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Tim Middendorf: Professional­isierung im Studium der Sozialen Arbeit

Cover Tim Middendorf: Professionalisierung im Studium der Sozialen Arbeit. Eine sozialisationstheoretische Perspektive auf Ausbildungssupervision. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 264 Seiten. ISBN 978-3-7799-6660-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Während des Studiums der Sozialen Arbeit werden Studierende u.a. durch das Erlernen theoretischer Wissensbestände von Bezugsdisziplinen, das Aneignen methodischer Kompetenzen sowie durch eine studienintegrierte Praxisphase auf die professionelle Ausübung ihrer zukünftigen beruflichen Tätigkeit vorbereitet. Die studienintegrierte Praxisphase, umgangssprachlich oft Praxissemester genannt, macht durch den hohen zeitlichen Umfang einen großen Teil des gesamten Studiums aus. Während dieser Zeit können sich Studierende in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit unter Anleitung ausprobieren und ihr Handeln in speziellen, an Hochschulen verankerten Begleitseminaren reflektieren. Häufig wird die Praxisphase von Studierenden der Sozialen Arbeit zusätzlich zum Begleitseminar durch Supervisionsangebote ergänzt. Ziel ist es, zusammen mit anderen Studierenden und unter Anleitung einer supervidierenden Person, die Erfahrungen sowie die möglicherweise aufkommenden Probleme, Herausforderungen und eigenen Grenzen aus der Praxis (neu) zu betrachten. Folglich kann es während der Supervisionen zu intensiven Auseinandersetzungsprozessen mit fachlichem und professionellem Handeln, aber auch – und das macht Supervision besonders – mit den persönlichen Anteilen der Studierenden, kommen.

Tim Middendorf hat in seiner Arbeit Supervision im Studium der Sozialen Arbeit (sogenannte Ausbildungssupervision) zu seinem Forschungsinteresse bestimmt. Sein Ziel ist es, soziale Prozesse innerhalb von Ausbildungssupervision zu analysieren, um emergierende Professionalisierungsprozesse zu identifizieren. Hierzu nimmt er eine sozialisationstheoretische Perspektive ein und orientiert sich im Forschungsprozess methodologisch an der Reflexiven Grounded Theory-Methodologie nach Franz Breuer.

Autor und Entstehungshintergrund

Das hier rezensierte Werk ist die Dissertationsschrift von Tim Middendorf, die er am Lehrstuhl für Sozialisation von Mathias Grundmann verfasst und im Januar 2021 am Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereicht hat. Tim Middendorf ist Diplom-Sozialpädagoge, Supervisor und gegenwärtig als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen am Standort Münster tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 245 Seiten exklusive Inhalts-, Abbildungs-, Literaturverzeichnis und Danksagung. Das Inhaltsverzeichnis sowie eine Leseprobe (beinhaltet die Einleitung und zwei Seiten des Folgekapitels) können auf der Internetseite des Verlags eingesehen werden.

Das Werk beginnt mit der obligatorischen Einleitung, in welcher der Autor den Kontext seiner Arbeit, das theoretische Verständnis von Sozialisation, das Forschungsdesign sowie das Forschungsinteresse (das Erfassen und Analysieren von sozialer Interaktion in Ausbildungssupervision) anskizziert.

In Kapitel zwei rahmt der Autor seine Forschungsarbeit anhand theoretischer Bezüge. Er beschreibt das Studium der Sozialen Arbeit als Professionalisierungskontext, der sowohl Persönlichkeitsentwicklung als auch Handlungsbefähigungen hervorbringen kann und in dem die verankerte Ausbildungssupervision als Sozialisationsgeschehen gefasst wird. Das prozessuale, innenweltliche Agieren der Akteure im Lehr- und Lernangebot Ausbildungssupervision wird hierbei durch seine Außenwelt (Profession Soziale Arbeit, Professionalität in der Sozialen Arbeit etc.) determiniert. Um diese Geschehnisse und Prozesse innerhalb von Ausbildungssupervision zu erfassen, nimmt er eine theoretische Perspektive angelehnt an das mikroanalytische Modell Sozialisation als soziale Praxis von Mathias Grundmann ein.

Bevor der Autor nun entlang der theoretischen Rahmung sein darauf abgestimmtes methodisches Design darstellt, zeigt er anhand der gegenwärtigen Studienlage in Kapitel drei die Forschungslücke auf. Da sich im Forschungsfeld Ausbildungssupervision laut des Autors lediglich zwei Studien finden, Supervision im Allgemeinen sowie Professionalisierungsprozesse durch das Studium der Sozialen Arbeit bislang nur wenig beforscht wurden, fällt dieses Kapitel mit rund zweieinhalb Seiten kurz aus.

Im vierten Kapitel gewährt der Autor einen Einblick in seine methodologischen und methodischen Gedanken: Seine Arbeit fußt auf der Grounded Theory-Methodologie und lehnt sich methodisch im Speziellen an den reflexiven Stil von Franz Breuer an. Die Besonderheit der Reflexiven Grounded Theory-Methodologie ist, dass sie verstärkt den Fokus auf die forschende Person als Teil des Forschungsprozesses richtet und dessen Handeln in Augenschein nimmt. In diesem Sinne hat der Autor die Daten mittels problemzentrierter Interviews nach Andreas Witzel sowie – und dies stellt eine Besonderheit der Studie dar – durch Videoaufnahmen einzelner Supervisionssitzungen erhoben. Hierdurch war es ihm möglich, die subjektiven Sichtweisen der an der Supervision beteiligten Akteur*innen zu erfassen, sowie auch die Bezugnahme der Personen untereinander und deren Körperpraktiken im Prozessverlauf. Die Auswertung der auf diese Weise gesammelten vielschichtigen Daten wurden durch den Autor im Stile der Grounded Theory durchgeführt. Er erläutert kleinschrittig den Kodierprozess sowohl der Interviews als auch des Videomaterials und reflektiert die eigene Position als Forscher im Gesamtprozess.

Das fünfte Kapitel widmet der Autor den Ergebnissen seiner Arbeit. Es stellt mit fast 150 Seiten den umfangreichsten Teil des Buches dar. In drei Unterkapiteln geht der Autor auf die aus dem Datenmaterial emergierten Aspekte der äußeren Kontextfaktoren sowie die innerhalb der Ausbildungssupervision auftretenden Aspekte der Sozialgenese sowie der Individualgenese ein, bevor er das hieraus entwickelte Prozessmodell Ausbildungssupervision „als eine verstetigte asymmetrische Aushandlungspraxis“ (Middendorf 2021, S. 228) vorstellt. Damit verdeutlicht er einen zentralen Befund seiner Arbeit: Die Prozessbeteiligten konstruieren die Ausbildungssupervision im Studium der Sozialen Arbeit als Lehr- und Lernangebot, wodurch wechselseitige und situative asymmetrische Beziehungen produziert werden. In zwei weiteren Unterkapiteln zeigt der Autor empirisch begründet auf, welchen Beitrag Ausbildungssupervision zur Professionalisierung Studierender leistet und dass sie als Sozialisationskontext gefasst werden kann.

Das Werk endet mit dem sechsten Kapitel, in welchem der Autor kurz und knapp Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschungen aufzeigt.

Diskussion

Das vom Rezensenten hier vorgestellte Buch hat es in sich. Theoretisch komplex und feinanalytisch auf einem hohen Niveau brauchte der Rezensent einige Zeit, um sich durch die Arbeit zu lesen und alle Aspekte und Facetten des Buches zu begreifen. Das klingt negativ, ist es aber bei Weitem nicht. Vielmehr hatte der Rezensent viel Freude beim Lesen und bekam viele neue Impulse, die ihn zum Nachdenken brachten. Dass der Autor im Stile der Reflexiven Grounded Theory-Methodologie vorging und seine eigene Person stetig an mehreren Punkten in der Arbeit durch selbstreflexive Prozessbeschreibungen darstellte, war erfrischend und half dabei, seine Forschungsarbeit, seine Gedanken sowie die getroffenen Entscheidungen besser nachvollziehen zu können.

Fazit

Mit dem Buch von Tim Middendorf liegt ein spannendes, komplexes und umfangreiches Werk vor, mit dem eine wichtige Wissenslücke geschlossen werden konnte: Es beantwortet, wie Studierende und supervidierende Personen das Angebot Ausbildungssupervision im Studium der Sozialen Arbeit gemeinsam durch ihr Handeln konstruieren, sowie welche Professionalisierungsprozesse hierdurch angeregt werden. Vor allem für Sozialisationsforscher*innen und Wissenschaftler*innen, die sich mit Supervision und/oder Professionalisierungsaspekten im Studium der Sozialen Arbeit beschäftigen, ein sehr zu empfehlendes Buch.


Rezension von
Alexander Parchow
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.fh-muenster.de/fb10/index.php
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Zitiervorschlag
Alexander Parchow. Rezension vom 21.07.2021 zu: Tim Middendorf: Professionalisierung im Studium der Sozialen Arbeit. Eine sozialisationstheoretische Perspektive auf Ausbildungssupervision. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6660-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28619.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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