socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Reimer Gronemeyer, Patrick Schuchter u.a. (Hrsg.): Care - Vom Rande betrachtet

Cover Reimer Gronemeyer, Patrick Schuchter, Klaus Wegleitner (Hrsg.): Care - Vom Rande betrachtet. In welcher Gesellschaft wollen wir leben und sterben? transcript (Bielefeld) 2021. 290 Seiten. ISBN 978-3-8376-5551-3. D: 39,00 EUR, A: 39,00 EUR, CH: 47,60 sFr.

Reihe: Care - Forschung und Praxis - 5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Thema

Der als Festschrift konzipierte Sammelband thematisiert das Werk von Andreas Heller. Andreas Heller, Pionier der deutschsprachigen Hospizbewegung und erster Lehrstuhlinhaber für Palliative Care und Organisationsethik in Europa, setzt sich mit Existenzfragen und Grenzerfahrungen des Lebens auseinander. Dabei geht es ihm u.a. um interdisziplinäre und interprofessionelle Dialoge. Autor*innen sind Wegbegleiter*innen aus der Soziologie, der Theologie, der Philosophie, der Medizin, der Gesundheitswissenschaften, aus Public Care, Spiritual Care wie auch weiteren Praxisfeldern. Die Beiträge setzen sich mit zentralen Fragen des Zusammenlebens, mit Care-Praktiken und in diesem Zusammenhang mit Sterben, Tod und Trauer auseinander. Die Autor*innen befassen sich mit zentralen Fragen zu gesellschaftlichen Bedingungen eines guten Lebens und damit „mit den unauflösbaren Widersprüchen des Lebens und Sterbens“ (S. 11).

Herausgeber

Reimer Gronemeyer ist emeritierter Professor für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er arbeitet neben anderen zu Themen zur alternden Gesellschaft und Demenz.

Patrick Schuchter, Dr., ist an der Universität Graz im Feld Public Care forschend und lehrend tätig.

Klaus Wegleitner, ist als assoziierter Professor an der Universität Graz in der Abteilung Public Care des Instituts für Pastoraltheologie und -psychologie forschend und lehrend tätig.

Aufbau

Der Bogen der Beiträge spannt sich von einem einführenden Beitrag von Klaus Wegleitner, über Beiträge zur Verletzlichkeit unserer Existenz, zur Sorge, um die Reduktion von Care, verknüpft mit der Frage, wer schenkt uns Gehör, über Innehalten in Organisationen, verknüpft mit der Frage, mit welchen Verständigungen wir weiterkommen, über Beiträge zu Fragen der Bewegungen des Gemüts, über Konvivialität, verknüpft mit der Frage, in welcher Gesellschaft wollen wir leben, bis hin zu Würdigungen für Andreas Heller.

Inhalt

Die Überschrift des Beitrages von Klaus Wegleitner „Im Weinberg sorgender Forschung“ mit dem Untertitel „Was Wissenschaft und Universität vom Weinbau lernen könnten“, weckte eingangs meine Neugier auf den Band. Beginnend mit einem Spaziergang und einem Gespräch mit einem Weinbauern über den Wandel des Weinbaus stellt sich dem Autor die Frage, welche Beiträge Wissenschaft und Forschung für eine grundsätzliche Transformation der gesellschaftlichen Organisation der Sorge hin zu gerechteren und menschlicheren Formen des Zusammenlebens und Füreinander-Daseins leisten können (S. 17). Immer wieder Analogien zum Weinbau aufgreifend entwickelt Klaus Wegleitner Überlegungen zu sorgenden Forschungskulturen. Sie trügen dazu bei, über die bestehenden Strukturen hinaus, nicht nur zu denken, zu argumentieren, zu empfehlen, sondern konkret greifbare, alternative Zukunftsnarrative und vielgestaltige Alternativen zu bestehenden Ansätzen zu entwickeln.

Im Abschnitt über die Verletzlichkeit unserer Existenz, verknüpft mit der Frage, was uns trägt, thematisiert Fulbert Steffensky Bedrohungen und Chancen einer schweren Krankheit. Hierbei stellt sich z.B. die Frage: Was kann man in der Krankheit und durch sie lernen? Das Resümee des Autors mündet in der Feststellung (S. 44): Das geistige, vielleicht auch das biologische Leben sei nur zu retten, wenn die Menschheit die Fähigkeit entwickelt, der eigenen Sterblichkeit zuzustimmen.

Birgit Heller schließt an mit dem Thema „dem Tod ins Gesicht schauen“ und einer Spiritualität der Sterblichkeit. Die Autorin stellt die Frage, ob es einen Sinn mache, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Sich mit ihm auseinanderzusetzen, bedeute nicht zwangsläufig besser zu sterben, aber bewusster und authentischer zu leben. Es stelle sich die Frage, ob Gläubige leichter sterben und welche Rolle Spiritualität am Lebensende spiele. Aus diesen Fragen ergeben sich neue Fragen und die nüchtern formulierte Feststellung (S. 54 f.): „Im tiefsten Grund sind die anderen das eigentliche Problem beim Sterben. Es ist die Beziehung zu den jeweils anderen Menschen und Lebewesen, deren Verlust den Sterbenden und den Hinterbliebenen den größten Schmerz bereitet“.

Mit Grenzerfahrungen im Zusammenhang von Sterben, Tod und Trauer setzt sich der Beitrag von Christian Metz auf der Basis ständigen Wandels und Werdens auseinander. „Heute ist morgen gestern“ heißt es kurz und bündig. Aber Veränderung garantiere noch keine Transformation.

Den Beiträgen des zweiten Abschnitts geht es um eine hörende Care-Ethik, die bemüht ist, einer reduktionistischen Verarmung in den Systemwerdungen der Sorge zu widerstehen. Es beginnt mit einem Artikel von Wolfgang Heinemann zur Semantik des Nächsten. Im Gesundheitswesen zählt zumeist nur die Biologie, nicht die Biografie. Der „Nächste, bitte“ bedeutet in der Regel, dass dieser nicht zu meinem Nächsten wird. Es geht um eine Ordnung von Menschen als unpersönliche Glieder einer Kette. Wo die Aufforderung allerdings qualitativ verstanden wird, da kann sie Bestehendes in Unordnung bringen bzw. in eine neue Ordnung auf der Seite von Hilfebedürftigen wie auch auf der Seite von Sorgenden führen.

In grundlegender Weise mit Sorgen, Caring und Care-Ethik in der Medizin setzt sich Elisabeth Medicus auseinander. Landläufig wird Caring der Pflege, Curing der Medizin zugeordnet. Die Autorin stellt die Frage, ob Sorge im Sinne von Caring nicht auch zentral in die Medizin gehört.

Diese Frage vertieft Daniel Büche, indem er sich mit der ärztlichen Sorge am Lebensende befasst und dabei „das Thema Palliative Care am Ende des Lebens in einem inneren Dialog zwischen Mediziner und Arzt“ (S. 85) darlegt. Mediziner ist in der Sicht des Autors der schulmedizinisch ausgebildete Arzt; sein erkenntnistheoretisches Werkzeug ist die evidenzbasierte Medizin. Der Begriff „Arzt“ umfasst die „heilsame ärztliche Tätigkeit“ (S. 86). Was ergibt sich diesbezüglich in Bezug auf Palliative Care am Lebensende? Der Autor fasst dies zusammen in der Schaffung einer größtmöglichen Sicherheit in einer maximal unsicheren Situation. Bezogen auf den Arzt heißt dies, dass sich dieser seines Nicht-Wissens bezüglich des Sterbeprozesses bewusst ist, der gleichzeitig eine Verantwortung dem Sterbenden gegenüber empfindet. Der Beitrag schließt mit Erkenntnis und Hoffnung. Es fehlt einerseits zum Lebensabschnitt des Sterbens an Forschungsmethoden und damit verbunden fachlichem Wissen. Zum anderen geht es im Umgang mit dem Sterbenden um Aushalten, ohne daran zu zerbrechen.

Die literarischen Care-Beziehungen als Ustopien des Alter(n)s beziehen sich im Text von Anna-Christina Kainradl und Ulla Kriebernegg auf zwei fixionale Texte von Margaret Atwood: auf die Kurzgeschichte „Bad News“ und das Gedicht „King Lear in Respite Care“. Die ustopischen Beschreibungen des Alter(n)s und die Care-Beziehungen berühren Ängste und Befürchtungen. Praxis des Sorgens ist dabei stets komplex und ambivalent. Ustopie wird als Mischform aus Utopie und Dystopie verstanden. Beide sind „imaginierte perfekte Welten und ihr Gegenteil“ (S. 102) und enthalten im Verborgenen eine Version des jeweils anderen. Sie lassen sich nicht scharf voneinander trennen. Aus den beiden Texten leiten die Autorinnen keine konkreten Handlungsanleitungen oder ideale Modelle ab. Vielmehr ermöglichen die Texte Konfrontationen mit alternativen Argumentationsstrukturen, kurzum vom Rand her zu denken (siehe die Überschrift des Bandes) und dabei care-ethische Überlegungen anzustellen.

Anliegen der Beiträge des dritten Abschnitts ist es, eine Reflexivität von Organisationen zu formulieren und dabei „Konturen kritischer Organisationsethik“ in Bezug auf Krankheit, Sterben und Tod als Problemfelder moderner Gesundheits- und Versorgungssysteme zu entwickeln, wie es bei Thomas Krobath heißt (S. 116). Der Autor bezieht sich in Reflexionen zur Organisationsethik intensiv auf Arbeiten von Andreas Heller. Organisationsethik sei keine normativ ausgearbeitete Theorie und kein einzigartiges Modell, sie sei vielmehr dem „ethischen Problemstau“ einer einseitig rationalisierten Organisationsgesellschaft verdankt. Vor diesem Hintergrund habe jede Organisation sich ihren eigenen Weg des kontextuell passenden organisationsethischen Prozesses zu suchen (S. 126).

Um eine Organisationsethik als Anfrage zur Mixtur von Sorge und Versorgung geht es Thomas Schmidt. Sorge-Ethik und Sorge-Kulturen als Reflexion einer Praxis der Achtsamkeit wird mit der Frage, worauf wir hoffen, verbunden. Sorge-Kulturen werden in Interaktionen (Beziehungssorge), in Organisationen (Organisationssorge) und in Netzwerken (Netzwerksorge) in den Blick genommen. In der Beziehungssorge orientiert sich der Autor an der Begegnungsvorstellung von Emanuel Levinas. Organisationssorgen kommt eine hohe Bedeutung zu, weil sie sich im Verlauf der „Evolution als Vermittlerinnen zwischen Interaktion und Gesellschaft etabliert haben“ (S. 136), während Netzwerke als Kontrastfolie zu schwerfälligen Organisationen Konjunktur haben, wobei es in Netzwerken selten um existentielle Begegnungen geht. Es stellt sich in Netzwerken die kritische Rückfrage nach den Grenzen der Beweglichkeit von Netzwerken. Der Beitrag endet mit der markanten Feststellung (S. 139); die achtsame Organisation der Zukunft werde Spielräume lassen, Schutzräume organisieren und Marktplätze nutzen für überraschende Begegnungen – im Trialog zwischen Achtsamkeit, Professionalität und Attraktivität.

Mit dem Blick auf Palliative Care erweitert Ralph Grossmann den Blick auf die Arbeit an den Grenzen von Organisationen und Professionen. Kooperationen über Grenzen hinweg im Bereich von Berufsgruppen, professionellen Kulturen, Hierarchiegruppen, Teams und Organisationseinheiten zu erforschen, zu beraten und zu steuern, ist dem Autor in seinen Arbeiten ein wichtiges Anliegen. Dies veranschaulicht der Autor am Beispiel HPC Mobil und am Vorhaben Hauskrankenpflege im Zentrum, an dem vier Bundesländer in Österreich beteiligt sind. Auf der Grundlage der Beispiele werden grundlegende Überlegungen zum Aufbau einer mobilen Pflege und Betreuung im Interesse von Palliative Care sichtbar. Verdeutlicht wird, dass Palliative Care nicht nur eine Frage der Pflegereform ist, sondern auch ein Thema von Wohnbaupolitik. Schlussendlich ist die Einzelarbeit der ambulanten Pflege- und Betreuung zu überwinden. Dazu werden erste Überlegungen angestellt.

Der Frage von Spiritualität in Palliative Care wendet sich der Beitrag von Isabelle Noth und Thomas Wild zu. Spiritual Care hat ihre Wurzeln in der Palliative Care. Diese mutiert in zunehmendem Maße zu einer Palliativmedizin. Und was geschieht mit der Seelsorge, insbesondere der Spitalseelsorge? In einer medizinisch organisierten Palliative Care werde Seelsorge zu einer spezialisierten Spiritual Care (S. 160) und damit in erster Linie im Kontext ihrer Leistungen für die Institution gesehen. Es stellt sich für die Autor*innen in den beiden Schlusskapiteln die Frage von Ausweitung oder Einengung von seelsorgerischer Kompetenz und desgleichen des Spiritualitätsbegriffs. Unmissverständlich fordern die Autor*innen, damit Seelsorge in ihren vielfältigen handlungsfähig bleibe, müsse sie sich auf die Seite der Benachteiligten schlagen können. Die Autor*innen wenden sich dezidiert gegen eine einseitig naturwissenschaftlich-technokratische Medizin und ihr biologistisches Weltbild, einem arbeitsteilig organisierten und sich ihr unterordnenden Verständnis von Spiritual Care.

„Was richtet uns auf?“ so fragen im vierten Abschnitt die Autor*innen in ihren Beiträgen. Dies sind Freude, Humor, Einsamkeit, Liebe und Leiden, die Begegnungen mit Anderen. So fragt Isabella Guanzini (S. 168), ob unsere Formen der Behandlung und der Pflege in der Lage seien, die Zeichen der Schwäche real wahrzunehmen und mit Sorgfalt zu begleiten, statt sie einfach zu medikalisieren, zu privatisieren und zu anästhetisieren. Mit Verweis auf Andreas Heller spricht sich die Autorin für ein neues Miteinander aus auf der Grundlage eines sorgenden gesellschaftlichen Gewebes. Auf diesem Wege könnte sich die Bedeutung der Sorge, insbesondere vor allem am Anfang und Ende des Lebens, neu entfalten.

Patrick Schuchter variiert diesesThema hin zu Lachen, Lächeln, Humor und Gelassenheit entlang einer anekdotisch überlieferten Geschichte über einen Jäger und einen Pfleger. Vor dem Hintergrund der Geschichte wird das Relationsgefüge von Humor als spirituelle Heiterkeit herausgearbeitet.

Dorina Heller fragt in ihrem Beitrag, ob die vielen einsamen Tode „das vielleicht morbideste Symbol in unseren postmodernen, westlichen, technokapitalistischen Gesellschaften für die Abwesenheit einer kollektiven Sorge“ (S. 193 f.) seien. Und: „Welche systemischen (Versagens-)Schritte gehen einem einsamen Tod voraus?“ (S. 194). Und: Welche Art von Sorge sei nötig, um einen einsamen Tod zu verhindern. Ist kollektive Sorge für völlig Fremde möglich?

Über Konfigurationen einer Solidarität der Schwäche schreibt Oliver Schultz in einer ganz persönlichen Weise.

In allen Beiträgen dieses vierten Teils geht es um Solidarität mit den Schwachen, Ausgeschlossenen und Vergessenen.

Der fünfte Abschnitt umkreist Grundfragen konvivialer und sorgender Gemeinschaften im Kontext von Globalisierung. Reimer Gronemeyer und Michaela Fink thematisieren „Wie die Sorge industrialisiert wird“ (S. 209 ff.) und zeigen, wie die Sorge ihre Bodenhaftung verliert. Die Autor*innen zeigen, wie aus einer Sorgehaltung, die eigentlich aus der Gemeinschaft wächst, ein Instrument wird, mit dem Gemeinschaft administrativ gefördert, verwaltungsmäßig gesteuert und mit neuesten Methoden kontrolliert wird und dabei ihre Bodenhaftung verliert.

In ähnlicher Weise argumentiert Cornelia Coenen-Marx gegen die Kolonisierung der Sorgearbeit, indem die Autorin zeigt, was passiert, wenn Versorgungslücken durch ungeregelte Marktangebote geschlossen werden.

In Caring church fokussiert Rainer Bucher seine Reflexionen auf Macht und Pastoral in kapitalistischen Zeiten und fragt, wie darauf in pastoralen Praktiken zu reagieren sei (S. 238).

Einem sich auf Geschlechtergerechtigkeit zuwendenden Thema widmet sich Paul M. Zulehners Beitrag zu Men`s Caregiving und fragt eingangs, wer daheim pflegt. In der Tendenz Frauen, aber die Dienstbereitschaft von Frauen sei rückläufig. Es wird gefragt, ob Männer das notwendige Potenzial für informelle Pflege schaffen können. Dabei bezieht sich der Autor auf Daten der Deutschen Männerstudie von 2008. Männer würden anders als Frauen pflegen, konstatiert der Autor (S. 254).

Übergreifend wendet sich Thomas Klie dem Thema Caring zu in Gestalt von Caring Community – Zwischen Selbstsorge und Weltsorge. Dabei fragt er: „Was lehrt uns die Tragödie der Geflüchteten auf Lesbos?“ Caring communities stünden für die Skepsis an und für die Kritik gegenüber den Folgen eines globalen Kapitalismus, der bis in die letzten Lebensbereiche und lebensweltlichen Bezüge reiche.

Der Sammelband schließt mit Würdigungen für Andreas Heller durch einen Beitrag von Hans Bartosch und listet zu guter Letzt wichtige Publikationen von Andreas Heller auf.

Diskussion

Der Sammelband versteht sich als „Ausdruck eines Selbstverständnisses von sorgender Wissenschaft“ (S. 12) und vor allem als „festlichen Band“ (S. 13) für Andreas Heller.

Meine Bereitschaft für eine Rezension hat die Überschrift des Bandes geweckt: „Care – vom Rande gedacht“, verbunden mit der Frage: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben und sterben?“ Einem als Festschrift gedachten Sammelband in einer Rezension gerecht zu werden, ist nicht ganz einfach, insbesondere nicht, wenn der Rezensent einer anderen Disziplin, der Sozialen Arbeit, angehört. Aber über den eigenen disziplinären Tellerrand zu blicken, ist für mich spannend und zugleich lehrreich.

Meine ursprüngliche Neugier, den Sammelband zu rezensieren, hat sich im Wesentlichen auf drei Aspekte erweitert:

  • Wie wird Care, vom Rande betrachtet, mit der Frage verknüpft: In welcher Gesellschaft wollen wir leben und sterben? Und wie wird eine hospizlich-palliative Arbeit thematisiert?
  • Wie nähern sich die aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen beheimateten Autor*innen dem Thema Care und wie sehen sie das Thema interprofessioneller Kooperation?
  • Was ergibt sich für die Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care?

Unmissverständlich wenden sich alle Beiträge, ob beheimatet in der Philosophie, der Theologie, der Medizin oder der Praxis, gegen eine Industrialisierung der Sorge und damit gegen die Gefahr der reduktionistischen Verarmung in organisationalen Kontexten der Sorge. Unmissverständlich sprechen sich alle Beiträge für eine anthropologisch fundierte Rückbesinnung von Care aus. So finden sich Ausführungen zu heiterer Gelassenheit, zu Freude, zu Lachen und zu Humor im Hinblick auf letzte Fragen zum Leben und Sterben. Letztlich bleibt aber die Frage offen, wie es gelingen kann, diesen anthropologischen Konstanten des Lebens in zunehmend postwohlfahrtsstaatlich gesteuerten Einrichtungen von Betreuung und Pflege, abgesehen von kommunalen Biotopen, flächendeckend eine Heimat zu geben.

Das Thema Kooperation ist repräsentiert über die unterschiedlichen disziplinären Herkünfte der Autor*innen, weniger durch eine Thematisierung von interprofessioneller Kooperation in den jeweiligen Carekontexten. Angesprochen ist sie im Beitrag von Ralph Grossmann.

Überrascht hat mich, dass die Soziale Arbeit im Strauß der Beiträge nicht vorkommt, zumal sich innerhalb von Sozialer Arbeit im Gesundheitswesen zu Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care einschlägige Arbeiten finden (z.B. von J. -C. Student, A. Mühlum, U. Student). Möglicherweise sind an dieser Stelle bei der Auswahl der Autor*innen aber nur Weggefährt*innen von Andreas Heller vorgesehen gewesen.

Für eine systemkritische Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care selber ergeben sich viele Anknüpfungspunkte und Anregungen, nicht zuletzt auch zu Fragen der Seelsorge. Andererseits verwundert es mich, dass in den Ausführungen nicht von Lebenslage, Milieus, sozialer Ungleichheit und in ihrer Folge gesundheitlicher Ungleichheit sowie in Verbindung mit ihnen von Lebensbewältigung die Rede ist, sondern allgemein von Kranken, Schwerkranken, Sterbenden, Schwachen, Benachteiligten. Hat sich Caring, vom Rande betrachtet, ungeachtet der gesellschaftlichen Lebensbedingungen und der unterschiedlichen Handlungsmächtigkeiten/​Selbstwirksamkeiten unterschiedslos an Alle in gleicher Weise zu wenden?

Fazit

In aller Regel adressiert eine Festschrift nur einen begrenzten Kreis interessierter Leser*innen. Dies trifft auf den Band „Care – Vom Rande betrachtet“ nicht zu. Der Band liefert vielfältige Anregungen, Erbauliches und möglicherweise Klärendes, für einen Personenkreis, der mit Sorgearbeit auf unterschiedlichen Ebenen zu tun hat. Und darüber hinaus finden sich Stolpersteine und Haltestellen, in denen sich für die Leser*in die Frage stellt: Wie will ich die mir verbleibende Lebenszeit gestalten und wie sehen meine Vorstellungen zum Sterben aus? An der Schwelle zum achten Lebensjahrzehnt stehend hat der Band beim Rezensenten mit einigem Nachdruck ein neues Nachdenken wachgerufen.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 48 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 29.07.2021 zu: Reimer Gronemeyer, Patrick Schuchter, Klaus Wegleitner (Hrsg.): Care - Vom Rande betrachtet. In welcher Gesellschaft wollen wir leben und sterben? transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5551-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28623.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht