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Sabine Pfeiffer: Digitalisierung als Distributivkraft

Cover Sabine Pfeiffer: Digitalisierung als Distributivkraft. Über das Neue am digitalen Kapitalismus. transcript (Bielefeld) 2021. 318 Seiten. ISBN 978-3-8376-5422-6. D: 25,00 EUR, A: 25,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
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Autorin

Dr. phil. habil. Sabine Pfeiffer ist Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist Technik, Arbeit, Gesellschaft. Sie ist u.a. Mitglied im Forschungsbeirat der „Plattform Industrie 4.0“ und im „Rat der Arbeitswelt“.

Thema

Kapitalismus als digitalen zu beschreiben, verlangt das Neue an dieser Ökonomie hervorzukehren, was Sabine Pfeiffer in dem nicht zufällig an Marxscher Terminologie orientierten Begriff der Distributivkraft zum Ausdruck bringt. Gesellschaft und Technik in ihrem Wandel seien nicht „ohne die ökonomischen Zusammenhänge, mit denen und durch die sie sich entwickeln“, zu begreifen (S. 12). Die Autorin geht „von einer Transformation aus und begibt sich auf die Suche nach dem Neuen und seine Verbindungen zum Alten“, was in der „theoretisch entwickelte(n) und empirisch untermalte(n) These“ deutlicher konturiert wird: „Das zunehmende Problem der Unternehmen und Volkswirtschaften in einem hoch entwickelten, global agierenden Kapitalismus ist der gelingende Absatz“ (S, 14 f.) – kurzum, es geht „nicht mehr nur um das Schaffen neuer Werte“, sondern um „Realisierung von Wert auf Märkten“ (S. 19). „Wertrealisierung“ ist im Zusammenhang von Digitalisierung als eben Distributivkraft das Stichwort und meint (nach Meinung der Autorin: „schlicht“) zunächst, dass „das Digitale so wichtig geworden (ist), weil es die auf die Wertrealisierung gerichteten Distributivkräfte revolutioniert“, die „alle mit der Mehrwertrealisierung verbundenen, technologischen und organisatorischen Maßnahmen für eine (möglichst risikofreie, möglichst garantierte und sich möglichst ständig ausdehnende) Wertrealisierung“ von Belang sind, wobei die „Distributivkräfte (…) – als Teil der Produktivkräfte – (…) zunehmend bedeutsamer (werden)“. Das „Digitale“ revolutioniere die „Distributivkräfte“, und „genau dies hat der entwickelte Kapitalismus nötig“ (S. 269). Vieles spräche dafür, dass in toto die Distributivkräfte derart an Relevanz gewonnen haben, „dass darauf bezogene Tätigkeiten auch in andere Berufe eindringen“ (S. 265).

Um ihrer Kernthese Gehalt zu verleihen, holt die Autorin in gebotenem und ausgewiesenem Umfang weit aus. Sie stellt kritisch Theorieansätze vor, die sich mit dem Für und Wider von Digitalisierung auch im Dunstkreis der Debatten um Industrie 4.0 auseinandersetzen, mit Prognosen für die Entwicklung herrschender Ökonomie und strukturellen Folgen für Gesellschaften im Zuge von Globalisierungsprozessen und berührt damit das Thema einer Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen (dem generellen Merkmal der Moderne), was vormals sogenannte unterentwickelte Länder betrifft. Theoretisch prominenten Stellenwert als argumentative Bezugspunkte haben bei Pfeiffer sowohl Marx als auch Polanyi, auf dessen Werk „The Great Transformation“ sie sich unter dezidierter Abweisung verkürzender Kritiken und fehlerhafter Aufnahmen bezieht, um damit Marxens Analysen zur Seite kapitalistischer Marktökonomie weiter auszuführen. Auf dieser Folie diskutiert sie schlussendlich (auch) reformorientierte Heilungsansinnen resp. -versuche, und es bleibt dabei, nicht nur „weil Polanyi und Marx das theoretisch behaupteten, sondern auch sehr konkret“, dass „Wachstum und Umweltschutz (…) ein unauflösbarer Widerspruch“ sind (S. 276); eine implizite Aussage auch im Hinblick auf eine überfällige Transformation des kapitalistischen Systems als nicht zu hintergehendes Desiderat (welche die Autorin durchaus nicht über einen einfachen Leisten zieht).

Inhalt

Nebst Danksagung, Literatur- und Abbildungsverzeichnis ist das Buch in neun Hauptkapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Gleich in der Einleitung begründet die Autorin Marxens Aktualität „auch und gerade zum Verständnis unseres in die Jahre gekommenen, sich trotzdem immer neu erfindenden Kapitalismus, auch in seiner digitalen Form“, daher sie folgerichtig die „analytisch-theoretische Fundierung“ ihres Buches um den „Begriff der Distributivkraft herum“, eine Anlehnung an Marxsche Terminologie, aufzubauen ankündigt (S. 18), wozu sie vorab auf den Begriff des Werts eingeht, auf Produktivkraft und Markt, auf drei relevante Distributivkräfte und ihre Entwicklung. Pfeiffer stellt bereits hier vor, worauf sie im neunten Kapitel resümierend eingehen wird, was schon Marx und Polanyi zum Ausdruck gebracht haben, dass nämlich „ein bestimmter Einsatz von Technik zusammen mit einer bestimmten ökonomischen Logik nicht nur Produktives entfaltet, sondern unweigerlich auch Destruktives“, um die Frage anzuschließen, „ob die Digitalisierung selbst im Distributivkraftkapitalismus so genutzt werden kann, dass sie nicht zur Destruktivkraft wird“ (S. 28).

Im zweiten Kapitel, Digitaler Kapitalismus revisited – schon wieder?, folgt im Hinblick auf Klärung der Fragen, wo und wie im digitalen Kapitalismus Wert generiert wird und ob sich mit diesem Entwicklungsschritt etwas fundamental geändert hat, eine Aufnahme und kritische Auseinandersetzung mit Autoren, die den Begriff des digitalen Kapitalismus eingekreist haben (Schiller, Betancourt, Staab). Krisendiagnostisch werde jeweils ausgemacht, dass Krisen dem Kapitalismus immanent sind und jeweilige (neue) Technologien nur Mittel der Dämpfung, dass neue Sphären der Verwertung für den Zweck der Krisenmilderung zu eröffnen sind, auch bisher nicht Verwertbares wie soziales Verhalten, dass ggf. eine spezifische Krisendynamik aus der „Unknappheit der immateriellen Güter und der damit (…) erschwerten Bestimmung von Werten“ vorliegt (S. 76).

Die Frage bleibe angebracht, so gleich zu Beginn des dritten Kapitels Eine erste Leerstelle: Wert im digitalen Kapitalismus, „ob sich im digitalen Kapitalismus grundsätzliche ökonomische Mechanismen verändern“ (S. 77). Hier ist nicht nur Marx Referenz, sondern vor allem Mazzucato, die mit ihrer „brillante(n) Tour de Force durch mehrere Jahrhunderte ökonomischer Theorien“ (S. 97) gezeigt habe, dass und wie die Frage der Wertgenerierung in der ökonomischen Theorie an Stellenwert verloren hat bzw. fallengelassen wurde, wiewohl nach wie vor an menschlicher Arbeit als Quelle festzuhalten sei, insofern nichts durchschlagend Neues am digitalen Kapitalismus gegenüber dem industriellen zu identifizieren sei. Der „blinde Fleck“, auch bei Mazzucato, bleibe die „Wertrealisierung“ (ebd.). Weiter ist also, so die Autorin, „theoretisches Rüstzeug“ anzueignen, „ob uns die Analysen zur Entstehung des ersten – also produzierenden und industriellen Kapitalismus – zum Verständnis des Kapitalismus in digitalen Zeiten noch etwas weiterhelfen“ (S. 98).

Für Marx lägen die „digitalen Mittel auf der Phänomenebene“, fährt Pfeiffer in ihrem vierten Kapitel Transformation und Produktivkraft am Anfang fort, für ihn sei eine „neue Stufe des Kapitalismus“ wohl erst erreicht, „wenn an den ökonomischen Prinzipien etwas umgestaltet wird“ (S. 99). Sie entfaltet klassische Analysen zur Entstehung des industriellen Kapitalismus mit Vergewisserung bei Polanyi (den sie mit Nachdruck und Recht gegen seine Kritiker und Totengräber verteidigt) und Marx, konzentriert sich auf die Einkaufsseite insbesondere auch der Ware Arbeitskraft einerseits und andererseits auf den Produktionsprozess und die Vernutzung menschlicher Arbeit für den Zweck der Wertgenerierung und dessen Aneignung durch die Kapitalseite. Sie meint jedoch, beide, Polanyi und Marx, würden „sozusagen das andere Ende – die Verkaufsseite – (nur) streifen (…), es ist nicht Gegenstand, sondern eher Randbedingung ihrer Analysen“ (S. 271).

„Wertrealisierung“ sei eine (zweite) „Leerstelle für ein Verständnis des Neuen im entwickelten Kapitalismus (zunächst egal, ob digital oder nicht)“ und würde immer wichtiger (ebd.). Dem geht die Autorin im fünften Kapitel Zweite Leerstelle: Wertrealisierung im (digitalen) Kapitalismus nach. Wiederum theoretisch ausgehend von Marx werden konkrete Beispiele herangezogen, wobei Markterweiterung, Konsum und Krise im Fokus stehen, und zwar als relevante Momente, auf die Unternehmen, wollen sie profitabel und dies möglichst zunehmend sein, immer erneut für zu sichernde Wertrealisierung reagieren müssen. Digitalisierung werde dabei als Mittel eingesetzt, um „(f)rüher als andere den Mehrwert am Markt zu realisieren“, werde „zur entscheidenden Dimension – für einzelne Unternehmen wie für ganze Volkswirtschaften“ (S. 158).

Distributivkraft und (digitaler) Kapitalismus: Das Neue lautet die Überschrift des sechsten Kapitels, wobei es zentral um Werbung, Marketing, Transport und Lagerung geht, zusätzlich um Steuerung und Prognosen. Pfeiffer definiert: „Alle mit der Mehrwertrealisierung verbundenen, technologischen und organisatorischen Maßnahmen und Aktivitäten (zur Sicherung) der Wertrealisierung fasse ich als Distributivkräfte“ (S. 159). Die Autorin geht in medias res, kommt dabei u.a. auf Industrie 4.0 zu sprechen, flicht ein, dass produzierende Unternehmen deutlich höhere Bereitschaft zeigen, „in solche digitalen Distributionsmittel zu investieren, die sich direkt auf Prognosen zur Mehrwertrealisierung richten“ (S. 183), um summarisch zu konstatieren: „Die drei beschriebenen Distributivkräfte, die aktuell die Zirkulation und ihre Kosten prägen und treiben, sind schon lange digitalisiert“ (S. 193).

Die Kapitel fünf bis sieben gelten der Autorin als das „theoretische Herzstück“ ihres Buches (S. 272). Im siebten, auch der theoretischen Vertiefung dienenden Kapitel Distributivkräfte und (digitaler) Kapitalismus: Präzisierungen grenzt sie Distributionsverhältnisse und Zirkulation wie folgt ab: „Weil die Zirkulation im Unternehmen und die Zirkulation als Unternehmung eng miteinander verknüpft sind, ist der Kapitalismus heute nicht mehr nur mit dem Blick auf die Produktivkräfte zu verstehen, die auf die Produktion gerichtet sind, sondern erfordert zunehmend das Verständnis dieser anderen Seite (der gleichen Medaille), die ich Distributivkräfte nenne. Sie sind der reale Ausdruck verstärkter Zirkulationsaktivitäten, aber eben nicht mit Zirkulation als ökonomischem Prozess gleichzusetzen. Das ist die analytische Begründung für diese Begriffswahl“ (S. 203). Mit Rückbezügen zu Marx und nochmaligem Verweis darauf, dass „vor allem und in erster Linie für den Markt“ produziert wird, was für den „späten Industriekapitalismus und ebenso für den aktuellen“ gelte, „der so gerne als digitaler Kapitalismus bezeichnet wird“, testiert sie den „Distributionsaufwände(n)“, sie würden „in diesem Umfang gar nicht existieren (…), stellt man sich eine nicht-kapitalistische Wirtschaftsform vor (was zugegebenermaßen viel Phantasie erfordert – es mangelt doch an realen oder als realisierbar erscheinenden Alternativen)“ (S. 216 f.). Weiterhin entlässt sie in Forschungsfragen.

Im achten Kapitel Distributivkraft im digitalen Kapitalismus: Empirische Illustrationen sättigt Pfeiffer ihre gesamte theoriefokussierte Argumentation einmal mehr mit aktuellen Fakten auf der Erscheinungsebene, um zu dem Schluss zu kommen, wobei es vorrangig um das „digitale Kaufmannskapital“ geht, dass „sich seit der Diagnose von Karl Marx Wesentliches geändert“ habe (S. 253), was sie näher erläutert.

Im und mit dem neunten Kapitel Digitalisierung: Distributivkraft oder Destruktivkraft? werden Fragen aufgeworfen und perspektivisch beantwortet, woran sich praktische Fragen für radikaldemokratisches und politisch-emanzipatorisches Handeln anschließen mögen, was nicht explizites Anliegen der Autorin ist, wobei die Dringlichkeit deren Beantwortung aus Analysen und Statements der Autorin jedoch aufscheint. Eingangs des Kapitels spricht sie vom „Drama des Kapitalismus“, das mehrere Akte habe, wobei es in „diesem Stück, das wir nun schon seit längerer Zeit ohne Alternativprogramm aufführen, aber schon längst nicht mehr um die Frage (geht), mehr Wert gerechter zu verteilen. Das eigentliche Drama ist das Stück selbst: Denn die Logik von Wertgenerierung und von Wertrealisierung in unserer Wirtschaftsweise führt zu einer maßlosen Entwertung von allem, (…) und diese Entwertung von Natur, Geld, Arbeit, Sorge, Nahrung, Energie und Leben ist nicht Nebenfolge, sondern Strategie“. Und weiter: „Trotzdem schließt niemand das Theater, es gibt keine Spielzeit mit verändertem Programm“ (S. 272). Wenn auch mit Marx, wie Pfeiffer meint, nicht der Technik an sich als Produktivkraft „destruktives Potential“ zuzuschreiben ist, sondern der Produktionsweise (S. 275), zu der die von der Autorin hervorgekehrte Distributivkraft im Gewand der Digitalisierung gehört. Beim gegenwärtigen Stand der Destruktion ist damit „ein katastrophaler Zusammenbruch der menschlichen Bevölkerung das derzeit wahrscheinlichste Zukunftsszenario“ und die „ultimative Katastrophe so nah, dass sie für viele noch innerhalb der eigenen, sicher aber in der Lebensspanne der nächsten Generation liegt“, und dem würde die „Idee des (New) Green Deal“ auch nicht abhelfen, weil evident ist, „dass das Wachstumsziel mit den Nachhaltigkeitszielen grundsätzlich unvereinbar“ bleibt (S. 275 f.). Bleibt immerhin die (bange) Frage oder die (vage) Hoffnung, „über die Optionen der Technik die immanenten Restriktionen der Ökonomie heilen zu können“, auch eine Frage des „technisch Möglichen“, was laut Pfeiffer nicht in Aussicht steht, „(s)o lange wir an den Produktions- und Distributionsverhältnissen nichts Grundlegendes ändern“ (S. 280 ff.). Eine „smoothe Transformation“ jedenfalls würde Marx „unrealistisch“ erscheinen. „Was aber bleibt uns aktuell anderes übrig, als an einer Entschleunigung wenigstens zu arbeiten (ohne die Option des Exits aus dieser Wirtschaftsweise völlig aus den Augen zu verlieren)?“ (S. 286 f.)

Diskussion

Anderenorts wird diese rhetorische Frage nicht nur über Entschleunigung beantwortet, eine fragliche Option, und mit anderen Fokussen in Praxis umgesetzt. Es geht dabei um eine Palette belastender Problemlagen, wie sie auch von der Autorin erkannt und benannt werden, ohne dass dabei die Stringenz in der Behandlung ihres genuinen Themas zerfaserte. Die Rede ist von thematisch breit gefächerten Sozialen Bewegungen, vor allem von denen, die über den Rand des noch relativ gut gefüllten Tellers der mehr oder minder schwächelnden Industrienationen hinausschauen. Die mahnende Botschaft der Autorin, in ihrem Werk in gebotener Sachlichkeit, scheint dringend (fast) allen emanzipatorischen Bewegungen deutlich vor Augen zu führen zu sein. Sie müssen sich den berechtigten Hinweis in der Parenthese von Pfeiffer gefallen lassen, nämlich eines „Exits aus dieser Wirtschaftsweise“. So inopportun solche Botschaft für herrschendes politisches Handeln sein mag, so richtig ist es wissenschaftlich, sich des analytischen Rüstzeugs von Marx und Polanyi (u.a.m.) zu vergewissern, wie die Autorin es tut; gerade in Bezug auf Marx mag man sich über „die politischen Konsequenzen seiner Analysen (…) trefflich streiten“ (was häufig bei rigoroser Ablehnung den Charakter eines Glaubensbekenntnisses annimmt), „über seine Analysefähigkeit aber kaum“ (S. 17).

Auch was das Normative bei Marx betrifft, bei etlichen Philosophen Stein des Anstoßes, interveniert die Autorin knapp und merkt an: Wenn „man seine Frühschriften nicht als Jugendsünde (versteht), sondern als grundsätzliche Perspektive seiner Kapitalismuskritik“ (S. 115, Anm. 11), dann kann man sich ihr durchaus anschließen, insoweit (u.a.) Marxens „kategorischer Imperativ“ jenseits aller wissenschaftlichen Mäkelei immerhin Überzeugungskraft hat und laut Ruschigs kritisch philosophischer Argumentation gar an Kant ‚anschließt‘. In den Frühschriften hat Marx formuliert‚ dass die „Wurzel für den Menschen (…) aber der Mensch selbst“ ist und die „Kritik (…) der Religion (…) mit der Lehre (endet), daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Es sei „(u)nschwer zu erkennen“, so Ruschig, „daß Marx hier das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft umformuliert: Wenn die ‚Verhältnisse‘ dahin führen, daß die Menschheit in der Person eines jeden nicht mehr geachtet wird und nicht immer zugleich auch Zweck ist, dann sind aus Gründen verletzter Moralität die ‚Verhältnisse‘ umzuwerfen.“

Zu auch solch einem möglichen Diskussionspunkt können oder könnten Leser:innen über Pfeiffers Analysen und ihren Schlussfolgerungen hingeleitet werden. Ihr zentrales Thema ist in dem von ihr eingebrachten Begriff der Distributivkraft auf den Punkt gebracht; ihr Begriff kommt nicht reißerisch daher wie gelegentlich andere soziologische Neologismen, die Aufmerksamkeit für etwas heischen, was mit ein paar Federstrichen in profunden Analysen als Marginalie anzumerken wäre, als „vage Metapher“ in vielleicht „nicht immer weiterführenden Gesellschaftsdiagnosen“ (S. 12). Zurückzuführen sei das ggf. auf eine sich verschärfende „Überproduktion (…), weil es mit der Marktausdehnung in der Wissenschaft besonders schwierig ist“ (S. 19) – und nicht nur da. Gleichwohl bleibt die Frage, ob es im Anschluss an Marx und dann über ihn hinaus analytisch notwendig und dringend angezeigt ist, die Zirkulationssphäre und „Digitalisierung als Distributivkraft“ mit der Begründung derart prominent zu machen, weil sich seit Marx „Wesentliches“ (s.o.) geändert habe. Ohne kritikasternd oder beckmesserisch ein interessiertes Missverständnis zu konstruieren: Am ‚Wesen‘ des Kapitalismus hat sich mit Blick auf seine Kernstruktur nichts geändert, auch nicht eines domestizierten mit dem Versprechen kommoderen Fortgangs der gewohnten Dinge, durchaus aber, da muss man der Autorin folgen, auf der Erscheinungsebene‚ und zwar ‚wesentlich‘, was letzten Endes auch kein Novum ist. Wenn die Autorin an einer vorherigen Stelle allerdings vermerkt, dass Digitalisierung als Distributivkraft „eine bedeutender werdende Facette der Produktivkräfte im (digitalen) Kapitalismus“ ist (S. 158), dann pointiert sie zu Recht eklatante Veränderungen auf eben der Erscheinungsebene (die sie ausführlich darlegt und abklopft). Doch von welcher Erklärungsreichweite ist die terminologische Unterscheidung zwischen industriellem und digitalem Kapitalismus? Gewiss haben sich die Arbeitsvollzüge stark verändert und sind erkennbar für zunehmend mehr Lohnabhängigen bis prekär Beschäftigten gravierend, was u.a. Qualifikationsprofile und auch Freisetzungen betrifft. Auch für den Verwertungsprozess, einen möglichst beschleunigten, wird der Hebel der Digitalisierung angesetzt. Was vorrangiger Zweck und Signum des ‚Industriellen‘ in der Produktionssphäre war und ist, Mehrwertabpressung und Wertverwertung ohne größere Reibungsverluste, bleibt auch im digital instrumentierten Kapitalismus. Die Logik der Verwertung affizierte und affiziert zunehmend die Zirkulationssphäre, selbstredend werden neue Möglichkeiten durch Digitalisierung eröffnet und genutzt.

Dass sich das auf die Konkurrenz der Kapitale untereinander wie auch auf die Konkurrenz zwischen Lohnarbeit und Kapital im Sinne sich generell innerhalb der Produktionsverhältnisse verschärfender Widersprüche auswirkt, ist auch polit-ökonomisch und soziologisch bis in sich zuspitzende gesellschaftliche und soziale Schieflagen nachzuzeichnen, was die Autorin leistet und theoretisch vergewissernd ‚konkretisiert‘. Dabei skizziert sie auch, was das lebenspraktisch für Arbeiter:innen und noch prekär Beschäftigte bis schon Exkludierte bedeutet, unterschlägt Erfahrungen ‚vor Ort‘ nicht, die inzwischen für viele Lohnabhängige gleichviel in welchen Tätigkeitsbereichen oder Alimentierte belastender bis kaum noch erträglich geworden sind (wofür sie dank ihrer Ausbildung als Werkzeugmacherin sensibilisiert sein mag). Was Marx und Engels im ‚Manifest‘ mit „Pauperismus“ bezeichneten, „der sich noch rascher als Bevölkerung und Reichtum“ entwickele, dass schlussendlich die „Bourgeoisie“ „unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden“, diese frühe Sentenz hat Marx in seinem nicht viele Jahre später begonnenen ‚Kapital‘ substantiiert. Pfeiffers Darlegungen mögen motivieren, die Sätze des ‚Manifests‘ als Folgeerscheinung der von ihm analysierten Krisen, hier der „Überproduktion“ (Marx), empirisch zu aktualisieren. Marx analysiert ausführlich, wie es kommt und was passiert, befinden sich Waren „in der Zirkulation oder auf dem Markt“, auf diesem Haltepunkt, in dieser Zwischenstation“, so sei dieser „stop der Waren nur ein kurzer Moment in ihrem Lebensprozeß“, doch verlängerten sich die Intervalle zwischen den Markt besetzenden alten und neuen Waren, entstünde „Gedränge“, Überfüllung des Marktes. Das Problem ist, dass „der Zirkulationsprozeß des Kapitals kein Tagesleben führt“, was auch bedeutet, dass das „Kapital als Warenkapital (so erscheint es in dieser Zirkulationsphase, auf dem Markt) (…) nur ein Stillstand in Bewegung sein (darf). Sonst wird der Reproduktionsprozeß gestört.“ Im Falle der Überproduktion liegen die „Dinge“ so, dass „der Ersatz der in der Produktion angelegten Kapitale großenteils (…) von der Konsumtionsfähigkeit der nicht produktiven Klassen“ abhängt; „während die Konsumtionsfähigkeit der Arbeiter teils durch die Gesetze des Arbeitslohns, teils dadurch beschränkt ist, daß sie nur solange angewandt werden, als sie mit Profit für die Kapitalistenklasse angewandt werden können. Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ – Soweit äußerst knapp zusammengefasst Marx, der sehr wohl die sich in der Zirkulationssphäre auftuenden Problematiken erkannte, wie sie sich derzeit nicht erst anbahnen, sondern spürbar zu Tage treten. Die neuen digitalen Technologien konnte er nicht vorausschauen und nach ihm sind unter Mittel der Verkürzung jenes „stop der Waren“ einzuordnen, die das zugrundeliegende Problem nicht aushebeln, da die „Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft“ (Marx) immer begrenzt ist. Insofern sind ‚die Märkte‘ neuralgischer Ort der Wertrealisierung, insofern problematisch, worum auch Polanyi kreiste (und bei ihm auch mit dem Hinweis, dass sie anders sein könnten). – Polanyi vertieft; ob mit ihm Marxens Analysen zur kapitalistischen Marktökonomie tatsächlich analytisch präzisiert werden, sei erst einmal dahingestellt wie ebenso die Annahmen von Pfeiffer, dass „Wertrealisierung“ ein „blinde(r) Fleck“ sei (s.o.), wenngleich ihre „analytische Begründung“ mit Blick auf „Zirkulationsaktivitäten“ im Hinblick auf ‚etwas Neues‘ weitere Debatten eröffnen kann (s.o).

Ohne im Schlusskapitel ihres Werkes solche Krisenfolgen und ihre Nötigung für das Kapital und daraus folgenden Nöten für Menschen weltweit näher vorzustellen, bleibt Pfeiffer kapitalismuskritisch und exemplifiziert (u.a.) am Begriff der Nachhaltigkeit, was hier und heute im Hinblick auf nicht nur wissenschaftliche, sondern auch öffentliche Diskurse durchaus berechtigt ist. Daraus, dass die „kapitalistische Produktion (…) daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Marx), entstehen brenzlige, die Existenz auch der menschlichen Gattung gefährdende Situationen, den Globus umspannende. Die Autorin zeigt, dass Nachhaltigkeit als Desiderat mit kapitalistischer Ökonomie inkompatibel ist, auch wenn das bestritten wird. Im Grunde ist das ein älterer Hut: In „Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten“ hieß es bereits 1980 zu Anfang, dass die Prognosen, die alle und gravierender inzwischen eingetreten sind, „möglicherweise sogar eine Untertreibung der anstehenden Probleme“ darstellen. Mehr als tausend Seiten später wird ein „Berater“ mit den Worten zitiert, dass „die Annahmen der formalen Ökonomie keine unerbittlichen Naturgesetze sind, wie die Gesetze der Thermodynamik. Ihre Wahrheit beruht teilweise auf Fiktion – das ist hergestellte Wahrheit. Sie sind so lange wahr, wie die Menschen an sie glauben und sich in Übereinstimmung mit ihnen verhalten; ihre Gültigkeit ist eine Funktion ihrer Anerkennung.“ Nachhaltigkeit als Lösung bei unterstellter Naturgesetzlichkeit und Beibehaltung der „formalen Ökonomie“? – wo es z.B. inzwischen weit unter dem Meeresboden in der Folge von Rohölförderung und Anzapfen von Gasblasen sogar Bakterien in ansonsten wenig erforschten Erdtiefen an den Kragen geht, was sich nach weniger bekannten Forschungen, da nicht so telegen wie Feuerwalzen und reißende Wassermassen, höchstwahrscheinlich auch ‚oberflächlich‘ auswirken dürfte. – Sabine Pfeiffer überzeugt und hat Recht, was durch die hier angerissenen, möglichen Diskussionspunkte allenfalls erhärtet werden kann.

Fazit

Im Klappentext reklamiert der Verlag für die Reihe, in der das Buch erschienen ist: „Die hier versammelten Essays dechiffrieren unsere Gegenwart jenseits vereinfachender Formeln und Orakel. Sie verbinden sensible Beobachtungen mit scharfer Analyse und präsentieren beides in einer angenehm lesbaren Form.“ Im Falle des Buches von Sabine Pfeiffer hält solche Werbung, was sie verspricht. Zudem kritisiert die Autorin immanent affirmative wissenschaftliche Zungenschläge, die auch als Legitimationsbemühungen für prospektive reformerische Bemühungen zu verstehen sind und über deren Hilflosigkeit die Autorin nicht müde wird, gleichsam auf den Nukleus jener deutlich tickenden Zeitbombe hinzuweisen, auf der nach gegenwärtigem Wissen und Stand der desaströsen Dinge die Menschheit im planetaren Maßstab ihrem selbstgeschaufelten Grab entgegentorkelt, und dies offensichtlich mit beängstigend rasanter Geschwindigkeit. Pfeiffer klagt nicht an, legt keine vehemente oder populistische Kampfschrift vor, sondern klärt im besten Sinne des Wortes auf, und dies schnörkellos und klar. Gegenüber ihrer Dechiffrierung unserer Gegenwart (natürlich vor allem im Hinblick auf „Digitalisierung als Distributivkraft“), wie sie ist und was aus ihr möglicherweise bis wahrscheinlich folgt, scheinen dystopische literarische Vorstellungen eines Orwell, Wells, Huxley oder Samjatin bspw. gleichsam betulich oder karikierende, abwegige bis überziehende Vorwegnahmen. In ihrer Essenz waren sie es nicht.

Mit ihrer Analyse will die Autorin nach eigenem Bekunden „dabei helfen, das Hier und Jetzt besser zu verstehen, und Gestaltungsoptionen wie -grenzen aufzeigen. In diesem Sinne grenzt sich dieses Buch bewusst ab von den zahlreichen utopischen oder dystopischen Prognosen“ (S. 13). Das adelt zwar eine Analyse, die im Subtext ideologischer Vereinnahmung keinen Teppich ausrollen will, wird aber nicht verhindern, dass die wünschenswert vielen Leser:innen sich politische Gedanken hinsichtlich verändernder Praxis machen, die kurativ sein kann und nicht im Werkeln an Symptomen steckenbleibt. Anlass zu blauäugiger Zuversicht besteht nicht. Analyse und Fakten, wissenschaftlich solide, weisen in eine andere Richtung. Wer sich gegenüber dem, was dystopisch anmuten mag, auf den scheint’s verstellten und schon gar nicht ausgeschilderten Pfad des Konkret-Utopischen machen will, wem Transformation nicht hohle Phrase ist und dabei auch nicht mit einem Skript für Zukunft wedelt, wem nur inne ist, dass es so, wie es ist, nicht sein soll und auch nicht nur moderierend fortgeschrieben werden kann, wer also jenseits von Posthistoire-Abgesängen und postmodernem Abwinken in Bezug auf eine scheint’s nicht zu hintergehende und lediglich zu mäßigende Ökonomie überzeugend dargelegt haben möchte, was zuvörderst auf der historischen Agenda steht und dann in jeder politisch emanzipatorischen Praxis im Auge zu behalten ist, der oder dem sei das Buch von Susanne Pfeiffer als bestärkende Handreichung und Vergewisserung mit Nachdruck empfohlen, also nicht nur Studierenden der Sozial- und Politikwissenschaften oder auch der Philosophie.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 24.09.2021 zu: Sabine Pfeiffer: Digitalisierung als Distributivkraft. Über das Neue am digitalen Kapitalismus. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5422-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28617.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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