie machen den Wert dieses Buches aus. Darüber hinaus wird eine Einordnung in gesundheitspolitische Kontexte und zu rechtlichen Grundfragen gegeben. Schließlich wird der Blick in die Zukunft geöffnet. Den drei Herausgebern und den Autor:innen ist es damit gelungen, ein umfassendes Werk zur Situation und zur Zukunft der Gesundheits(fach)berufe vorzulegen, das nicht nur zur Reflexion der jeweiligen eigenen gesundheitspolitischen Verantwortung der an der Versorgung beteiligten Berufe anregt, sondern das auch an die Verantwortlichkeit, insbesondere die politische Verantwortlichkeit der beteiligten Akteure appelliert. Die anstehende 20. Legislaturperiode sollte diejenige Gesetzgebungsperiode sein, in der die zum Teil arg renovierungsbedürftigen Gesetze zu den Gesundheitsfachberufen endlich gemäß den aktuellen und künftigen Anforderungen an eine moderne patientenorientierte gesundheitliche Versorgung gestaltet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Gerhard Igl
(Universitätsprofessor a.D., Universität Kiel)
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Zitiervorschlag
Gerhard Igl. Rezension vom 31.08.2021 zu: Roy Kühne, Jürgen Graalmann, Franz Knieps (Hrsg.): Die Zukunft der Gesundheits(fach)berufe. Mehr Kompetenzen - mehr Verantwortung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2021. ISBN 978-3-95466-595-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28606.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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