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Ingo Stamm: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit

Cover Ingo Stamm: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit. Geschichte, aktuelle Positionen und Handlungsfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 188 Seiten. ISBN 978-3-8474-2500-7. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
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Autor

Ingo Stamm ist Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler. Er ist Absolvent des Masterstudiengangs »Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession« in Berlin und hat im Fach Soziologie an der Universität Siegen und an der finnischen University of Jyväskylä promoviert, wo er heute auch lehrt. Neben den Themen Arbeitslosigkeit und Armut beschäftigt er sich eingehend mit zivilgesellschaftlicher Menschenrechtsarbeit.

Inhalt

Fragestellungen

Das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und der natürlichen Umwelt steht im Zentrum des Bandes. Folgende Fragen strukturieren das Buch:

  • Welche Rolle haben Ökologie und Umwelt in der inzwischen gut hundertjährigen Geschichte der Sozialen Arbeit gespielt?
  • Welche aktuellen Konzepte und Positionen werden diskutiert, national und international?
  • Welche ethischen Verpflichtungen ergeben sich aus einer Anerkennung der Relevanz der natürlichen Umwelt für die Soziale Arbeit?
  • Welche Auswirkungen hat eine ökologische Perspektive für die Praxis der Sozialen Arbeit?

Auf Namenssuche

Man ist noch auf der Suche nach dem gültigen Namen: „ökologisch-kritische Soziale Arbeit“ schlägt Stamm vor. Andernorts ist von „Ecological Social Work“ die Rede, von „Environmental Social Work“, „Green Social Work“ und „ Ecosocial Work“

Altes und Neues

Die Einbeziehung von sozialer Umwelt in die Soziale Arbeit ist seit langem gang und gäbe; systemtheoretische und andere holistische Ansätze zeugen davon. Die Einbeziehung von natürlicher Umwelt gibt es ansatzweise schon bei den Pionierinnen der Sozialen Arbeit, Jane Adams, Mary Richmond und Alice Salomon. Aber erst die in den 1970er Jahren entstandene „Umweltbewegung“ machte den „ökosozialen Ansatz“ dringlich. Doch weit scheint man noch nicht gekommen zu sein. Die banale Einsicht, dass „ein gutes Leben nur innerhalb einer gesunden Umwelt möglich ist“ (S. 119) gilt bereits als Ausweis sozialarbeiterischen Umweltbewusstseins.

Ökologische Seiten der Benachteiligung

Die Debatte über „Umweltgerechtigkeit“ entzündete sich in den USA an der Beobachtung, dass Abfalldeponien überproportional häufig in der Nähe von Stadtteilen mit überwiegend schwarzer Bevölkerung angelegt wurden. Das Wort vom „Umweltrassismus“ tauchte auf.

Die Zielgruppen der Sozialen Arbeit sind nicht nur sozial und ökonomisch benachteiligt, sondern auch ökologisch: Sie sind häufiger als privilegierte Schichten von Umweltverschmutzung und Naturkatastrophen (insbesondere weltweit betrachtet) betroffen. Eine Soziale Arbeit, die sich als Menschenrechtsprofession versteht, muss die ökologische Seite der Benachteiligung stärker in den Mittelpunkt rücken.

Das Schlüsselwort der „Nachhaltigkeit“

Das Merkmal der „Nachhaltigkeit“ prägt alle ökologischen Betrachtungsweisen; es stammt aus der Forst- und Landwirtschaft, aus der Agrikultur, und soll nun für die Soziokultur fruchtbar gemacht werden. Was könnte das heißen, eine ökologisch-nachhaltige Soziale Arbeit zu betreiben? Das Buch versucht sich an Antworten.

Der „großräumige Begriff“ der „Nachhaltigkeit“ bezeichnet Maßnahmen die wirksam, dauerhaft und ressourcenschonend sind. Der Profit für nächste und übernächste Generationen sollte immer mitbedacht und handlungsleitend sein. Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit sind die zwei Seiten einer Medaille. Eine „tiefenökologisch“ interpretierte Nachhaltigkeit verlangt, dass kein Lebewesen über ein anderes gestellt werden darf. Das ist radikal und weist dem Menschen einen Platz in Augenhöhe des Distelfalters zu. Soll der anthropozentrische Ansatz der Sozialen Arbeit also durch einen biophilen, ökozentrischen Ansatz abgelöst werden? Der Autor spricht sich dagegen aus. Menschen können nicht auf dieser Erde leben, ohne Schaden an ihr anzurichten. Aber der Schaden sollte „verträglich“ sein. „Verbrannte Erde“ zu hinterlassen, ist verboten.

Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit

Die Frage nach einer „Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit“ ist also gestellt. Bestimmte Merkmale treten in den Vordergrund: generationenübergreifend denken; folgenbewusst handeln; schonende statt räuberische Ressourcennutzung. Mehr Fragen als Antworten tun sich auf: Ist die altbekannte und allgemein anerkannte „Subsidiarität“ nicht ein Prozessmerkmal von Nachhaltigkeit? Ist gelungene Hilfe zur Selbsthilfe nicht praktizierte sozialpädagogische Nachhaltigkeit schlechthin? Solange sie auf den Menschen beschränkt bleibt, ist sie das gewiss nicht, heißt es im Buch. Wie aber kann man der Natur insgesamt helfen, damit sie sich selbst hilft? Indem Homo sapiens sich zurücknimmt und die Natur machen lässt. Ist also Arbeit am Nichtstun angesagt, um nachhaltig zu wirken?

Mangel an Anschaulichkeit

Gleich zu Beginn des abschließenden Kapitels „Handlungsfelder ökologisch-kritischer Sozialarbeit“ werden die Hoffnungen des Lesers arg gedämpft, denn da heißt es: „Konkrete Praxisbeispiele werden nicht gegeben.“ Stattdessen wird über „konzeptionelle Überlegungen zum Praxisbezug einer ökologisch-kritischen Sozialen Arbeit“ geschwurbelt. Dabei klingen sehr interessante Praxisprojekte an, vor allem aus der Gemeinwohlökonomie, namentlich der sozialen Landwirtschaft. Hier hätte man gern mehr „Anschauungsmaterial“ gehabt, damit das Gesicht einer Ökosozialen Arbeit besser erkennbar wird.

Diskussion

Hört man auf die Sprache, mit der wir über Natur reden, drängt sich der Eindruck auf, der Mensch verstehe sich als ein Wesen jenseits der Natur: Wir „nutzen“ die Natur, „pflegen“ sie, „beobachten“ sie, „zerstören“ sie, „retten“ sie – aber sehen uns nicht als Teil von ihr. Oder wenn doch, dann als „Krone der Schöpfung“, also als Chef. Aber das ist Verblendung, denn der Mensch ist doch nur ein Glückspilz günstiger evolutionärer Umstände. – Müsste es nicht die erste Aufgabe einer ökologisch-kritischen Sozialen Arbeit sein, die Sprache zu verändern?

Vieles kann der Mensch zwar denken, aber nicht vorstellen. Eine ökologisch orientierte Soziale Arbeit sollte an der Verbesserung unserer Vorstellungskraft arbeiten. Die Vernetztheit allen Lebens auf Erden braucht Bilder, Erzählungen, Lieder. Über ihre Verletzlichkeit und Nichtverhandelbarkeit. Zoonose-Krimis; Gedichte über den Flügelschlag des Schmetterlings in der Mongolei, der einen Tornado in Kalifornien auslöst; Comics über das Schicksal des Zauberlehrlings im Anthropozän.

Eine ökologisch orientierte Soziale Arbeit sollte nicht allein Bewusstsein schaffen, sondern an der Tatkraft arbeiten, denn Bewusstsein ist nutzlos, wenn ihm keine Taten folgen. Eine Streetwork-Mentalität könnte weiterführen, Praxiswissenschaftler*innen im Blaumann, die jetzt, 2021, im hochwasserzerstörten Ahrtal ökosoziale Gemeinwesenarbeit leisten.

„Unsere Zivilisation beruht auf Kohle“ hat George Orwell in den 1930er Jahren geschrieben. Nun stehen wir vor der Dekarbonisierung. Was soll aus unserer Zivilisation werden? Die Frage beschäftigt nicht nur die Soziale Arbeit, sondern ist eine interdisziplinär zu bearbeitende „Querschnittsaufgabe“, bei deren Lösung Soziale Arbeit ein gewichtiges Wörtchen mitreden sollte.

Fazit

Der Autor hat als ein in mehreren Ländern lehrender und forschender Sozialwissenschaftler die internationale Diskussion des Buch-Themas immer im Blick. Das kommt dem Werk sehr zugute. Im Vergleich mit Finnland und Belgien, mit den USA und Australien kommt die organisierte Soziale Arbeit im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) nicht besonders gut weg. Die ökologisch-kritische Soziale Arbeit führt hierzulande eine Randexistenz. Darum ist das Buch gerade auch für Deutschland ein wichtiges Plädoyer für eine „ökologische Wende“ in der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 14.12.2021 zu: Ingo Stamm: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit. Geschichte, aktuelle Positionen und Handlungsfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2500-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28618.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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